Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.03.2003. Die taz erklärt, wie Nachrichten vom Krieg enstehen. In der FR legt Ronald D. Asmus nochmals dar, warum er einen Krieg gegen den Irak befürwortet. Die FAZ berichtet von den Protesten russischer Intellektueller gegen den Tschetschenien-Krieg. Die NZZ greift das Phänomen der Klanginstallationen auf. Und in der SZ gratuliert Georg Klein dem Perlentaucher zum dritten Geburtstag. Ehrlich!

SZ, 18.03.2003

Wir sind unbescheiden, geschmeichelt und stolz wie Hacke genug, uns an die erste Stelle zu setzen. Der Schriftsteller Georg Klein ("Von den Deutschen", mehr zum Autor hier) gratuliert dem Perlentaucher zum dritten Geburtstag (denn tatsächlich tauchen wir ja seit dem 15. März 2000, ungefähr dem Tag des höchsten Börsenstandes also, gegen die Stromschnellen des Abwärtstrends) : "Auch nach drei Jahren tut die Perlentaucher-Redaktion ihre Arbeit noch nicht mit der kalten Routine des professionellen Beleuchters, sondern mit der hellen Laune, mit der manchmal fast kindischen Neugier des Sammlers und Jägers. Und diese Gestimmtheit passt wunderbar zu dem Medium, in dem 'perlentaucher.de' seinen Platz hat. Denn die raren, glücklich etablierten Orte des Internets halten im Idealfall jene riskante Balance von gefährlicher Fülle und rigoroser Reduktion, von Verlässlichkeit und jäher Überraschung, die ein Wesensmerkmal gelingender Öffentlichkeit ist" Und so geht das die ganze Zeit!

Der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Jürgen Todenhöfer ("Wer weint schon um Abdul und Tanaya?") denkt "in diesen Tagen oft an Bagdad": "Neulich träumte ich von Bagdad. Ich träumte, George W. Bush und Donald Rumsfeld würden am Tag des geplanten Angriffs auf den Irak auf ihrem Frühstückstisch folgenden Brief ihrer Kinder, ihrer Enkel vorfinden: 'Ihr wisst, dass einige unserer Freunde sich zur Zeit als lebende Schutzschilder in Bagdad aufhalten. Wir haben beschlossen, sie nicht allein zu lassen und sind gestern nach Bagdad geflogen."

Weitere Artikel: Uwe Stolzmann porträtiert den Soziologen, Essayisten und Kritiker Carlos Monsivais, Mexikos "Über-Intellektuellen" und "Superhirn": "Er ist Alptraum der Herrschenden, Stimme der Stimmlosen, ein uneitler Heros der 'Gegenkultur' genannten Volkskultur - und hinter allem: der eine große Chronist der maßlosen, unermesslichen Stadt Mexiko mit ihren zwanzig Millionen Einwohnern."

Imre Kertesz erhält Gelegenheit, seine am 11. März in der SZ nicht autorisiert zusammengefasste Meinung zur Ost-West-Frage (mehr hier) zu präzisieren. Für die Serie "Deutschland Extrem" besuchte die Schriftstellerin Annette Pehnt die älteste Jugendherberge des Landes auf der Burg Altena. Andreas Beyer berichtet vom Kunsthistorikertag in Leipzig, Alexander Kissler kommentiert eine heute in Brüssel anstehende Entscheidung zum Embryonenschutz, und Ira Mazzoni informiert über das jüngste bayrische Sparopfer: die Luftbild-Archäologie. Helmut Schödel schreibt ein Dramolett über die Intendantenfrage am Wiener Volkstheater. Ralf Christofori denkt mit Riberas "Apollo und Marsyas" aus gegebenem Anlass darüber nach wie es ist, "wenn das Böse bereits ausgemacht und die Strafe nur noch eine Frage der Zeit ist", und "wink" kommentiert die tautologische Kriegspropaganda.

Besprochen werden die Uraufführung von Awet Terterjans Oper "Das Beben" am Gärtnerplatztheater in München, eine Inszenierung von Rostands "Cyrano" am Hamburger Thalia Theater, eine Werkschau des Wiener Fotografen Lois Renner in der oberösterreichischen Landesgalerie in Linz, Bruckners Neunte mit den Münchner Philharmonikern und ein Soloabend im Münchner Haus der Kunst: Richard Beek spricht "Cherubim" von Werner Fritsch. Und natürlich Bücher, darunter Alexej Slapovskys Christus-Roman "Der heilige Nachbar", eine Biografie des Dirigenten Wilhelm Furtwängler und eine Monografie des Münchner Architekten Gabriel von Seidl sowie eine Studie zur Religion der Germanen. (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr)

FR, 18.03.2003

Zum Abschluss der Debatte um Sinn oder Unsinn einer Militärinvasion im Irak stellt sich heute Ronald D. Asmus (mehr hier), der die Serie mit einer Befürwortung eröffnet hatte, seinen Kritikern. So hatte der amerikanische Philosoph Richard Rorty mehr Zurückhaltung angemahnt, Bernd W. Kubbig und Mirko Jacubowski hatten die Thesen von Asmus einer Grundsatzkritik unterzogen. Asmus bleibt bei seiner Auffassung und schreibt: "Meiner Meinung nach sind die von Rorty wie von Kubbig und Jacubowski vorgeschlagenen Lösungen des Problems nicht nur allesamt schon ausprobiert worden, sondern auch gescheitert. Warum nur haben die Europäer die Strategie der Eindämmung in den neunziger Jahren nicht ernster genommen? Einer der entscheidenden Gründe, warum Bill Clinton - und nicht etwa erst George Bush! - von dieser Strategie abrückte, war die mangelnde Unterstützung durch die internationale Gemeinschaft, nicht zuletzt auch der europäischen Verbündeten. Ich glaube, dass die Entwaffnung von Irak mit militärischen Mitteln moralisch notwendig, strategisch unabdingbar und international gerechtfertigt ist." Hier ein langer Essay von Asmus über die Zukunft der Nato aus der Policy Review.

Ruth Spietschka hat zusammengetragen, wie Bestseller gemacht werden. Neben einer guten Nase und gezielter Rezensentensuche spielt auch das eine Rolle: "Bohlens Ergüsse und die Spitzentitel aus dem seriösen Sachbuchprogramm der DVA haben aus Marketingperspektive durchaus Gemeinsamkeiten - so genannte Alleinstellungsmerkmale. Ein Buch mit Alleinstellungsmerkmalen ist, wie Susanne Lange erläutert, 'etwas, das noch nicht da war oder wirklich neue Aspekte zu einem Thema liefert. Es ist nicht austauschbar'."

Michael Tetzlaff erinnert sich in der ersten Folge der Serie "Neues aus der Zone" mit Grausen an frühere Besuche von Verwandten aus dem Westen ("Gott sei dank musste ich tagsüber in die Schule"). Michael Braun beschreibt das neuerliche Ringen von Poeten und Jury um den Leonce-und-Lena-Preis beim "nach wie vor zugkräftigsten deutschen Lyrik-Wettbewerb" in Darmstadt. In der Kolumne Times mager spottet Stefan Hilpold über die Spötter, die anlässlich der nach Renovierung wiedereröffneten Wiener Albertina Diverses anzumerken haben. Gemeldet werden schließlich noch ein Teilnahmerekord bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen und dass der Börsenverein des deutschen Buchhandels (mehr hier) auf das "Prinzip Hoffnung" setzt.

Besprochen werden eine Ausstellung von Klee-Zeichnungen aus dem Jahre 1933 im Münchner Lenbachhaus und eine Schau der Entwürfe für das World Trade Center im Deutschen Architektur Museum in Frankfurt, die Uraufführung von Ulrike Syhas Stück "Nomaden" an einem Haus "mit dem garstigen Namen" Landestheater Württemberg-Hohenzollern Tübingen Reutlingen und Neues von der Folk-Front von Ben Harper und Turin Brakes.

TAZ, 18.03.2003

Auf den Tagesthemenseiten bekommen wir heute erklärt, wie die Nachrichten vom Krieg entstehen. Sven Hansen informiert über eine neue Medienstrategie des Pentagon namens "Embedding" (Einbettung). Dabei werden "Journalisten Truppen über Wochen fest zugeteilt und begleiten diese Tag und Nacht im Einsatz. Ziel ist es, der gegnerischen Seite mit Informationen und Bildern vom Kriegsgeschehen aus dem Blickwinkel der eigenen Truppen zuvorzukommen, 'bevor die anderen die Medien mit Falschinformationen und Verfälschungen füttern', heißt es in den dazu erlassenen Pentagon-Richtlinien." (zu diesem Thema gibt es auch einen, ja doch: sehr unterhaltsamen Text im aktuellen New Yorker). In einem Interview erläutert WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn die Bedingungen der Irak-Berichterstattung. ("Das klassische Rezept in solchen Situationen heißt: im Bericht sagen, wo Beschränkungen liegen, was man sagen darf und was nicht.")

Auf den Kulturseiten durchleuchtet Peter Fuchs ein "aktuelles Positionspapier", das gerade an alle Hochschulen verschickt wurde und ihre Rolle in der zukünftigen Gesellschaft "behandelt (oder verkündet)". "Schaut man genau hin, dann sind es die Sprachregelungen der Wirtschaft, die sich durchsetzen: (...) Was Wissenschaft, was Bildung leistet, schnurrt zusammen auf Wettbewerb am Markt, auf dem man durch Exzellenz zu imponieren gedenkt. Genutzt wird eine kanonische Phraseologie, die Zukunft, Wettbewerb, Konkurrenz und Globalisierung, Offenheit, Transparenz und ähnliche Unschärfen als Eintopf serviert."

Weiteres: Im Aufmacher stellt Brigitte Werneburg eine Ausstellung mit bisher unveröffentlichten Arbeiten des Fotografen William Eggleston am Kölner Museum Ludwig vor, und Claudia Gass bespricht die Uraufführung von Kerstin Spechts Theaterstück "Solitude" in der gleichnamigen Stipendiaten-Akademie in Stuttgart.

Rezensiert werden der neue Roman von Philip Roth (mehr hier), "Lucy", ein "Bildungsroman für das 21. Jahrhundert" von Lorenz Schröder, Italo Svevos Roman "Zeno Cosini" als Hörbuch, der Essayband "Im Schatten des Sternenbanners", eine "Suche nach dem guten Amerika" und eine Empfehlungsliste "(selbst-)kritischer" amerikanischer Sachbücher. (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr)

Und hier Tom.
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NZZ, 18.03.2003

Demnächst ist Frühling. Literaturbeilagenzeit. Die NZZ bringt zwar keine Beilage aber immerhin einige wichtige Rezensionen. Beatrix Langner bespricht Daniel Kehlmanns Künstlerroman "Ich und Kaminski", von dem sich Suhrkamp das Glück dieser Saison erhofft, und ist begeistert. "Daniel Kehlmann braucht nur zwanzig Druckseiten, um die Konstellation eines ungleichen Duells zu gründen: ein egozentrischer, subalterner Intellekt gegen das schöpferische Genie, eine unsichere, fremden Meinungen unterworfene, parasitäre Existenz gegen die Autorität eines Lebenswerks, das sich vollendet hat und zu sich selbst zurückgekehrt ist, jenseits der Öffentlichkeit, in der zeitentrückten Stille des nahen Todes." Mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

In der Reihe "Zeitzeichen" greift Elisabeth Schwind "das Phänomen der Klanginstallation" auf. "Da mag man sich plötzlich wieder des Avantgarde-Urvaters John Cage entsinnen und seines Schweigestücks 4 33. Es besteht nur aus Stille, genauer gesagt: den Umgebungsgeräuschen, die sich während der 'Aufführung' darin abspielen. Und es scheint, als habe Cage, indem er alle Klänge und Geräusche zum musikalischen Material erklärte, eine Bewegung des intensiven Hinhörens initiiert, die nun in die Klanginstallation mündet - in jenen Typus, der den Geräusch- und Klangabwurf von Natur und Zivilisation einfängt, bündelt, transformiert und, in Echtzeit oder zeitverzögert, an einen anderen Ort versetzt."

Weitere Artikel: Mar Zitzmann stellt moderne Dramen in der Comedie-Française vor ("Die Pariser Comedie-Française ist eine uralte Dame. Zwar hat sie - leider? - noch alle Tassen im Schrank, doch hört sie nur noch auf einem Ohr", beginnt sein Artikel). Besprochen werden eine Martin-Kippenberger-Ausstellung in Karlsruhe, das Bühnenwerk "Das Beben" des armenischen Komponisten Awet Terterjan, das fast zehn Jahren nach seinem Tod in München uraufgeführt wurde, ein Wolfgang-Rihm-Konzert des Collegium Novum in Zürich, eine Ausstellung des schwedischen Künstlers Carl Frederik Hill (1849-1911) in der Wiener Bawag-Stiftung und Bücher, darunter auch John Updikes Roman "Rabbit, eine Rückkehr" (mehr hier) und ein Sinn und Form-Heft über Else Lasker-Schüler (mehr hier).

FAZ, 18.03.2003

Kerstin Holm berichtet aus Moskau von Protesten russischer Intellektueller und Künstler gegen den Tschetschenien-Krieg. Zu den Unterzeichnern einer entsprechenden Erklärung gehören die Schriftsteller Viktor Jerofejew und Wladimir Woinowitsch. "Viktor Jerofejew ist der Ansicht, die Irak-Krise habe das schwelende Tschetschenien-Problem verdunkelt wie eine Sonnenfinsternis. Der bevorstehende Krieg im Irak und der Krieg in Tschetschenien ähneln einander in Jerofejews Augen dadurch, dass ein großes Land ein kleines regelrecht vergewaltigt. Jerofejew teilt nicht die verbreiteten antiamerikanischen Stimmungen in Russland. Aber auch er hält es für unzulässig, den Irak im Kampf gegen den internationalen Terrorismus zu einer Art Geisel zu machen."

Weitere Artikel: Peter Körte gewinnt der anstehenden Novellierung des deutschen Filmförderungsgesetzes spannende Seiten ab. Oliver Tolmein war beim Strafverteidigertag in Dresden und berichtet, wie die Schaffung des Internationalen Ständigen Strafgerichtshofes und die "teilweise bereits institutionalisierte EU-weite Kooperation von Polizei und Staatsanwaltschaften" die Waffengleichheit von Anklage und Verteidigung bedroht. Gina Thomas erklärt die Aufgaben des neuen Kanzlers der Universität Oxford, Chris Patten. Michael Gassmann stellt das vom Architekturbüro Dasch, Zürn, von Scholley entworfene große neue Kultur- und Bürgerhaus für das 13.000-Seelen-Dorf Denzlingen vor.

Auf der Medienseite beklagt Roger de Weck die Kriegspropaganda der amerikanischen Medien, und Jürg Altwegg porträtiert den französischen Privatsender TF1, der zusammen mit Haim Saban die Kirch-Sender gekauft hat. Auf der Bücher- und Themen-Seite widmet sich Hannelore Schlaffer der Altersliebe in der Literatur. Richard Kämmerlings stellt Luftkriegsliteratur vor. Auf der letzten Seite beschreibt Dietmar Polaczek das Moses-Projekt, mit dem sich Venedig gegen Hochwasser schützen will. Andreas Platthaus porträtiert Michael Moore, und Regina Mönch freut sich über den Abriss der hässlichen vier Büchertürme im Innenhof der Staatsbibliothek Unter den Linden.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken von Marsden Hartley im Wadsworth Atheneum Museum of Art in Connecticut, ein "Macbeth" und ein doppelter "Figaro" im Stuttgarter Staatsschauspiel, die Uraufführung von Awet Terterjans Oper nach Kleists "Chili"-Novelle, das Konzert von Apocalyptica in Offenbach ("die meisten Stücke betörten durch eine majestätische Melancholie"), die Aufführungen "Damen der Gesellschaft" im Gorki und "Lolita" im Deutschen Theater Berlin.

Außerdem präsentiert die FAZ heute ihre Literaturbeilage. Im Aufmacher des Literaturteils feiert Hubert Spiegel Jonathan Safran Foers Roman "Alles ist erleuchtet", den Aufmacher des Sachbuchteils widmet Jochen Hieber den Dutschke-Tagebüchern und Jürgen Busches 68er-Biografie. (Wir werten die Literaturbeilagen in den nächsten Tagen aus.)