Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.03.2003. In der NZZ meditiert Sonja Margolina über die Resowjetisierung der russischen Gesellschaft. In der FAZ fordert Burkhart Kroeber einen Solizuschlag für Übersetzer. Die SZ kommt gern für die teuren Hotels bei der Frankfurter Buchmesse auf. Die FR bereitet uns auf den Info-War vor. Die taz porträtiert einen ägyptischen Schlagersänger, der mit Hass auf Israel die Charts stürmt.

NZZ, 19.03.2003

In einem sehr luziden Essay meditiert Sonja Margolina nochmal über Stalins 50. Todestag am 5. März und die Tatsache, dass in Russland anders als in Deutschland kaum eine allgemeine Vergangenheitsbewältigung stattfindet. Stalin wird inzwischen wieder als großer Staatsmann bewundert - für Margolina nicht unbedingt ein Symptom für Nostalgie, sondern für eine Scheitern der Hoffnungen auf Demokratie: "Mit Putin hat die symbolische Resowjetisierung der Gesellschaft ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. In der Festrede zum Sieg im Zweiten Weltkrieg 2000 wandte Putin sich mit der Anrede 'Brüder und Schwestern' an die Russen, eine Anrede, die Stalin am 3. Juli 1941, in seiner ersten öffentlichen Ansprache seit Beginn der deutschen Invasion, mit hohem mobilisierendem Mehrwert verwendet hatte. Daraufhin lancierte der nationalistische Filmregisseur Nikita Michalkow die Idee, Wolgograd solle in Stalingrad zurückbenannt werden."

Sieglinde Geisel hat einer Diskussion über die Zukunft Russlands in der Berliner Akademie zugehört, in der sich beide Seiten Arroganz vorwarfen: "Mit der Befestigung der Ostgrenze und der Visumspflicht für Russen spucke Europa Russland ins Gesicht, fand der Schriftsteller Viktor Jerofejew. Es gebe eine irrationale Angst vor Russland, die vor allem die prowestlichen Kräfte des Landes schwäche und die Russland nach Asien abdränge. Die Gretchenfrage des Moderators Tomas Avenarius, wie das neue Russland es mit den westlichen Werten halte, wurde allgemein als Zeichen europäischer Arroganz aufgefasst."

Weitere Artikel: Manuel Gogos gratuliert Philip Roth zum Siebzigsten. Alois M. Haas schreibt zum Tod des Mediävisten Peter Ochsenbein, und sda. meldet den Umzug des Architekturmuseums Basel in die Basler Kunsthalle.

Besprochen werden die Ausstellung "Animations" in den Berliner Kunst-Werken, eine Ausstellung aktueller Wiener Kunst der Sammlung Falckenberg in den Fabrikhallen Phoenix in Harburg, Aufnahmen mit dem Dirigenten Karel Anerl und der Tschechischen Philharmonie, die Einspielung der Beethoven-Sinfonien mit Simon Rattle und den Wiener Philharmonikern und Bücher, darunter Arnold Eschs "Wege nach Rom" und Maxim Billers Roman "Esra" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 19.03.2003

Mit bestechend katholischer Logik erklärt Thomas Steinfeld, warum die Frankfurter Buchmesse in München weniger Spaß machen würde und "billige Hotelzimmer etwas furchtbar Demoralisierendes" hätten: "Wo der Rausch ist, da ist auch das schlechte Gewissen. Denn die Messe gehorcht dem Zwang der Verausgabung, der schlaflosen Nächte, der in sinnloser Euphorie vertanen Zeit. Nur konsequent ist es daher, wenn die Standpreise teuer und die Hotelzimmer fast unerschwinglich werden - denn im Nepp wird nicht nur das ebenso rituelle Bußgeld für die Ausschweifung entrichtet. Das Geld, das für diese Veranstaltung verbrannt wird, ist zugleich Suggestion ihrer Zweckmäßigkeit. Denn nur was schmerzt, kann auch nützlich sein."

Weitere Artikel: Aus schwindend aktuellem Anlass sinniert der Literaturwissenschaftler Clemens Pornschlegel über die Frist im christlichen Sinne, als die Zeit, in der einem die eigene "irdische Idiotie" bewusst werden soll. Doch bedauerlicherweise greife dies alles nicht bei George W. Bush: "Anstelle ein Idiot wie du und ich zu sein, ist ihm die Gnade der illuminierten Wiedergeburt zuteil geworden, so dass er aus einer anderen, neuen Welt zu uns herüber reden kann." Petra Steinberger rät davon ab, sich als menschliches Schutzschild im Irak zu betätigen (mehr dazu hier): "Iraker selbst könnten zu dem Schluss kommen, die westlichen 'Schutzschilde' hielten sich für etwas Besseres - sie glaubten offenbar, auf sie werde nicht so leicht geschossen wie auf Einheimische. Nur hat man die Iraker gar nicht erst gefragt." Andrian Kreye berichtet von der Pflichtveranstaltung der amerikanischen Linken, der Socialist Scholars Conference in New York. Regula Freuler stellt die britische Kriegsreporterin Saira Shah vor.

Auch Claus Peymann hat eine Drohkulisse aufgebaut, schreibt Ralf Berhorst, er kündigte seinen Rücktritt an, falls das Berliner Ensemble keine zusätzlichen zwei Millionen Euro aus Lotto-Mitteln erhalte. Von Ulrich Raulff gehen Glückwünsche an Philip Roth ("Das sterbende Tier"), der heute siebzig wird. Matthias Drobinski gratuliert dem Tübinger Theologen Hans Küng zum fünfundsiebzigsten Geburtstag.

Besprochen werden Thomas Vinterbergs apokalyptische Filmromanze "It's All About Love", Corinna Bethges Inszenierung von Ulrike Syhas "Nomaden" am Landestheater Tübingen. Außerdem neue Platten, darunter Ibrahim Ferrers (mehr hier) letzte CD "Buenos Hermanos", Commons neues Album "Electric Circus", das Best-of-Album des Teenage Fanclubs "4766 Seconds" und Bücher, darunter David M. Friedmans Kulturgeschichte des Penis "A Mind of Its Own" sowie Undine Gruenters Erzählungen "Sommergäste in Trouville" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 19.03.2003

Karim El-Ghawary macht uns mit dem ägyptischen Sänger Schaaban Abdel Rahim (Hörbeispiele hier) bekannt, der mit Liedern wie "Bakrah Israel" (Ich hasse Israel) die Charts stürmte. "In der arabischen Presse kursierten Geschichten von palästinensischen Teenagern, die seine Kassetten mit voller Lautstärke vor israelischen Checkpoints abspielten. Schaabans vernarbtes, nicht gerade von Schönheit geprägtes Gesicht tauchte, auf billige Synthetik-T-Shirts gedruckt, in Kairos Slumvierteln auf. Sogar eine Kartoffelchipsorte wurde nach ihm benannt. Unter ägyptischen Intellektuellen ist der übergewichtige Sänger, mit seiner Pomade im Haar und seinen zwei goldenen Armbanduhren, allerdings verpönt."

Weitere Artikel: Kurz vor Eröffnung der Leipziger Buchmesse erzählt Susanne Messmer von einem Rundgang durch das Literaturinstitut Leipzig, das junge Talente zu Diplom-Schriftstellern ausbilden soll. Franz Anton Cramer stellt den Londoner Choreografen Akram Khan (mehr hier) vor, der es geschafft hat, den indischen Kathak mit der westlichen Moderne zu verbinden. Sebastian Handke hat bereits das neue Heft des Mittelweg 36 gelesen, das John Rawls Theorie der Gerechtigkeit diskutiert und die Frage, warum einerseits Rawls immer populärer wird, gleichzeitig aber die Schere zwischen Arm und Reich immer größer. In seiner Jazzkolumne amüsiert sich Christian Broecking darüber, wie die US-Army vergeblich versucht, Musiker anzuwerben.

Auf der Meinungsseite rühmt Naomi Klein in einer neuen eigenen Kolumne das vorbildliche Pentagon, das neuerdings ganz auf zivilen Ungehorsam setzt.

Schließlich Tom.
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FR, 19.03.2003

Krystian Woznicki erinnert daran, dass in Zeiten des Krieges die Information in den Händen der PR-Agenturen liegt, die schon im vorigen Golfkrieg mit der Kampagne "baby atrocities" ihr Können unter Beweis stellten. "Was für altmodische Ohren nach plumpem Betrug und nach Fälschung klingt, atmet in Wahrheit den Geist der gegenwärtig avanciertesten Kommunikationsstrategien. Denn im Grunde ist das Handwerk der manipulativen Inszenierung ein integraler Bestandteil des Info-War, einer Form der massenmedialen Kriegsführung, die eigentlich dazu gedacht ist, Kriege ohne die Anwendung von Gewalt zu führen - mit anderen Worten, Konflikte allein durch den Aufbau von Drohkulissen und durch gezielte Meinungsmanipulation zu beenden. John W. Rendon Jr., Mitbegründer und Präsident der Rendon Group, der sich als Wahrnehmungsmanager und Informationskrieger versteht, beschrieb sein Selbstverständnis einmal folgendermaßen: 'Ich bin Politiker und außerdem jemand, der Kommunikation nutzt, um die Ziele der Politik oder eines Unternehmens zu erreichen.'

Weitere Artikel: Ina Hartwig weiß, was wir von der Leipziger Buchmesse alles zu erwarten haben und hält im übrigen keinen Ort für besser geeignet, auf einen Krieg im Irak zu reagieren. Martina Meister und Peter Michalzik meinen, dass Claus Peymann mit seiner gestrigen Rücktrittsdrohung wieder einmal den Ernst der Lage verkannt hat. Hauke Hückstädt und Mathias Mertens sprechen mit Heinz Ludwig Arnold über vierzig Jahre "Text + Kritik". Franz Anton Cramer sieht in Estland Tanz und Theater florieren. Peter Michalzik gratuliert Philip Roth ("Das sterbende Tier") zum Siebzigsten. In der Kolumne Times Mager glaubt "cs", dass der Frankfurter Buchmessen-Chef Volker Neumann nicht nur seine eigene Position, sondern auch die Marke Buchmesse gefährdet.

Besprochen werden die Filminstallationen und Fotografien des Kanadiers Stan Douglas in der Kestner-Gesellschaft Hannover. Außerdem liegt der FR heute eine Literatur-Rundschau bei, die wir in den nächsten Tagen auswerten werden.

FAZ, 19.03.2003

Da die Verlage nicht willens sind, ihre Übersetzer angemessen zu bezahlen, fordert Burkhart Kroeber, Übersetzer von Umberto Eco, nun eine Art "Kohlepfennig" oder "Notopfer Berlin", die auf jedes übersetzte Buch aufgeschlagen und über einen Schlüssel verteilt werden sollen. "Ich bin überzeugt, dass die Verlage mit einer solchen Aktion an Prestige gewönnen, so dass sich bald andere anschließen würden. Der Ü-Zuschlag, vielleicht in Gestalt eines pfiffigen Aufklebers, könnte zu einer Art Qualitätssiegel werden - während diejenigen Verlage, die sich nicht an der Aktion beteiligen, in den Ruch kämen, dass ihnen an einer guten Übersetzung nichts liegt." Das würde ja voraussetzen, dass der Betrieb, statt immer nur über seine Krise zu jammern, sich auch mal mit der Lage seiner freien Mitarbeiter beschäftigt!

Andreas Platthaus betrachtet die Rede George W. Bushs, in der er den Krieg erklärte, als rhetorisches Meisterstück: "Jede Antwort auf Bushs Rede muss sich dessen bewusst sein, dass mit ihr eine neue Ära eingeleitet wurde; es war zweifellos die wichtigste Rede eines amerikanischen Präsidenten seit dem Zweiten Weltkrieg."

Weitere Artikel: Hubert Spiegel gratuliert Philip Roth (mehr hier) zum Siebzigsten. Gemeldet wird, dass Claus Peymann mit Rücktritt von seinem Intendantenposten beim Berliner Ensemble droht, weil ihn der Regierende Bürgermeister Wowereit nicht empfängt. Nicola von Lutterotti stellt eine Studie des Sozialwissenschaftlers Rowell Huesmann von der Michigan-Universität in Ann Arbor vor, wonach Gewaltfilme die Aggressivität von Kindern steigern. Kerstin Holm meldet, dass die Russen die Rückgabe der Baldin-Sammlung an die Stadt Bremen gestoppt haben. Monika Osberghaus meldet, dass Christine Nöstlinger und Maurice Sendak den Astrid-Lindgren-Preis erhalten. Andreas Rossmann fürchtet, dass in Münster künftig an der Kunst gespart wird.

Auf der letzten Seite wird Marcel Reich-Ranickis Vorwort zu dem Band "Meine Gedichte" abgedruckt. Gina Thomas meldet, dass der Historiker Ian Kershaw seine Mitarbeit an einer Fernsehserie aufkündigte, die seine Hitler-Biografie mit "mehr Geschehen" frisieren wollte. Auf der Medienseite meldet Sandra Kegel, dass es in Bagdad jetzt immer mehr Journalisten gibt. Michael Hanfeld unterhält sich mit den Geschäftsführern des nunmehr allein RTL und CNN gehörenden Senders NTV über die Zukunft des Senders: Entlassungen werden nicht ausgeschlossen. Und Alexander Bartl berichtet, dass Regierungssprecher Bela Anda verdächtigt wird, eine Diskette mit unvorteilhaften Schröder-Fotos verbusselt zu haben - absichtlich?

Besprochen werden eine Ausstellung über Manet und Velazquez im New Yorker Metropolitan Museum, Werner Fritschs Stück "Cherubim" in München, Pierre Bartholomees Oper "Oedipe sur la route" in Brüssel, die Ausstellung "Adieu Avantgarde" in Aachen und die Ausstellung "Stimmen vom Nil" in Münchens Ägyptischen Museum.