Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.03.2003. Die FAZ fürchtet, dass Deutschland ohne die reifen Organe seiner machtgeschützten Innerlichkeit die Seele verliert. In der SZ erzählt Christopher Nix, wie er George Tabori einmal das Leben rettete. In der FR konstatiert Dragan Velikic, dass mit dem Mord an Zoran Djindjic auch die Ermordung Europas in Serbien bezweckt war. Die taz legt dar, dass die amerikanischen Neokonservativen immerhin noch deutsche Philosophen lesen, zum Beispiel Leo Strauss.

FAZ, 17.03.2003

Nun musste auch der NRW-Teil der Süddeutschen schließen, die "Qualitätszeitungen" stecken in der Krise (mehr dazu heute im Spiegel). Frank Schirrmacher kommentiert in einem Soli-Beitrag in der heutigen FAZ: "Es könnte sein, dass irgend etwas oder irgendwer diesem Land einen Teil seiner Seele raubt." Und Schirrmacher warnt das undankbare Publikum: "Nie war die berühmte machtgeschützte deutsche Innerlichkeit, das heißt: Gedankenreichtum und innere Freiheit, historisch reifer als in den großen überregionalen Organen. Sie sind in unserer medial-oralen Plappergesellschaft der einzige, der allerletzte Ort, in dem sich schriftsprachliche, das heißt: literarische Intelligenz überhaupt noch entfalten kann. Das heißt: jenes Minimum an Überprüfbarkeit, Logik, konsekutivem Diskurs, den Fernsehen und Internet vereiteln." (Und jenes Maximum an Wehleidigkeit!)

Schirrmacher hat sich auch mit Joschka Fischer über den drohenden Krieg unterhalten. Hier die hübscheste Passage aus dem langen Gespräch.
Fischer: "Die Welt ist komplizierter, als dies süffige Verkürzungen oder Ironien erkennen lassen. Ich lese das Feuilleton gerne, aber gerade da wird dieser gezuckerte Wein auch gereicht. Der Politiker bekommt dadurch zwar Anregungen, aber er ist mit einer viel komplizierteren Realität konfrontiert . . ."
FAZ: ". . . wobei es der Bundeskanzler war, der Spiegel-Redakteuren Wein kredenzte und über den deutsch-französischen Geheimplan zum Irak-Konflikt namens 'Mirage' unterrichtete, während Sie auf der Wehrkundetagung nichts davon wussten."
Fischer: "Das muss ich in aller Form zurückweisen..."

Weitere Artikel: Niklas Maak resümiert den Leipziger Kunsthistorikertag. Im Kommentar fragt "lz", wie es möglich ist, dass "ein auf 175 000 Dollar geschätztes Werk von Salvador Dali aus dem Hochsicherheitsgefängnis Rikers Island in New York" gestohlen werden konnte. Die morgige Literaturbeilage wird angekündigt. Joachim Müller-Jung berichtet über einen "Kulturkampf" von deutschen Medizinern - Schulmediziner wollen nicht, dass die von "Homöopathen, Phytotherapeuten und Anthroposophen" verwendeten Mittel in die Arzneimittel-Positivliste der Regierung aufgenommen werden. Dietmar Polaczek berichtet über den Besuch der Abkömmlinge der Savoyen-Dynastie, also des ehemaligen italienischen Königshauses, in Neapel. Joseph Hanimann verweist auf eine französische Debatte über den Religionsbezug der künftigen europäischen Verfassung, den laizistische Kreise in Frankreich möglichst klein halten wollen.

Auf der letzten Seite schreibt Heinrich Wefing über eine Häufung von Gewaltverbrechen durch Golfkriegsveteranen - In den USA wird gefragt, ob diese Gewalttätigkeit dem "Golfkriegssyndrom" zuzuordnen sei. Erna Lackner porträtiert Albrecht Schröder, den Direktor der wiedereröffneten Wiener Albertina. Katja Gelinsky berichtet über einen Etappensieg der Abtreibungsgegner in den USA - eine bestimmte Form von Spätabtreibungen wurde durch den Senat verboten. Auf der Medienseite stellt Hubert Spiegel neue Literatursendungen in den öffentlich-rechtlichen Sendern vor. Michael Hanfeld erklärt, "warum Haim Saban als Kirchs Erbe plötzlich willkommen ist". Gemeldet wird, dass der hessische Ministerpräsident Roland Koch um der Medienvielfalt willen für die FR bürgt, die das hoffentlich gebührend würdigen wird.

Besprochen werden Neil Simons "Sunshine Boys" mit Gert Voss und Ignaz Kirchner ("Pointen werden hier nicht von Voss und Kirchner gemacht. Sondern Voss und Kirchner werden selber zu Pointen", schreibt Gerhard Stadelmaier), eine Dramatisierung von Christian Krachts "1979" in Bochum und Ruggero Leoncavallos "fast vergessene" "Boheme" in Prag.

NZZ, 17.03.2003

Spätestens seit Bush erklärt hat, dass er Frieden will, Frieden und nichts als Frieden, schwant einem, dass es kein Zurück mehr gibt, schreibt Andrea Köhler in ihren Notizen aus New York, der Stadt im Wartestand. "Und natürlich weiß jeder, dass es Unsinn ist, sich heute vor dem Giftgasanschlag zu fürchten, am nächsten Tag vor dem Selbstmord- Bomber, am Tag danach vor der Dirty Bomb - nur weil das eine oder das andere jeden Tag neu in der Zeitung beschworen wird. Natürlich ist es albern, wenn wir die Zähne mit Mineralwasser putzen, weil irgendwo bei New Jersey zwei Tonnen Chemie spurlos verschwunden sind, lächerlich, wenn wir uns fürchten, zur Hauptverkehrszeit die Brooklyn-Bridge zu überqueren; hysterisch, weil nichts bedrohlicher ist als gestern und nicht die Gefahr, sondern die Angst wächst, mit jedem Tag, an dem nichts passiert."

Weitere Artikel: Urs Schoettli erzählt in einem "Schauplatz Japan", wie und wann dort Ehemänner ihr Verfallsdatum erreichen. Ursula Seibold-Bultmann möchte Leipzigs Industriebauten vor dem Verfall bewahrt sehen. Ein recht ernüchterter Tobias Lehmkuhl berichtet vom Literarischen März in Darmstadt ("Was vorgetragen wurde, war häufig gefällig, geschwätzig und von einer formlosen Schlabbrigkeit"). Philipp Meuser meldet, dass Petersburg einen Wettbewerb zur Erweiterung seines Mariinsky-Theater durchführen lässt.

Besprochen werden Wolfgang Beckers "beherzte" Komödie "Good Bye, Lenin!" und zwei Einspielungen des Luzerner Theaters: Daniel Wahls, von Truffaut inspiriertes Stück "Wolfsjunge" und Sabine Boss' Inszenierung von Agatha Christies "Der Tod auf dem Nil".

TAZ, 17.03.2003

Es sind nicht das Big Business, der militärisch-industrielle Komplexe oder die religiöse Rechte, die den Kriegskurs in Washington bestimmen, weiß Robert Misik. Es sind die Neokonservativen rund um den Vizechef des Verteidigungsministeriums Paul Wolfowitz (mehr hier) und den Chef des Planungsausschusses im Pentagon Richard Perle (mehr hier). Und die sind, "was hierzulande kaum bekannt ist", "glühende Anhänger" des deutsch-jüdischen Philosophen Leo Strauss, (ein weiterer Artikel zu den amerikanischen Straussianern hier) der vor siebzig Jahren sein Credo in einem Brief an Carl Schmitt so zusammenfasste: "Weil der Mensch von Natur böse ist, darum braucht er Herrschaft. Herrschaft ist aber nur herzustellen, d. h. Menschen sind nur zu einigen in einer Einheit gegen - gegen andere Menschen. Jeder Zusammenschluss von Menschen ist notwendig ein Abschluss gegen andere Menschen", zitiert Misik. Die Neocons bilden eine verschworene und die einflussreichste politische Gemeinschaft in den USA, berichtet Misik weiter. "An eine gute, irgendwann völlig friedliche Weltordnung glauben Straussianer nicht. Von daher kommt auch ihr Misstrauen gegen die UNO. So etwas wie Vereinte Nationen kann es, ihrer Meinung nach, definitionsgemäß niemals geben - und soll es auch nie geben."

Auf der Medienseite erklärt Dirk Weckert, wie sich die USA mit ihren "Büros zur strategischen Einflussnahme" eine Nachrichtengestaltung zu ihren Gunsten sichern.

Besprochen werden Matthias Hartmanns Bühnenadaption von Christian Krachts Roman "1979" in Bochum und die Ausstellung "Alltag und Vergessen - Argentinien 1976/2003" in der NGBK Berlin.

Und schließlich Tom.
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FR, 17.03.2003

"Die Ermordung des serbischen Premierministers Zoran Djindjic ist kein gewöhnlicher politischer Mord", schreibt der serbische Schriftsteller Dragan Velikic im Aufmacher. "Es ist die Ermordung Europas in Serbien. Zoran Djindjic war der letzte Garant dafür, dass Serbien zur Welt und dem Europa gehört, zu dem es einst vor langer Zeit gehörte. Der Schuss auf Djindjic ist ein Schuss auf die bürgerliche Option in Serbien. Ohne Djindjic besteht die Gefahr, dass Serbien endgültig in Apathie, Korruption und Kriminalität versinkt und für sehr lange Zeit ein nicht ernst zu nehmender Staat am Rande der Welt bleibt." Hinter dem Attentat könnte aber mehr stecken als nur die Mafia, spekuliert Velikic. "Braucht Europa in diesem Moment einen politisch starken Handelnden in Serbien, der die theoretisch schon bestehende Unabhängigkeit des Kosovos in der Praxis unmöglich zu machen versucht oder sie im Rahmen einer weniger radikalen Version doch einschränken würde? Vielleicht ist das nur eine zufällige Verflechtung von nicht zusammenhängenden Umständen. Aber vielleicht passt Europa eine kontrollierte Deponie an ihrem Rand, auf der die Rechnungen der Mafias beglichen werden können."

Weiteres: "tt" übt in Times mager Solidarität mit den Kollegen von der SZ und erinnert an den "weißen Trauerrand" des Streiflichts vom Wochenende (die Nachricht auf der Medienseite) und den Protest der Redaktion. Die Meldungen befassen sich mit der Verleihung von Preisen und nochmals Preisen.

Auf der Medienseite seziert Petra Kohse den unsäglichen Rainer Langhans, einst glorreiches Mitglied der Kommune 1 und jetzt mit seinem Harem im Container der Big-Brother-Variante von TV Berlin und TV München.

Besprechungen widmen sich Spike Jonzes Metafilm "Adaption", Matthias Hartmanns multimedialer Bühnenbearbeitung des Christian-Kracht-Romans "1979" in Bochum und einer Ausstellung von über vierzig Werken Tizians in der Londoner National Gallery.

SZ, 17.03.2003

Christoph Nix, Intendant des Staatstheaters zu Kassel, erzählt wie er einmal George Tabori (eine Seite über und ein schönes Interview mit ihm) das Leben gerettet hat. Er hielt unfreiwillig den Kopf hin, als ein Schlagbaum auf die beiden niedersauste. "Wäre Tabori auf meiner linken Seite gegangen, er wäre erschlagen worden, er wäre auf der Stelle tot. Ich fühlte mich immer noch benommen, begann aber zu begreifen, ich war ein Held, aber niemand wollte applaudieren, nur der Schmerz erinnerte mich daran: ich hatte Tabori das Leben gerettet, aber keiner hatte es gemerkt."

Weitere Artikel: Tony Blair hat sich grob verschätzt, als er sich auf die Seite der USA geschlagen hat, glaubt Franziska Augstein. Fritz Göttler unterrichtet uns über die hochsensiblen Videobänder von Lady Dis Psychiatersitzungen, die immer noch bei Scotland Yard herumliegen. Susan Vahabzadeh schildert die Verstimmungen, die Harvey Weinstein mit seiner agressiven Kampagne für Scorceses Gangs of New York bei der Academy ausgelöst hat. Eva Marz meint, dass eine Komplett-Heirat bei Plus im Sinne der Demokratie sei. Andreas Beerlage berichtet von der Eröffnung des Wolgakulturhauptstadtjahres im winterlichen Tscheboksary.

Auf der Medienseite erregt sich Peter Burghardt, wie vollständig Spaniens Staatssender TVE auf Regierungslinie liegt und von Kritik an Aznars Kriegskurs keine Rede sein kann. In der Serie über Große Journalisten porträtiert Wolf Lepenies den frühen Republikaner und Kosmopoliten Georg Forster.

Besprochen werden William Egglestons Fotozyklus "Los Alamos" im Kölner Museum Ludwig, die Ausstellung "liebe.komm" mit Herzensbotschaften im Frankfurter Museum der Kommunikation, Matthias Hartmanns Inszenierung von Christian Krachts "1979" in Bochum, der Extremsportstreifen "Extreme Ops" mit Klaus Löwitsch, Neil Simons Stück "Sunshine Boys" am Wiener Akademietheater, das außerordentliche musikalische Debüt des Tord Gustavsen Trios "Changing Places", und Bücher, darunter Leon de Winters neuer Roman "Malibu" sowie der erste Band des Briefwechsels Adorno und Horkheimer aus den Jahren 1927 bis 1937 (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Zum Glück leistet sich die SZ noch ihre Frühjahrs-Literaturbeilage, die der heutigen Ausgabe beiliegt. Zuvorderst besprochen werden Daniel Kehlmanns "Ich und Kaminski" und Sibylle Lewitscharoffs "Montgomery".