Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.01.2003. Die FAZ berichtet über ein neues Homunculus-Konzept. Die NZZ berichtet über eine Diskussion von Exilirakern. In der taz erklärt Judith Hermann: Ich bin handfest. In der FR graut dem Philosophen Samuel Weber vor einer pax americana. Für die SZ ist Felicitas Hoppe auf den Spuren V.S. Naipauls nach Yamassoukrou gereist.

FAZ, 31.01.2003

Als einen Epochenbruch kommentiert der Schriftsteller David Grossman den Ausgang der israelischen Wahlen: "Die Rechte hat nicht zum ersten Mal die Wahlen gewonnen, aber zum ersten Mal seit der Gründung des Staates Israel hat sie die Arbeiterpartei und die Linke total aus dem 'mentalen Planquadrat' verdrängt, in dem sie - zumindest nach eigener Sicht - fünfundfünfzig Jahre lang 'das politische Rückgrat' Israels bildete."

In diesem Jahr jährt sich die Entdeckung der genetischen Doppelhelixzum 50. Mal. Einer ihrer Entdecker, Francis Crick, publiziert nach einem Bericht von Christian Schwägerl zusammen mit dem Neuroinformatiker Christof Koch in der Zeitschrift Nature Neuroscience einen Artikel, in dem er für einen "Homunculus" eintritt, "für jene Vorstellung eines 'Ortes' des Bewusstseins also, die von der Neurobiologie längst zugunsten der Dezentralität verworfen ist. Dass spezialisierte Teile des Gehirns nicht unmittelbar die Außenwelt repräsentieren, sondern wiederum andere Gehirnregionen 'betrachten', dass also neuronale Repräsentationen von neuronalen Repräsentationen entstehen, ist den beiden Grund genug, um zum Homunculus-Konzept zurückzukehren." Schwägerl verweist auch auf die Homepage von Koch, wo man weitere Informationen zum Thema findet.

Und auch sonst gibt's eine Menge Interessantes: Gina Thomas berichtet über die Öffnung einiger Akten im Zusammenhang mit der Abdankung Edwards VIII. im Jahr 1938 - demnach sympathisierten Er und seine Frau Wallis Simpson noch stärker mit den Nazis als bisher bekannt, und außerdem betrog sie ihn. Gerhard R. Koch fragt: Was wird aus der Münchner Staatsoper, wenn Intendant Peter Jonas und GMD Zubin Mehta 2006 gehen? In einer Meldung wird aus Peter O'Tooles wunderbarer Ablehnung eines Ehren-Oscars zitiert. Eine weitere Meldung vermerkt den Baustopp für das ambitionierte Kölner Kulturzentrum. Eva Menasse spekuliert, dass es in Österreich zu einer schwarz-grünen Koalition kommen könnte: "Bundeskanzler Wolfgang Schüssel hat die österreichischen Grünen vor wenigen Tagen zu weiteren Verhandlungen eingeladen, und die Tatsache, dass man in den Medien so gut wie nichts über den Fortgang erfährt, spricht eine deutliche Sprache." Dietmar Polaczek berichtet über Silvio Berlusconis Gerichtshändel - noch ist ihm erfreulicherweise nicht der gesamte Justizapparat hörig. Dietmar Dath gratuliert Norman Mailer zum Achtzigsten. Wolfgang Schneider resümiert - etwas befremdet - einen Berliner Vortrag des Stanforder Literaturwissenschaftlers Franco Moretti, der die Literaturgeschichte offensichtlich durchgehend quantifizieren möchte. (Hier ein ausführlicher Artikel Morettis über sein intellektuelles Selbstverständnis.)

Jordan Mejias schildert amerikanische Reaktionen auf George W. Bushs Rede zur Lage der Nation. Andreas Rossmann berichtet über archäologische Funde in Köln. Siegfried Stadler schildert Leipziger Auseinandersetzungen um den Wiederaufbau der Universitätskirche.

Auf der letzten Seite resümiert Frank Pergande einen Vortrag Arnulf Barings über Deutschlands "emotionalen Mangel" vor der Potsdamer Stiftung "Preußisches Kulturerbe". Patrick Bahners fragt: "Weshalb könnte man Hindenburgs heute noch ehrend gedenken?" Und Hans-Peter Riese erinnert sich an die Dissidentenjahre Vaclav Havels, der jetzt als erster tschechischer Präsident nach der Wende abtritt.. Auf der Medienseite unterhält sich Michael Hanfeld mit Tom Sänger, dem als Unterhaltungschef bei RTL das Verdienst zukommt, mit den "Superstars" die Quoten in die Höhe getrieben zu haben. Michael Hanfeld erzählt auch, wie acht Staatschefs einen Artikel an die Times schickten, in dem sie Bushs Irakpolitik unterstützten. Michael Hanfeld meint ferner, dass es an der Zeit ist "einen Moderator zu loben, der wohl unterschätzt wird: Klaus-Peter Siegloch im heute-journal". Und Heike Hupertz stellt "American Idol", das amerikanische Pendant zu "Superstar" vor.

Besprochen werden die Ausstellung "Rembrandt, Rembrandt" im Frankfurter Städel, Zabou Breitmans Film "Claire" und Schrekers Oper "Das Spielwerk und die Prinzessin" in Kiel.

NZZ, 31.01.2003

Ali al-Shalah, Leiter des Schweizerisch-Arabischen Kulturzentrums in Zürich, resümiert in einem langen und instruktiven Hintergrundartikel eine Londoner Diskussion irakischer Exil-Intellektueller über die Zukunft ihres Landes. Sein Artikel endet in einer Frage: "Wir, die Iraker und Irakerinnen im Exil, sind weder für die USA noch für den Diktator. Und mit schmerzlicher Überraschung stellen wir fest, dass wir keine richtige Antwort auf die große Frage haben, die heute drängend und gewaltig auf uns zukommt, nämlich: Ist der Krieg unsere einzige und letzte Hoffnung?"

Weitere Artikel: Philipp Meuser berichtet in einem ebenfalls instruktiven und ausführlichen Hintergrundartikel über die erste internationale Wiederaufbaukonferenz für die Stadt Kabul. Samuel Herzog schreibt eine Art Nachruf auf das Musee des Arts d'Afrique et d'Oceanie in Paris, das ehemalige Museum der Kolonien, das heute Abend auf Geheiß Jacques Chiracs für immer geschlossen wird. Joachim Güntner würdigt die seit fünfzig Jahren erscheinenden Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Besprochen wird ein Konzert des Geigers Gil Shaham in der Tonhalle Zürich.

Auf der Filmseite geht es um Filme des Marokkaners Daoud Aoulad-Syad, um den neuen Film von Jean-Pierre und Luc Dardenne, um die neueste "Star Trek"-Episode und um die Neuverfilmung des "fliegenden Klassenzimmers".

Auf der Medien- und Informatikseite berichtet Heribert Seifert schließlich über die Krise der überregionalen Zeitungen in Deutschland: "Der Umfang der Zeitungen ist nun auf jenes Minimum zurückgeführt, das ohne Einschränkung des publizistischen Anspruchs kaum mehr unterschritten werden kann. Und die 1800 Euro, die der deutsche Journalistenverband als durchschnittlichen Monatsverdienst freier Medienmitarbeiter angibt, sind als materielle Basis für Qualitätsjournalismus wohl zu wenig." Als hätten sich die deutschen Zeitungen je für die Lage der freien Journalisten interessiert!

TAZ, 31.01.2003

Judith Hermann, deren neuer Erzählband "Nichts als Gespenster" gerade erschienen ist, erzählt im Gespräch mit Kolja Mensing und Susanne Messmer von ihren privilegierten Protagonisten, von den Nomaden der Großstadt, vom Reisen und der Schwierigkeit, im Literaturbetrieb das eigene Image zu kontrollieren: "Dass der Autor mittlerweile in der medialen Öffentlichkeit zu agieren hat, ist doch eine ganz komische Entwicklung. Früher, in der Literaturkritik in den Sechzigerjahren, war es einmal üblich, dass der Kritiker keinen Kontakt zum Autor aufnimmt. Diese Entfernung scheint mir gut zu sein. Eigentlich wäre es mein Bedürfnis gewesen, kein Interview zu geben. Kein Foto, keine Öffentlichkeit, nichts. Damit hätte ich aber das Image der Zicke, der absolut prätentiösen Diva, auf das Sie eben angespielt haben, entworfen. Und natürlich gibt es das doch - das Bedürfnis, sich zu zeigen, gefragt zu werden und zu kommunizieren. Also kommuniziere ich und versuche zu zeigen, dass ich nicht fragil bin, sondern eher so etwas wie sicher, handfest und robust."

Klaus Walter lässt in einer Kolumne seiner Abneigung gegen die mentale Provinz Hessen und ihrem Vorkämpfer Roland Koch freien Lauf: "Hessen freilich hat wirklich Hässliches zu bieten: die Sprache, die Böhsen Onkelz, das Essen, Roland Koch. Bei der Landtagswahl gegen Koch zu stimmen ist diesmal auch vielen ein Anliegen, die sich nicht für Politik interessieren. Sie haben ein ästhetisches Problem mit dem hässlichen Hessen."

Auf der Medien-Seite beobachtet Thilo Knott das Verschwinden der Redakteure. Sie werden wohl nicht mehr gebraucht.

Besprochen werden Kelly Osbournes Album zur MTV-Show "Shut up", sowie die schönsten Hits der "Russendisko" von Wladimir Kaminer und Juri Gurzhi sowie Mona Yahias Roman "Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und noch Tom.
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FR, 31.01.2003

Grauen beschleicht den amerikanischen Philosophen Samuel Weber (mehr hier) bei dem Gedanken an die Pax americana. Das Problem sieht er darin, dass die USA die "nichtlineare Gefahr eines unsichtbaren Feindes" linear-militärisch in den Griff zu bekommen versuchen. "Gedanken über die Herkunft und den Zuwachs solcher unsichtbaren Feinde werden offiziell ausgespart, zumindest aus der öffentlichen Diskussion - oder manichäistisch auf eine quasi-natürliche Vorgegebenheit des Bösen reduziert. Aber wenn die gleichen militärischen Maßnahmen, welche ein bestimmtes Territorium säubern und sichern sollen, den Feind zwar zerstreuen, aber in der Zerstreuung zugleich vermehren und verstärken, dann droht die Pax americana nicht ein Zeitalter unendlicher Gerechtigkeit zu werden, sondern eine destruktive Spirale endlicher Ungerechtigkeiten, die immer weniger unterscheiden zwischen Freund und Feind, Gewinner und Verlierer, Sieger und Besiegte, Unschuldige und Schuldige."

Im Aufmacher bespricht sich Ina Hartwig Judith Hermanns neuen Erzählungen "Nichts als Gespenster". Um es vorsichtig auszudrücken: Besonders begeistert scheint Hartwig nicht zu sein, das Buch zerbrösele "vor dem Hintergrund einer frappierender Erfahrungsarmut".

Weitere Artikel: Eva Schweitzer gratuliert Norman Mailer zum Achtzigsten und zitiert genüsslich sein Wort über George W. Bush: "Wer fünfzehn Mal pro Stunde das Wort 'böse' benutzt, der lügt. Der ist wie ein Drogendealer, der dauernd das Wort 'ehrlich' im Munde führt."

Norbert Seitz erinnert zum hundertsten Geburtstag an den linkskatholischen Publizisten Eugen Kogon. Martin Hartmann berichtet von einem Vortrag des Ägyptologen Jan Assmann über die zweifelhafte Verknüpfung von Monotheismus und Gerechtigkeit. Martin Altmeyer war auf einer Frankfurter Tagung, die sich mit den psychischen Bedingungen und Folgen der modernen Migration befasste. Times Mager fragt, ob zu viel Bildung der Karriere schadet.

Besprochen werden zwei Wiener Ausstellungen über den Kaffeehausliteraten Peter Altenberg sowie die drei Babelsberger B-Filme "Antman", "Detective Lovelorn" und "Mask under Mask".

SZ, 31.01.2003

Empört über den Brief der acht europäischen Länder an Bush fordert Leitartikler Heribert Prantl mehr europäische Seele und - ja, ja - nationale Selbstbehauptung: "Dieser Brief ist ein Ermächtigungsbrief für Bush. Er ist ein Dokument der Demut gegenüber den USA. Der deutsch-französische Versuch der Selbstbehauptung wird mit diesem Brief eingekesselt. Dass Frankreich und, vor allem, Deutschland, zu dieser misslichen Lage selbst kräftig beigetragen haben, ist wahr. Umso schlimmer ist das Ergebnis: Der Brief ist ein Akt der Dekapitation Kerneuropas. Er zeigt zunächst, dass die EU mit der Osterweiterung nicht europäischer, sondern amerikanischer wird."

Felicitas Hoppe (mehr hier) ist auf den Spuren V.S. Nauipauls nach Yamassoukrou gereist, die Hauptstadt der Elfenbeinküste. Ihr Eindruck aus der Stadt, von der wollte, dass alles an ihr groß sein sollte: "Alles ist hier zu klein und zu groß auf einmal, alles fällt lächerlich aus dem Rahmen, weil verloren zwischen Hütten und Ziegen eine Kongresshalle steht, aus italienischem Marmor, geschmeidigem Leder und kostbarem Holz. Und hinter Mauern und Stacheldraht steht ein Palast, eine Residenz, die niemand bewohnen kann, in der man bestenfalls herrscht, denn sie wird leibhaftig von Krokodilen bewacht." Dazu gibt einen Artikel des Afrika-Korrespondenten Michael Bitala, der über das Chaos im bürgerkriegsgeschüttelten Land und die Rolle der Franzosen berichtet.

Weitere Artikel: Der Hamburger Historiker Peter Reichel (mehr hier) zeichnet in einem Essay nach, wie die Schlacht um Stalingrad in den fünfziger Jahren zum "Mythos eines heroischen, eines deutschen Untergangs". Christoph Bartmann gratuliert dem "Schwergewichtsboxer" der amerikanischen Literatur, dem "Egomanen", "Frauenheld" und "Sprücheklopfer" Norman Mailer zum achtzigsten Geburtstag.

Matthias Drobinski trauert in einem nicht ganz nachvollziehbaren Text darüber, dass auch der Sensemann heimat- und arbeitslos geworden sei. Stefan Koldehoff berichtet, dass das einst so ehrgeizige Auktionshaus Phillips, de Pury & Luxembourg klein beigibt und Christie's und Sotheby's wieder das Feld überlässt. Tim B. Müller widmet dem Grazer Philosophen Ernst Topitsch einen Nachruf. Jens Bisky hat bei einem Vortrag vom Literaturwissenschaftler Franco Moretti gelernt, wie man über Literatur reden kann, ohne zu lesen. Gemeldet wird, dass Daniel Barenboim die neuesten Sparbeschlüsse für den Berliner Kulturetat nicht fassen kann: Die Rücklagen der Staatsoper in Höhe von 7,2 Millionen Euro sollen aufgelöst werden.

Auf der Medien-Seite blickt Kai-Hinrich Renner auf die Zeiten zurück, als es noch die Musikzeitschrift Sounds gab.

Besprochen werden eine Aufführung von Monteverdis "Vesper" mit Philippe Herreweghe und seinem Collegium Vocale in München, Richard Jones Inszenierung von Berlioz? "The Capture of Troy" an der English National Opera in London.

Und Bücher: Judith Hermanns Erzählungen "Nichts als Gespenster" und Klaus Bringmanns Opus "Geschichte der römischen Republik" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).