Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.11.2002. Die FAZ erzählt, wie Andre Glucksmann den russischen Präsidenten Putin von seiner antiterroristischen Wolke herunterholen möchte. In der FR schildert Mircea Dinescu einige seltsame Verirrungen der rumänischen Revolution. Die NZZ berichtet über einen Streit um die Salamanca-Papiere in Spanien. Die taz lobt die britische Gegenwartskunst. Für die SZ ist das Theater bald mausetot, wenn es sich noch enger mit dem Film einlässt.

FAZ, 12.11.2002

Nach der Moskauer Geiselnahme mag sich offenbar niemand mehr für die tschetschenische Sache einsetzen, nicht einmal die französischen Intellektuellen. Außer Andre Glucksmann. Joseph Hanimann berichtet, dass der letzte der Aufrechten in einem Artikel in Le Monde seine Stimme gegen Europa und seine "demokratische Seifenblase" erhoben habe. Anstatt mit dem russischen Präsidenten Putin herumzuschäkern und ihn auf seiner "antiterroristischen" Wolke zufrieden nach Hause schweben zu lassen, fasst Hanimann den Glucksmann-Text zusammen, müsse Europa Putin mit deutlichen Worten auffordern, dem "letzten von einer europäischen Macht begangenen kolonialistischen Massaker" politisch ein Ende zu bereiten: "Was riskieren die Fünfzehn? Nichts. Nur den vorübergehenden Zorn eines Ex-KGBlers, dem man endlos die Schulden nachlässt und der durchaus nachgeben kann, wenn es nicht anders geht".

Der türkische Schriftsteller Nedim Gürsel ("Turbane in Venedig") warnt davor, Erdogan und seiner AKP zu trauen. Der Islam sei gar nicht in der Lage, Weltlichkeit zu tolerieren, höchstens aus strategischen Überlegungen: "Politische und kulturelle Unverträglichkeiten mit europäischen Werten erscheinen mir offensichtlich. Denn der Islam ist, anders als das Christentum, eine Religion, die der Gemeinschaft einen Code civil vorschreibt und das gesellschaftliche wie das individuelle Leben reglementiert."

Wie die in Zukunft größte Moschee der Welt aussehen wird, hat sich Niklas Maak vom Architekten Jacques Barriere beschreiben lassen, der das Mammutprojekt für Saddam Hussein - und natürlich zur Freude des darbenden Volkes - in Angriff genommen hat: Die Anlage wird 700 Meter lang und 480 Meter breit, und wird ein Minarett mehr haben als Mekka. "'Und was ist das dort für eine komische Insel in dem Bassin?' 'Raten Sie mal'. 'Ein Symbol für den Irak?' 'Der Irak ist nicht oval, mon ami.' 'Was ist es dann?' 'Es ist der Fingerabdruck von Saddam Hussein, vergrößert auf 95 Meter Durchmesser. Sie können in den Fingerrillen des Präsidenten spazierengehen.'

Weitere Artikel: Tilman Spreckelsen berichtet aus Klagenfurt, wo die Feiern zu Peter Handkes sechzigstem Geburtstag begonnen haben - mit Symposium, Ehrendoktor und Jubelfilm. Gerhard Stadelmeier schreibt einen Nachruf auf den Schauspieler und Vorleser Gert Westphal (Hörproben hier). Tomasz Torbus beklagt den Verfall polnisch-aristokratischer Pracht in Ostgalizien. Irene Bazinger war auf dem Symposium "Die Nation beerdigen" zu Heiner Müller im Jüdischen Museum Berlin. Wolfgang Sandner berichtet vom Musikfestival "Arena" in Riga und sieht die Letten ein wenig hinter ihren baltischen Nachbarn herhinken. Erdmann Neumeister freut sich mit dem Schweizer Städtchen Burgdorf über ein Franz Gertsch Museum, das ein "ortsansässiger Unternehmer" spendiert hat. 

Für die Bücher-und-Themen-Seite hat Ronald Bos die Literaturwissenschaftlerin Gisela Dischner besucht und sich von ihrer Liebe zu Paul Celan erzählen lassen. Auf der Medien-Seite berichtet Joachim Herr über das Gerichtsspektakel gestern in München: Leo Kirch sagte im Prozess gegen die Haffa-Brüder aus. Auf der letzten Seite porträtiert Felicitas von Lovenberg den neuen Präsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Klaus Reichert. Und Renate Schostack sieht das Münchner Geschwister-Scholl-Instituts verwaisen.

Besprochen werden eine Ausstellung zu Thomas Demand im Münchner Lenbachhaus und Erzählungen von Yasar Kemal und Karl Günther Hufnagel (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 12.11.2002

Viel zu lesen heute. Der Schriftsteller Mircea Dinescu (mehr hier) berichtet in einer Mischung aus komischer und tiefster Verzweiflung über die "merkwürdigen Folgen" der rumänischen Revolution von 1989. Ein Beispiel: "Weil das Ministerium für Kultur kein Geld für die Renovierung der Moldauklöster hat, wo die fünfhundert Jahre alten Heiligenbildnisse von den Wänden fallen, hat die Regierung beschlossen, mitten in Bukarest ein riesiges mystisches Kombinat mit Tiefgarage errichten zu lassen. 'Kathedrale der völkischen Erlösung' soll es heißen, 200 Millionen Dollar kosten und dem Pentagon Konkurrenz machen. Gewiss wird Ceausescu im Jenseits grün vor Neid, wird doch sein berühmtes 'Haus des Volkes' in den Schatten gestellt."

Natan Sznaider referiert die Ergebnisse neuerer Berichte von Human Rights Watch (hier) und Amnesty International (hier) über die Lage der Menschenrechte im Nahen Osten. So beurteile etwa Human Rights Watch die Terroranschläge gegen israelische Zivilisten erstmals als "Verbrechen gegen die Menschheit (crimes against humanity) und als Kriegsverbrechen (war crimes)". Darin erkennt Sznaider "eine neue Dimension": Indem "militante nichtstaatliche Organisationen" beschuldigt würden, werde "der Begriff der staatlichen Souveränität auch auf nichtstaatliche Organisationen erweitert." Das bedeute letztlich eine "politische Neuordnung der Weltpolitik: Weg vom souveränen Nationalstaat, hin zu einer neuen globalen und kosmopolitischen Ordnung, eng verbunden mit dem Konzept der Menschenrechte."

Günter Seufert versucht zu zeigen, dass "die islamischen Intellektuellen der Türkei den säkularen Staat längst anerkannt" haben: "Aus zwei Gründen erklärt die Elite der türkischen Islambewegten heute die frühere platte Politisierung der Religion als Fehler. Zum einen sei dadurch die Demokratisierung des Landes aufgehalten und zum anderen die Religion über die Maßen verweltlicht worden."

Weitere Artikel: Ursula März wundert sich über den "tiefen Pessimismus" der Anti-Aging-Kultur: "Nach Anti-Aging leben heißt, dem Tod permanent, wenn auch relativ faltenfrei ins Auge sehen." Steffen Richter kritisiert, beim Berliner Newcomer-Literaturwettbewerb "Open Mike" sei "Glattes prämiert" worden, und Judith Jammers informiert über den "traditionellen Skandal" beim diesjährigen Turner-Preis für zeitgenössische Kunst. Berichtet wird über ein "wehmütiges Symposium" zum Verhältnis von Kunst und Anarchie in Düsseldorf sowie Neuerungen im Faust-Museum und -Archiv in Knittlingen (mehr hier). In der Kolumne Times mager plädiert Adam Olschewski für eine Umbenennung des Buchs von Rammstein-Sänger Till Lindemann ("Löffel" statt "Messer"). Gemeldet wird schließlich noch die Forderung von Kulturstaatsministerin Christina Weiss nach einem ermäßigten Mehrwertsteuersatz für CDs. Und für die FR verabschiedet Peter Michalzik die "Stimme der Klassiker", Gert Westphal.

Besprechungen: Zum Tour-Auftakt wird die Punk-Rettungs-Band Violent Femmes gewürdigt, gefallen hat Schuberts "Fierrabras" am Opernhaus Zürich, weniger begeistert hat dagegen Barbara Beyers Inszenierung der "Lulu" an der Staatsoper Hannover.

NZZ, 12.11.2002

Die spanischen "Salamanca-Papiere" beschäftigen Markus Jacob. Dabei handelt es sich um 1938 durch die franquistischen Truppen konfiszierte kommunale und private Papiere, die unter Franco dazu dienten, Republikaner zu verfolgen. Heute sind diese Dokumente Teil des Archivo General de la Guerra Civil, das sich in Salamanca befindet. Katalonien hat nach Ende der Franco-Diktatur 1975 mehrfach die Herausgabe der widerrechtliche angeeigneten Unterlagen gefordert und wurde abgewiesen. Seit dem schwelt der Streit zwischen der katalanischen Generalität und der Zentralregierung in Madrid: "So sind diese Akten unversehens zu Aktien geworden, nämlich solchen der Identität". Aus dem Streit um ein Archiv ist ein Streit um den spanischen Staat geworden: "Zunehmend konsterniert beobachtet die denkende Minderheit Spaniens, auf welchem Niveau die politische Aufgabe, die föderalistische Struktur des Staates in ein Gleichgewicht zu bringen, zurzeit angegangen wird. Es ist ja auch beelendend, dass auf beiden Seiten die derbsten, keine Lächerlichkeit scheuenden Figuren den Kurs bestimmen. Was fehlt, ist der Diskurs."

Über einen Streit am Kunstmuseum in Bern berichtet Samuel Herzog. Nach der Einrichtung eines eigenen Paul-Klee-Museums soll die geplante Sammlung für Gegenwartskunst aufgebaut und gleichzeitig Geld gespart werden. Der neue Museumsdirektor Matthias Frehner hat daher Personal entlassen, darunter ausgerechnet den jungen Kurator Ralph Beil, der sich - offenbar sehr erfolgreich - um die Gegenwartskunst gekümmert hat: "Sicher gab es auch persönliche Differenzen zwischen dem neuen Direktor und dem quirligen jungen Kurator. Ein Hickhack voller mehr oder weniger latenter Vorwürfe, ein Duell zwischen offiziellen Stellungnahmen und offenen Briefen, die im Berner 'Bund' auch teilweise veröffentlicht wurden, hat das genügend illustriert. Wenn Beil gestern per sofort freigestellt wurde, dann passt das ganz in dieses Bild."

Weitere Artikel: Georges Waser referiert die neuesten Vorwürfe gegenüber dem Bookerpreisträger Yann Martel, der sein preiswürdiges Buch abgeschrieben haben soll (siehe dazu auch unsere Post aus New York). Den Nachruf auf Gert Westphal, die Stimme des deutschsprachigen Hörbuches, hat Thomas Sprecher verfasst.

Besprochen werden die Aufführung der Schubert-Oper "Fierrabras" in Zürich, die Wiedereröffnung der Porzellansammlung August des Starken in Dresden und Bücher, darunter Manfred Kuehns bisher nur auf Englisch erschienene Biografie Kants oder die Enzyklopädie für unerschrockene Leser (mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).
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TAZ, 12.11.2002

Im Aufmacher schreibt Ulrich Clewing über die Ausstellung "Blast to Freeze - Britische Kunst im 20. Jahrhundert", die im Kunstmuseum Wolfsburg mehr als dreihundert Werken von einhundert Malern und Bildhauern zeigt. Während ein Projekt in umgekehrter Richtung - "Deutsche Kunst von 1905 bis 1985" in der Royal Academy in London - 1985 gezeigt habe, "dass die deutschen Künstler daheim und dann im Exil speziell in der ersten Hälfte des Jahrhunderts besonders stark waren, während nach dem Zweiten Weltkrieg über weite Strecken gepflegte Langeweile herrschte", sei bei den Briten "nun das exakte Gegenteil der Fall". Denn da sollte, so Clewing, "die wirklich große Zeit der britischen Kunst erst noch kommen, dann aber mit überwältigender Macht und wundervoller Eigenart. Denn diese Ausstellung zeigt nicht nur, was die Briten nicht so gut können, sondern selbstverständlich auch, worin sie brillieren: im Beiläufigen nämlich, im Unprätentiösen, Pragmatischen und Naheliegenden. Ende der Fünfzigerjahre fängt es in London an, an allen Ecken und Enden Pop, Pop, Pop zu machen."

Weitere Artikel: Cornelis Tittel stellt das amerikanische House-Duo Metro Area vor, das derzeit in Berlin an seinem Soundentwurf bastelt. Und in der Kolumne "Berliner Ökonomie" erzählt Georg Pelle von einer Scheidungsreise unter besonderer Berücksichtigung der diesbezüglich notwendigen Bahnfahrt Berlin-Leipzig-Berlin und deren Fahrtkosten.

Besprochen werden schließlich noch Bücher, darunter die deutsche Ausgabe des neuen Romans von Alain Robbe-Grillet, die Erinnerungen von George Tabori, ein "hintergründiger" Essay zur Unlösbarkeit des "Problems Jerusalem" und ein "wunderbares" Buch über die "Topografien der Nation" (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

Und hier TOM.

SZ, 12.11.2002

C. Bernd Sucher denkt über über das "empfindliche Verhältnis" zwischen Film und Theater nach. Die zunehmende Hinwendung zu Film- und Video-Techniken werfe die zentrale Frage auf, "wodurch sich Theaterkunst von den anderen unterscheidet. Sie ist nicht zuerst, wie die postdramatischen Theaterkünstler mit ihren Installationen, Videospielen, Internet-Versuchen glauben machen wollen, eine Kunst der Bilder, sondern eine der Zeichen. Das Theater simuliert nicht; es ist ureigentlich gebunden an die konkrete Realität des Ortes, der Zeit und der Menschen, die im Theater Theaterzeichen aussenden - live! Wenn in der Interaktion zwischen den Schauspielern und ihren Zeichen auf der einen Seite und den Mitteln der High Tech auf der anderen ein Missverhältnis eintritt; wenn die Technik einen Sieg über die Menschen erringt, wird das Theater überflüssig sein. Mausetot."

Weitere Artikel: Alex Rühle erzählt die Geschichte von Ulrike Meinhofs Gehirn, das von der Tübinger Neuropathologie in die Psychiatrie Magdeburg wanderte und nun endlich Ruhe finden soll. Hans-Peter Kunisch resümiert den 10. "Open Mike" Literaturwettbewerb in Berlin, der inzwischen als "das bessere Klagenfurt" gilt, und Thomas Meyer fasst eine Wiener Tagung zum Thema "Zivilisationsbrüche" zusammen. Berichtet wird überdies vom Tanz-Festival Dance 2002 in München, vom Pop-Festival "Electricity" in Saarbrücken und von der vom Messe des achten "Designers' Saturday" im schweizerischen Langenthal. "RJB" sieht einen kulturpolitischen "Hoffnungsschimmer" für "Kanzlers Albtraum" am düsteren Berliner Opernhimmel. Herbert Riehl-Heyse beklagt in der Kolumne Zwischenzeit die zunehmende Verrohung der Umgangsformen im "Turbo-Kapitalismus". Lothar Müller würdigt in einem Nachruf Gert Westphal ("die Stimme war berühmter als der Mann, dem sie gehörte"), gemeldet werden außerdem der Tod des Star-Trek-Autors Jerry Sohl (hier) und des Kunstexperten Jan Hulsker (hier).

Besprochen werden Johann Kresniks Inszenierung der "Antigone" am Schauspiel Hannover, die Präsentation der Sammlung Nekes im Museum Ludwig Köln, eine Ausstellung von Schreibwerkzeug diverser Dichter und Denker im Weimarer Goethe-Nationalmuseum, außerdem die Ausstellung "Everest and Beyond" im Auckland Museum (ja, in Neuseeland), mit der das 50. Jubiläum der Erstbesteigung des Mount Everest durch Sir Edmund Hillary gefeiert wird, die zweite Harry-Potter-Verfilmung "Die Kammer des Schreckens", und Bücher, darunter das zweibändige "Denktagebuch 1950 bis 1973" von Hannah Arendt und ein historischer Roman von Hansjörg Betschart (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).