Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.09.2002. Die FAZ stellt den neuen Superstar der amerikanischen Literatur vor: Jonathan Franzens Freund Jeffrey Eugenides. Die Zeit kritisiert trotz ausdrücklichen Verbotes den Westen. Die FR befasst sich mit dem Immobilienkandal in Berlin. Die SZ fragt: Wird Antje Vollmer Bundes-, Staats- und Kulturministerin? Die taz fürchtet den Verfall der Aura in einem digitalisierten Kino.

FAZ, 26.09.2002

Kaum haben wir Jonathan Franzen entdeckt und seine "Korrekturen" verschlungen, annonciert uns Heinrich Wefing den nächsten Superstar der amerikanischen Literatur: Jeffrey Eugenides, Autor von "Middlesex". Beide sind übrigens befreundet, beider Romane spielen in der Vorstädten und scheuen, so Wefing, die große Erzählung nicht. Und beide Bücher "kranken an der Schwäche ihres Endes", findet er. Aber bis dahin klingt es aufregend. "'Middlesex' ist vieles zugleich: die fünfzig Jahre umgreifende Geschichte griechischer Einwanderer in den Vereinigten Staaten; eine Chronik von Aufstieg und Niedergang der amerikanischen Automobilindustrie; ein sorgsam konstruiertes Rätselspiel für Altphilologen; eine lebenspralle Abhandlung der Frage, ob es die Erbanlagen sind oder die Gesellschaft, die das Schicksal eines Menschen bestimmen - und eine trendgerechte Antwort darauf; der Bericht über die abenteuerliche Reise eines mutierten Gens durch das Blut dreier Generationen und seine Blüte in einem kleinen Kind." Denn das Buch erzählt "das ungeheuer komische Drama" eines amerikanischen Hermaphroditen und einer Geschlechtsumwandlung. Die von Wefing zitierte Hymne aus der NY Times finden Sie hier, eine ausführliche Leseprobe hier.

In Marokko wird demnächst gewählt. Joseph Hanimann schildert eine seltsam müde Stimmung im Lande, die aber doch nicht ganz hoffnungslos scheint: "Zu den offensichtlichen Neuerungen der letzten Jahre gehört die sich regende zivile Gesellschaft der oberen Mittelklasse in den Küstenstädten und der freie Ton der Medien. Abgesehen von der Person des Königs, der Religion und der Westsahara-Frage, kennen diese kaum noch Tabus, mag auch die Regierung mit einem verschärften Gesetz die Zügel wieder anziehen. Das junge Wochenmagazin Telquel präsentierte sich unlängst erstmals offen als religionsfremd laizistisch, und die populäre Dienstmagd 'Lalla Fatema', die in einer Unterhaltungsserie des Staatsfernsehens während des Ramadan abends das Ende des Fastens eröffnet, erkühnt sich in ihren Antworten manchmal zur Frechheit eines Figaro a la Beaumarchais."

Weitere Artikel: Jürgen Kaube fragt in einem ausführlichen Aufmacher: "Was ist das für eine Gesellschaft, deren Ideal die Jugend ist?" Henning Ritter gratuliert (dem gerade mal wieder sturmumtosten, siehe Zeit) Karl Heinz Bohrer zum Siebzigsten. Eva Menasse schildert ein geradezu unheimliches Theaterereignis: Hubert Kramars Inszenierung von George Taboris "Mein Kampf" - ausgerechnet in jenem Wiener Männerwohnheim in der Meldemannstraße, in dem Hitler einst unterkam und das demnächst abgerissen wird. Hubert Spiegel meldet eine Neuordnung im akut und chronisch defizitären S. Fischer Verlag - die Verlegerin (und Holtzbrinck-Tochter) Monika Schoeller zieht sich aus der unmittelbaren Verlagsleitung zurück, und Jörg Bong wurde als neuer Verleger benannt. Kerstin Holm gratuliert dem Schriftsteller Wladimir Woinowitsch zum Siebzigsten. Joseph Croitoru resümiert israelische Debatten über den möglichen Irak-Krieg. Arnold Bartetzky teilt mit, dass das von Enric Miralles entworfene schottische Regionalparlament in Edinburgh seiner Vollendung entgegenstrebt.

Auf der letzten Seite schreibt Renate Schostak ein Profil des neuen Leiters des Hauses der Kunst in München, Chris Dercon. Frank Pergande freut sich, dass ein an die Befreiungskriege erinnerndes Schinkel-Denkmal in Niedergörsdorf unweit Berlins restauriert wurde. Auf der Kinoseite resümiert Paul Ingendaay das Filmfestival von San Sebastian. Und Michael Althen erinnert an den Film "Bonnie & Clyde" von Arthur Penn und Robert Benton, die in diesen Tagen achtzig respektive siebzig Jahre alt werden. Auf der Medienseite erzählt Edo Reents, das die Titanic-Redaktion ein Heft des Samstagsmagazins des Tages-Anzeigers gestalten durfte.

Besprochen werden Doug Limans Spionagefilm "Die Bourne-Identität", Cavalli-Opern in Hannover und Dortmund, Jake Heggies Oper "Dead Man Walking" an der City Opera von New York und eine Ausstellung über den Maler Johann Peter Fückl im Kunstmuseum Thun.

Zeit, 26.09.2002

Jens Jessen kritisiert den Westen, was um so aufregender ist, als er damit etwas Verbotenes tut. So sagt er jedenfalls: "Es gibt einen neuen Index in Deutschland, auf dem alles unter Verbot gestellt ist, was als Kritik am westlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem aufgefasst und damit die Wehrhaftigkeit gegenüber dem Islam gefährden könnte, die Bibel ebenso wie die intellektuelle Skepsis gegenüber der Massenkultur oder das verstehende Interesse für fremde Kulturen." Jessen spielt damit auf das umstrittene Merkur-Heft über das Lachen an, das die westliche Zivilisation verteidigen möchte. Und höchstwahrscheinlich wird dessen Herausgeber Karl Heinz Bohrer nun für die Anwendung der Scharia auf den Abweichler Jessen plädieren.

Weitere Artikel: Thomas E. Schmidt plädiert in der Leitglosse für die Aufnahme von Unesco-Konferenzen in das Weltkulturerbe. Peter Kümmel schildert seine Erlebnisse bei einem Wahlabend mit Christoph Schlingensief. Stephan Sattler plädiert für eine Wiederentdeckung des Politikwissenschaftlers Eric Voegelin.

Besprechungen gelten Steven Spielbergs neuem Film "Minority Report" (mehr hier). Der großen Beckmann-Retrospektive in Paris. Katharina Wagners Würzburger "Holländer"-Inszenierung, Einar Schleefs Monolog "Gertrud" am Berliner Ensemble, der neuen CD des Pop-Intellektuellen Beck und dem Berliner Festival Mexartes (mehr hier).

Aufmacher des Literaturteils ist Thomas Assheuers Rezension von Rene Girards Buch "Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie ein Blitz."

FR, 26.09.2002

Helmut Höge hat vor dem Berliner Reichstag eine Protestveranstaltung miterlebt, auf der gegen den "großangelegten Immobilienbetrug von Banken" demonstriert wurde, "die über 300.000 Bürgern über Strohmänner Eigentumswohnungen aufgeschwatzt haben, welche nun leer stehen und von ihren Eigentümern nicht mehr abbezahlt werden können." Die meisten Geprellten kamen aus dem Osten. "Dieser ganze Versicherungs-Immobilien-Wahn soll die vermeintlich immer unsicher werdenden sozialen Beziehungen ersetzen, und das Fading-Away der lebendigen Kommunikation soll rechtzeitig in garantierte Gewinnerwartungen umgewandelt werden." Aber wo Gefahr droht, wächst das Rettende auch: "Dass die Ostdeutschen nun ... schier ganzjährig eine überversicherte Avantgarde bilden, sei unwidersprochen. Aber kann daraus wirklich eine kämpferische soziale Bewegung entstehen."

Weitere Artikel: Rudolf Walter berichtet von den Schwierigkeiten der französischen Konservativen, einen neuen Namen für ihre Partei zu bestimmen. Ina Hartwig kommentiert den Abschied der langjährigen Fischer-Programmgeschäftsführerin Monika Schoeller. Und Reinhart Wustlich schreibt über Luigi Snozzis in diesen Tagen vollendete "Stoa", eine 300 Meter lange Wohnzeile im Maastrichter Ceramique-Quartier.

Besprochen werden Klaus Weises Inszenierung von Shakespeares "Wintermärchen" am Theater Oberhausen, Anette K. Olesens Film "Kleine Missgeschicke", die Ausstellung "Gonzaga. La Celeste Galeria" im Palazzo del Te in Mantua, welche die legendäre Kunstsammlung der Gonzaga rekonstruieren will, Doug Limans Thriller "The Bourne Identity" und Bücher, darunter Robert Coovers Cowboy-Roman "Geisterstadt" und Marcel Reich-Ranickis Buch über die polnische Literatur (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

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TAZ, 26.09.2002

"Und wo bleibt die Aura der Bilder?" fragt Thomas Winkler angesichts der voranschreitenden Digitalisierung des Kinos. "Die wirtschaftlichen Auswirkungen (Hollywood rechnet mit Einsparungen von über 500 Millionen Dollar im Jahr") werden womöglich nicht zu übersehen sein, aber die visuellen? Der kleinsten Einheit des Zelluloidbildes, dem Silberhalogenidkorn, entspricht nun das Pixel. Oder doch nicht? "Das Filmbild hat eine Aura, eine Lebendigkeit, während das elektronische Bild kalt wirkt", wird Ex-Berlinale-Forum-Chef Ulrich Gregor zitiert. "Sein Eindruck mag subjektiv sein, aber er hat Gründe: Wenn sich auf der Leinwand nichts bewegt, dann verändert sich auch das digitale Bild nicht. Doch durch die fotochemische Struktur des Materials - kein Silberteilchen ist exakt so wie ein anderes - sind zwei Filmbilder niemals wirklich deckungsgleich. So gesehen lebt der Film."

Weitere Artikel: Auf der Internetseite berichtet Niklaus Hablützel aus aktuellem Anlass, dass zumindest im Web die deutsch-amerikanische Freundschaft ungebrochen ist. Erstens stamme eine der besten öffentlichen Datenbanken über US-amerikanische Streitkräfte aus Deutschland, genauer gesagt aus Berlin, Prenzlauer Berg und zweitens wissen Hablützel zufolge nicht zuletzt amerikanische Patrioten seit längerem die Fleißarbeit der beiden deutschen Autoren der Seite, Peter und Ulrich Grüschow , zu schätzen. Globemaster.de habe inzwischen etliche Webpreise eingesammelt, darunter die "Top Honors" mit fünf Sternen der 'Military World'. "Und das Bildungsportal 'Lightspan' lobt: Diese Website gehört zu den besten im Bereich der Bildung, die unsere Forscher gefunden haben."

Weitere Artikel im Feuilleton: Stefan Koldehoff stellt das frisch eingeweihte Museum "Pinacoteca Giovanni e Marella Agnelli" in Turin vor. Besprochen werden Doug Limans Agententhriller "Die Bourne Identität" , Dani Levys Familiendrama "Väter" und Henner Wincklers erster Langfilm "Klassenfahrt".

Schließlich TOM.

NZZ, 26.09.2002

Die NZZ richtet ihren Blick zuerst nach Osten: Der Kult um den russischen Präsidenten Putin nimmt sonderbare Formen an, weiß Sonja Margolina. "Putin ist ein Zar, dessen Abbildung auf den Ostereiern und in den Bilderbüchern für das Volk eine Selbstverständlichkeit war, er ist zugleich eine Kreatur virtueller PR-Kampagnen, Projektion kollektiver Hoffnungen und Opium gegen die Zukunftsängste der Bevölkerung. Das ist entschieden zu viel für einen durchschnittlichen Menschen, selbst wenn er Sinn für Humor hat." Immerhin ein Trost: "Der Putin-Kult ist Realität. Aber es ist kein totalitärer Personenkult, sondern wie die postsowjetische Wirklichkeit selbst ein Produkt der Auflösung des Totalitären."

Joachim Güntner kommentiert die Äußerungen Peter Sloterdijks zur Auswilderung ("rogue state") des politischen Handelns der USA und Israel, die dieser gegenüber der österreichischen Zeitschrift Profil losgelassen hat. "Spielt der erklärte Selbst- und Alleindenker nicht seit Jahren die Rolle des Ausgewilderten im Geschäft der Zeitdiagnostik? Die Therapie läge auf der Hand: Statt einsame Interviews zu geben, sollte Sloterdijk besser an gemeinschaftlichen Resolutionen und Briefen mitformulieren. Vergifteten Pfeilen raubt das unweigerlich die Spitze, und eine echte Strafe für rogues wäre es auch."

Außerdem: Eveline Passet gratuliert dem russischen Autor Wladimir Woinowitsch zum Siebzigsten. In den Augen Hanspeter Künzlers feiert das englische Duo Soft Sell mit ihrer neuen Platte "Cruelty Without Beauty" ihr Comeback. Martin Horat findet das neue Album "Sea Change" des Popmodernisten Beck Hanson ernster denn je.

Besprochen werden die Uraufführung des Musicals "wakeUp" im Wiener Raimund-Theater, sowie der IBBY-Jubiläumskongress in Basel.

Buchrezensionen gibt es unter anderen zu neuen Werken von Jana Hensel, Julia Leigh, Max Aub und Ernst-Wilhelm Händler.



SZ, 26.09.2002

Jens Bisky sah in Berlin das Gerücht für Erregung sorgen, Antje Vollmer könnte Julian Nida-Rümelin als Bundeskulturministerin ablösen. Die Vernunft verbietet es Bisky, das Gerücht ganz ernst zu nehmen. Weder hätten sich die Grünen bisher um das Kulturressort gerissen, noch könne man Antje Vollmer eine besondere Nähe zum Kanzler oder Bundesaußenminister nachsagen. "Und doch ist es ein sehr verführerisches Gerücht: Warum eigentlich nicht Vollmer? Wer denn dann? .... Niedlich war immer das erste Wort, wenn man an die Kultur der Grünen dachte. Deren Ressentiment gegen das Bürgerliche, Tradierte hat Antje Vollmer nie geteilt... Eine Konservative in grüner Verkleidung? Wenn ihr Kunsturteil konservativ ist, so ist es dies aus anarchischer Lust an der Freiheit. Um die symbolische Kraft, die Ausstrahlung eines Kulturministeriums müsste man sich unter ihr wohl kaum sorgen."

In einem Interview erklärt dann der bayrische Kunstminister Hans Zehetmair (CSU), warum er das Amt des Kulturstaatsminister für entbehrlich hält.

Ein Beitrag von Joseph S. Nye Jr. (mehr hier), Dekan der Kennedy School of Gouvernment an der Harvard Universität, setzt die SZ-Dokumentation von Stimmen amerikanischer Prominenter zum Begriff des amerikanischen "Imperiums" als neue weltpolitische Größe fort, der in nimmt in den Köpfen der politischen und intellektuellen Elite Washingtons immer mehr Gestalt annehme. Nye warnt davor, den Begriff des Imperiums überzustrapazieren. "Das Paradox amerikanischer Macht im 21. Jahrhundert besteht darin, dass das stärkste Land seit Rom die meisten seiner Ziele nicht im Alleingang erreichen kann.....Amerikas Erfolg wird nicht nur von unserer militärischen und ökonomischen Macht abhängen, sondern auch von der sanften Kraft unserer Kultur und unserer Werte, und davon, dass wir eine Politik betreiben, die anderen das Gefühl gibt, nicht übergangen zu werden. Die neue Versuchung, in imperialen Begriffen zu denken, könnte unsere sanfte Kraft unterminieren und unsere politischen Führer Anführer fehlleiten bezüglich der wirklichen Aufgaben, die vor uns liegen."

Weitere Artikel: Martin Bauer gratuliert dem kriegerischen Ästheten Karl Heinz Bohrer zum siebzigsten Geburtstag, Sonja Margolina beglückwünscht den russischen Schriftsteller Wladimir Woinowitsch, der gleichfalls siebzig wird. Michael Semff trägt Glückwünsche zum 80. Geburtstag des Bildhauers Joannis Avramidis vor, Verena Auffermann läßt uns wissen, dass Jörg Bong Programmgeschäftsführer des S. Fischer Verlags wird. Gustav Seibt trauert ausgesprochen lesenswert darüber, dass sich Christoph Stölzl um Kopf und Kragen geredet hat und Sonja Zerki ruft "Bonjour Druschba", weil das Goethe-Institut in Moskau unter ein Dach mit dem Centre Culturel Français will. Außerdem hat die SZ im britischen Schauspieler Clive Owen (Die Bourne Identität) den homme fatale des neuen Jahrtausend entdeckt: " cool und verloren, sexy und paranoid".

Besprochen werden die Ausstellung "Vom Festhalten der Zeit" im Kunsthistorische Museum in Wien, die dem großen österreichischen Fotografien Erich Lessing gewidmet ist, der im Umkreis der legendären Fotoagentur "Magnum" groß geworden ist, Doug Limans Thriller "Die Bourne Identität" mit Matt Damon und Franka Potente, Andre TechinesFilm "Loin ? Weit weg" (samt Gespräch mit Techines), Beat Fähs Inszenierung von Henning Mankels Stück"Antilopen" am Hessischen Staatstheater Wiesbaden, ein Konzert  des jungen norwegischen Saxophonisten Trygve Seim (mehr hier) und seines Ensembles in der Münchner Muffathalle ("eine Musik, die an kaum etwas erinnerte, das vorher gewesen wäre ? oder doch, vielleicht, ein bisschen an Strawinsky, ein bisschen an Frank Zappa, ein bisschen an Grieg") und die große Barnett-Newman-Retrospektive in der Tate Modern in London.