Wladimir Woinowitsch

Aglaja Rewkinas letzte Liebe

Roman
Cover: Aglaja Rewkinas letzte Liebe
Berlin Verlag, Berlin 2002
ISBN 9783827000767
Gebunden, 434 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Aus dem Russischen von Alfred Frank. Aglaja Rewkina ist glühende Bolschewikin und Stalinistin. Beherrscht von leidenschaftlicher Liebe zu Stalin, dem lebendigen wie dem steinernen, zeigt sie sich bereit, diese mit ihrer Karriere, mit ihrem persönlichen Leben und dem Leben überhaupt zu bezahlen. Aglaja Rewkinas Irrungen und Wirrungen zu folgen, und zwar bis in die Gegenwart hinein, erlaubt einen neuen Blick auf die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, auf die groteske Endfahrt in die sprichwörtliche ideologische Pleite und das bedrohliche Chaos eines gigantischen Neuanfangs.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 16.11.2002

Caroline Schramm ist begeistert von dieser Geschichte des russischen Schriftstellers Wladimir Woinowitsch, der lange Zeit in München gelebt hat und Anfang der neunziger Jahre wieder nach Russland zurückgekehrt ist. Denn mit "ironischer Empathie" ist es dem Autor gelungen, seine "satirische Monumentalpropaganda" tatsächlich in ein beeindruckendes Panorama der Russen zu überführen - am Beispiel des Lebenswegs der unbelehrbaren Stalin-Bewundererin Aglaja Rewkina, schwärmt die Rezensentin. Doch bleibt die "furiose Prosa" dieses "Meisters der Sprache" all denen vorenthalten, die des Russischen nicht mächtig sind, bedauert Schramm. Die Übersetzung von Alfred Frank sei zwar "stilsicher", aber leider, befindet die Rezensentin, ist es grundsätzlich unmöglich, Woinowitsch zu übersetzen. Den Deutschen fehlt nun mal der "Resonanzboden", um diese Prosa, für die der Autor in Russland mit dem Staatspreis für Literatur ausgezeichnet wurde, richtig erklingen zu lassen, meint Schramm.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 25.06.2002

Der russische Titel "Monumentalpropaganda" trifft den Inhalt des Romans besser, behauptet Ulrich M. Schmid, geht es darin doch um eine stramme Parteigängerin und glühende Stalin-Verehrerin, die ein Stalin-Denkmal beiseite schafft und, anders als das Regime, die ständigen ideologischen Wechselbäder nicht verkraftet. Die Idee dieses Romans ist zugleich seine Stärke und Schwäche, führt Schmid aus: die Überlebensstrategien der Bevölkerung im Sozialismus würden auf amüsante Weise treffend beschrieben: Der ganze Roman sei von jenem süß-säuerlichen Zwiebelgeruch durchtränkt, der in Russland alle Lebensbereiche erobert habe und von der völligen Proletarisierung des Landes zeuge. Zugleich aber, meint Schmid, kommt der Roman mit dieser - zugegeben - bitter-amüsanten Geschichte hoffnungslos zu spät. Wen könne denn heute noch eine Abrechnung mit dem Stalinismus vom Hocker reißen? Da helfe es auch nicht, dass sich der Autor bemüht hat, die Geschichte bis in die postsozialistische Ära zu führen. Zumal ihm für diese Zeit nichts anderes als rivalisierende Mafiagruppen einfallen, die alle Hauptfiguren des Romans aus dem Weg Räumen, kritisiert Schmid. Dennoch: Rühmen müsse man diesen Roman. Er hat endlich den Russen in Sachen Vergangenheitsbewältigung den Humor zurückgegeben hat, erklärt Schmid. Bis dahin habe immer nur der hohe Ton der Anklage à la Solschenizyn Anklang gefunden.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 15.03.2002

Sonja Margolina ist einfach hingerissen von diesem Buch. Das liegt weniger an den "aberwitzigen Verstickungen seiner kleinen Helden", die Autor Wladimir Woinowitsch "handwerklich sicher zusammenfügt" habe, sondern vielmehr an der "entfesselten" Sprache, die der Autor nur mit Mühe kontrollieren könne. Äußerst gelungen findet die Rezensentin auch Alfred Franks "wunderbare" Übersetzung der "virtuosen Verschmelzung von Parteichinesisch mit den Umgangs- und Regionalsprachen", während andere Sprachebenen Woinowitschs allerdings nur von Russen erfasst werden könnten und bei diesen ein "glückliches Authentizitätsgefühl" hervorrufen, wie sie schreibt. Woinowitsch kehrte nach seiner Ausbürgerung und Jahren im Münchener Exil Anfang der 90er Jahre nach Moskau zurück, wo er 2001 für den vorliegenden Roman den einst als "Stalinpreis" verrufenen 'Staatspreis für Literatur' erhielt, informiert die Rezensentin. Da es sich bei der Heldin des Romans um eine brutale "Betonstalinistin" handele, sei die Preisverleihung nicht ohne Ironie, die dem Autor gefallen haben muss, vermutet Margolina. Denn Woinowitsch habe mit seinem Roman nichts geringeres versucht als den 'Kurzen Lehrgang der Sowjetgeschichte', das "berüchtigte Standardwerk des Hochstalinismus", ironisch verfremdet fortzuschreiben. Was ihm wohl auch gelungen ist. Allerdings lehrt er nach Auskunft der Rezensentin keinesfalls das Siegen, sondern führt dem Leser die "aberwitzige Kontinuität des russischen Lebens" vor Augen.
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