Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.09.2002. "Murx"! "Dreist!" "Ein Debakel!" - die Feuilletons sind sich einig: Der Verwaltungsrat des Zürcher Schauspielhauses hätte Christoph Marthaler besser nicht entlassen sollen. Außerdem verteidigt Naomi Klein in der SZ den amerikanischen Präsidenten. Und die FAZ ist ergriffen von Helmut Lachenmanns "Mädchen mit den Schwefelhölzern".

FAZ, 02.09.2002

Gerade war das Zürcher Schauspielhaus zum Theater des Jahres gewählt worden, da beschließt der Verwaltungsrat, den Schauspielchef Christoph Marthaler zu entlassen. Gerhard Stadelmaier ist entsetzt: "Vor kurzem noch lag halb Festival-Europa den Müllersburschen zu Füßen, die in Marthalers 'Schöner Müllerin' und in Anna Viebrocks Wunderraum eines 'Hotels Angst' sich in einem riesigen Bett ängstlich drängten oder zu Dutzenden in Luken krochen, während sie Schubert sangen: 'Ich möcht' so gern in die Welt hinaus!' - aber natürlich zu Hause klebenblieben. Jetzt bekommen sie vom Verwaltungsrat einen Tritt in den Müllersburschenhintern. So schmeißt man sie nun in die Welt hinaus. Dabei bildeten 'Müllerin', 'Marthaler', 'Zürich' einen der schönsten Dreiklänge der vergangenen Saison. Nirgendwann wurde 'Zürich' von Resteuropa so zärtlich, so schwärmerisch, so selig-kunstvoll, so unmaterialistisch, so unschnöde, so banken- und versicherungslos auf der Zunge gewendet wie in Zusammenhang mit Marthaler und Schubert..."

Eleonore Büning hat in Salzburg die konzertante Aufführung von Helmut Lachenmanns Oper "Das Mädchen mit den Schwefelhözern" unter Sylvain Cambreling gehört und ist ergriffen: "Wie ein Monumentalgemälde entfaltet sich die Parabel vom armen Menschlein (Andersens frierendem Kind alias der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin), welches zugrunde geht an der Kälte einer satten Bürgergesellschaft sowie an den eigenen selbstentfachten Illusionen. Die Strahlkraft der Lachenmannschen Klangsprache scheint dabei, wie das bei gelungener Kunst wohl öfter der Fall ist, immer wieder andere Seiten zu beleuchten: Dieses 'Mädchen' hat so vielfach durchgearbeitete Strukturen, dass man es, je öfter man es hört, jedes Mal wieder anders und neu erfährt."

Weitere Artikel: Wolfgang Sandner schreibt zum Tod von Lionel Hampton. Joseph Hanimann berichtet über die Lage der "Sans papier" in Frankreich, die jetzt durch die Besetzung der Kathedrale mit den Königsgräbern in Saint Denis auf sich aufmerksam machen. Andreas Rossmann berichtet über das Spektakel "Deutschland deine Lieder", mit dem Gerard Mortier auf der Zeche Zollverein die Ruhrtriennale eröffnete. Dirk Schümer bespricht in seiner Kolumne aus Venedig die Filme "The Magdalene Sisters" und "Führer Ex" (siehe auch die Perlentaucher-Kolumne, die heute unter anderem schon Film von Andrej Kontschalowski in Augenschein nimmt).

Auf der letzten Seite liefert Florian Borchmeyer Impressionen von der Loveparade in Tel Aviv, an der 300.000 Technofreaks teilgenommen haben sollen. Felicitas von Lovenberg stellt Uwe Timm, den neuen Stadtschreiber von Bergen-Enkheim vor. Und Verena Lueken meldet, dass Hollywood alle Scham ablegt und mehrere Filme zum 11. September vorbereitet (dazu gehört ein Film von Roland Emmerich, der den 11. September in eine Fortsetzung von "Independence Day" einbauen will). Auf der Medienseite porträtiert Frank Kaspar die beiden SFB-Reporter Markus Weller und Chris Humbs, die Stoiber in seinem Wahlkampf auf Schritt und Tritt begleiteten.

Besprochen werden eine Ausstellung über Einar Schleef im Schloss Neuhardenberg, eine Ausstellung mit "Frauen-Bildern" der DDR-Kunst in Frankfurt an der Oder und ein Münchener Großkonzert zum zwanzigjährigen Jubiläum der Schallplattenfirma Virgin.

NZZ, 02.09.2002

"Ein Debakel", das findet auch Barbara Villiger-Heilig, ist die vorzeitige Entlassung Christopher Marthalers aus seinem Fünfjahresvertrag am Zürcher Schauspielhaus. Zwar steht sie Marthaler nicht kritiklos gegenüber, aber insgesamt zieht sie doch eine sehr positive Bilanz seines Neuanfangs. Und nun fürchtet sie "üble Konsequenzen": " Wer.. wird sich bereit erklären, die Leitung eines Theaters zu übernehmen, dessen Verwaltungsrat einen nicht unbedeutenden Künstler Hals über Kopf verabschiedete, ohne dass dadurch die gewichtigen Strukturprobleme (mangelhafte Auslastung der Bühnen, insbesondere des Pfauen) gelöst worden wären? Der nächste Kandidat, die nächste Kandidatin muss sich nicht nur aufs finanzielle Glatteis begeben wollen. Er oder sie hat auch mit einer Art von Solidarität zu rechnen: Denn wieso sollten jene künstlerischen Kräfte, die den internationalen Bekanntheitsgrad des Schauspielhauses unter Marthaler beförderten, dem Haus einfach erhalten bleiben? Viel Glück bei der Suche." Ein zweiter Artikel fasst die "heftige Kritik am Verwaltungsrat" zusammen.. Ferner hier ein Kommentar aus der NZZ am Sonntag.

Weitere Artikel: Renate Klett schickt einen langen Hintergrundbericht über Sommerfestivals in Norwegen. Nick Liebmann schreibt zum Tod von Lionel Hampton. Roman Bucheli resümiert die "Nacht der Literatur" bei der Expo 02. Dorothea Dieckmann schickt Eindrücke vom Erlanger Poetenfest. Timo Günther gratuliert dem Altphilologen William M. Calder III. zum Siebzigsten. Besprochen werden weiterhin die Ausstellung "Die Hand des Architekten" in Berlin und zwei Reiseberichte über den Kaukasus und Sibirien (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).
Stichwörter: Berlin, Expo, Expo 02, Glück, Norwegen

TAZ, 02.09.2002

Detlev Kuhlbrodt hat in London den Rave gesucht und in einem Industriegebiet, das ihn an den Stadtrand von Bangkok erinnert, gespenstische Überreste der legendären Untergrund-Parties gefunden: "Die Musik war immer wilder und großartiger geworden. Michael fragte, ob ich verstehen würde, was der da sagt, der in der Musik sprach, die irgendwo zwischen Goa mit den üblichen Crescendos und Punk lag. Die Texte waren aggressiv und apokalyptisch: "Destruction, destruction!" Als ich verstand, konnte ich nicht mehr tanzen. Auf einer Leinwand im Chilloutraum kämpfte der Soldat Ryan. Dann gingen wir, das Gelände erforschen. Hinter den Hallen lagen andere Hallen, leere Hallen. Wasser tropfte irgendwo, und die Musik entfernte sich, während wir gingen. Manchmal stand einer in einer Ecke und pisste; manchmal lag einer auf dem Boden und hatte sich verloren in seinem Rausch. Man meinte, die Maschinen, die früher hier gestanden hatten, von fernher noch zu hören. Irgendwo hatten sich Leute etwas wohnungsmäßig eingerichtet und schauten uns von einer Empore zu, wie wir da gingen. Die Dinge wurden spooky."

Aus Venedig berichtet Cristina Nord von Winfried Bonengels Film über Ostberliner Neonazis "Führer Ex". In der Rubrik "personal der wahl" knöpft sich Dirk Knipphals den Parteisoldaten Peter Struck vor. Maxi Sickert liefert den Nachruf auf den Vibraphonisten und letzten großen Star des Swing, Lionel Hampton.

Und Tom.
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FR, 02.09.2002

Eijeijei. Daniel Kothenschulte scheint das bisherige Kinoprogramm in Venedig nicht besonders gefallen zu haben. Er schickt aus Venedig einen ziemlich geharnischten Kommentar zu dem obszönen Kitsch unter dem Etikett des Sozialdramas, der ihm da zugemutet wurde: "Der gute alte Holzhammer ist nichts gegen das Gepolter jener pseudopolitischen, von vorgeblichem Engagement getragenen Statementfilme dieses Festivals, die nichts zu sagen haben, dies aber möglichst laut tun." Die Filme "The Magdalene Sisters" oder " Lilja 4-Ever" zum Beispiel hält Kothenschulte für stellenweise obszöner, als es das Pornokino je sein könnte: Denn "der Pornofilm kennt keine Moral; das neue Genre Gequälte Frauen im Art House Kino beutet hingegen den berechtigten Zorn über gesellschaftliches Unrecht aus, um den größtmöglichen emotionalen Output zu erzielen. Festivals gehen dieser neuen Konjunktur alter Männerfantasien vom Frauenleid derzeit reihenweise auf den Leim."

Michael Rieth schreibt den Nachruf auf den großen Vibrafonisten Lionel Hampton. Times mager kommentiert sich dem Rausschmiss Christoph Marthalers.

Besprochen werden: Matthias Hartmanns Inszenierung von Ostermeiers "Deutschland, Deine Lieder" bei der Ruhrtriennale und Politische Bücher: Till Bastians Streitschrift "55 Gründe, mit den USA nicht solidarisch zu sein - und schon gar nicht bedingungslos" sowie Julia Lossaus Versuch einer neuen Geografie "Die Politik der Verortung" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 02.09.2002

Naomi Klein ("No Logo") nimmt George Bush in Schutz! Ihrer Ansicht nach wird der UN-Gipfel in Johannesburg nicht an der Verweigerung der amerikanischen Politik scheitern, sondern an sich selbst. "Als der Kanadier Maurice Strong vor zehn Jahren zum Vorsitzenden der Rio-Konferenz berufen wurde, hatte er die Vision von einer Versammlung, die alle Anteilseigner zusammenbringt - nicht nur Regierungen, sondern auch nichtstaatliche Organisationen und multinationale Konzerne. Strongs Vision erlaubte es der Zivilgesellschaft, sich stärker zu beteiligen als bei irgendeiner UN-Konferenz zuvor. Zugleich führte sie zu einer nie dagewesenen finanziellen Unterstützung seitens der Konzerne. Doch dafür war ein Preis zu bezahlen. Die Konzerne kamen mit klaren Bedingungen nach Rio: Sie würden ökologisch sinnvolle Verfahrensweisen übernehmen, aber nur freiwillig. Mit anderen Worten: Als der Business-Sektor sich in Rio mit an den Tisch setzte, war unmittelbare Geschäftsregulierung kein Thema mehr. In Johannesburg sind diese 'Partnerschaften' zu einer Parodie geworden. Das Konferenzzentrum ist voll gepackt mit Ausstellungsexemplaren 'sauberer' BMW-Autos und Werbetafeln einer Diamanten-Firma, die verkünden: 'Water is For ever'. Der Hauptsponsor des Gipfels ist Eskom, Südafrikas demnächst zu privatisierender Energiekonzern."

"So viel Dreistigkeit war selten im Kulturbetrieb", empört sich C. Bernd Sucher über Christoph Marthalers Entlassung als Intendant des Zürcher Schauspielhauses. "Was - oder wer - ist in die Damen und Herren Theaterverwalter gefahren? Der Teufel? Der Dibbuk? Geisteswirrnis? Wir werden es nicht herausfinden. Sicher ist momentan - nach dem wochenendlichen Schock - nur eines: Die Kündiger können trefflich Zahlen lesen, künstlerische Qualität indes weder erkennen noch anerkennen. Sie sehen, was sich zählen lässt - durchschnittlich 120.000 Zuschauer in der zweiten Marthaler-Saison, statt wie zuvor 170.000. Doch sie sind blind für alles, was sich auf dieser Bühne ereignete und allabendlich ereignet. Sie ohrfeigen Marthaler, den Theater-Erneuerer, und schlagen, unverfroren keck, ein Ensemble, das zu den besten Europas zählt."

Weitere Artikel: Aus Venedig berichtet Rainer Gansera über Filme von Sam Mendes, Tonie Marshall und Winfried Bonengel. Andrian Kreye hat sich den Lieblingssport des White Trash angesehen, das Demolition Derby auf Long Island (mehr hier), bei dem ein bis zwei Dutzend schwerer Straßenkreuzer so lange ineinander fahren, bis sich nur noch einer aus eigener Motorkraft bewegen kann. Aus Rom meldet Henning Klüver, bisher stünden keinerlei italienische Kulturgüter zum Verkauf. Der Direktor des Berliner Maecenata Instituts Rupert Graf Strachwitz kritisiert die gestern in Kraft getretene Reform des Stiftungsrechts als halbherzig und zaghaft: Weitestgehend auf der Strecke geblieben sei zum Beispiel die Forderung nach mehr Transparenz. Zum Tode des legendären Vibraphonisten Lionel Hampton schreibt Thomas Steinfeld eine Hymne auf das "Instrument für den Himmel auf den Erden". Fritz Göttler liefert einen Nachruf auf den großen Filmproduzenten Horst Wendlandt, dem wir die Edgar-Wallace- und Karl-May-, aber auch einige Fassbinder-Filme verdanken.

Besprochen werden: ein Varese-Konzert der Münchner Philharmoniker (die laut Harald Eggebrecht besser spielten, als es ihnen James Levine abverlangte), Matthias Hartmanns Inszenierung "Deutschland, deine Lieder" nach einem Monolog von Albert Ostermaier auf der Ruhrtriennale, die Handke-Bearbeitung "Virus of Ohad Naharin" der Batsheva Dance Company, die Salzburger Aufführung von Helmut Lachenmanns Musikdrama "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern", Pan Nalins Himalayafilm "Samsara - Geist und Leidenschaft".

Und Bücher, darunter John Prados Terrorismus-Studie " America confronts terrorism. Understanding the danger and how to think about it" und eine umstrittene (englische) Ausgabe der frühen Gedichte Samuel Becketts. Weiter: Theodore Ziolkowskis Band "Berlin. Aufstieg einer Kulturmetropole um 1810", Gunter Hofmanns Anatomie der Bundesrepublik "Abschiede, Anfänge", Jeremy Rifkins Vision von der "H2-Revolution" sowie Alice Munros Erzählungen "Der Traum meiner Mutter" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).