Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.08.2002. Die Zeit und die FR bereiten und auf die Popkomm vor: Dies ist der Sommer der Rezession  und der gefährdeten Privatkopie. Die FAZ unterhält sich mit Martin Doerry, dem Herausgeber des gefeierten Bandes "Mein verwundetes Herz". Außerdem erinnert Ulla Berkewicz in der Zeit an Ignatz Bubis.

Zeit, 15.08.2002

Im Vorfeld der heute beginnenden Popkomm (mehr hier) erinnert Thomas Groß daran, dass es an sich eine Debatte zur Novellierung des Urheberrechts geben sollte, durch die Privatkopien von Musikstücken in den Ruch der Illegalität geraten könnten. Das Bundesjustizministerium, das einen Regierungsentwurf ins Netz stellt, "scheint bis zum Ausgang der Wahlen auf jegliche Erregung von Aufmerksamkeit verzichten zu wollen", schreibt Groß, der auch sagt, worum's geht: "Mit der Festlegung von Grenzverläufen, der Umwandlung zirkulierender Datensätze in individuelle Besitztümer sowie der verbindlichen Fixierung von Straftatbeständen wird für zukünftige Generationen definiert, welche Bereiche der Information frei zugänglich und welche warenförmig sein werden." Groß verweist in seinem Artikel auf eine Homepage, die sich für das Recht auf Privatkopien engagiert.

Jens Jessen kommentiert Marcel Reich-Ranickis polnische Stasi-Vergangenheit gelassen. Mit Blick auf Graham Greene schreibt er: "War es grundsätzlich moralischer, für das Vereinigte Königreich zu spitzeln als für die Volksrepublik Polen, nur weil heute einhelliger Konsens sich breit gemacht hat, den Kommunismus zu verurteilen? Damals gab es diesen Konsens nicht. Damals war in Mitteleuropa jeder Antifaschismus willkommen." (Und besonders die Polen dachten gern an Stalins Pakt mit Hitler zurück.)

Die Autorin (und Vorsitzende der Suhrkamp-Stiftung) Ulla Berkewicz (mehr hier) erinnert zum dritten Todestag an Ignatz Bubis und spielt dabei auch auf Walser-Bubis-Debatte an: "Als dann die, die an die Macht der Wörter glauben, die wissen, wie die Wörter sorgfältig zu wählen sind, Undeutlichkeitswaffen in Anschlag brachten und schließlich die rhetorischen Ambivalenzen in Eindeutigkeiten umschlugen..., da gab er auf, da zog er davon, da hatten wir ihn verloren."

Weiteres: Thomas E. Schmidt plädiert in einem Grundsatzartikel über die deutsche Kulturpolitik für ein Bundeskulturministerium mit eigenem Etat und eigenen Kompetenzen, auch auf dem Feld der auswärtigen Kulturpolitik. Thomas Assheuer ärgert sich über ein von Marcello Dell'Utri formuliertes "Manifest für Kultur" von Silvio Berlusconis Forza Italia, die sich einerseits mit ihre Toleranz brüstet und andererseits alle missliebigen Figuren aus den staatlichen Sendern eliminiert. Peter Kümmel schreibt zum siebzigsten Geburtstag des wunderbaren Zeichners Sempe. Elisabeth Bronfen fragt in einem Artikel zum hundertsten Geburtstag Leni Riefenstahls (nächste Woche ist es so weit), ob die Regisseurin nicht ein "ideales Holocaust-Mahnmal" abgibt.

Besprechungen gelten Michael Manns Boxerfilm "Ali" (mehr hier), den Diedrich Diedrichsen unpolitisch findet, dem Weimarer Kunstfest (mehr hier) und der Salzburger "Turandot".

Aufmacher des sommerlich dünnen Literaturteils ist eine Hommage Rolf Vollmanns auf den heute fast vergessenen Dichter Friedrich Rückert.

Im Politikteil finden wir einen Essay des 27-jährigen Gesellschaftstheoretikers Jedediah Purdy (mehr hier und hier) über die Gewalt in der amerikanischen Gesellschaft. Im Dossier kritisiert Michael Ignatieff (mehr hier) die amerikanische Afghanistan-Politik.

FAZ, 15.08.2002

Vor einigen Tagen ist "Mein verwundetes Herz" erschienen und stieß sofort auf ergriffene Kritiken. Der Band erzählt die Geschichte der Lilli Jahn, die in Auschwitz ermordet wurde, in Briefen der Familie. Felicitas von Lovenberg unterhält sich mit Martin Doerry, Enkel Jahns, der den Band herausgab. Die Geschichte war in seiner Familie verdrängt, erzählt er: "Ich wusste nur, dass meine Großmutter in Auschwitz umgebracht worden ist, und dann gab es immer noch den Satz: Dein Großvater hat sich 1942 von ihr getrennt, dadurch war sie den Nazis ausgeliefert. Das war das einzige, was mir meine Mutter erzählt hat, als ich so zehn, zwölf Jahre alt war. Seither habe ich diese Tatsache als Gewissheit mit mir herumgeschleppt - ohne nachzufragen. Allerdings gab es auch von meiner Mutter nie den Versuch, etwas zu erzählen."

Weiteres: Michael Lentz, Ingeborg-Bachmann-Preisträger des vergangenen Jahres, erinnert in einem kleinen Text an den Dichter Jesse Thoor, der einst von Thomas Mann und Franz Werfel geschätzt wurde (hier eine Seite mit Gedichten von Thoor). Dietmar Dath fragt, was es nun mit der These der Klimakatastrophe auf sich hat. Tilman Spreckelsen kündigt den nächsten Fortsetzungsroman an, die Erinnerungen George Taboris. Jordan Mejias gratuliert dem amerikanische Komponisten und Dirigenten Lukas Foss zum Achtzigsten (mehr über Foss hier und hier eine "Lecture"). Niklas Maak stellt den Weltreport des Internationalen Rats für Denkmalpflege Icomos vor, der gestern in Berlin präsentiert wurde. Gerhard Stadelmaier schreibt zum Tod des Schauspielers Hans Falar.

Auf der letzten Seite denkt Georg Imdahl über das "Bataille-Monument" Thomas Hirschhorns für die Documenta nach. Und auf der Medienseite feiert Alexander Bartl den zweitbesten Kulturdienst im Internet: Arts & Letters Daily.

Besprochen werden Jon Fosses Stück "Mädchen auf dem Sofa" in Thomas Ostermeiers Inszenierung für Edinburgh, ein Gastspiel der Merce Cunningham Dance Company im Pariser Palais Royal, eine umfangreiche Ausstellung des Maler Benozzo Gozzoli in Montefalco (mehr hier), eine Ausstellung über den minimalistischen Architekten John Pawson in Valencia (Instituto Valenciano de Arte Moderno), Almut Gettos Film "Fickende Fische" und Joachim Schlömers Tanztheater "The Day I Go To the Body" bei den Salzburger Festspielen.

FR, 15.08.2002

"Dies ist nicht der Sommer der Liebe, dies ist der Sommer der Rezession... ", schreibt Elke Buhr zum Beginn der 14. Musikmesse Popkomm in Köln. "Dies ist der Sommer, in dem niemand mehr Lust und Geld hatte, zur Love Parade zu fahren. Dies ist der Sommer der freigesetzten Dreißigjährigen, wo sich die New-Economy-Opfer vom letzen Jahr mit den Gekündigten aus der Medienbranche und dem Musikbusiness zum Depressions-Chill-out treffen. Und während man sich noch die hämischen Worte vom Ende der Spaßgesellschaft nach dem 11. September aus den Ohren zu putzen versucht, kriecht das vom historischen Rückschlag der Generation X, Golf, Slacker oder wie auch immer hinterrücks wieder hinein, und das Kukident-Grinsen der Generation Aktenzeichen XY triumphiert." (Meine Güte, man könnte fast glauben, die Rezession wäre eine Verschwörung der Sechzigjährigen.)

Rüdiger Wischenbart erklärt uns, dass die Kulturkonzerne die digitale Revolution auch nach der Abberufung ihrer Wortführer weiter vorantreiben. Zwar sei mit der Betriebsübernahme durch die alten Haudegen, Controller und Vertriebsprofis Schluss mit den Buntheiten der New Economy. Aber mit dem Ende der Internet- und Digitalisierungsrevolution sollte man diese Vorgänge nicht verwechseln. "In den neuen Konzerne, abgespeckt und gesundgeschrumpft, wird die Digitalisierung der Inhalte mehr denn je mit einer Digitalisierung der Administration einhergehen.... Jetzt werden die Macht- und die Marktverhältnisse geregelt. Das Zeitalter der neuen Medien hat eben erst begonnen."

Weitere Artikel: Franziska Meier wehrt sich gegen in der FAZ (7.8. u. 10.8.) formulierte Tendenzen, Papst Pius XII. zu rehabilitieren. Guido Fischer berichtet vom 20. Internationalen Barockmusik-Festival in Beaune. Außerdem wird gemeldet, dass die frisch renovierte deutsche Buchhandlung in Prag, Geheimtipp für Literaturfreunde, in den Fluten der Moldau versunken ist.

Besprochen werden: Oskaras Korsunovas (mehr hier) Inszenierung von Sophokles' "Ödipus" bei den Salzburger Festspielen, Christian Freis Dokumentafilm über den Kriegsfotografen James Nachtwey "War Photographer", Steven Brills Remake des Klassikers "Mr. Deeds geht in die Stadt", die Ausstellung "Die Masken der Schönheit" in der Hamburger Kunsthalle und Bücher, darunter die Aufzeichnungen der ebenso bedeutenden wie unbekannten österreichischen Dichterin Christine Lavant (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau).
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TAZ, 15.08.2002

Barbara Schweizerhof hat Almut Gettos Erste-Liebe-Komödie "Fickende Fische" gesehen: "Auf der Dialogebene verbraucht sich der Witz um die Frage, wie Fische es eigentlich treiben, ziemlich schnell. Doch in den fortgesetzten Sequenzen unter Wasser und der verlangsamten Begegnung von farbigen Wesen darin findet der Film zu einer visuellen Verdichtung, in der sich alles entdecken lässt, was den komischen Gefühlsknäuel der ersten nachhaltigen Verstörung im Leben so ausmacht: Angst und Hingabe, Schwerelosigkeit und Bedrängnis, Freiheit und Gebundensein."

Weitere Artikel: Jan Distelmeyer hat Will Smith als Michael Manns "Ali" gesehen und findet, der Film "hätte seinen mäandernden Glanz noch wesentlich länger ausbreiten müssen" als 159 Minuten. Von Harald Peters erfahren wir, dass Ellory Elkayems Monsterspinnenfilm "Arac Attack" in den USA unter dem Titel "Eight Legged Freaks" lief. "Denn es begab sich, dass die Studiobosse aufgrund jüngster politischer Entwicklungen befürchteten, der Originaltitel des Spinnenkriegs könne mit einer ganz anderen Auseinandersetzung verwechselt werden: Iraq Attack. So nah ist Hollywood manchmal an der Wirklichkeit." Andreas Merkel hat den Musiker Andreas Dorau (mehr hier) interviewt, der für die Popkomm eine Sammlung der besten Musikclips editiert hat, aus der heute die drei Besten prämiert werden. Und Daniel Bax fühlte sich nach der Lektüre des Popkomm Jahrbuchs müde, beduselt, und der Kopf dröhnte ihm vom vielen Blabla (mehr ab 14.00 Uhr in der Bücherschau des Tages).

Schließlich Tom.

NZZ, 15.08.2002

Reines Rezensionsfeuilleton heute in der NZZ: Besprochen werden "The Rising", das patriotische neue Album von Bruce Springsteen (mehr hier), und eine Menge Bücher, darunter der neue Roman "Unauslöschlich" von Akira Yoshimura, ein Band voll Interviews mit französischen Comicautoren (auf französisch), eine Studie über "Robert Walsers Mikrogramme" und eine über den "Blitzkrieg gegen den Krebs" im Dritten Reich (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

In einer einsamen Meldung teilt uns Franz Straub schließlich mit, dass die Zukunft des Basler Literaturhauses zumindest bis 2007 gesichert ist.

SZ, 15.08.2002

Keine Zeitung heute in Bayern. Es ist Feiertag.