Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.08.2002. Die FAZ reagiert zum ersten Mal auf die Berichte über Marcel Reich-Ranickis Vergangenheit im polnischen Geheimdienst. Außerdem plädiert sie gegen einen EU-Beitritt der Türkei. Die FR schimpft auf V.S. Naipaul, die SZ auf Medienkunst. Die taz meditiert über Kunst und Politik im Garten des Kanzleramts.

FAZ, 14.08.2002

Die FAZ kommentiert erstmals die Berichte der Welt über neue Details zu Marcel Reich-Ranickis Vergangenheit im polnischen Geheimdienst. "Ungeheuerlich" findet "igl" vor allem einen Artikel von Andreas Breitenstein in der gestrigen NZZ, der gesagt hatte: Wenn Reich-Ranicki "an frühen Verbrechen des kommunistischen Regimes Volkspolens auch nicht selber mitwirkte, so dürfte er sie doch aus beträchtlicher Nähe miterlebt haben". Diese Frage, so "igl", hätte Reich-Ranicki nach 1945 auch jedem Deutschen stellen können. Wollen wir Zürich eingemeinden?

Lorenz Jäger plädiert gegen einen EU-Beitritt der Türkei: "Wer Sibelius hört oder Puccini, der weiß, wie weit Europa reicht. Er hört die Grenze - auch wenn er sie intellektuell nicht wahrhaben will. Auf keiner der möglichen kulturellen Karten Europas ist die Türkei zu finden. Sollte sie dennoch beitreten, wird die Europäische Union an Legitimität und Anerkennung so dramatisch verlieren, dass dagegen die jetzige Euro-Skepsis wie ein Kinderspiel anmuten wird."

Der Wissenssoziologe Nico Stehr und der Klimaforscher Hans von Storch scheinen nicht recht an die Klimakatastrophe zuglauben. Früher gab es sogar mehr Wetterrekorde, behaupten sie: "Es ist für den Menschen aber anscheinend nicht nur psychologisch, sondern auch kollektiv sehr viel tröstlicher, wenn man einem unangenehmen Ereignis eine bestimmte Kausalität zurechnen und damit für das Auftreten des Ereignisses einen Verantwortlichen ausmachen kann, sei es Gott, eine Verschwörung, die unergründliche Natur oder den Menschen als Auslöser der Klimaveränderung."

Weiteres: Kerstin Holm stellt "Eis" vor, das neueste, bisher nur in russisch erschienene Buch von Wladimir Sorokin, und sie vermutet dass die von den Putin-nahen Streben des "Gemeinsamen Wegs" vorgebrachten Pornografie-Klagen gegen den Autor sich nicht an der Sexualität in seinen Werken stören, sondern daran dass in seinem vorigen Roman "Der himmelblaue Speck" Stalin und Chruschtschow miteinander kopulieren - also zwei Respektspersonen. Laut Eva Menasse sorgte die Wetterlage für unerwartete Dramatik bei den Salzburger Festspielen: "Am frühen Nachmittag greift die Salzach mit hungrigen Wellen nach den Zuschauern, die kreischend zurückspringen." Timo John stellt das Projekt eines Stuttgarter Trump Towers vor, das von den Architekten Schweger und Partner realisiert werden soll. Zhou Derong schildert den prekären Gesundheitszustand des 98-jährigen chinesischen Schriftstellers Ba Jin.

Auf der letzten Seite schreibt Monika Osberghaus ein kleines Porträt über Renate Zylla, die Leiterin der Berliner Kinderfilmfests, die gestern überraschend von ihrem Posten zurücktrat. Torsten Gass-Bolm erinnert an den heute fast vergessenen, einst aber leidenschaftlich geführten Kampf um die Abschaffung der körperlichen Züchtigung in den Schulen vor etwa vierzig Jahren. Und Regina Mönch schildert eine verregnete Zeremonie zum Angedenken an den Mauerbau in der Bernauer Straße. Auf der Stilseite untersucht Andreas Rosenfelder verschiedene Wahlkampf-Homepages. Auf der Medienseite feiert Freddy Langer die "Tatort"-Schauspielerin Roswitha Szyszkowitz. Während Michael Seewald eher von der Schauspielerin Aglaia Szyszkowitz schwärmt.

Besprochen werden eine Ausstellung niederländischer Malerei (allererster Qualität) aus Bostoner Sammlungen im dortigen Museum of Fine Arts, Michael Manns Boxerfilm "Ali" (mehr hier), eine Kasseler Ausstellung über Pflanzen in der Bibel, eine Ausstellung mit den Ernst-Bloch-Porträts von Stefan Moses in Leipzig. Und unter den Buchbesprechungen fällt heute eine ungewohnte Weltoffenheit auf. Florian Borchmeyer stellt den "Diccionario Grafico de la ciudad de Mexico" vor, "eine monumentale, fast 1600 Seiten und 2000 Fotos umfassende Enzyklopädie des Molochs" mit seinen gut 20 Millionen Einwohnern. Und Jürgen Dollase feiert ein Buch des inzwischen wohl berühmtesten französischen Kochs, Michel Bras: "Laguiole. Aubrac. France". (Bras präsentiert auf seiner Homepage übrigens auch Rezepte für ein gekochtes Ei.)

TAZ, 14.08.2002

Betrachtungen an einem Sonntagvormittag im Kanzleramt. Das wollen wir lesen! Jörg Magenau guckt Staatsdichter, Staatstänzer, "Kanzleramtsgartenkunst" eben. Ein bisschen nervig, meint er, aber nicht wirklich schmerzhaft, im Gegensatz zu früher: "In den übersichtlichen Zeiten der Bonner Republik, waren Politik und Kultur zwei voneinander getrennte Sphären: hier der Ernst des politischen Geschäfts und die Würde staatlicher Repräsentation, dort die kompromisslosen Unversöhnlichkeiten kritischer Intellektueller und die spielerischen Versuche der Avantgarde, das Unmögliche zu erproben. Erst die Unabhängigkeit der naturgemäß gesellschaftskritischen Intellektuellen machte ihre Unterstützung im Wahlkampf so wertvoll. Ohne diese entgegengesetzte Autonomie mutiert das Gespräch zur Plauderei." Beziehungsweise zur höfischen Kultur: "Die Kunst übernimmt das Geschäft des Narren, der dem Fürsten die Wirklichkeit beschreibt und dabei so tut, als mache er nur einen Scherz. Der Fürst vergnügt sich sehr und geht anschließend zum Büfett."

Außerdem hat sich Andreas Busche die Skatepunk-Memories "Dogtown & Z-Boys" von Stacy Peralta (mehr hier) angesehen, Gerrit Bartels bespricht "kurz" Bücher zu den Themen Pop (Giles Smith: "Lost in Music. Eine Pop-Odyssee"), Rock (Navid Kermani: "Das Buch der von Neil Young Getöteten") und Erotik (Charles Simmons: "Das Venus-Spiel"), und Andreas Becker fühlt sich nach einem Alanis-Morissette-Konzert in der Berliner Arena irgendwie strapaziert. Kann man verstehen.

Schließlich Tom.

FR, 14.08.2002

Adam Olschewski war dabei, als V.S. Naipaul das Münchner Literaturhaus für ganze 15 Minuten in einen Ort der Ehrfurcht verwandelte: "Ein Nobelpreisträger wurde also hier mal eben ausgestellt; dem Erben Petri im Papamobil nicht ungleich, der kurz winkt, segnet und wieder fortfährt, um in einer anderen Ecke dieser Welt zu winken und zu segnen im Auftrag einer höheren Macht oder der Schwedischen Akademie. Warum auch anders, offenbar reicht das inzwischen. Man hat ihn immerhin - mit diesen Augen hier - gesehen, könnte den Nachkommen von ihm tagein, tagaus am Kachelofen erzählen..." Die FR hat wohl kein Interview gekriegt?

John Torpey, Professor für Soziologie und European Studies an der Universität von British Columbia, berichtet von den Konflikten verschiedener afroamerikanischer Interessengruppen im Streit um Entschädigungsansprüche, mit denen Schwarze in den USA eine Wiedergutmachung für 300 Jahre Sklaverei und Rassentrennung fordern. Ursache für die "neue Reparationsbewegung" sei die selbst bei den erfolgreichsten Schwarzen weitverbreitete Enttäuschung, dass es in den USA in Sachen Rassengleichheit zu einem Stillstand gekommen sei. "Erste Anzeichen lassen ein Bündnis von schwarzen Eliten und dem organisierten schwarzen Nationalismus unter dem Banner der Reparations-Forderung erkennen."

Thomas Roser berichtet von den eher verhaltenen Reaktionen der polnischen Presse auf die von der Welt lancierte Meldung über Marcel Reich-Ranickis prominente Rolle beim polnischen Geheimdienst 1944-1950, Times mager erzählt Mitreißendes zum Thema Hochwasser, Rüdiger Suchsland annonciert den heutigen Start des 16. Fantasy-Filmfests in Berlin und Hamburg, bei den Salzburger Festspielen hat Anton Thuswaldner Robert Gernhardt reimen hören (nicht allzu gerne offenbar), und Hans-Klaus Jungheinrich begleitet das spanische Jugendorchester auf seiner Mitteleuropatournee ins offenbar weltbekannte nordhessische Merxhausen.

Eine einsame Besprechung schließlich widmet sich Michael Manns Film-Porträt "Ali".
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NZZ, 14.08.2002

Mit den europäischen !Avantgarden! von 1910 bis 1930 befasst sich eine gleichnamige Ausstellung im Münchner Haus der Kunst. Durchwegs gelungen, stellenweise sogar spektakulär, findet Birgit Sonna: "Die Rekonstruktionsbauten kulminieren schließlich in einem aus dem sozialistischen Agit- Prop-Geist der Zeit ersonnenen Medienturm von Istvan Sebök. Als eine Art Open-Air-Kino sollte das mit drei Filmprojektionsflächen, von außen bedienbarem Schaltpult und Rednerplateau versehene Eisenkonstrukt den starren Denkmaltypus aufbrechen. Der 1930 im Wettbewerb um ein Denkmal für einen ukrainischen Nationaldichter eingereichte Entwurf wurde allerdings nie realisiert."

Aus dem überfluteten Salzburg meldet sich Peter Hagmann trotz allem pflichtschuldigst von den (hoffentlich nicht letzten) Festspielen, während der Kollege Martin Meyer über die "gelbbraunen Wogen" der Salzach sinniert.

Ansonsten bleibt der NZZ-Redakteur bei Dauerregen lieber im Trockenen und liest Bücher, etwa die schönen "Istorgias/Geschichten", von Jon Nuotcla selbst zweisprachig in vallader und deutsch verfasst, oder das schräge Barcelona-Portrait "Niemand im Damensalon" von Eduardo Mendoza, und natürlich noch einige Bücher mehr (in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).
Stichwörter: Barcelona

SZ, 14.08.2002

Walter Grasskamp (mehr hier) theoretisiert über die Medienfront aus Videovorführkabinen in Museen und auf Kunstmessen: "Etagenweise laufen nebeneinander Videofilme und Medienprojektionen nach Maßgabe ihrer verschiedenen Spiellängen und damit im Zustand einer vollendeten Entropie. Aus den offenen Kojen ergibt sich eine akustische Überlagerung, so dass der Besuch zum Wandelgang durch Geräuschzonen mit wechselnden Quellen wird, eine postmoderne Folterversion des Hörspiels." Mit der der Besucher inzwischen allerdings ganz gut klarkommt: "Er ist längst nicht mehr der auftrumpfende Bourgeois, den die Avantgarde einst als Kunde umwarb, indem sie ihn als Betrachter düpierte, sondern Teilnehmer einer Invasion der Bilderfresser und Repräsentant des Massenfeudalismus der Konsumgesellschaft, in der jeder mehr sehen will, als er behalten, und mehr Angebote erhalten will, als er nutzen kann."

Zum Popkomm-Start bringt die SZ ein Gespräch mit dem Elektropop-Pionier Dave Ball von Soft Cell, die gerade ein Comeback haben, über den Glanz der achtziger Jahre. Soo glänzend waren die allerdings gar nicht. Da gab es den "Thatcher-Yuppie-Lifestyle", auf den die Gruppe mit einem liebevollen Blick auf die "ganz einfachen Leute" reagierte, und andere furchtbare Dinge: "Die mittleren Achtziger waren schlimm, die Schulterpolster und diese ganze überproduzierte Musik. Danach wurde es wieder aufregend mit House und Techno. Da kam der Soul zurück in die Musik. Es ist bei jedem Jahrzehnt so, dass der Anfang interessant ist und dann wieder das Ende."

Aus aktuellem Anlass vergleicht Volker Breidecker Sommerstürme von China bis Paris, Ira Mazzoni informiert über den gerade erschienenen Report "Heritage at Risk" über das allseits bedrohte Weltkulturerbe, Ijoma Mangold stellt den allen Krisenlamentos zum Trotz soeben gegründeten mare buchverlag vor. Andrian Kreye berichtet von einem US-Völkerrechtler, der sein Land wegen der Erderwärmung verklagen will, "sus" staunt über "deutsche Filme als Exportschlager", Fritz Göttler hat in Locarno einer großen Retrospektive des US-Regisseurs Allan Dwan beigewohnt, und Alex Rühle hat den Standard-Urlaub satt und macht sich auf zum Selbstversuch: Von München-Sendling bis nach Bozen - getrampt.

Besprochen werden Michael Manns "Ali"-Film, Almut Gettos Kinofilm "Fickende Fische", Konzerte mit James Levine, dem Orchester der New Yorker Metropolitan Opera und Alfred Brendel bei den Salzburger Festspielen, Thea Dorns "Marleni" über die Beziehung der Dietrich zur Riefenstahl, als Hörbuch, ein Buch über die "Ästhetik des Brauchbaren" sowie John Deweys Theorie der Forschung, nunmehr auf Deutsch (siehe auch unsre Bücherschau um 14 Uhr).