Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.08.2002. Die SZ bringt ein Gespräch mit Wladimir Sorokin: "Pornografie ist niemals ein Text." Die taz fragt, ob die Kritik angesichts der schieren Langlebigkeit von Leni Riefenstahl die Waffen streckt. Die FR weint nochmals über den Abgang von Gregor Gysi. Die NZZ bringt zwei Artikel über Karl Kraus. In der FAZ legt Georg Klein eine Erzählung vor.

SZ, 03.08.2002

Die SZ druckt ein Gespräch mit dem Schriftsteller Wladimir Sorokin, der in Russland von der aufstrebenden, kremlnahen Jugendorganisation "Iduschije wmestje" ("Die Zusammen Gehenden") wegen angeblicher Pornografie in einem seiner Romane angeklagt wurde. Sorokin, der sich bisher tapfer zur Wehr setzt, sieht in dem Prozess einen Präzedenzfall, bei dem über "das Innere eines Schriftstellers" zu Gericht gesessen wird. Ein absolutes Unding, wie er findet. "Man kann Literatur nicht juristisch bewerten. Wenn ich zu erklären beginne, warum ich nach 150 Seiten in 'Der Himmelblaue Speck' einen Geschlechtsakt zwischen Chruschtschow und Stalin beschreibe, verwandele ich mich in einen Helden Kafkas. Pornografie ist ein Foto, ein Video, aber niemals ein Text."

Nicht nur in Russland zeigt sich ein neuer Konservatismus. Während die Welt gelähmt auf die Ankunft eines Jahrzehnts der Depression starrt, schreibt Ijoma Mangold dazu, findet gesellschaftlich insgesamt ein Paradigmenwechsel statt: "Nicht mehr Flexibilisierung und Mobilität sind angesagt, sondern Verlässlichkeit, Augenmaß und Bescheidenheit. Gewinnerwartungen werden allerorten zurückgeschraubt, und die Zukunft wird aufgeschoben, weil man erst einmal die Gegenwart wieder auf sichere Füße stellen will." Ein ideologisches Programm aber stecke nicht dahinter. "Der Rückzug ins hergebracht Solide ist ein Konservativismus aus Bedrücktheit, Sorge und Pessimismus. Und auch, wo wieder auf Etikette und Stil geachtet wird, geht es um individuelle Distinktionsgewinne, nicht um die Nation als Einheit der Lebenden und Toten."

Anlässlich des 25. Todestags von Ernst Bloch erzählt der Schriftsteller Peter Stephan Jungk ("Der König von Amerika") von einem Zwiegespräch mit dem Philosophen über romantische Nervenzustände. Schamma Schahadat stellt die Nullnummer der akademischen Zeitschrift "Plurale" vor, die sich den Oberflächen gewidmet ist. Es gibt ein Gespräch mit Morgan Freeman über die Schauspielerei und seinen neuen Film "Der Anschlag". Malte Oberschelp stellt das Electronica-Label "Source Records" aus Heidelberg vor. Antje Weber versichert, dass Random-House-Chef Peter Olson auch ohne Middelhoff klarkommt. Karl Forster porträtiert den Vielflieger, und "alex" schließlich gratuliert Mordillo zum 70.

Besprochen werden Jürgen Flimms "Götterdämmerung" bei den Bayreuther Festspielen, eine Leipziger Ausstellung über Kunst und Kultur der achtziger Jahre in Deutschland, ein Video-Abend mit der Künstlerin Tracey Emin im Londoner Genesis-Kino, Raja Gosnells Film "Scooby Doo", eine von Wolfgang Sawallisch dirigierte Missa Solemnis im Münchner Nationaltheater, ein Suhrkamp-Band über die philosophischen Grundlagen sozialer Gerechtigkeit und Sylvia Szymanskis Roman mit CD "625 km bis nach Berlin" (siehe auch unsere Bücherschau Sonntag um 11).

Die SZ am Wochenende bringt einen Vorabdruck aus V.S. Naipauls neuem Buch "Jenseits des Glaubens. Eine Reise in den anderen Islam", der von einem Besuch auf Teherans Märtyrerfriedhof handelt, sowie ein launiges Interview mit dem Ex-Monty-Python John Cleese, der über das Fernsehen schimpft: "Wenn Sie in mein Alter kommen, möchten Sie jeden Morgen aufwachen und die Sonnenstrahlen durchs Fenster scheinen sehen. Am Abend möchten Sie einschlafen, vom Mond beschienen. Das Fernsehen stört da nur. Im Fernsehen geht es ausschließlich ums Popeln und um Sex. Wenn man sich überlegt: Ich frühstücke gerade."

TAZ, 03.08.2002

Im tazmag staunt Reinhard Krause weniger über den demnächst bei Arte zu sehenden neuen (Unterwasser-)Film der fast 100-jährigen Leni Riefenstahl als darüber, dass "das jahrzehntelang wie betoniert wirkende, an Exerzitien erinnernde Ritual von Faschismusvorwurf auf Kritikerseite und systematisch verweigerter Einsicht in alles, was mit historischer Schuld zu tun hat, auf Seiten der Künstlerin" zu bröckeln beginnt. Hat die Kritik vor der schieren Langlebigkeit der Leni Riefenstahl schlicht die Waffen gestreckt? Zur allgemeinen Verblüffung, meint Krause, und nach den Gesetzen von nachlassendem Druck und damit sich minderndem Gegendruck sendet die für ihre Unbelehrbarkeit Vielgescholtene mittlerweile "homöopathische Dosen von etwas aus, das man als Hauch von Einsicht deuten könnte". So im Vogue-Interview: "Ich habe im Dritten Reich gelebt mit all den grauenhaften Verbrechen. Wir haben ein fürchterliches Erbe hinterlassen. Ich habe etwas abzutragen. Da bleibt Schuld, so kann man es nennen."

Generation Überflüssig? Im Kulturteil parallelisiert Jan Brandt die Krise der Generation Golf mit derjenigen des Jahrgangs 1902, zu dem auch die Schriftsteller Ernst Glaeser und Ernst von Salomon gehörten. Madeleine Bernstorff besucht das bei Magdeburg stattfindende Medienkunst-Festival "Werkleitz-Biennale", das um die Frage nach dem großen allgemeinen Ausgrenzenden kreist. Brigitte Werneburg berichtet von der Entscheidung, mit der Sammlung des früheren Modefotografen F. C. Gundlach in den Hamburger Deichtorhallen ein "Haus der Fotografie" einzurichten (heißt, Berlin guckt wieder mal in die Röhre). Und die Tagesthemen bringen Coolness-Tipps von der Berliner Modemacherin Evelin Brandt: Bloß nicht die Sonnenbrille ins Haar stecken!

Schließlich TOM.

FR, 03.08.2002

Sommerpause in der FR-Kultur. Wer war Gregor Gysi? fragt Rita Kuczynski in einem wehmütigen Beitrag und erklärt den Vielflieger zum politischen Popstar: "In Gysi schien all das vereint zu sein, wonach sich ein ostdeutscher PDS-Wähler sehnte: Klugheit, Witz, Eloquenz und selbst im zwölften Jahr der Deutschen Einheit immer noch Charme und Charisma." Vorbei. Bleibt die Hoffnung, dass Gysi "nach angemessener Pause" eine Talkshow im ARD oder ZDF übernimmt. "Er wäre bestimmt bald der beliebteste Showmaster im Osten und Westen dieser deutschen Republik. Das würde der inneren Einheit behilflich sein können. Denn unterhaltsam ist er nun mal und klug und witzig dazu. Doch was wird mit seinen vielen Wählern ... Vielleicht im Sommerverschlussverkauf schon mal nach einem größeren Fernsehgerät schauen?"

Im Weiteren erzählt Petra Kohse die Geschichte des Medienkunst-Festivals Werkleitz Biennale in Werkleitz bei Tornitz, das heuer zum 5. Mal stattfindet. Bernd Ulrich unternimmt Streifzüge durch die Hamburger Speicherstadt vor ihrer Verwandlung in Disney-City. Hans-Klaus Jungheinrich liefert ein Resümee der ersten Salzburger Festspielwoche. Franz Anton Cramer untersucht den zeitgenössischen Tanz im Zwiespalt zwischen Ausdruck, Bedeutung und reiner Bewegung. In ihrer Kolumne fühlt Renee Zucker unseren politischen Hoffnungsträgern auf den Raffzahn, und in den Literaturszenen schildert David Wagner seine Begegnung mit dem Grünen Heinrich.

Besprechungen widmen sich einer Ausstellung der US-Fotografen Larry Clark, William Eggleston, Lee Freidlander und Garry Winogrand im Essener Folkwang Museum, Mitch Epsteins N.-Y.-Fotobuch "the city", Felix Hartlaubs Kriegsaufzeichnungen und Briefen, Norbert Elias' "Frühschriften"-Band aus den "Gesammelten Schriften" sowie Silvia Szymanskis "652 km nach Berlin" (auch in unserer Bücherschau Sonntag um 11).

Im Magazin-Gespräch schließlich erklärt die senegalesische Modeschöpferin Oumou Sy (mehr hier), woran es bei den europäischen Männern hapert: "Sie kommen mir so vor, als hätten sie Angst, sich zu öffnen. Sie wissen viel, haben viel im Kopf, aber sie wissen nichts über den Körper. Sie sind so verkrampft. Eigentlich sind Farben für alle gut. Auch für Männer. Würden Sie es akzeptieren, wenn Ihr Mann sich in Gelb, Rot, Grün oder Orange anziehen würde? Ich glaube, europäische Frauen hindern die Männer daran, sich zu entfalten, weil sie sagen, das passt nicht zu einem Mann. Sie machen ihm Komplexe." (Och, als ob die dafür Frauen bräuchten!)
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NZZ, 03.08.2002

Ein Nationalmuseum für die Geschichte der Afroamerikaner soll in Washington entstehen, berichtet Andrea Köhler: "Als Ort ist die Mall in Washington vorgesehen, jene repräsentative Meile zwischen dem Washington Monument und dem Capitol, an der auch die Nationalgalerie und das National Museum of American History beheimatet sind. Das geplante Museum soll die 400-jährige Präsenz afrikanischstämmiger Menschen in den USA dokumentieren und von der Konzeption her dem Holocaust-Museum ähnlich sein."

Weiteres: Amalia van Gent stellt das Label Kalan-Müzik vor, das sich, gegen politische Widerstände, um die Vielfalt anatolischer Volksmusik verdient macht. Andreas Maurer blickt auf den Auftakt des Festivals von Locarno zurück. Jörg Huber sammelt Eindrücke vom 17. Internationalen Musikfestival Davos.

Besprechungen gelten dem "offiziellen 1.-August-Theater" von 400asa an der Schweizer Expo, einer Ausstellung über den Humanisten Damião de Gois in der Lissabonner Nationalbibliothek und einigen Büchern, darunter Martin Pollacks Tatsachenroman über den Fall Halsmann (hier eine Leseprobe) und Jochen Schimmangs Roman "Die Murnausche Lücke" (mehr hier).

In Literatur und Kunst legt Emil Maurer einen Essay über die Geschichte der Zentralperspektive in der Malerei, ihre Selbstdeutung und Deutung vor: "In Wirklichkeit ist die Geschichte der Perspektive weder eine Via Triumphalis noch eine Einbahnstraße. Gerade die Großen unter den Malern sieht man da und dort stutzen, an besonderen, verräterischen Stellen."

Zwei Artikel handeln von Karl Kraus. Thomas Honickel erinnert an einen Aufenthalt von Karl Kraus und Sidonie Nadhern im entlegenen Schweizer Bergdorf Tierfehd im Jahr 1915 (als alle anderen Touristen wegen des Kriegs ausblieben): "Alles ist noch so, wie es damals Karl Kraus und seine Geliebte Sidonie Nadhern von Borutin vorgefunden haben müssen, die hier in Begleitung einer Anstandsdame eingetroffen waren. Der langgestreckte freistehende Hotelbau mit seinen heimeligen Holzveranden, die Ahornbäume davor und das mächtige Dreieck des Berges dahinter." Abgedruckt wird auch ein kleines Gedicht von Kraus über Tierfehd. Paul Jandl bespricht zugleich zwei neu herausgebrachte Briefwechsel von Karl Kraus.

In weiteren großen Rezensionen bespricht Hans Albrecht Koch die große Rilke-Biografie von Ralph Freedman. Christiane Zintzen liest Ivan Klimas "Liebesgespräche" (und findet sie verquast). Und Gregor Wedekind feiert Erwin Panofskys, bei Dumont neu herausgebrachte Abhandlung über "Die altniederländische Malerei". (Siehe unsere Bücherschau morgen ab 11 Uhr.)

FAZ, 03.08.2002

Zhou Derong berichtet über ein aufsehenerregendes Pamphlet von 16 chinesischen Intellektuellen, die auf der Adresse des Internetpublizisten Ren Bume Freiheit im Internet einfordern, die von der chinesischen Regierung seit vorgestern eingeschränkt wurde. "Peking hat einen von zwei Jugendlichen angestifteten Brand eines Pekinger Internetcafes vor kurzem als willkommenen Anlass benutzt, um gegen die 'negativen Seiten des Internets' (Jiang Zemin) vorzugehen. Die neue Regelung zum Publizieren im Internet, die am 1. August in Kraft getreten ist, verbietet auf den chinesischen Web-Sites alle Informationen, die 'gegen die Verfassung, Einheit, Souveränität des Landes' gerichtet sind... Das Protestschreiben, in seiner Art das erste in China, wurde inzwischen von Hunderten chinesischer Surfer unterzeichnet."

Georg Klein (mehr hier und hier) legt eine Erzählung vor, die ganz in der Nähe des Kanzleramts spielt: "Am Ufer, im harten Tageslicht, müssen die 'Historical Harmonists' die Lebenden Bilder einstudieren, ohne Kostüm und den Blicken all derer, die zufällig vorbeiströmen, ausgesetzt. Sogar der Kanzler kann sie vom anderen Ufer aus bei ihrer alltäglichen Fron beobachten. Gestern, als er sich, inspiriert von mir, ein Fernglas reichen ließ und das gegenüberliegende Ufer mit geschärftem Blick bestrich, hat er gesehen, was den Männern eingebleut wurde und welch besondere Pein ihnen dabei ins Gesicht geschrieben stand."

Weiteres: Berlin verliert seinen Reiz für kulturelle Vampire, die die Stadt allein unter ästhetizistischen Gesichtspunkten genießen, meint Mark Siemons. Ingolf Kern erlebte einen fröhlichen Gregor Gysi, der bei der Pressekonferenz zu seinem Rücktritt sichtlich befreit wirkte. Jürg Altwegg nimmt für seine französische Zeitschriftenschau die korsischen Verhältnisse in den Blick. Für die Wahlkampfserie "Im Milieu" beobachtet Hannes Hintermeier den CSU-Politiker Günther Beckstein beim Walhkampf in Endlkirchen (Landkreis Altötting). Gina Thomas berichtet von Bestrebungen, die prähistorische Stätte Stonehenge von den Zumutungen des 20. Jahrhunderts (unter anderem einer Straße, die direkt an den Steinen vorbeiführt) zu befreien. Paul Ingendaay schildert die Atmosphäre Madrids im August (keiner mehr da) und erinnert sich wehmütig an einen Juli der Freiluftkonzerte. Eberhard Rathgeb meldet den kommenden Abgang Zdenek Felix' aus den Hamburger Deichtorhallen, die ab nächsten Jahr zum Haus der Fotografie werden sollen, wo die berühmte Sammlung von F. C. Gundlach gezeigt wird. Gina Thomas meldet Sicherheitsprobleme beim British Museum.
Auf der Medienseite unterhält sich Sandra Kegel mit dem Spiegel-Manager Karl-Dietrich Seikel, der erklärt warum der Spiegel mit Springer und Bauer bei Kirch einsteigen will - wenn er sich gegen die Beharrungskräfte der am Spiegel-Verlag beteiligten Mitarbeiter durchsetzen kann.

In den Ruinen von Bilder und Zeiten schreibt Dietmar Dath zum zweihundertsten Geburtstag des Mathematikers Niels Henrik Abel, der die moderne Mathematik mit begründete.

Besprochen werden die Leipziger Doppelausstellung "Klopfzeichen", die sich mit den Wegen der Kunst in den beiden Teilen Deutschlands nach dem Krieg befasst, die Wiederaufnahme des "Jahrtausendrings" in Bayreuth, eine Wolfgang-Mattheuer-Retrospektive in Chemnitz und zwei österreichische Filmkomödien, nämlich "Meine Schwester, das Biest" und "Anleitung zur sexuellen Unzufriedenheit".

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht's um die neue CD von Bruce Springsteen, um verschiedene Einspielungen der Violinsonaten von Bach, um die bayerische Kabarett-Band "Höngdobel", um eine CD von Ian Hunter (ehemals "Mott the Hoople") und um eine CD von Vincent Gallo.

In der Frankfurter Anthologie stellt Jürgen Busche ein Gedicht von Ringelnatz vor - "Lustig quasselt der seichte Bach".