Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.06.2002. Die FAZ prophezeit Badematten, die Haare fressen. Die SZ analysiert die inneren Konfikte der Palästinenser. Die NZZ begleitet Theo Angelopoulos bei den Dreharbeiten zu seinem neuen Film. Und alle kommentieren die Bundesfilmpreise.

FAZ, 17.06.2002

Der Physiker Gregory Benford (mehr hier) sagt den Biowissenschaften zwar schwere Zeiten voraus, sobald das menschliche Klonen in greifbare Nähe rückt, vorher aber annonciert er ein paar "unauffällige" Anwendungen der Wissenschaft, die sich durchsetzen könnten, zum Beispiel der bakterielle Haushaltsreiniger. "Oder man denke an eine Badezimmermatte, die sich langsam über den Fußboden bewegt und Wasser, Seifenreste, Haarspray, Haare und sonstige menschliche Abfälle aufnimmt. Sie lebt von diesem Zeug und benötigt nur gelegentlich etwas Zusatznahrung von ihrem anderweitig beschäftigten Besitzer, der im übrigen kein Haustier, sondern eine Badezimmermatte darin erblickt."

Einen Blick hinter die Fassade der Wachstumszahlen in China wirft Zhou Derong und erblickt eine bedrohliche Arbeitslosigkeit unter Uni-Absolventen. "Ein Universitätsabsolvent ohne Stelle ist aber kein gewöhnlicher Arbeitsloser. Zum einen hat er die ganze Hoffnung seiner Familie zu tragen. Im Westen weiß man nur, wie er oder sie als Einzelkind zu Hause verwöhnt wird. Doch wer so im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht, trägt auch eine Last der Verantwortung. In China begehen nicht selten gerade die 'kleinen Kaiser' Selbstmord, weil sie den Druck nicht aushalten. Mit vereinter Kraft der Eltern und Großeltern wurden sie einst in die Universität befördert. Nun, wenn sie am Ende doch nur arbeitslos sind, ist der Traum nicht eines einzelnen, sondern der ganzen Familie zerbrochen." 1,5 Millionen Absolventen kommen in diesem Jahr auf den Markt, in zwei Jahren sind es schon 2,5 Millionen.

Weiteres: Andreas Platthaus berichtet über einen Appell des israelischen Literaturwissenschaftlers Avraham-B. Yehoshua und seines italienischen Kollegen Pietro Citati, die eine strikte Trennung der Populationen in Israel fordern - unterschrieben wurde das Papier unter anderem von Hans Magnus Enzensberger. Der pensionierte Rechtsphilosoph Norbert Hoerster erregt sich über die Verlogenheit der deutschen Rechtspraxis in Abtreibungsfragen, welche die Abtreibung ermöglicht, obwohl sie als rechtswidrig gilt. Michael Althen berichtet von der Verleihung des Bundesfilmpreises, wo Gerhard Schröder ausgerechnet den "Panther" deklamierte, um seine Vertrautheit mit Rilke zu beweisen. Christoph Albrecht resümiert einen Bonner Diskussionsabend, in dem es um die Erwärmung der Erdatmosphäre und dagegen zu treffende Maßnahmen ging. Ernst Wegener meldet, dass ein Verbleib des Otto-Hahn-Nachlasses in Frankfurt nun gesichert ist. Ferner befasst sich Katja Gelinsky mit der Enthaltsamkeitsbewegung in den USA, die etwa in der ehemaligen Miss Wisconsin Mary-Louise Kurey, 27 und Jungfrau, eine Fürsprecherin hat - die Bewegung wird von der US-Regierung mit 135 Millionen Dollar unterstützt, und ihre Lehren sollen in den Sexualkundeunterricht eingehen. Auf der Medienseite bereitet uns Gisa Funck auf das Fernsehfestival Cologne Conference vor, wo neue Produktionen gezeigt werden. Und Alexander Bartl stellt das Jugendprogramm "Das Ding" des SWR vor, das den Grimme-Online-Award bekam. Auf der letzten Seite macht sich der Kunsthistoriker Holger Brülls aus Anlass der heute beginnenden Jahrestagung der Landesdenkmalpfleger Gedanken über die Lage der Zunft. Johan Schloemann schreibt ein kleines Profil über Peter Gruss, den neuen Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft. Und Markus Breinich markiert die Differenz (oder Identität?) zwischen Realität und Simulation in Stephen Wolframs gefeiertem Buch "A New Kind of Science".

Besprochen werden Friedrich Cerhas Oper "Der Riese vom Steinfeld" in Wien, die Bonner Biennale (mehr hier) mit neuen Theaterstücken aus Europa, eine Ausstellung des symbolistischen Malers Chini in Montecatini Terme und Moritz Eggerts Kinderoper "Dr. Popels fiese Falle" in Frankfurt und einige Scahbücher, darunter Brigitte Hamanns Winifred-Wagner-Biografie (mehr hier) (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

TAZ, 17.06.2002

Cristina Nord staunt, wie sich der Mainstream bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises in Berlin als Minderheit gerierte: "Dass Film etwas mit Kunst zu tun hat, wurde zwar immer wieder behauptet. Aber wie gerne sprachen die Festredner von Unterhaltung! So trotzig beharrten sie auf dem Recht, doch einmal fröhlich sein zu dürfen, dass man glauben wollte, in den hiesigen Kinos laufe tagein, tagaus nichts anderes als Jean-Marie Straubs und Daniele Huillets 'Antigone'." (Alle Preisträger finden Sie hier).

Daniel Bax erzählt, wie Lissabon mit dem Festival "Cosmopolis" versucht, näher an Europas elektronische Musikszene zu rücken. Besprochen wird eine Werkschau der afroamerikanischen Künstlerin Kara Walker in Berlin.

Und schließlich Tom.

FR, 17.06.2002

Fast nur Rezensionen heute: Allein die Kolumne times mager widmet sich dem Deutschen Filmpreis und befindet eher deprimiert als amüsiert: "Deutsches Gegenwartskino eignet sich in den wenigsten Fällen als Spiegel deutscher Wirklichkeit. Man muss nur einmal einen deutschen Film aus den 60er oder 70er Jahren ansehen, um zu merken, was heute fehlt, um zu staunen, wieviel konkrete Realität, wieviel gute Beobachtung da zwischen aller Manieriertheit, zwischen aller gelegentlicher Polit-Pädagogik hervorlugt. Heute findet man derartige Erfahrungssattheit paradoxerweise eher im Fernsehen, dem Medium des Flüchtigen, das weniger durch Hunger nach "großem Gefühl" belastet ist."

Besprochen werden Frank Castorfs Inszenierung von Bulgakows "Der Meister und Magarita" ("Bitte Mitgähnen"), Moritz Eggerts Kinderoper "Dr. Popels fiese Falle" sowie ein Gastspiel des Piccolo Teatro aus Mailand mit Goldonis "Il Campiello". Und politische Bücher, darunter ein Sammelband über "Wahl-Kämpfe", Evan Burr Bukeys Studie "Hitlers Österreich" oder Heribert Prantls Band "Verdächtig. Die Politik der Inneren Unsicherheit" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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NZZ, 17.06.2002

Barbara Spengler-Axiopoulos schickt einen langen Drehbericht zu dem nächsten Film von Theo Angelopoulos, der die Ankunft von griechischen Flüchtlingen aus Odessa nach der Oktoberrevolution schildert: "Unschwer lassen sich auch hier Strukturen und Themen aus früheren Filmen erkennen. Angelopoulos, der Reisende und der Poet, schickt wieder eine Gruppe von Menschen auf einen schmerzhaften Weg in die Innenräume der griechischen Realität." In Cannes werden sie das lieben!

Weiteres: Helmut Mayer nimmt Abschied von Helga Nowotny, die das Collegium Helveticum verlässt. Hanno Helbling macht uns mit der Neugestaltung der römischen Ara Pacis durch den Architekten Richard Meier vertraut. Besprochen werden Frank Castorfs "Entdramatisierung" (so Barbara Villiger-Heilig) von Bulgakows "Der Meister und Margarita" in Wien, Friedrich Cerhas Oper "Der Riese vom Steinfeld" in Wien, das neunte Festival Sonar (mehr hier) in Barcelona und ein Konzert Alfred Brendels in der Tonhalle Zürich.

SZ, 17.06.2002

Avraham Sela, Professor für Internationale Beziehungen an der Hebräischen Universität in Jerusalem, analysiert in einem Beitrag für die SZ den inneren Konflikt der Palästinenser, der unabhängig von den Auseinandersetzungen mit Israel ein Gefühl des sozialen und politischen Zerfalls hervorgerufen habe, aber auch Verzweiflung über die Führung Arafats und der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA): "Abgesehen von der Korruption der PA hat die palästinensische Gesellschaft auch deren chaotisches Regierungssystem satt, deren Unfähigkeit sich überall zeigte, vom fehlenden Schutz von Leben und Eigentum über Menschenrechtsverletzungen bis zur Willkür des Rechtssystems, deren Opfer vor allem die Schwachen wurden - zumal bei internen Streitigkeiten der Clans und Familien. Diese Symptome des Verfalls gehen natürlich auch auf das Nebeneinander mehrerer Sicherheitsapparate, ihrem einschüchternden Auftreten und ihrer mangelnden Koordination zurück. Auf ihr Konto gehen finanzielle Erpressungen von Unternehmern, Verhaftungen ohne Gerichtsverfahren und die Begünstigung lokaler und familiärer Interessen."

Der ehemalige Programmierer und jetzige Schriftsteller Richard Powers ("Schattenflucht") beschreibt im Gespräch mit Thomas Steinfeld, was die Kunst, einen komplizierten Code zu schreiben, mit dem Verfassen von Romanen zu tun hat: "einen lebendigen Prozess auf hohem Niveau formal zu beschreiben".

Wie man eine Hauptstadtkultur gänzlich ohne öffentliche Gelder auf Vordermann bringt, hat Clemens Prokop von Kulturmanager Michael Kaiser erfahren, der die Leitung des Kennedy-Centers in Washington übernommen hat: "Man wird mit Kultur nie Geld verdienen können. Aber wenn es gelingt, einen Zauber um sein Produkt zu legen, dann läuft der Laden von selbst."
Weitere Artikel: Anke Sterneborg bedauert, dass auch bei der diesjährigen Verleihung des Deutschen Filmpreises die aufregenderen Filme dem Spagat zwischen breitem Publikumsgeschmack und kulturellem Anspruch zum Opfer fielen. Also es keine Preise für "Das weiße Rauschen" von Hans Weingartner oder "Der Felse" von Dominik Graf.
Alexander Menden erklärt, warum ausgerechnet die Europäischen Festwochen in Passau (mehr hier) "Thank you, America" rufen. Florian Kellermann berichtet über Warschaus ehrgeiziges Projekt, ein Museum für die Geschichte der Juden in Polen nach den Plänen des Architekten Frank Gehry zu bauen (mehr hier). Sonja Zekri stellt zufrieden fest, dass die Hauptstadt der Verdrängung in Bewegung gekommen ist: München will in einem Museum seine nationalsozialistische Vergangenheit ausarbeiten. Fritz Göttler hat internationale Journale durchgeblättert. Und auf der Medien-Seite sprechen Ulf Brychcy und Hans-Jürgen Jakobs mit Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff über das Musikgeschäft, die Neuordnung des Konzerns und die Lage bei Kirch.

Besprochen werden die Inszenierung des "Riesen vom Steinfeld" von Friedrich Cerha und Peter Turrini an der Wiener Staatsoper, Igor Bauersimas Stück "Norway. Today" an den Münchner Kammerspielen, Frank Castorfs Inszenierung von Bulgakows "Der Meister und Margarita" in Wien sowie eine Ausstellung der Skulpturen von Eva Hesse im Museum Wiesbaden. Und Bücher, darunter Georges Bensoussans bisher nur auf Französisch erschienene Geschichte des Zionismus, zwei neue Biografien über Gerhard Schröder, eine ganze Buchreihe zur Musikethnologie und ein Hörbuch: Fitzgeralds "Der große Gatsby", gelesen von Sky du Mont (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).