Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.06.2002. In der SZ denkt Michael Brenner noch einmal über die Walser- und die Möllemann-Affäre nach, ebenso Heinz Bude in der FR. Die NZZ konstatiert: Eine europäische Identität gibt's nicht wirklich. FAZ und taz besprechen die neue Platte von Tocotronic. In der FAZ bekennt sich Harald Schmidt zur FDP.

SZ, 14.06.2002

Einen Nachtrag zu Möllemann und Walser liefert Michael Brenner, Dozent für Jüdische Geschichte und Kultur in München, in der SZ. Brenner kritisiert die Debattenführung (auch in der SZ) macht klar, dass es keiner Antisemiten bedarf, um den Antisemitismus am Leben zu halten und rät, "besonders sorgfältig mit dem traditionellen Repertoire antijüdischer Klischees umzugehen". Im übrigen gehe es bei Jürgen vs. Michel und Martin vs. Marcel vor allem um unterschiedliche Mentalitäten. "Michel und Marcel sind vielleicht 'doitsch', aber eben nicht deutsch. So ist denn diese Debatte in ihrem tiefen Grunde auch eine Auseinandersetzung um das Verständnis dessen, was heute im 'pays legal' deutsch sein darf, im 'pays reel' aber eben doch fremd bleibt ... und nicht zuletzt auch eine Debatte um Stimmenfang."

Schon Wahl? Jens Bisky kann's nicht glauben. Statt Anzeichen einer politischen oder sozialen Mobilisierung entdeckt er "vor allem ein großes vergangenheitssüchtiges Unternehmen: Nostalgie West". Nostalgisch agierten die beiden großen Volks- wie die beiden kleinen Milieuparteien, "weil sie gemeinsam die Interessen derer vertreten, die bei jeder Veränderung verlieren werden und die schlau genug sind zu wissen, dass versprochene Gewinne unsicher sind." Interessengegensätze wie zwischen Arbeitslosen und Arbeitenden oder zwischen Kinderlosen und Eltern spiegelten sich im Parteiensystem noch nicht wider. "Hier wird eine Lösung für die ganze Familie und das ganze Haus versprochen, obwohl beide von Konflikten bereits zerrissen werden, die grundsätzlicher sind als jeder Arbeitskampf".

Weitere Artikel: Ijoma Mangold berichtet von den dramatischsten Umsatzrückgängen im Buchhandel seit 40 Jahren (siehe auch unsere Buchmacher). Sonja Zekri erklärt uns, warum die Gruppe "Rammstein" nicht in Moskau auftreten darf (womöglich tritt sie einfach zu sehr im Gleichschritt auf). Franziska Augstein war auf einem Wolfenbüttler Symposion über das Lernen im 16. und 17. Jahrhundert. Auf der 33. Art Basel findet Eva Karcher - man glaubt es ja nicht - alles auf der Höhe von Markt und Kunstdiskurs. Robert Stockhammer besuchte einen Afrika-Abend im Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestags. Fritz Göttler annonciert die Verleihung der Deutschen Filmpreise heute Abend im Berliner Tempodrom, und in den Noten und Notizen macht sich Claus Koch Gedanken über enttäuschte Aktionärshoffnungen und die Kunst des Protests nach dem 11. September.

Besprochen werden eine Ausstellung der Sammlung der Madame Pompadour in der Münchner Kunsthalle, Mauricio Kagels "Zählen und Erzählen" als Kindermusiktheater an der Deutschen Oper Berlin, Karsten Wiegands Inszenierung "Verbrechen und Strafe" nach Dostojewskij am Staatstheater Stuttgart, Antonin Artauds "Schluss mit dem Gottesgericht" in der Inszenierung von Peter Sellars bei den Wiener Festwochen, Christine Mielitz' Inszenierung von Benjamin Brittens Opernballade "Peter Grimes" am Meininger Theater, Moritz Baßlers Buch über den "deutschen Pop-Roman", ein Band mit interdisziplinären Studien über Naturkatastrophen sowie eine Geschichte der Dinosaurierforschung (auch in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

NZZ, 14.06.2002

Ein "Europa der zwei Geschwindigkeiten" diagnostiziert Ekkehard Kraft in einer Untersuchung über "europäische Identität": "Im wirtschaftlichen und institutionellen, teilweise auch im politischen Bereich schreitet die europäische Integration im Rahmen der EU in der Tat zügig voran. Die alltägliche Lebenswelt der Europäer dagegen ist in fast jeder Hinsicht weiterhin vom Horizont des Nationalstaates geprägt... Was sie voneinander wissen, bleibt oft Klischeevorstellungen verhaftet. Ähnlich sind sich die Europäer vor allem in ihrer Vorliebe für amerikanische Kulturimporte. Generell scheint das Interesse an den USA größer als das an anderen europäischen Ländern zu sein."

In einem "Schauplatz Tokyo" stellen Sonja Stummerer und Martin Hablesreiter zur Ernüchterung der Fußballfans fest, dass sich die Japaner mehr für Mode als für Fußball interessieren. Gerade eröffnet Prada eine neue, von Herzog und de Meuron entworfene Filiale im Tokyoter Omotesando-Viertel: "In dieser teuren Stadt ist unbebautes Land ein Luxus, den Prada geschickt als Marketing-Gag einsetzt. Ein weiterer Anziehungspunkt soll die Fassade werden, denn eigens entwickelte dreidimensionale Glaswaben sorgen für Durchsichtigkeit bei doch nicht gänzlicher Transparenz. Die sanft abgerundeten Ecken der Fassade erinnern an die Ästhetik der siebziger Jahre und harmonieren perfekt mit dem gegenwärtig so beliebten Retrostil von Prada."

Weiteres: Alena Wagnerova stellt die Wochenzeitschrift Mosty vor, die die tschecho-slowakische Gemeinsamkeit pflegt. Fritz Schaub zieht eine Bilanz der dreijährigen Intendanz von Barbara Mundel im Luzerner Theater. Besprochen wird ein Konzert Bernard Haitinks beim Tonhalle-Orchester Zürich.

Auf der Filmseite erzählt Ralph Eue die Geschichte der Steadicam (die ihren 25. Geburtstag feiert). Ferner geht's um das Filmdokument "Uckermark" von Volker Koepp, um eine Claude-Autant-Lara-Retrospektive in Lausanne und Zürich, um Nick Cassavetes' Film "John Q.", um den Film "Swing" von Tony Gatliff, um Maximilian Schells Hommage auf seine Schwester Maria und um Thomas Elsaessers Fassbinder-Biografie (mehr hier).

TAZ, 14.06.2002

Jetzt ist es also soweit: Tocotronic (neues Album: "Tocotronic"), wie wir sie kannten, gibt es nicht mehr. Oder doch? Thomas Winkler ist sich nicht so sicher. "Die Identifikationsmaschine steht still", schreibt er zwar, Dirk, Arne und Jan können ihre Instrumente plötzlich bedienen, man trägt keine Humana-Klamotten mehr, sondern durchaus auch Anzug, und das Cover kommt ohne verwackelte Polaroids aus und scheint für die Ewigkeit geschaffen. Nur lässt sich die Geschichte der Band eben auch als Verweigerung lesen, oder, wie Winkler präzisiert: "Als Geschichte einer Suche nach der richtigen Verweigerungshaltung, die nach allen Seiten abgedichtet ist." Dann allerdings müsste gelten: "Fortgeschrittene Tocotronic spielen Tocotronic für Anfänger."

Florian Malzacher berichtet von neuen, diesmal offenbar endgültigen Schließungsplänen fürs Frankfurter Theater am Turm (TAT), Harald Fricke stellt neue Platten vor von Mousse T. ("Gourmet de Funk") und Joy Denalane ("Mamani"), und Brigitte Werneburg gelangt mit dem Bildband "Berlin Interiors" gewissermaßen ins Innerste der Hauptstadt (auch in unsrer Bücherschau um 14 Uhr).

Schließlich TOM.
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Stichwörter: Polaroids, Tocotronic

FR, 14.06.2002

In der FR äußert sich der Soziologe Heinz Bude zur Konjunktur von Populismus und retrospektiven geschichtspolitischen Debatten. Ersterer, erklärt er, greift die latente Statuspanik der fortgeschrittenen Fraktionen der Mittelklassen auf und thematisiert die Fragen, die in Zukunft als problematisch angesehen werden. "Dabei geht es, denke ich, weniger um Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. Die Themen des postmodernen Populismus heißen: innere Sicherheit, Bildung und Gesundheit." Was die Möllemann-Debatte betrifft, so greift Bude dessen Ansicht auf, "dass sich die Stabilität der Bundesrepublik nicht länger vergangenheitspolitisch begründen lässt", und ergänzt: "Unsere Intellektuellen verweigern sich der Arbeit an einem neuen Design für die Bundesrepublik im 21. Jahrhundert. Sie haben sich entweder einem Tugendwächtertum verschrieben oder sich auf eine reine Beobachtungsposition zurückgezogen. Wir haben es in Deutschland mit einer erschreckenden Konformität im Denken zu tun, wenn es nicht nur um Ästhetik und Kultur, sondern auch um Geschichte und Gesellschaft geht." Armes Deutschland.

In einem anderen Artikel belehrt uns Daland Segler, dass es bei der Frankfurter Farce um Forsythe und das TAT gar nicht um Geld geht: "Weil es aber herhalten muss als Argument, wird im öffentlichen Streit nur umso sichtbarer, was zu verbergen die Akteure sich bemühen. Und so entlarvt sich der Umgang mit dem Theater, der Kultur, der Kunst und den Künstlern als Ausdruck von Gleichgültigkeit, Ignoranz, ja: Verachtung."

Ferner dokumentiert Karl Grobe die blutige Geschichte der südkoreanischen Insel Jeju, wo während des durch die USA kontrollierten Ausnahmezustands zwischen 1945 und 1950 wenigstens 30 000 Menschen ermordet wurden. Eva Schweitzer berichtet vom Prozess, den Woody Allen gerade gegen seine Ex-Produzentin führt und findet, Film und Wirklichkeit sind hier eigentlich eins. Alice Koegel gibt Auskunft über den Stand der Dinge betreffend den drohenden Abriss der Kölner Kunsthalle (es ist noch nicht zu spät). Christoph Schwandt resümiert das polnisch-deutsche Opernfest in Posen, das im Zeichen von E.T.A.Hoffmann stand. Cornelia Fleer war auf einer Kölner Dokumentarfilmtagung. "elb" annociert das 25. (!) Album von David Bowie, und "Times mager" liefert eine kleine Geschichte zum Thema Bequemlichkeit.

Besprechungen widmen sich Adrian Lynes Ehe-Drama "Untreu" mit Richard Gere, dem Spielfilmdebüt "Storno" der Berliner Regisseurin Elke Weber-Moore und Büchern zum heißen Thema Fussball, darunter eine "Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaften" (siehe unsre Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 14.06.2002

Nach ersten Impressionen kommen jetzt erste Urteile über die Documenta, und zwar positive. Eduard Beaucamp, Kunstchef der FAZ, ist jedenfalls begeistert. Er begrüßt den Abschied der "Großkünstler" und zeigt sich fasziniert vom Cross over der Biografien, das auch den Documenta-Leiter Okwui Enwezor prägt. "Ein Marokkaner erlebt den 11. September in New York, ein Türke verfolgt auf acht Monitoren den autistischen Blumenkult einer Engländerin quer durchs Jahr. Der Kongolese Kingelez erträumt sich ein phantastisches Modell-Manhattan, und eine Indonesierin, die in Berlin lebt, schuf eine filmische Typologie des zeitgenössischen mitteleuropäischen Menschen nach dem Muster von August Sander." Kurz: "Der ethnographische Blick auf die Dritte Welt kehrt sich um und richtet sich auf uns."

Nach der Entthronung Martin Walsers (mehr hier) bleibt als moralische Autorität fürs Jungfeuilleton nur mehr Harald Schmidt. Frank Schirrmacher moderiert ein Gespräch zwischen dem Talkmaster und dem FAZ-Wirtschaftsredakteur Hans D. Barbier. Schmidt bekennt sich zur FDP, hält aber auch fest: "Als täglicher Moderator darf man sich keinesfalls politisch festlegen. Das geht nicht, weil damit vergraulen Sie soundso viele Teile des Publikums. Ich könnte es auch nicht, weil ich glaube, dass es keinen Unterschied macht, ob wir eine SPD- oder eine CDU-geführte Bundesregierung haben." Weitere Gespräche mit Barbier sollen folgen.

Weiteres: Lorenz Jäger hat im Internet einen jüdisch-amerikanischen Anwalt namens Nathan Lewin aufgespürt, der für die Hinrichtung von Familienangehöriogen von Selbstmordattentätern plädiert und damit Diskussionen auslöst. Christian Geyer hat Jürgen Möllemann "nach dem Schlussstrich" mit Apothekern und Ärzten aus Heilbronn über seine gesundheitspolitischen Vorstellungen diskutieren sehen. Dietmar Polaczek schildert Konflikte zwischen dem italienischen Kulturminister Giuliano Rubani und seinem exzentrischen Staatsekretär Vittorio Sgarbi. Oliver Jungen stellt einen Forschungsbericht vor, in dem sich herausstellt, dass der Begriff des Terrorismus trotz einschlägiger Bemühungen der dafür bezahlten Experten (zum Beispiel Christopher Daase) nicht zu definieren sei: Christiane Stachau weist auf den Beginn des zwölften Tschaikowski-Wettbewerbs für Klaver hin.

Auf der letzten Seite stellt Kerstin Holm das Institut für Zellforschung im Wissenschaftszentrum von Nowosibirsk vor - das erste, das sich nach stalinistischer Wissenschaftspolitik wieder so nennen durfte. Paul Ingendaay schreibt einen Nachruf auf Luisa Santiaga Marquez Iguaran, Mutter des Nobelpreisträger Gabriel Garcia Marquez. Und Michael Jeismann stellt den Migrationsreport 2002 vor. Auf der Medienseite erzählt Anne Schneppen, wie das japanische Fernsehen über die Fußball-WM berichtet. Oliver Tolmein berichtet, dass der Internationale Gerichtshof von Den Haag einen Reporter der Washington Post zur Aussage zwingen will. Und von Michael Seewald erfahren wir "wieso Ottfried Fischer mit der deutschen Mannschaft hadert und Sat 1-Geschäftsführer Martin Hoffmann ARD und ZDF die WM gar nicht wegnehmen wollte".

Besprechungen gelten dem achten Jewish Film Festival in Berlin, einem Konzert der "Ally McBeal"-Pianistin Vonda Shepard und Rene Polleschs Stück "Der Kandidat" im Hamburger Schauspielhaus.

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht's um eine neue CD von Tocotronic, um Chopin- und Gade-Aufnahmen des Abegg-Trios, um eine Einspielung des Orgelwerks von Olivier Messiaen und um die neue CD von David Bowie.