Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.06.2002. In der FAZ polemisiert Karlheinz Bohrer gegen Jürgen Habermas' "antifaschistischen Windmühlenkampf". Die SZ richtet eine Brandrede gegen den "Starrsinn verbohrter alter Männer" im deutschen Theater. Die taz interviewt Richard Sennett. Die NZZ sucht nach Künstlern in Afghanistan. In der FR denkt Nathan Sznaider über Antisemitismus und internationale Moral nach.

SZ, 10.06.2002

Christopher Schmidt richtet eine Brandrede gegen "den Starrsinn verbohrter alter Männer", die "unfähig sind, in Würde alt zu werden". Nein, das ist kein Beitrag zur Walser-Debatte (heute gibt es keinen), Schmidt wettert gegen die Veteranen des deutschen Theaters, die eine Art Vertriebenen-Verband gegründet hätten, weil sie nicht zum diesjährigen Theatertreffen eingeladen waren: "Die Diskussion um Qualität und Spielweise verschleiert den an sich nur natürlichen Umstand, dass sich der Geschmack von Peymann & Co. im Laufe der Jahre verändert hat. Heute schätzten sie Aufführungen, denen sie als Anfänger eine radikale Antithese entgegensetzten. Man hat seinen Frieden mit der Repräsentationskunst gemacht, pocht aber auf den Nimbus einstiger Dissidenz, um seine Ansprüche, vor allem aber Versäumnisse zu legitimieren. Die moralische Selbstgerechtigkeit, mit der diese Generation sich inthronisiert hat und ihr Kartell rechtfertigt, führte auch dazu, dass sie nichts neben sich hochkommen ließ. Zum Selbstverständnis der heute Sechzigjährigen gehört die Autosuggestion ewiger Jugend, die sie scheinbar von der Förderung des geschmähten Nachwuchses entbindet. Keiner der Zadeks, Steins, Grübers, Dorns und ihrer Anrainer hat irgendwelche nennenswerten Schüler hervorgebracht, abgesehen von ein paar späten Wiedergänger ihrer selbst. Sie jedoch hatten die damals großen alten Männer des Theaters als Lehrer, die auch darin groß waren, Widerspruch zuzulassen."

Alex Rühle hat sich in Erinnerung an den ersten Baedeker vor 175 Jahren auf eine Rhein-Reise begeben. Jens Bisky lobt die beiden neuen Ausstellungen, die gestern in der Gedenkstätte Sachsenhausen (mehr hier) eröffnet worden und die sich nun auch der Vor- und Nachgeschichte des KZs widmen. Fritz Göttler berichtet vom Prozess Woody Allens gegen seine Produzentin und informiert über ein neues militärisches mörderisches Videospiel: Delta Force. Wolf Kampmann hat Lee Hazlewood interviewt, der für Nancy und Frank Sinatra komponiert und produziert hat, aber bis heute nicht weiß, "was ein Lied erfolgreich macht".

Besprochen werden: Heiner Müllers Drama "Philoktet", von Florian Boesch im Münchner Haus der Kunst inszeniert, eine Aids-Performance des Vokalkünstlers Christian Wolz in Berlin, Anders Thomas Jensens Film "Flickering Lights", Thomas Strucks Film "Walk, Don't Walk", die Produktion "Confessions of Zeno" von William Kentridge und der Handspring Puppet Company auf der Dokumenta, sowie ein matt-konzertanter "Idomeneo" von James Levine in München.

Und Bücher: Michel Onfrays Essays "Celebration du genie colerique. Tombeau de Pierre Bourdieu", Durs Grünbeins neuer Gedichtband "Erklärte Nacht", die Autobiografie des Historikers Hermann Weber "Damals, als ich Wunderlich hieß. Vom Parteihochschüler zum kritischen Sozialisten" und Katherine Stroczans Buch "Der schlafende DAX oder das Behagen in der Unkultur" (mehr in der Bücherschau ab 14 Uhr).

NZZ, 10.06.2002

Bernard Imhasly hat im zerstörten Afghanistan nach Künstlern gesucht und auch ein paar gefunden, darunter die Schauspielerin Zamzana. "Sechs Jahre hatte sie in Peshawar gelebt und auf pakistanischen Hochzeiten gesungen, während sich ihr Mann als Schneider verdingte. 'Ich war die erste Künstlerin, die zurückkam, obwohl ich nicht sicher war, ob ich akzeptiert würde.' Sie hatte Grund, misstrauisch zu sein. 1992 waren sie und ihr Mann von den Mujahedin beinahe umgebracht worden, weil sie während der Zeit der Kommunisten in einem Film aufgetreten war, in dem sie einen russischen Soldaten heiratete. Das IKRK-Spital von Karte Se habe ihr nach der Attacke fünf Kugeln aus dem Körper operiert." Gefunden hat Imhasly außerdem eine Film-Cutter, der "rund 2600 Rollen" Film vor den Taliban gerettet hat, und einen Maler, der zahlreiche Bilder der National Gallery mit Wasserfarben übermalt hatte, um sie vor der Zerstörung zu retten.

Erschüttert berichtet Justus Krüger, wie Studenten in der chinesischen Kleinstadt Pingdingshan den 83. Jahrestag der Mairevolution feiern. Zur Erinnerung: Am 4. Mai 1919 gingen Studenten auf die Barrikaden, um ihre Regierung daran zu hindern, die japanische Hoheit über Teile des chinesischen Territoriums anzuerkennen. "Dies war der Beginn von Chinas revolutionär-patriotischer Aufklärungsbewegung", die nach Meinung vieler Intellektueller mit der Gründung der Volksrepublik 1949 beendet war. Und nun dies: "Ein Student mit hoher, krächzender Stimme spricht sehr erregt von Beethoven: Das Leben des Meisters im Allgemeinen und seine fünfte Symphonie im Besonderen würden ihn in dem Entschluss bestärken, niemals die Knie vor dem Schicksal zu beugen. Währenddessen rinnt 'Für Elise' aus den knarzenden Lautsprechern ... Die Geburtstagsfeier der Gegenwart in der chinesischen Provinz ist eine gespenstische Veranstaltung: der Tanz von Ignoranten auf einem Trümmerfeld interkultureller Missverständnisse."

Weitere Artikel: Sechs Jahre nach der Inbetriebnahme des heftig umstrittenen Konzerthauses in Freiburg im Breisgau ist die Kritik daran immer noch nicht verstummt, berichtet Elisabeth Schwind. Besprochen werden die Ausstellung "Stories" im Münchner Haus der Kunst, Michael Cuestas filmischer Balanceakt zum Thema Pädophilie "L. I. E.", Sternheims Komödie "Die Kassette" in St. Gallen, ein Vivaldi-Konzert mit Fabio Biondi und Europa Galante in der Tonhalle Zürich und Ahmed Abodehmans Geschichten aus einem Dorf in Saudi-Arabien, "Der Gürtel" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Hinweisen möchten wir noch auf einen Artikel aus der NZZ am Sonntag. Heribert Seifert liefert dort eine Blütenlese des Reich-Ranicki-Hasses aus dreißig Jahren. Sein Resümee: "Gerade auf dem Feld der Literatur und der literarischen Fehden führt die Fahndung nach Antisemitismus zu einem reichlich unübersichtlichen Befund. Mit der Lizenz zur Zuspitzung lässt sich aber wohl festhalten, dass in früheren Auseinandersetzungen eher das zählte, was einer, der zufällig auch Jude war, als Publizist, Schriftsteller oder Literaturkritiker sagte und vertrat, während heute zunächst das die Wahrnehmung bestimmt, was er seiner Herkunft nach ist."

FR, 10.06.2002

Natan Sznaider erklärt das vertrackte Verhältnis von Israel zum Antisemitismus und der internationalen Moral. Dass der Antisemitismus heute allgemein als Verbrechen gegen die Moral angesehen wird, ist für Sznaider der "beste Beweis für das Bestehen einer globalen Moral, die sich wandeln kann und politische Folgen hat... Dass Israel mit höheren moralischen Maßstäben gemessen wird als viele andere Staaten, hängt also mit dem Antisemitismus zusammen. Aber eben nicht nur im Sinne einer Feindschaft gegen Israel, eines Fortbestehens des Antisemitismus, sondern umgekehrt auch als Folge einer Delegitimation des Antisemitismus. Durch den Holocaust wurde Antisemitismus zum Gesinnungsverbrechen par excellence und damit auch zu einem Verbrechen, das ebenso Verpflichtungen an die ehemaligen Opfer stellt."

Klaus Dermutz meditiert über den Zusammenhang von Fußball und Theater. Seit beide mit einem Zangenangriff das Herz der Menschen erobert hätten, komme die Katharsis allein durch Tod und Tore in unser Leben.

Besprochen werden "Confessions of Zeno", das Eröffnungsstück der Dokumenta von William Kentridge und der Handspring Puppet Company, der Film "Pollock" von und mit Ed Harris, Sciarrinos Oper "Macbeth" in Schwetzingen und politische Bücher, darunter zwei Bände zum Thema Frauen und Globalisierung, eine Geschichte der "Todesstrafe in Nordamerika", ein Sammelband zu jüdischem Leben in der DDR (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).
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TAZ, 10.06.2002

"In den USA gilt Armut als Schande", meint der US-Soziologen Richard Sennett, mit dem Werner Bloch über sein neues Buch "Respect" und den eigenen sozialen Aufstieg gesprochen hat: "Der moderne Sozialstaat will von jedem Bürger, dass dieser sich selbst erschafft, dass ihm gelingt, was Menschen wie mir gelungen ist: der Schritt in die Unabhängigkeit und die Selbstständigkeit. Neoliberalismus will, dass wir aufhören, bedürftig zu sein. Er will nicht Individualismus, sondern Unabhängigkeit. Was ich attackiere, ist die herkömmliche Gleichsetzung von Bedürftigkeit und Schande. Wir glauben, dass Sozialhilfe nur ein Problem der Armut ist. Ich halte das für falsch. Der Sozialstaat artikuliert Ungleichheit - es geht um Talent, Abhängigkeit, Mitleid."

Weitere Artikel: Silke Lode berichtet vom niedersächsischen Festival "Theaterformen". Besprochen werden Rene Polleschs Stück "Der Kandidat (1980)", das auch auf dem Festival gezeigt wurde, und ein Konzert von Kylie Minogue (mehr hier) in Berlin.

Vor zwanzig Jahren starb Rainer Werner Fassbinder (mehr hier), die Themen des Tages widmen daher dem "Anarchisten, nimmermüden Arbeitstier und ewig pubertierenden Provokateur" ein ganzseitiges Porträt.

Und schließlich Tom.

FAZ, 10.06.2002

Karl-Heinz Bohrer (mehr hier), Herausgeber des Merkur antwortet auf einen Artikel von Jürgen Habermas zur Walser-Affäre in der SZ vom 7. Juni und bezichtigt ihn, sie "zugunsten Ihres antifaschistischen Windmühlenkampfes" funktionalisieren zu wollen. Aus dem Artikel: "Es sei hier aus autobiografischen Gründen darauf verzichtet, die intellektuellen und literaturkritischen Defizite des von Walser ins Auge gefassten Kritikers näher zu erläutern, eine Schwäche, die dessen Medienmacht bei seinem weitgehend illiteraten Publikum nur noch gesteigert hat. Das ist auch das Thema Walsers. Es gab einmal eine Zeit, als Sie derlei zu verstehen schienen, aber seit Ihrem unglücklichen Versuch, die französischen Poststrukturalisten des Irrationalismus zu überführen, ist diese Sensibilität verflogen. Und dieser Mangel an Unterscheidung ermöglicht es Ihnen nun, die Besonderheit des Walserschen Hassobjekts fälschlich auf die Allgemeinheit eines historisch begründeten Verständigungsgebots zu beziehen. Das ist die Rahmenbedingung Ihrer von neuem formulierten Nationalpädagogik." Vertauschte Fronten?

Thomas Wagner schickt erste Eindrücke von der Documenta und resümiert: "Blickt man auf die D11 nicht durch die Brille eingeübter Kategorien, so scheint sie als Ausstellung vor allem eines zu versuchen: Elemente unterschiedlicher Kulturen kollidieren, Verschmelzungen und neue Standardisierungen, Verklumpungen und Zerfallsprozesse sichtbar und fühlbar werden zu lassen und in Wissen zu überführen. Dabei gilt es, beide Seiten der Globalisierung im Auge zu behalten: Denn einerseits ist Globalisierung gleichmacherisch, ebnet Differenzen ein; andererseits aber treibt sie neue Unterschiede hervor, und zwar so zahlreich und schnell, daß noch keine Kategorien bereitstehen, diese einzuordnen."

Weiteres: Jürg Altwegg schildert das Unbehagen der französischen Juden angesichts antiisraelischer Anschläge und einer antizionistischen Rhetorik in der Öffentlichkeit. Ilona Lehnart bezweifelt, dass der Bund wirklich hundert Prozent der Baukosten für die Berliner Museumsinsel tragen will. Renate Schostak schreibt ein kleines Porträt des Shakespeare-Forschers Andreas Höfele. Von Rudolf Borchardt (mehr hier), der gestern 125 Jahre alt geworden wäre,m wird ein bisher unveröffentlichter Text über den klassischen Philologen Friedrich August Wolf publiziert. Dietmar Polaczek schildert einen Machtkampf um die deutsche Schule in Rom. Gina Thomas schreibt über die Krise des British Museum, nachdem die Mitarbeiter für einen Streik votierten. Andreas Rossmann berichtet über die Eröffnungsrede des "New Labour"-Theoretikers Anthony Giddens (mehr hier) bei den Duisburger "Akzenten". Und Joseph Hanimann gratuliert dem französischen Literaturhistoriker Marc Fumaroli (mehr hier) zum Siebzigsten.

Die Medienseite befasst sich im wesentlichen mit Fußball-WM. Unter anderem geht's um die Aufnahme des Ereignisses in den USA und um den Streit zwischen ARD, ZDF und der insolventen Kirchgruppe um Rechte an den Spielen.

Besprochen werden William Kentridges Stück "Zeno Cosini" bei der Documenta, eine konzertante Aufführung des "Siegfried" mit dem Cleveland-Orchestra (zugleich Christoph von Dohnanyis letztes Konzert mit dem Ensemble), eine Ausstellung über die Staufergrablege im Kloster Lorch, Berlioz-Opern in Brüssel und Leipzig, die Kinderoper "Zählen und Erzählen" von Maurizio Kagel in Berlin und die Ausstellung "Aquaria" in Chemnitz.