Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.06.2002. In der SZ empfiehlt Ilse Aichinger einen sparsamen Umgang mit dem Wort "Antisemitismus". Die taz betrachtet Walser im Lichte der "body politics". Die FAZ resümiert französische Debatten über den 11. September. In der FR erzählt Matthias Politycki einen obszönen Intellektuellenwitz. Die NZZ und alle anderen Zeitungen bereiten uns auf die Documenta vor.

SZ, 08.06.2002

Stichwort: Walser. Zusammen mit einer Kindheitserinnerung an einen Wiener Nazi-Arzt schickt Ilse Aichinger, selbst Jüdin, einen bemerkenswerten Vorschlag aus Österreich, einem Land, wo, wie sie schreibt, der Antisemitismus an Gasthaus- und Familientischen noch immer so selbstverständlich ist, "dass es von hier aus eigenartig wäre, im Buch eines nie zuvor antisemitischen deutschen Intellektuellen nach 'Stellen' zu suchen. Da hoffentlich nicht nur ich dazu neige, Irritationen, Gerüchte und ihre Details aus ihren Landschaften zu begreifen und so spät wie möglich global zu werden, ließe ich diese Diskussion in dem Umfeld, aus dem sie kam." Im übrigen meint sie: "Mit dem Wort 'Antisemitismus' sollte man sparsam umgehen."

Dorothee Müller (hier) und Holger Liebs (zusammen mit dem Kunsthistoriker Beat Wyss, hier) machen erste Rundgänge über die documenta 11. Eine Lehrstunde in 'Political Correctness', die gelegentlich an den "Kulturweltspiegel" erinnert, findet Müller. Lauter "Wimmelbilder der Weltprovinzen", meint Liebs.

Weitere Artikel: Marco Finetti berichtet von einem deutsch-amerikanischen Austausch über die Zukunft der Hochschulen im Bonner Wissenschaftszentrum. Jens Bisky teilt mit, dass die Berliner Schlossplatz-Debatte jetzt den Bundestag erreicht hat. Ulrich Kühne war auf einem Lichtbildvortrag (Thema: Macht der Bilder) des Hirnforschers Wolf Singer an der Uni München. Gerd Hammer erinnert an Gil Vicente, mit dem vor 500 Jahren das portugiesische Theater begann. Claudia Brosseder war Ohr, als der Historiker Robert Darnton ("Poesie und Polizei") in der Münchner Siemens-Stiftung über die Methoden der französischen Raubdrucker des 18. Jahrhunderts sprach.

Und im Interview philosophiert Richard Gere über Ehe, Treue und Vergebung: "Ich glaube, es gibt eine dunkle Macht, die plötzlich in uns wirksam werden kann, egal wie scheinbar gut unser Leben gerade verläuft. Und mit dieser Macht muss jede Ehe fertig werden."

Besprochen werden Alfred Brendels Mozart-Spiel im Münchner Herkulessaal, Andreas Dresens "Zeugenstand" am Deutschen Theater Berlin, die Uraufführung von Salvatore Sciarrinos Oper "Macbeth" bei bei den Schwetzinger Festspielen, die wunderbare Kino-Kompilation "99euro-films", ein Band mit Briefen und Fragmenten von Felix Hartlaub, Hans G. Helms' Studie über "Musik zwischen Geschäft und Unwahrheit" sowie ein Buch über die "Kunst des Nickerchens" (auch in unserer Bücherschau Sonntag um 11).

Die SZ am Wochenende bringt eine autobiografische Geschichte von Jonathan Franzen (mehr hier), ein spaßiges Gespräch mit Wolfgang Menge zum Thema "Gefühl" und einen Undercover-Bericht von Robin Eggar, der sich in Marlon Brandos Prominenten-Schauspielkurs schmuggeln konnte.

TAZ, 08.06.2002

Wieder Walser. Elke Brüns aber gräbt tiefer und fördert den Vorlauf zur Debatte zutage: Seit Jahrzehnten arbeite Walser am Phantasma eines kollektiven Körpers, glaubt sie. Das jüdische Thema sei eingebunden in eine literarische, um das Thema Wiedervereinigung (und ihre vermeintliche Verhinderung durch das Auschwitz-Trauma) kreisende Nationalisierung des Diskurses. "Mit 'Tod eines Kritikers' scheinen die literarischen body politics auf ihrem eigensten Feld angekommen zu sein: der Autor als 'Nationalreferent', dessen Gegenüber der jüdische Kritiker ist. Wieder markieren Körper Differenz. Dabei verdecken die abfällige Charakterisierung des jüdischen Kritikers als alter, widerlicher Lüstling und die von Walser im Text schon als Skandalon antizipierte und ausgestellte Ermordung eines Juden - hier wurde das Antisemitische des Romans gesehen - geradezu die bedenkliche Nähe dieses Textes zur kulturhistorischen Konstruktion des jüdischen Körpers als des anderen Körpers."

Florian Malzacher erkennt im Fall Frankfurt/Forsythe den Versuch eines konservativen Rollbacks im Mäntelchen des Sparzwangs, und Jenni Zylka schreibt einen Nachruf auf Dee Dee Ramone, Bassist der Punkband "The Ramones", der sich den goldnen Schuss gesetzt hat.

Im documenta-Dossier der Tagesthemen-Seite macht Harald Fricke einen ersten Rundgang über die Messe und sucht verzweifelt den Dialog im Überfluss der insgesamt 450 ausgestellten Arbeiten.

Im Magazin lesen wir Porträts zu zwei sehr unterschiedlichen Zeitgenossen: Mike Tyson, der heute Abend seinen großen Kampf hat (hier) und Günter Wallraff, der an einer neuen Rolle feilt (hier). Und Christian Schneider untersucht den Antisemitismus in seinen vielfältigen Erscheinungsformen und kommt zu dem ernüchternden Schluss: Antisemitismus ist eine soziale Krankheit ohne wirkliche Chance auf Heilung. Man kann ihn bekämpfen, aber weder verbieten noch abschaffen.

Zum Schluss TOM.

FAZ, 08.06.2002

Thomas Wagner bereitet uns auf die Documenta vor, die nun - nach vier "Plattformen" - endlich beginnt. Zentrum ist nicht das Fridericianum, sondern die ehemalige Binding-Brauerei am Stadtrand: "Das verschachtelte, nicht zu überblickende Innere des Areals bietet einer Kunst die ihr gemäßen Dimensionen und Lokalitäten, die weniger sich präsentieren als vielmehr Fremdes und Fernliegendes repräsentieren will. Vor allem hier weht ein frischer Wind, mischen sich auf anregende Weise multiple, nicht auf einen Nenner zu bringende Bildwelten, deren Schöpfer es sich oft zugute halten, keine Kunst machen zu wollen, Komfort und Kapital der Kunst aber trotzdem gern nutzen."

Joseph Hanimann resümiert französische Debatten zum 11. September und kommt unter anderem auf Andre Glucksmanns neues Buch "Dostoievski a Manhattan" zu sprechen. "Im Schatten des doppelten Trugschlusses von Francis Fukuyamas 'Ende der Geschichte' und Samuel Huntingtons 'Krieg der Kulturen' hat Glucksmann das Profil des technisch hochspezialisierten, politisch indifferenten Nihilisten ausgemacht, der das demokratische Leben der nächsten Jahre mitprägen werde. Hauptanliegen des - mitunter etwas pathetisch konfusen - Buchs ist es, diese Figur aus den philosophischen, soziologischen, historiographischen Koordinaten der Motivsuche zu lösen: Nicht aus einem verkehrten Moralverständnis, überspannten Idealperspektiven, selbstpeinigendem Visionsverlust oder dergleichen sei dieser neue Nihilist zu verstehen, sondern als Abenteurer einer reinen, skrupellosen, beinah autistischen Selbsterfahrung im Zerstörungsakt, wie nur die Romanautoren des neunzehnten Jahrhunderts ihn in seiner faktischen Positivität zu beschreiben verstanden."

Christian Geyer resümiert einen Vortrag Wolf Singers (mehr hier) über das Gehirn, das man sich immer weniger als eine Zentralinstanz unseres Bewusstseins vorstellen könne. In einer Meldung lesen wir, dass Brigitte Hamann, Autorin von "Hitlers Bayreuth" Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers" in der Zeitschrift Format scharf kritisierte. Gemeldet wird außerdem, dass die Frankfurter Verlagsanstalt Bodo Kirchhoffs "Schundroman" (in dem ebenfalls ein Kritiker, der ebenfalls MRR nachgebildet ist, ermordet wird) bereits Anfang Juli erscheinen lässt. Jürgen Kaube macht sich Gedanken über die Idee der Chancengleichheit nach der Pisa-Studie. Susanne Klingenstein hat einer Tagung in Harvard über Gewalt in den Schulen zugehört. Dieter Bartetzko gratuliert dem Architekten Ernst Gisel (dem Lehrer von Herzog und de Meuron, Zmthor und Diener) zum Achtzigsten. Paul Ingendaay stellt im Blick auf die spanische Nationalelf fest: "Der gesamtspanische Patriotismus mag zwar nur aus einer dünnen Schicht bestehen, diese jedoch ist leicht entflammbar." Ingolf Kern vermeldet eine Wende bei Julian Nida-Rümelin - in einer Bundestagsdebatte sprach er sich verklausuliert für einen Wiederaufbau des barocken Stadtschlosses aus. Rafael Ball stellt das Projekt "Bibliotheken 2007" der Bertelsmann-Stiftung vor, das die Zukunft des Bibliothekswesens in Deutschland einschätzen will. Jürg Altwegg blickt in Schweizer Zeitschriften, die sich mit der Perspektive eines wahscheinlich fallenden Bankgeheimnisses auseinandersetzen. Edo Reents schreibt zum Tod des Ramones-Bassisten Dee Dee Ramone.

Auf der Medienseite erfahren wir, dass das hessische Kulturradio in diesem Sommer aus Kostengründen acht Wochen lang auf Wortsendungen verzichten soll (hoffen wir dass keine neue Walser-Affäre dazwischenkommt!) Man fürchtet, dass ARD und ZDF wegen der Kirch-Pleite die Übertragungsrechte für die Fußball-WM verlieren könnten, und betrachtet die Berichterstattung der Bild-Zeitung über das Ereignis.

In den Überresten von Bilder und Zeiten lässt der Historiker Robert G. Moeller das Thema der Vertreibung im deutschen Film Revue passieren. Und Arno Lustiger macht Anmerkungen zu Alexander Solschenizyns Werk über Russen und Juden "Zweihundert Jahre gemeinsam".

Besprochen werden Salvatore Sciarrinos "Macbeth"-Oper in Schwetzingen ("atemraubend", schreibt Eleonore Büning), zwei Inszenierungen von Roberto Ando in Palermo (nämlich Viktor Ullmanns "Kaiser von Atlantis" und Wagners "Siegfried"), der Film "Flickering Lights" von Anders Thomas Jensen, Andreas Dresens Stück "Zeugenstand", der Dresdner Theaterabend "Töte die Liebenden" nach Xavier Durringer.

Und in der Frankfurter Anthologie stellt Karla Schneider ein Gedicht von Heine vor:

"Durch den Wald, im Mondenscheine,
Sah ich jüngst die Elfen reuten;
Ihre Hörner hört ich klingen,
Ihre Glöckchen hört ich läuten..."
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NZZ, 08.06.2002

Die 5. Plattform der Documenta 11 in Kassel zeigt endlich Kunst - und setzt Maßstäbe, meint Matthias Frehner. "Fast von Werk zu Werk wird der Trend zur Gewissheit: Die Kunst bezieht wieder Stellung, klagt an, zeigt Zusammenhänge auf, vermittelt Erkenntnis, steigert das Individuelle zur "Allegorie reelle". Der Krieg ist ein zentrales Thema, ebenso die Zerstörung des Planeten, die Chancenungleichheit, die Unterdrückung und die kulturelle Verarmung ... es gibt kein einziges selbstgenügsam inhaltloses "Bild". Die neunziger Jahre sind passe."

Der irische Staat hat für seine Nationalbibliothek anderthalb Jahre um einen Manuskriptenschatz von James Joyce gefeilscht, von dessen Existenz bisher niemand wusste, berichtet Martin Alioth. Jetzt hat Irland die Notizbücher, Entwürfe und Druckfahnen (mehr hier) für 18 Millionen Franken erstanden. "'Man sollte die Leute für un-irisches Verhalten vor Gericht stellen', poltert der Joyce-Experte David Norris in gespieltem Zorn ... Der Manuskriptschatz ist Aladins literarische Höhle; zum Mindesten für die verschworene Gemeinde der Joyce-Exegeten, die produktiver sind als irgendeine andere Gruppe von Wortspaltern."

Weitere Artikel: Stephan Templ beschreibt, wie in Prag die feierliche Enthüllung eines Denkmals zur Erinnerung an die Opfer des Kommunismus zur Wahlveranstaltung der Bürgerpartei von Vaclav Klaus wurde. Und Stefan Dornuf gratuliert Hans G. Helms zum Siebzigsten.

Besprochen werden ein "Macbeth" von Salvatore Sciarrino in Schwetzingen und die Ausstellung "Bismarcks Reichstag" mit Fotografien von Julius Braatz im Berliner Paul-Löbe-Haus.

Die Beilage Literatur und Kunst druckt Martin Meyers Laudatio auf den polnischen Schriftsteller Adam Zagajewski, dem am 2. Juni der Literaturpreis der Konrad-Adenauer- Stiftung verliehen worden war. Der Rest der Beilage ist ausschließlich Büchern gewidmet. Besprochen werden unter anderen drei Romane von Amit Chaudhuri, Charles Dickens Roman "Das Geheimnis des Edwin Drood", ein Gedichtband von Antonio Machado und Czeslaw Milosz' "Mein ABC". (siehe auch unsere Bücherschau Sonntag ab 11 Uhr).

FR, 08.06.2002

Die FR hat ihre aktuelle Feuilletonausgabe heute morgen noch nicht ins Netz gestellt. Deshalb hier nur eine Zusammenfassung in aller Kürze und ohne Links: 

Elke Buhr liefert erste Eindrücke von der documenta 11, der belgische Schriftsteller Jean-Philippe Toussaint schreibt über die WM aus Japan, Daniel Kothenschulte schreibt den Nachruf auf Dee Dee Ramone, und Ulrich Speck gratuliert dem Historiker Eric J. Hobsbawm zum 85. Geburtstag.

Im Literaturteil liefert Matthias Politycki einen Erfahrungsbericht mit dem schönen Titel "Digitale Schriftstellerei - der selbstverschuldete Ausgang des Menschen aus seiner Mündigkeit" und liebt es dennoch, sein iBook. Über den schlimmen Anfang seines Artikels haben wir herzlich gelacht, können ihn aber nicht bestätigen. Gregor Eisenhauer erinnert an den Dichter Rudolf Borchardt, der vor 125 Jahren geboren wurde. Und Michael Buselmeier stellt jüngste Ausgaben vor der literarischen Periodika "Literaturen", "Euphorion" und "Akzente".

Besprechungen widmen sich einem Katalog zur aktuellen Werkschau Thomas Struths, einem Band mit Briefen von Djuna Barnes und einer Roadnovel von Arnaud Cathrine (siehe auch unsere Bücherschau Sonntag ab 11 Uhr).

Und das Magazin bringt ein Gespräch mit dem Psychologen und Bestsellerautor Daniel Goleman ("Emotionale Intelligenz"), der George Bush Jr. für einen guten Präsidenten hält, "weil er emotionale Intelligenz hat, nicht wegen eines besonders hohen Intelligenzquotienten. Führungsfähigkeiten, also die Fähigkeit zu emotionaler Intelligenz, sind von intellektuellen Fähigkeiten zu unterscheiden. Man braucht beides. Aber um eine gute Führungskraft zu sein, muss man nur so viel Intellekt haben, dass man seine Herausforderungen erkennen kann."