Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.02.2002. Die FAZ erklärt, warum das neue Schönheitsmittel Botox zwar schön macht, aber die Gefühlsregungen erschwert. Die SZ befasst sich mit der psychologischen Kriegsführung in den USA. Die NZZ stellt arabische und israelische Verleger vor, die sich um Übersetzungen aus der jeweils anderen Sprache verdient machen.

NZZ, 25.02.2002

Es gibt in Israel und in Arabien auch ein paar Unentwegte. Mona Naggar stellt sie in einer interessanten Recherche vor, zum Beispiel die israelische Verlegerin Yael Lerer, die arabische Literatur ins Hebräische übersetzt, oder den arabischen Verleger Khalid al-Maaly, der einen Transfer in umgekehrter Richtung besorgt. Die Bücher stoßen weder hier noch dort auf ein großes Interesse des Publikums, und über das Engagement dieser Verleger "wird heftig diskutiert und gestritten. Die Zeit der gegenseitigen Ignoranz scheint aber endgültig vorbei zu sein".

Eine Ökonomisierung der Universität beklagt Wolfgang Sofsky in einer recht allgemein gehaltenen Polemik gegen die in Deutschland geplante Universitätsreform. Es soll jetzt alles ganz schnell gehen. "Dass manche Hauptwerke erst nach Jahrzehnten geschrieben werden und manche Erkenntnisse ein ganzes Arbeitsleben benötigen, kommt den amtlichen Destrukteuren erst gar nicht in den Sinn." Und dies, obwohl ihnen manche Professoren aufgefallen sein dürften, die in dreißig Jahren Karriere nur ein Buch vorlegten.

Weiteres: Besprochen werden eine Choreografie von Philippe Egli am Theater Sankt Gallen, "La Divina Commedia" im Hamburger Thalia-Theater, die Uraufführung von Gavin Bryars' Oper über Gutenberg, eine Ausstellung von drei Schweizer Bildhauern im Münchner Künstlerhaus und Sasha Waltz' "noBody" an der Berliner Schaubühne.

SZ, 25.02.2002

Andrian Kreye widmet sich dem Kampf der USA um die Köpfe und Herzen, der psychologischen Kriegsführung, zu deren Mitteln ja nun auch die Verbreitung gezielter Falschmeldungen gehören soll. "Normalerweise beherrscht keine Militärmacht die psychologische Kriegsführung so perfekt wie die USA: das Umschmeicheln und Verängstigen, oder das In-die-Irre-Führen und Demoralisieren. Legendär sind jene DJs, die den panamaischen Diktator Noriega und ganze Bataillone der irakischen Armee mit ihren Lautsprechertürmen und Heavy-Metal-Platten zum Aufgeben zwangen." Und für das hässliche Wort Propaganda ist übrigens auch ein hübscher Ersatz gefunden: Global Diplomacy.

Fritz Göttler schreibt den Nachruf auf den wunderbaren Cartoonisten Chuck Jones (mehr hier und hier), den Schöpfer von Duffy Duck und Road Runner, Ziehvater von Bugs Bunny, dessen Grinsen zu den großen Horrormomenten des Kinogeschichte gehört, wie Göttler schreibt.

Weitere Artikel: Wolfgang Koydl beklagt, dass die europäische Identität noch nicht bis in die Welt des Sports vorgedrungen und damit auch in Salt Lake City kein Team der Europäischen Union angetreten ist. Stefan Koldehoff berichtet von einer Hamburger Tagung zur Raubkunst, Markus Nechleba erklärt in einem recht assoziativen Text, warum Silber die Farbe des Marktes und Grau die Farbe der Macht ist. Henning Klüver berichtet über Proteste in Mailand gegen Berlusconi. Hermann Simon, Direktor der Stiftung "Neue Synagoge Berlin-Centrum Judaicum", erzählt, dass zum heutigen Purimfest ein Nachdruck der Ester-Rolle herauskommt. Auf der Medien-Seite warnt Martin Zips vor Franz Xaver Kroetz' Rückkehr von Teneriffa.

Außerdem sind heute viele Ehrungen im Blatt zu finden: Rainer Stephan feiert den Dirigenten Lorin Maazel (mehr hier) der sich mit einem Mahler-Zyklus aus München verabschiedet, um die New Yorker Philharmoniker zu übernehmen. Gustav Seibt würdigt zu seinem fünfzigsten Todestag Erwein von Aretin, einen der "wichtigsten, auch sprachmächtigsten" Journalisten der Weimarer Zeit. Heinz Schlaffer erinnert an den Philologen Max Kommerell, der heute hundert Jahre alt geworden wäre.

Besprochen werden die Uraufführung von Igor Bauersimas "Futur de luxe" am Schauspiel Hannover, Anatoli Wassiljews Inszenierung von Molieres "Amphitryon" an der Pariser Comedie Francaise sowie Sasha Waltzs (offenbar umjubeltes) neues Tanztheaterstück "noBody" an der Berliner Schaubühne, Eiji Oues Debüt bei den Münchner Philharmonikern, eine Ausstellung zu Paul Klee, zusammengestellt von der britischen Op-Art-Künstlerin Bridget Riley, in der Londoner Hayward Gallery, sowie Rainer Matsutanis Comedy "666 - Traue keinem, mit dem du schläfst". Und Bücher: etwa Walter Rauschers Doppelbiografie "Hitler und Mussolini", Atiq Rahimis Erzählung "Erde und Asche" oder Ulrich Peltzers Roman "Bryant Park" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 25.02.2002

Gleich zwei Nachrufe hat die FR heute auf ihrer einen Feuilleton-Seite untergebracht. Zuvorderst natürlich den auf den Cartoonisten Chuck Jones (mehr hier und hier), über den Daniel Kothenschulte schreibt: "Niemand von den denen, die von der goldenen Zeit des Cartoons zu erzählen wussten, wurde so geliebt wie Chuck Jones." Der Schöpfer von Duffy Duck, Road Runner und dem singenden Frosch sei "der letzte der legendären Warner-Animatoren" gewesen, "die in den dreißiger Jahren ein anarchisches Gegenmodell zum romantischen Disney-Illusionismus hervorbrachten". Dirk Fuhrig erinnert dagegen an die Schauspielerin Barbara Valentin: "Lasziv und mütterlich - eine deutsche Hausfrau mit Glamour."

Weitere Artikel: Frank Keil hat sich außerdem die Grand-Prix-Vorentscheidung zugemutet und viel Arbeitsethos in der deutschen Schlagerbranche entdeckt. Besprochen werden die Uraufführung von Gavin Bryars Gutenberg-Oper und politische Bücher: Noreena Hertz' Pamphlet gegen die Globalisierung "Wir lassen uns nicht kaufen!" und ein Handbuch über "Das Jahrhundert der Lager" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
Anzeige

TAZ, 25.02.2002

Heute ist der letzte Montag im Monat und damit der Tag von Gabriele Goettle. Diesmal lässt sie "In Sachen Pietät" den Zeremonienmeister eines Wiener Bestattungsunternehmens erzählen. Zur Einstimmung hier der Beginn ihres Textes: "Tod und Sterben sind bei uns weitgehend aus dem gesellschaftlichen Blickwinkel verbannt ... Verlangsamung oder gar Stillstand erzeugen im Betrachter Panik und Grauen. Der Friedhof ist ein Ort für die Verwahrung der menschlichen Rückstände, besucht vor allem von rüstigen Witwen mit Harke und Gießkanne. Im Mittelalter waren Kirchhöfe Orte der Geselligkeit. Tod und Sterben galten als eine öffentliche Angelegenheit und waren noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein Bestandteil des Familienlebens, unter Einschluss von Kindern und Nachbarn. Heute sterben fast 90 Prozent der Deutschen in Krankenhäusern oder Pflegeheimen, unter Ausschluss jeder Öffentlichkeit; einsam, isoliert und hilflos. Wir haben das Sterben verlernt."

Trotzdem noch der Hinweis auf die Tagesthemen, die eine Seite für den Nachruf auf den Cartoonisten Chuck Jones freigeräumt haben (mehr hier und hier).

Und schließlich Tom.

FAZ, 25.02.2002

Heute erscheint das Buch "Menschmaschinen" von Rodney Brooks, berichtet Gero von Randow. Brooks leitet das Institut für Künstliche Intelligenz am MIT und gilt als Guru seiner Disziplin. Und sein Buch "kommt nüchtern daher und präsentiert doch eine These, über die zu sprechen sein wird: Roboter werden den Menschen nicht verdrängen, vielmehr werde sich der Mensch roboterisieren - und der Roboter sich humanisieren. Künstliche Intelligenz (KI oder englisch AI für 'artificial intelligence') ist also nicht etwas, das 'sie' haben werden, sondern wir selbst werden künstliche Intelligenzen sein. Das ist eine Theorie der wechselseitigen Annäherung - mit robotoiden Menschen und humanoiden Robotern. Man werde schon miteinander auskommen."

Eine erste Möglichkeit der Selbstvervollkommnung des Menschen schildert Jordan Mejias auf der letzten Seite. Das Schönheitsmittel Botox wird in den USA eingeführt. Mejias beschreibt, wie es wirkt. "Wer schöner werden will, muss sich vergiften lassen. Unter die Falten spritzt der dermatologische Artist das vom Bakterium Clostridium Botulini gebildete Botulismustoxin, das in minder verdünnter Form eine in der Regel zum Tode führende Lebensmittelvergiftung hervorruft. Statt die Muskeln bis zum Exitus zu lähmen, hemmt das Gift... bei fachgerechter Anwendung bloß ein bisschen die Signalübertragung zwischen Nerven und Muskelzellen. Medicoästhetisch wirkt sich das, je nach Anwendungsort, in einer wunderbar glatten Stirn-, Augen- oder Halspartie aus. Der kleine Nachteil besteht darin, dass die leicht paralysierten Muskeln nicht länger dem Innenleben in seiner vollen emotionalen Fülle gewachsen sind, also etwa die vor Angst, Schreck, Wut oder Zorn zerfurchte Stirn als Ausdrucksmittel entfällt."

Weitere Artikel: Verfassungsgerichtspräsidentin Jutta Limbach denkt in einem Redemanuskript, das die FAZ vorab druckt, über die Lage der Gentechnik in Deutschland nach. Gerhard Stadelmaier beschreibt anlässlich einer Aufführung in Wiesbaden wie Michael Frayns Stück "Kopenhagen" funktioniert. Andreas Platthaus schreibt zum Tod des Zeichentrickregisseurs Chuck Jones. Der van-Gogh-Kenner Matthias Arnold meldet anlässlich eines van-Gogh-Kolloquiums noch einmal Zweifel an der Echtheit einer auf dem Höhepunkt des Kunstbooms nach Japan verkauften "Sonnenblumen"-Variante an. Eberhard Rathgeb war dabei als Paul Raabe als Leiter der Franckeschen Stiftungen in Halle verabschiedet wurde.

Auf der Medienseite erfahren wir durch Michael Hanfeld, dass Gabi Bauer eine Talkshow bekommt. Dietmar Polaczek stellt die neue Führung der RAI vor. In einem kleinen Kommentar vermutet Michael Hanfeld, dass die Politiker den Zustand eines ZDF ohne Intendanz perpetuieren wollen, um ihren Einfluss noch besser geltend machen zu können. Auf der letzten Seite besucht Jörg Magenau das Waggonwerk Ammendorf, das heute von Schließung bedroht ist - Christa Wolf schrieb hier einst ihren Roman "Der geteilte Himmel". Und Claudia Schülke schreibt ein kleines Porträt der ehemaligen Operndiva Renate Holm, die jetzt in einem Boulevardstück über ehemalige Operndiven eine ehemalige Operndiva spielt.

Besprochen werden Gavin Bryars Gutenberg-Oper "G" in Mainz, Sasha Waltz' Tanzspektakel "noBody" an der Berliner Schaubühne, Elfriede Jelineks "Raststätte" im Schauspiel Frankfurt, die deutsche Filmkomödie "666 - Trau keinem, mit dem du schläfst" (die Michael Allmaier am "Nullpunkt der Komik" angelangt sieht), eine Ausstellung der "Picasso-Sammlung des Enkels Bernard" (so steht's in der FAZ) in Tübingen und Thomas Langhoffs "Iphigenie"-Inszenierung am Berliner Gorki-Theater (im Radio haben wir übrigens gerade gehört, dass das Gorki-Theater als nächstes in Berlin von Schließung bedroht sein soll. Für heute werde der Kultursenator Thomas Flierl den Intendanten zu sich berufen.)