Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.02.2002. In der FAZ fordert Martin Mosebach den Wiederaufbau des Berliner Schlosses. In der NZZ beklagt Heinz-Klaus Metzger den Negativitätsverlust in der Neuen Musik. Die SZ wirft einen illusionslosen Blick auf den italienischen Rechtsstaat. Die FR hat in New York keine Gegenveranstaltung zum Weltwirtschaftsforum gefunden und die taz ist enttäuscht über die kulturlosen Sozialdemokraten.

NZZ, 04.02.2002

Sieglinde Geisel hat sich mit zwei Institutionen der Musiktheorie unterhalten: Heinz-Klaus Metzger und Rainer Riehn, den Herausgebern der Musik-Konzepte. Metzger beklagt den fehlenden Stachel in der neuesten Musik: "Ich erinnere mich gut an die Zeiten, da Mahler ein verfemter Komponist war, und plötzlich, nach den beiden Mahler-Jahren 1960 (100. Geburtstag) und 1961 (50. Todestag), nebst dem Mahler-Buch Adornos, war er ein Erfolgskomponist. Er hatte sich durchgesetzt, aber zum Nachteil seines Stachels, und heute beobachte ich dies bei Schönberg, Varese und anderen, ja sogar schon bei Lachenmann. Die Durchsetzung, das ist der Negativitätsverlust. Die Gemeinde für exponierte Werke der Neuen Musik ist mittlerweile so groß, dass man vergisst, wie klein die Minderheit geworden ist, die diese Musik überhaupt wahrnimmt."

Weiteres: Ulrich M. Schmid stellt die Putin-nahe russische Jugendorganisation "Gemeinsamer Weg" vor, die die Bücher von Vladimir Sorokin und Viktor Pelewin an die Autoren zurückschickt und nur mehr patriotische Schinken lesen will - inzwischen wurde im Internet eine Adresse gegründet, die die Bücher von Sorokin und Pelewin als spam-Mail an die Mitglieder des Gemeinsamen Wegs zurückschickt. Georges Waser schreibt zum 100. Gebuirtstag des Times Literary Supplement, und "Id." stellt die Moskauer Zeitschrift Ex libris vor, die in Russland einen ähnlichen Anspruch hat. Ferner geht's um den Streit vor der Pariser Buchmesse (Italien ist Gastland, und Kulturministerin Catherine Tasca will nicht hingehen, wenn Silvio Berlusconi kommt), um eine Ausstellung des Brasilianers Ernesto Neto in der Kunsthalle Basel, um eine Ausstellung der jüdisch-deutschen Buchhändler Martin et Karl Flinker in Paris und um John Barths Roman "Die schwimmende Oper" (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 04.02.2002

Die SZ druckt Auszüge eines Gesprächs zwischen dem Schriftsteller Antonio Tabucchi und dem Generalstaatsanwalt Francesco Saverio Borelli, unter dessen Federführung die "Mani Pulite" den Kampf gegen die Korruption in Italien aufgenommen hatten. Beide werfen einen illusionslosen Blick auf die Verfassung des italienischen Rechtsstaats unter Berlusconi und teilen ihre Enttäuschung über die Presse, die inzwischen - von wenigen Ausnahmen abgesehen - eine feindselige Haltung gegenüber den "Mani Pulite" eingenommen hat. Borelli ist sich nicht sicher, ob in Italien eine unabhängige Presse existiert. Er fragt sich sogar, ob die Italiener überhaupt nach einer solchen Presse verlangen: "Vielleicht zieht doch ein Teil der Leserschaft eine deutlich ausgerichtete Presse vor. Man müsste erst mal den Gegenbeweis erbringen ? ob der Leser wirklich den Willen hat, den Überlegungen einer Presse zu folgen, die die nackte Wahrheit ans Tageslicht bringt, unabhängig von Erwägungen der Art: Wem nützt das, wem dient das unter den Rechten, unter den Linken, in der Mitte, im Interesse von Europa eher als von Amerika und so weiter?"
Das vollständige Gespräch wurde in der italienischen Zeitschrift MicroMega veröffentlicht.

Jens Bisky berichtet vom gequälten Versuch, der SPD, auf ihrem Kulturforum mit der Philosophin Martha Nussbaum (mehr hier) und Heidemarie Wieczorek-Zeul Philosophie und Politik, Geist und Macht miteinander ins Gespräch zu bringen. "Erleichtert hätte man in die sonnenbeschienene Außenwelt eilen können, bliebe da nicht das Unbehagen an der unverfrorenen Niedlichkeit, mit der diese Art des philosophierenden Plauderns alle Klippen des Realen umschifft und die Zuhörer auffordert, sich dem Kollektiv der richtig Denkenden anzuschließen." Gegen die Einsicht, bürgerliche Freiheit sei die "Entbehrung des Allgemeinen, Prinzip des Isolierens", inszenieren diese Dialoge und Foren "eine vorab gegebene Harmonie aller einzelnen Interessen, eine Politik, die das Prinzips des Isolierens nicht kennt. So wird das Land in Watte gepackt."

Weitere Artikel: In der Hochschuldebatte wirft Johannes Willms dem "geisteswissenschaftlichen Mittelbau" vor, selbst schuld zu sein an der Fristsetzung der Bundesbildungsministerin für die Berufung zum Professor. Die Geisteswissenschaftler hätten ihre Sinnkrise selbst herbeigeführt, "als sie sich mit den Pädagogen und Didaktikern in der Hoffnung ins Bett legten, dass deren Mitgift ihnen neue Stellen und Achtung beschere." Bgr. berichtet über einen Vortrag von Professor Svante Pääbo über Evolutionäre Anthropologie in München. Michael Frank schreibt über den Dokumentarfilm "Im toten Winkel" von Othmar Schmiederer und Andre Heller, in dem Traudl Junge erstmals aus ihrer Zeit als Hitlers Privatsekretärin berichtet. Oliver Fuchs hat Frankreichs neue Pop-Lolita Alizee (hier mehr) getroffen und ist natürlich ganz hingerissen: "Muss man extra sagen, dass sie schön ist? Soll man betonen, dass das keine diskrete, unverbindliche Art von Schönheit ist, sondern eine, die plötzlich im Raum steht und sehr entschieden 'Bonjour' sagt?"

Besprochen werden Christopher Marlowes Stück "Der Jude von Malta" im Düsseldorfer Schauspielhaus, Jean-Jacques Beineix groteske Kino-Seance "Mortal Transfer", die Ausstellung über "Das Tier in mir" in der Kunsthalle Baden-Baden. Und Bücher, darunter Briefe von Francesco Petrarca und Peter Janichs Grundkurs im philosophischen Reflektieren "Logisch-pragmatische Propädeutik" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf der Medien-Seite mokiert sich Willy Winkler angesichts des königlichen Hochzeitspektakels in den Niederlanden über den "geballten Unverstand von ARDZDFRTLSAT1".

FR, 04.02.2002

Sacha Verna hat in New York vergeblich nach Protestveranstaltungen gegen das WEF gesucht. "Noch am Freitag standen sich die bewaffneten Beamten zwischen der vierzigsten und der sechzigsten Strasse die Beine in den Bauch und warteten im Nieselregen vergeblich auf massive Proteste."
Petra Kohse hat sich "Sex. Nach Mae West" von Rene Pollesch im Prater der Berliner Volksbühne angesehen und kam sich dabei vor wie im türkischen Bad: Wie Dampf ströme Text von der Bühne und öffne die gedanklichen Poren. "Das einzige Problem mit dem Theater des Rene Pollesch ist, dass es noch Theater ist. Er schreibe keine Stücke, sagt der Autor zu Recht, denn es gibt weder Handlung noch Figuren. Auch das, was man sonst Inszenierung nennt, ist bei ihm eher dreidimensionales Textarrangement mit Pausenprogramm. Und die schauspielerische Leistung bemisst sich nach Stimmkraft und Kondition. Eine zugleich sportliche und bildnerische Angelegenheit also. Eine szenische Installation, in der wechselnde Darstellerinnen die Symptome der letztgültigen Durchkapitalisierung der Gesellschaft hysterisch zuspitzen und besprechen." Doch dagegen gibt es eigentlich nichts einzuwenden, findet Kohse.

Weitere Artikel: Peter Iden war in Christopher Marlowes Stück "Der Jude von Malta", das Thomas Bischoff in Düsseldorf als düsteres Exerzitium und mit "imponierender Strenge und Konsequenz" inszeniert hat. Besprochen werden außerdem politische Bücher, darunter ein Band über "Die Verstrickungen der USA mit Osama bin Laden" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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Stichwörter: New York, René Pollesch, USA, Malta

TAZ, 04.02.2002

David Lauer war beim "Kulturforum der Sozialdemokratie" und findet, dass der Auftritt der amerikanischen Philosophin Martha Nussbaum glatt verschwendet war. Nach ihren "praxisnahen und doch präzisen" Ausführungen zu einem universalen Menschenrechtskatalog entwickelte sich keine Debatte, woran Lauer vor allem der Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Heidemarie Wieczorek-Zeul die Schuld gibt: "Als Antwort auf Nussbaums philosophische Anstöße hielt sie ein jedem Anflug von Selbstzweifeln abholdes Referat, nach dem die Politik der Bundesregierung seit jeher Nussbaums Standards verwirklicht habe."

Besprochen werden die Retrospektive des US-Westküstenmalers Ed Ruscha in Wolfsburg und Jean-Jacques Beineix' neuer Film "Mortal Transfer": "Über allem Psycho steht bei Beineix die Inszenierung, das schwungvoll-elegante Segeln auf den Oberflächen, die sich in 'Mortal Transfer' mal als gelber Porsche, mal als silbermetallicfarbener Cadillac darstellen, als rote Socken, lila Fliegen, glitzerblaue High Heels", schreibt Gerrit Bartels.

Schließlich Tom.

FAZ, 04.02.2002

Der Schriftsteller Martin Mosebach ("Der Nebelfürst") erklärt der geneigten Leserschaft, "warum das Berliner Schloss wieder aufgebaut werden muss". Noch mehr interessiert uns eine These, die er zur Grundlage seiner Argumentation macht: "Was immer man zugunsten der neuzeitlichen Beton-, Stahl- und Glasarchitektur vorbringen mag - sie ist nicht fähig, Ensembles mit den Bauten vor der Bauhaus-Revolution zu bilden. Die Behauptung sei gewagt, dass es nicht einen einzigen Platz auf der Welt gibt, auf dem die Verbindung zwischen Bauhausnachfolge im weitesten Sinn und der Architektur vor 1900 gelungen ist." Stimmt das?

Roland Kany stellt die "Kraft zum Leben"-Bewegung vor, die in (leider nicht im Perlentaucher geschalteten) Anzeigen persönlichen Erfolg durch eine evangelikalische Bekehrung zu Gott verspricht. Der Stiftungsgründer hat vorgemacht wie's geht: "Es heißt, Arthur S. DeMoss habe ein Vermögen mit Lebensversicherungen verdient, die er vorrangig an Glaubensgenossen verkaufte. Risikoärmere Versicherungskunden als die religiös Erweckten mit ihrer leiblichen Diätetik und moralischen Disziplin lassen sich schwerlich finden."

Joseph Hanimann hat einer Pariser Gedenkveranstaltung für Pierre Bourdieu zugehört, bei der Schauspieler aus seinen "Pascalianischen Meditationen" lasen: "Wie kaum je bei eigener Lektüre wurde in dieser szenischen Darbietung ein durchgehender Gleichklang hörbar, von der über dem Konditionallabyrinth manchmal einknickenden Theorie bis zur positivistischen Datenhuberei und kämpferischen Blickfeldverengung." Klingt ja nicht unbedingt schmeichelhaft.

Auch sonst ein sehr politisches Feuilleton heute: Die Grünen-Abgeordnete Andrea Fischer (mehr hier) begründet, warum ein neuer Stammzellstreit der Wissenschaft schaden würde. Der Völkerrechtler Rudolf Dolzer erklärt den Unterschied zwischen Soldaten, Zivilisten und irregulären Kombattanten. Jürgen Kaube resümiert ein von der SPD veranstaltetes Kolloquium, in dem es offensichtlich irgendwie um ethische Grundwerte ging und Martha Nussbaum eine "aristotelische Sozialdemokratie" forderte. Jordan Mejias berichtet von einer Veranstaltung am Rande des New Yorker Weltwirtschaftsforums, wo Jeremy Rifkin die achte Version eines Vertragsentwurfs vorlegte, der den genetischen Reichtum der Welt zum Gemeingut erklären will. Jörg Magenau durfte Julian Nida-Rümelin und Ingo Schulze im Gespräch zuhören. Eberhard Straub resümiert einen Berliner Vortrag des Historikers Manfred Hildermeier über Traditionen aufgeklärter Politik in Russland (vor der Oktoberrevolution, versteht sich).

Ferner liefert Monika Osberghaus Impressionen von der Nürnberger Spielwarenmesse ("Auch wenn es makaber klingt: Die traditionell orientierte Spielwarenindustrie hat von den Anschlägen profitiert. Cocooning heißt das Stichwort - die Leute sind familienbewusster geworden, waren stärker an gemeinsamen Aktivitäten zu Hause interessiert und haben entsprechend mehr Spiele gekauft.") Auf der Medienseite sieht Gisa Funck nach der Berichterstattung über die niederländische Prinzenhochzeit die Royalistengemeinde im Fernsehen "in fast schon gespenstischer Ausführlichkeit" bedient. In Carl Zuckmayers Geheimdienstkolumne geht's um den Intendanten Otto Falckenberg. Und Dietmar Dath kommentiert Stephen Kings jüngste Ankündigung, er werde nur noch fünf Bücher schreiben (manche Schriftsteller wären froh, wenn sie ein so umfangreiches Oeuvre vorlegen könnten!).

Besprochen werden Pete Docters Film "Monster AG", "Der tugendhafte Taugenichts" des Jakob Michael Reinhold Lenz am Berner Theater, Fotografien von Denis Roche in der Salzburger Galerie Fotohof, John Moores Film "Im Fadenkreuz", eine Ausstellung über Richard Strauss' Verhältnis zu Beethoven in Bonn, "Auf Schädelhöhen" von Andreas Laudert in Potsdam, eine Ausstellung über das Jüdische in der Kunst in New York, ein Auftritt der Band "Bad Religion" in Düsseldorf und Marlowes "Jude von Malta" in Düsseldorf.