Martin Mosebach

Der Nebelfürst

Roman
Cover: Der Nebelfürst
Die Andere Bibliothek/Eichborn, Frankfurt am Main 2001
ISBN 9783821845067
Gebunden, 352 Seiten, 27,61 EUR

Klappentext

Der ahnungslos entschlossene Held dieser Geschichte, ein gewisser Lerner, taumelt um die Jahrhundertwende in ein aberwitziges Unterfangen. Angestiftet und manipuliert von einer üppigen Hochstaplerin, der verwegenen Frau Neuhaus, reist er auf einem schrottreifen Dampfer in die Arktis, um eine herrenlose Insel zu annektieren ...

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 10.01.2002

Der Rezensent Andreas Isenschmid ist von der Virtuosität des Autors, von seinem gekonnten Spiel mit der Sprache, die tausend Einzelheiten aus dieser "Hochstaplergeschichte aus den späten 1890er Jahren des Deutschen Reiches" lebendig werden lässt, schlicht begeistert. Er hat Spaß an jedem einzelnen Satz, er sieht die Farben, nimmt die Gerüche wahr, und er ist auch von der Sachkenntnis, die aus den Details spricht, äußerst angetan. Zum Nachdenken anregend und durch den leicht satirischen Ton nie langweilig, ist für Isenschmid dieser Roman. Die Form ist also großartig, die inhaltlichen Einzelheiten stehen ihr in nichts nach, aber - aus diesen vielen Einzelheiten sieht der Rezensent kein Ganzes entstehen. So konstatiert er, dass der Roman bei seiner furiosen Ausstattung doch "ein gewisses Problem" habe: "Die Handlung und die Charaktere lassen ziemlich zu wünschen übrig". Denn die Handlung sei nicht spannend, und die Figuren seien nicht glaubwürdig, auch wenn ihre Garderobe wunderbar beschrieben werde.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 18.12.2001

Martin Mosebachs neuer Roman, ein historischer Roman, ist "gnadenlos unterkomplex", schreibt Werner Jung, was immer genau der Rezensent damit meint. Zumindest ist es nicht böse gemeint. Denn nach einer ausführlichen Beschreibung des Romangeschehens und seines "intertextuellen Spiels" zwischen Fontanes "Stechlin" und zwei erfundenen Romanfiguren, die sich Ende des 19. Jahrhunderts auf Entdeckungsreise nach Russland begeben, kommt Jung zu dem Schluss, Mosebach meistere seinen historischen Stoff, sei witzig und verzettele sich nicht. Stil und Geschmack des ausgehenden 19. Jahrhunderts würden gut getroffen, es gehe behaglich und hektisch zugleich zu; vor allem ist dem Rezensenten Mosebachs Aufmerksamkeit für "Spinner und Hochstapler" sympathisch, jene Halbwelt, die sich nicht strahlend heldenhaft behauptet, sondern mühsam und humoristisch in Projekte verstrickt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 14.11.2001

Kann das Erzählen dem "Gewicht der schwankenden Welt noch standhalten?" Von diesem Problem handle der vorliegende Roman, schreibt Rezensent Jochen Hörisch. Der Autor erzähle darin "chronologisch und auktorial so ungebrochen", als hätte es eine "Krise des Erzählens nie gegeben". Es geht in diesem Roman um Machtverhältnisse, politische Intrigen und "körperliche Gebrechen", erzählt der Rezensent. Der Autor verweise "geistreich auf komplexe Horizonte". Dies geschieht allerdings übertrieben direkt nach dem Motto "Alle mal herhören - hier ist ein Shakespeare-Zitat", findet Hörisch. Warum tut der Autor das? Er will schreiben "wie (Heinrich) Mann", glaubt der Rezensent, der einige Gemeinsamkeiten zwischen Mann und Mosebach ausgemacht hat: Beide schreiben "spannend und dicht", beide verkünden sowohl glänzende Einsichten als auch Allerweltsweisheiten. Der vorliegende Roman sei "auffallend lesefreundlich" geschrieben. Dennoch resümiert der Rezensent: Ein "intellektuelles, aber nicht kulturgemäß-ungebrochenes Vergnügen".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.10.2001

Als einen "pikaresken Gesellschaftsroman", bezeichnet Ijoma Mangold Martin Mosebachs "Nebelfürst". Der Romanheld Theodor Lerner, Mitarbeiter des Berliner Lokalanzeigers, macht sich, angeregt durch eine Kollegin, deren "Weltbild sich aus Klatschspalten speist", auf zu der herrenlosen Bären-Insel südlich von Spitzbergen, um von ihr Besitz zu nehmen. Diese "Farce einer Kolonialpolitik" könne auch deshalb unterschätzt werden, weil bei Mosebach alles, was er erzählt, die Form des wohlgeordneten Genrebildes annimmt, warnt der Rezensent. Mosebach scheine ein konventioneller, geradezu epigonaler Schriftsteller zu sein. Man könne ihn als Verklärer der heilen Welt missverstehen, weil er eine Welt beschreibt, in der alles seinen Platz habe, führt der Rezensent aus. Tatsächlich gehe es jedoch um etwas anderes: Zum einen entdecke Mosebach hinter den Lebenssehnsüchten seiner Figuren den Wunsch, in bewährten Ritualen aufzugehen, zum anderen rehabilitiere er, im Gegensatz zum modernen Roman, die bürgerlichen Ordnungsmuster gerade dort, wo alles aus der Form zu laufen drohe. Im Traum von Kolonien, so Mangold, kommen viele Sehnsüchte zusammen, wie z.B. Gewinnsucht, Abenteuerlust, Reiz der Exotik. Der "Nebelfürst", findet er, erzählt aber auch eine Zivilisierungsgeschichte, in der die kriegerische Eroberung von der kommerziellen Vermarktung abgelöst werde.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.2001

Rezensent Tilman Spreckelsen hält diesen Roman für Mosebachs bislang bestes Buch. Mit leichter Hand werde hier das wilhelminische Deutschland des Jahres 1898 geschildert, dessen Zeiterscheinungen gedeutet, ohne dass sich Mosebach je in Kolportage verstrickt. "Fast beiläufig" fange der Autor im "Parabolspiegel ihrer hundert Jahre älteren Vorformen" auch Züge der New Economy ein, wie der Rezensent einigermaßen beeindruckt wissen läßt. Seine Schilderung des Helden Lerner führt ins Zentrum des Romans: Lerners Reise zu einer Insel im Eismeer, die er unter dem Vorwand unternimmt, einen verschollenen Arktisforscher zu suchen. Eigentlich aber, so Spreckelsen, handele das Buch von fatalen Lektüren und geweckten Sehnsüchten, die in die Irre führen. Mosebach, an dessen früheren Romanen der Rezensent das Miniaturenhafte schätzte, habe den vorliegenden Roman deutlich an Fortsetzungsromane angelehnt, ohne den Illustriertenroman der Jahrhundertwende zu imitieren. Erzählerische Bravour und Eleganz stattdessen, sowie ein begeisterter Rezensent, der die überraschende Pointe, auf welche die kurzen Kapitel seiner Auskunft zufolge immer rasanter zulaufen, nicht verraten will.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 29.09.2001

Lutz Hagestedt stellt fest, dass der erzählerische Rahmen zwar auf historischen Fakten basiert, der Autor sich aber ansonsten von der Geschichte gelöst hat und eine "höchst elegante Lösung" für die Motivation seines Protagonisten gefunden hat, als Entdecker und Eroberer auf die Bären-Insel im Nordmeer aufzubrechen. Der Rezensent findet es großartig, wie es Mosebach versteht, einen Helden zu zeigen, der "nicht voll im Bilde" ist und somit immer unterhalb des allgemeinen Wissensstandes zu agieren. Er lobt den Roman als meisterhaft und rühmt den Autor besonders für "Erzählökonomie und narrative Kontinuität", die sich nicht scheut, sich stilistisch an Erzähler des 19. Jahrhunderts anzulehnen. In dem Roman passiere das, was "Literatur eigentlich ist", so der begeisterte Rezensent, nämlich eine "Reise ins Blaue hinein".

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