Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.01.2002. Im Interview mit der SZ zeigt sich Peter Handke recht milde gestimmt. Die NZZ präsentiert die Erinnerungen Frantisek Xaver Basiks, der 1895 als Lehrjunge bei den Kafkas eintrat. In der FR fordert Claus Leggewie eine Internetabstimmung über Bioethik. Die FAZ stellt die Hoffnung des französischen Kinos vor: noch ein Asterix-Film.

NZZ, 30.01.2002

"Superdutch" ist überall. Hubertus Adam berichtet über den Siegeszug des Architekten Rem Kohlhaas in den USA. " In Dallas wurde soeben sein Entwurf eines flexiblen und multifunktionellen Theatersaals mit 800 Plätzen für das Dallas Center for the Performing Arts zur Ausführung bestimmt... Spektakulärer aber noch ist das Projekt für das Los Angeles County Museum of Art am Wilshire Boulevard. Hier konnte sich Koolhaas gegen Steven Holl, Daniel Libeskind, Thom Maynes (Morphosis) und schliesslich auch gegen Jean Nouvel durchsetzen. Während sich die Konkurrenten streng an die Auflage hielten, die im Kern aus einem von William Pereira entworfenen Baukomplex aus dem Jahr 1965 bestehende Gebäudesubstanz lediglich zu erneuern und durch Erweiterungen zu ergänzen, setzt das Konzept des Niederländers den Abriss fast des gesamten Baubestands voraus." Und das ist billiger als die sanfteren Entwürfe seiner Kollegen!

Alena Wagnerova zitiert ausgiebig aus den Erinnerungen Frantisek Xaver Basiks, der 1895 als Lehrjunge bei den Kafkas in Prag eintrat ? sein Urenkel hat sie jüngst aufgefunden. Über seine erste Begegnung mit Franz Kafka schreibt Basik (in dritter Person): "Nach einer Weile schlenderte auf ihn ein kleiner schüchterner etwa zehnjähriger Bub zu, den er kaum registrierte, als er nachmittags bei der Mutter im Geschäft auftauchte. Es war Kafkas Sohn, auch Franz. Er trat zu Frantik und sagte: 'Du bist der neue Lehrling, gelt? Ich heiße auch Franz.'"

Weiteres: Marc Zitzmann informiert über einen Streit um den Louvre, dessen Personal nach einer Stunde Arbeit eine Stunde Pause machen darf. Gerda Wurzenberger schreibt über die Mode populärer Sachbücher für Jugendliche. Besprochen werden eine Ausstellung mit Gegenwartskunst aus der Türkei im Kunstmuseum Bonn und mehrere Bücher, darunter eine Geschichte der Tafelkultur von Andreas Morel und Menis Koumandareas Roman "Der schöne Hauptmann". (Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr.)

SZ, 30.01.2002

Thomas Steinfeld ist empört über die "unlauteren Mittel", mit denen einige Kritiker - allen voran Marcel Reich-Ranicki in der Sonntags-FAZ - den neuen Roman von Peter Handke verrissen haben. Zur Verteidigung des Schriftstellers, der das überhaupt nicht nötig hat, ist Steinfeld in einen Pariser Vorort gereist, um Handke in seinem Garten bei Spaghetti mit selbstgepflückten Pfiffernlingen zu interviewen. Schutz scheint Handke aber gar nicht nötig zu haben. Der Leser sieht sich einem entspannten und absolut nicht niedergeschmetterten Schriftsteller gegenüber. Sie sprechen über den Goetheschen Nachvollzug, die spanischen Landschaft, das Epische, aber auch über den Roman "Der Bildverlust" und das Verrissenwerden. Angesprochen auf den Vorwurf, seine Bücher seien Kitsch, sagt Handke: "Nein, es ist sehr gut, wenn Leute schreiben, das, was ich machte, grenze an Kitsch. Diese Leute haben völlig recht, auch wenn sie es negativ meinen. Sehnsucht hat immer mit Kitsch zu tun. Aber es sind auch völlig falsche Vorstellungen von Kitsch im Umlauf, etwa wenn man über einen Film liest, dies sei 'ein schmutziger kleiner Film'. 'Schmutz' ist der größte Kitsch."

Heute entscheidet der Bundestag über den Import embryonaler Stammzellen entscheidet, und Alexander Kissler hat sich die Mühe gemacht, eine kleine Phänomenologie des Gewissen zu erstellen, dem die Abgeordneten ja nun verantwortlich sind. Einst sei es immerhin "Richtschnur für ein gottgefälliges Verhalten und darüber hinaus ein revolutionäres Mittel, die weltliche Macht zu beschränken", gewesen, doch in der politischen Sphäre von heute zum "gnädig gewährten Veto" verkümmert. Und natürlich zitiert er aus Büchners Danton: "Das Gewissen ist ein Spiegel, vor dem ein Affe sich quält, jeder putzt sich, wie er kann, und geht auf seine eigene Art auf seinen Spaß dabei aus."

Weiteres
: Sonja Zekri lobt die kasachische Regierung, die es erstmals zwei deutschen Historikern erlaube, einen Gulag zu erforschen, und zwar das "Karagandinsker Besserungsarbeitslager" ("während in Russland nach einem für die Wissenschaft glücklichen Moment der Öffnung heute wieder das Prinzip des Verschweigens herrscht"). Bernd Feuchtner fragt sich nach dem Ultraschall-Festival in Berlin, welche Währung überhaupt in der neuen Musik gilt. Ulrich Baer berichtet aus New York von Künstlern in der Krise. Die vergangenen drei Monate sollen vor allem die kleinen Theater an den Rand des Ruins gebracht haben. Lesenswert ist auch Karl Bruckmaiers Kolumne über Pop als Strategie der Identitätsvermeidung. Hansjörg Küster überlegt, wie natürlich tote Pottwale in der Nordsee sind. Christian Marrquart erinnert an den verstorbenen Architekten, Designer und Bauhaus-Schüler Herbert Hirche.

Durch die Reihe wohlwollende Besprechung widmen sich John Moores Erstlingsfilm "Behind Enemy Lines", in dem die F/A-18F Super Hornet der eigentliche Star ist, dem Londoner Musical "Taboo" über Boy George, Margaret Thatcher und andere Schrecklichkeiten der achtizger Jahre, Grillparzers Jüdin von Toledo in Göttigen sowie Douglas Gordons Installationen im Kunsthaus Bregenz.

FR, 30.01.2002

In der FR plädiert der Politologe Claus Leggewie (hier mehr) dafür, bei grundlegenden bioethischen Fragen das Volk mehr und qualifierzierter (als in einer TED-Umfrage) mitreden zu lassen. Und zwar übers Internet. "Bisher behandelt die Multimediapolitik in Deutschland das Netz wie ein konventionelles Verteilmedium, in das man 'Informationen stellt' - als handele es sich um ein Flugblatt oder eine Pressemitteilung. Mit Millionenbeträgen wird digitales Glanzpapier hergestellt, statt dass man couragiert interaktive Experimente startet. Wo sind die bürgergesellschaftlichen Stifter, die sich dieser Brache annehmen, wo die politischen Instanzen, die sich dem Risiko einer offenen Debatte stellen und so eine Vorreiterrolle in Richtung Beteiligungsdemokratie übernehmen wollen?"

In ihrem Flatiron-Letter berichtet Marcia Pally von der heftig diskutierten Ausstellung "Mirroring Evil: Nazi Imagery" in New York, in der unter anderem Zyklon-B-Kanister mit Luxus-Designer-Labels darauf, Bilder von KZ-Insassen mit hineinretouschierter Cola-Dose oder ein Lego-KZ zu sehen sind. Auch die New York Times brachte hierzu übrigens gestern einen Artikel.

Weitere Artikel: Ulrich Speck war auf einer Tagung bei den Frankfurter Philosophen, bei der darüber gestritten wurde, ob ein Rückfall in die Entstaatlichung der Gewalt drohe. Matthias Dell amüsiert sich darüber, dass ausgerechnet McDonalds in Frankreich die Promotion-Rechte für den zweiten Asterix-Film übernommen hat. Harry Nutt hat sich das Kunst- und Kulturfestival in Sydney angesehen, Jochen Stöckmann hat daran gedacht, den 100. Geburtstag des Architekturhistorikers Nikolaus Pevsner zu würdigen. Christoph Nix, Intendant des Kasseler Staatstheaters, wundert sich über die Fantasielosigkeit in der thüringischen Kulturpolitik.

Besprochen werden David Mamets Gängsterkomödie "Heist" sowie die Ausstellung "Ex Machina" im Kölner Museum für Angewandte Kunst.
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TAZ, 30.01.2002

Daniel Bax porträtiert die beiden Bands Sergent Garcia (mehr hier) und King Chango (mehr hier), die beide ohne Rücksicht auf Genregrenzen lateinamerikanische Rhythmen durch den großen Mixer drehten und "mit HipHop, Dub oder Acid Jazz" versetzten: "Im Zeitalter der Patchworkbiografien wird ihr Eklektizismus zunehmend Normalität. Sie sind die Rächer der Barrios in den Metropolen des Nordens, die mit ihrer Patchwork-Ästhetik den Kosmos der Pop-Kultur erweitern".

Weitere Artikel: Helmut Höge geht der Frage nach, warum Fichte, einer der Wortführer der antinapoleonischen Kräfte, in der DDR eigentlich solch hohes Ansehen genoss. Besprochen werden Bob Gosses Film "Julie Johnson", in dem sich Lili Taylor in Courtney Love verliebt, sowie die Ausstellung "Zeitgenössische Fotokunst aus der Schweiz" im Neuen Berliner Kunstverein.

Und schließlich Tom.

FAZ, 30.01.2002

Verena Lueken bringt uns auf den Stand über die Diskussionen zur Neugestaltung von Ground Zero. Entschieden ist noch nichts, und gleich am Anfang benennt Lueken die verschiedenen Interessen: "Die Familien der Opfer erhoffen sich ein Mahnmal, die Anwohner eine Verbesserung der öffentlichen Verkehrsmittel. Larry A. Silverstein, der Pächter des zerstörten World Trade Centers, will Ersatz für den vernichteten Büroraum schaffen. Die Geschäftsanlieger dringen auf eine zügige Wiederherstellung der Versorgungsleitungen, was möglicherweise alle Neubaupläne behindern könnte. Und Bürgermeister Bloomberg will und muss all diese Wünsche in sein Votum einbeziehen, das zwar ein mächtiges, aber nicht das einzige ist, das beim Wiederaufbau von Ground Zero zählt."

Das gesamte französische Kino setzt seine Hoffnung auf den neuen "Asterix"-Film, erzählt Jürg Altwegg, den teuersten französischen Film aller Zeiten (50 Millionen Euro). Er scheint ein wenig anders zu sein als seine Vorläufer: "Der gallische Humor des Vorgängers 'Asterix et Obelix contre Cesar' oder auch des Kassenschlagers 'Les Visiteurs' hat ausgedient. Sowohl das Drehbuch wie die Hauptdarsteller - die außerhalb Frankreichs kein Mensch kennt - stammen aus der Schule des Privatfernsehens Canal+, das einen sarkastischen, subversiven Witz, der nichts respektiert, pflegt. Zahlreich sind die Anspielungen auf die Aktualität, neu viele der Gags und zum eigentlichen Star der Verfilmung wird der Komiker arabischer Abstammung Jamel Debbouze, der die Namen der Gallier permanent falsch ausspricht."

Weiteres: Der Politikwissenschaftler Wilhelm Hennis verlangt im Aufmacher aus Anlass der heutigen Bundestagsdebatte zur Stammzellforschung eine "Intellectual history", die ihm unter anderem erklärt "wie da eine mit der Biologie als Leitwissenschaft konkurrierende, wirklich blutleer-'rationale' Ökonomie das entscheidende Wörtchen auch in Fragen der 'Menschenwürde' für sich beanspruchen möchte." Jürgen Kaube erzählt die Geschichte des britischen Philosophen Roger Scruton, der für die Financial Times eine erzreaktionäre Kolumne über die Freuden des Landlebens schrieb und entlassen wurde, als sich herausstellte, dass eine japanische Tabakfirma ihm 54.000 Pfund dafür bezahlte, dass er auch ab und zu die Schönheiten des Rauchens würdigte. Robert von Lucius resümiert schwedische Reaktionen zum Tod von Astrid Lindgren (über die auch unser gestriger Link des Tages informiert). In Carl Zuckmayers Geheimdienstberichten geht es heute um den Kritiker Herbert Ihering. Niklas Maak hat aus einer Diskussion mit dem Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit über Kulturpolitik folgende Erkenntnis mitgenommen: "Insgesamt war die Veranstaltung so, wie es die zillehaft verdröselte Mundartigkeit ihres Titels 'Icke bin Kultur-Metropole' befürchten ließ. Es gebe zuwenig Geld für alles; zum Glück sei Berlin aber attraktiv für junge Menschen." (Darum sinkt wohl auch die Einwohnerzahl.)

Ferner schreibt Heinrich Dilly zum 100. Geburtstag des Kunsthistorikers Nikolaus Pevsner. Joseph Hanimann hat bei einem großen christlich-jüdischen Treffen in Paris den Eindruck gewonnen, dass sich die Beziehungen zwischen den beiden Religionen institutionalisieren. Eberhard Rathgeb hat einem Hamburger Vortrag des französischen Soziologen (und Bourdieu-Gegenspielers) Alain Touraine über die Reform des Sozialstaats zugehört. Christoph Albrecht fasst ein Frankfurter Intellektuellentreffen zusammen, das sich mit "Gewalt in internationalen Beziehungen und neuen Kriegen" beschäftigte. Andreas Höll macht uns mit der Architektengruppe "AC Hottich" bekannt, die durch originelle Initiativen für ihren Berufsstand wirbt. Durch Andreas Platthaus erfahren wir, dass die James-Bond-Produzenten den James-Bond-Parodisten der "Austin Powers"-Reihe verbieten wollen, ihren neuen Film "Goldmember" zu betiteln (erinnert zu sehr an "Goldfinger"). Dietmar Polaczek schreibt zum 200. Geburtstag des italienischen Dichters Niccolo Tommaseo, der so viele Werke hinterließ, das er im venezianischen Volkswitz in Anspielung auf ein Denkmal unter dem Namen "Caccalibri", Bücherscheißer, firmiert. Und Joseph Hanimann schreibt ein kleines Porträt des todernsten Intellektuellen Bernard Cassen von Le Monde diplomatique, der mit seiner Organisation Attac der Internationale der Globalisierungsgegner vorsteht.

Besprochen werden die große Hethiter-Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle, zwei neue Pariser Tanzproduktionen, die in einer Zirkusmanege inszeniert wurden, eine Ausstellung des russischen Malers Ilja Repin in Groningen und das Leipziger Weltmusik- und Jazzfestival "Strings of Fire".