Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.11.2001. In der Frankfurter Rundschau versucht Peter Sloterdijk das Terror und Genetik-Thema zu enthysterisieren. Derweil schickt Tobias Hülswitt der taz weiter Post von einer Lesereise durch den amerikanischen Westen. Die FAZ resümiert französische Debatten über den 11. September und die SZ spricht mit Alain Robbe-Grillet. Der Redeweise von der "nackten Wahrheit" geht die NZZ nach.

NZZ, 17.11.2001

Georges Waser stellt die erneuerte Tate Britain in London vor. Die Erneuerung, die Wasers Wohlwollen findet, scheint fällig gewesen sein, denn seit der Eröffnung der Tate Modern im letzten Jahr, waren die Besucher der alten Galerie fern geblieben. "War dies etwa ein Beweis dafür, dass sich die Briten unmerklich zu einer modernen europäischen Nation gewandelt hatten?"

Weiteres: Peter Cosse präsentiert das Programm für das erste Salzburger Festival unter Peter Ruzicka. Besprochen werden eine Ausstellung im Mittelrheinmuseum in Koblenz über preußische Bauimpulse in dieser Landschaft, Das Festival Wien Modern (mehr hier), Joe Ortons Stück "Seid nett zu Mr. Sloane" in Basel und einige Bücher, darunter Harry Mulischs Roman "Siegfried". (Siehe unsere Bücherschau morgen ab elf Uhr.)

Seltsamerweise hat die NZZ-Online bei einigen der Artikel von Literatur und Kunst vergessen, die Namen der Autoren zu nennen. So müssen wir etwas vage bleiben. Gezeichnet ist immerhin der Artikel von Matthias Messmer über die sexuelle Revolution, die nun in China angekommen sei: Man muss allerdings eine längere Geschichte Chinas über sich ergehen lassen, bis man zu folgender Einsicht kommt: "Die Grenzen zwischen Erotik und Pornographie werden in diesen Zeiten der Neuorientierung auch in China mehr und mehr verwischt. Dabei verschwinden auch kostbare Schattierungen in Kunst und Literatur."

Sexualität ist auch in anderen Artikeln der Beilage Thema. Ein ungezeichneter Artikel untersucht die Redeweise von der "nackten Wahrheit". Ein ebenfalls ungezeichneter Artikel befasst sich mit "Folgen und Spätfolgen der sexuellen Revolution" der 68er-Zeit. Ferner werden wir mit der Geschichte von Inês und Pedro vertraut gemacht, die zumindest in Portugal so berühmt ist wie die von Tristan und Isolde oder Romeo und Julia. Und einige Bücher werden besprochen: Peter Bieris "Handwerk der Freiheit - Über die Entdeckung des eigenen Willens", eine Wissenschaftsgeschichte von Hans-Jörg Rheinberger und eine amerikanische Studie über die Historie im modernen Theater.

SZ, 17.11.2001

Die SZ druckt ein Gespräch mit Alain Robbe-Grillet, in dem der Schriftsteller sehr elegant, auf einem Umweg über Balzac und Flaubert, seinen Standpunkt zum Terrorismus unterbringt, um, wie er sagt, niemanden zu brüskieren: "Die Tatsache, dass unsere Zivilisation fortlaufend auf den Ruin zutreibt, ist nichts Deprimierendes, es ist sogar etwas Aufregendes und will sagen, dass die Welt nicht ein für allemal geschaffen ist, sondern immer wieder neu zu erschaffen ist ... Seltsamerweise schienen die USA zu denken, dass der gesamte Rest zerbrechlich ist, dass es aber einen stabilen Punkt gebe: denjenigen der Börse an der Wallstreet ... Jetzt entdecken sie plötzlich, dass sie nicht ewig sind. Es ist zu hoffen, dass sich dadurch etwas ändert."

Angesichts der von George W. Bush inaugurierten Militärtribunale für nicht-amerikanische Terroristen sieht Johannes Willms die USA am Rande der Barbarei: "Es steht in einem unauflöslichen, einem fundamentalen Widerspruch zu der Behauptung, die Werte der Zivilisation zu verteidigen, mit der die breite Staatenallianz gegen den Terror zusammengeschirrt wurde und die Grundlage der UN-Resolution für den derzeit geführten Krieg in Afghanistan ist. Präsident Bush hat sich mit dieser Anordnung quasi diktatorische Vollmachten angeeignet, die den Beifall des einstigen Kronjuristen des 'Dritten Reichs' Carl Schmitt ('Der Führer schützt das Recht') zweifellos gefunden hätten."

Weiteres: Sonja Asal dokumentiert die französische Debatte um Jean Baudrillards späte Analyse der Septemberanschläge, Reinhard J. Brembeck verrät, was aus Münchens Philharmonikern nach Levine werden könnte, Jörg Häntzschel annonciert die Eröffnung einer Galerie für deutsche und österreichische Kunst im Big Apple, Winfried Nerdinger beklagt, wie in der bayerischen Landeshauptstadt mit den Bauten aus der Zeit des Nationalsozialismus umgegangen wird, für die neue SZ-Serie "Museumsinseln" besucht Cornelia Vismann die Büromaschinensammlung (!) in Berlin, Franziska Augstein berichtet, wie eine Osnabrücker Tagung Leben und Ideologie von Nazi-Funktionären untersucht. Und eine herb enttäuschte Margit Schreiner ("Haus, Frauen, Sex") klagt ihren ehemaligen Verleger Gerd Haffmans an.

Besprochen werden: eine Schau über das fotografische Werk von William Eggleston in Paris, der Kinofilm "Der Überfall" von Florian Flicker, "Simulacron" nach einem Science-Fiction-Roman von Daniel F. Galouye am Schauspiel Frankfurt sowie ein Lexikon über Theologen, Ketzer und Heilige und ein Buch über den Fastenmonat Ramadan (siehe auch unsere Bücherschau Sonntag ab 11 Uhr).

Und in der SZ am Wochenende erörtert Kuno Kirschfeld, wann der Mensch beginnt, ein Mensch zu sein, Martin Brinkmann gratuliert Petzi-Bär zum 50. und erklärt, warum Bären so beliebt sind in Büchern und Kinderzimmern. Und Herbert Riehl-Heyse fragt sich, ob es die SPD eigentlich noch gibt. "Es fehlen die Debatten der Parteiflügel, es fehlen die Matadore, die sich öffentlich bekriegen, es fehlen die Aufstände der Jusos ...Was ebenfalls weitgehend fehlt, sind die Intellektuellen, die eine Debatte innerhalb oder mit der SPD überhaupt noch für sinnvoll halten." Allerdings gibt Riehl-Heyse auch zu verstehen, dies sei Ausdruck für den allgemeinen Bedeutungsverlust nationaler Politik, unter dem schließlich alle Parteien litten, und hegt immerhin noch Hoffnungen auf eine Wende in diesen "schweren Zeiten".

FR, 17.11.2001

Peter Sloterdijk (mehr hierversucht sich an der Enthysterisierung sowohl des ins Abseits geratenen Genetik-Themas wie auch des Terror-Themas, die für ihn "auf wie immer unterirdische Weise" verknüpft sind. "Die Sorge um die Fortpflanzung und die Sorge um die Sicherung gegen das Böse - dies sind seit jeher Primärthemen der Kulturen. Indem die Öffentlichkeit des Jahres 2001 über Genetik und Terrorismus diskutiert, handelt sie nur im Jargon der Zeit von den aktuellen Manifestationen des unüberwindlichen Interesses an Nachkommen und an Immunität."

Hatte Christian Thomas in der FR vom Mittwoch die Regierung noch in einer Normalitätsfalle gesehen, scheint Martina Meister heute das genaue Gegenteil zu fürchten. "Denn die deutschen Politiker haben ein grandios deutsches Kunststück vollbracht, an diesem Donnerstag im November ... Sie sehen nur den eigenen Bauchnabel, selbst wenn sie nach Kabul blicken. Der Kanzler darf seine Mehrheit deshalb nicht als Beleg dafür nehmen, dass Deutschland endlich in der sogenannten Normalität angekommen ist. Die politische Inszenierung und Umlenkung der Fragen auf das Terrain der Uneigentlichkeit ist der Beweis dafür, dass dieses Theater alles ist, nur nicht normal."

Weitere Artikel: Der palästinensische Journalist Daoud Kuttab (mehr hier) fordert eine Dauerlösung für den Nahostkonflikt, Slavenka Drakulic analysiert die Gesten und Posen des Slobodan Milosevic, seine theatralische Sendung vor dem Den Haager Tribunal, Ernst Piper erinnert an den Reichsminister Alfred Rosenberg, der vor 60 Jahren die "Ausmerzung des gesamten Judentums" verkündete, Franziska Meier porträtiert die Stalinistin, Feministin und Dichterin Elsa Triolet, Navid Kermani gratuliert zu zwanzig Jahren Theater an der Ruhr, Ulrich Holbein liefert einen historischen Abriss zu Intoleranz und Musizierverboten. Und Niels Werber vermerkt zum Tod des Stern-Reporters Volker Handloik in Afghanistan: "Ist es denkbar, dass hier einige Reporter ... alle Distanz zu ihrem Gegenstand verloren haben, um selbst als Kombattanten aufzutreten?" Denkbar ist's.

Ferner gibt es Besprechungen zu einer Inszenierung des Virtualitätsromans "Simulacron" am Frankfurter Schauspiel, Oivind Hanes' Roman "Permafrost", Willy Hochkeppels philosophischen Erkundungen im "Mäandertal" sowie zu einem reich bebilderten Büchlein zum Thema "Popliteratur" (auch in unserer Bücherschau am Sonntag ab 11 Uhr).

Und das FR-Magazin offeriert einen Nachmittag mit dem Liedermacher und Dichter Wolf Biermann (mehr zu Biermann hier) und einen Beitrag des New Yorker Epidemiologen und Schriftstellers John S. Marr (mehr zu Marr hier und hier), der bereits vor drei Jahren Attentate mit Milzbrand-Erregern in einem Roman vorweggenommen hat, über die Wechselwirkung von Fiktion und Realität. Wer sich über Anthrax informieren will, dem empfiehlt Marr die Internetseite von Promed-Mail: "In diesem virtuellen Expertengremium tauschen sich regelmäßig mehr als 20000 Ärzte und Wissenschaftler aus. Es ist ein Depot für objektive Informationen, die nicht von regierungsnahen Einrichtungen verdreht werden können."
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TAZ, 17.11.2001

Tobias Hülswitt schickt weiter Post von einer Lesereise durch den amerikanischen Westen. Im pittoresken Pullman trifft er neben Pullmännern auch ein paar Deutsche und spricht mit ihnen über den Krieg der Bilder und die mediale Gegenüberstellung von Bush und Bin Laden. "Wir brechen eine leidenschaftlich deutsche Diskussion vom Zaun, während der beide Amerikaner immer zurückhaltender werden, aber am Ende scheint es so, als hätten wir Deutsche es wieder einmal vermocht, die Welt an einem einzigen Abend zurecht zu rücken."

Weitere Artikel: Michael Briefs und Mark Schonnop berichten über ein außergewöhnliches Ausstellungsprojekt in Barcelona, das mit einer Sammlung historischer aus ganz Europa zusammengetragener Objekte 5.000 Jahre Kunst in Afghanistan dokumentiert und Thomas Schäfer bespricht eine Studie über Selbstverwirklichung ("Einzigartigkeit" von Undine Eberlein).

Die Tagesthemen warten auf mit einem Gespräch mit dem Politologen Claus Leggewie (den die taz abonniert zu haben scheint). Leggewie (mehr hier) hält den Pazifismus für nicht mehr zeitgemäß und fordert von den Grünen Profil durch Globalisierungskritik und eine militärkritische Realpolitik. Und das tazmag kleidet sich in Schwarz. So prüft Bettina Gaus die Farbe Schwarz als Markenzeichen der Konservativen. Und Gitta Düperthal stellt die seit 21 Jahren sich behauptende anarchistische Vierteljahreszeitschrift "Schwarzer Faden" vor. Zum Thema Frauen liefert Ute Scheub ein politisches Porträt der Musikerin, feministischen Vordenkerin und Professorin Christina Thürmer-Rohr.

Und schließlich Tom.

FAZ, 17.11.2001

Die FAZ müssen wir kursorisch präsentieren, weil heute morgen noch die Ausgabe von gestern im Netz stand. Wir empfehlen, später noch mal auf der Feuilleton- und der Aktuell-Seite vorbeizuschauen.

Joseph Hanimann resümiert französische Debatten über den 11. September ? anders als in Deutschland handelt es sich ja tatsächlich um Debatten, weil die französische Intellektuellen sich nicht zu schade sind, sich auf ihre Artikel gegenseitig zu antworten. Aber die "Fluchtpunkte" der Debatte sind die selben wir hier: "Haben die Piloten der auf die Türme des World Trade Center zusteuernden Flugzeuge auch eine politisch lesbare Botschaft mittransportiert, oder war deren Zerschellen nichts als der makabre 'acte gratuit' eines neuartigen terroristischen Nihlismus? An dieser Frage scheiden sich die Geister, lassen ihre Argumente aber in einer Schieflage aufeiandertrefffen, dass gegenseitige Verdächtigung oft vor Positionsklärung geht." Als besonders umstritten nennt Hanimann einen Beitrag Jean Baudrillards in Le Monde, eine postmodern überhöhte Variante des "Selber schuld"-Arguments, die deutsch ? allerdings rabiat gekürzt ? in der SZ erschien.

Weiteres: Jörg Thomann porträtiert auf der Medienseite den Jouranlisten Christoph Hörstel, einen ausgewiesenen Afghanistan-Kenner, der es als einziger deutscher Journalist schaffte, direkt aus Kabul zu berichten. Dem Artikel von Julia Schürmann über Soldatenfriedhöfe des Ersten Weltkriegs in Flandern entnehmen wir, dass morgen Totensonntag ist. Dietmar Dath schreibt zum Tod des amerikanischen Verschwörungstheoretikers und Gurus der rechten Szene in den USA Bill Cooper, der von der Polizei erschossen wurde. Patrick Bahners entlarvt den Redner Gerhard Schröder als "Stabreimsoffizier". Peter Lampe berichtet über archäologische Funde in Phrygien, die über die frühchristliche Sekte der Montanisten (in der auch Frauen das Priesteramt versehen durften) Aufschluss geben. Und Dieter Bartetzko meldet auf der letzten Seite, dass die legendäre italienische Popdiva Mina nach dreißig Jahren Pause demnächst wieder auftreten soll.

Ferner resümiert Rudolf Schmitz eine Kasseler Diskussion über Documenta und Film. Peter Kropmans stellt den amerikanisch-französischen Museumsverband "Frame" vor, der Austauschausstellungen zwischen Provinzmuseen der Länder organisiert. Andreas Rossmann hat einer Tagung über die "Zukunft des Fußballs" an der Uni Bochum zugehört. Oliver Jungen resümiert resümiert ein Symposion zu den "Frauen der Staufer" in Göppingen. Susanne Klingenstein hat Bundespräsident Rau bei seinem Besuch in Harvard begleitet.

Gratuliert wird der Schriftstellerin Salzia Lanzmann zum Neunzigsten ,dem französischen Historiker Pierre Nora zum Siebzigsten, dem Historiker Klaus Hildebrand zum Sechzigsten, dem Schauspieler David Hemmings ebenfalls zum Sechzigsten.

Besprochen werden Armin Petras' Stück "Simulacrum" in Frankfurt, eine Ausstellung über afghanische Kriegskunst in Stuttgart, Benjamin Quabecks Film "Nichts bereuen", das Stück "Seid nett zu Mr. Sloane" in Basel, ein "Peer-Gynt"-Ballett von Heidrun Schwaarz in Mönchengladbach und eine Ausstellung über Künstlerkolonien im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg.

In Bilder und Zeiten macht sich Eduard Beaucamp Gedanken zum Verhältnis von Museen und Sammlern in Deutschland. Matthias Rüb schickt eine Reportage über Heimkehrer ins ethnisch gesäuberte Bosnien-Herzegowina. Helmut Klemm kommt auf einen Streit zwischen den Gründervätern der modernen Psychologie Karl Bühler und Wilhelm Wundt zu Beginn des letzten Jahrhunderts zurück. Und Thomas Wagner hat sich inder Basler Fondation Beyeler neue Gemälde von Anselm Kiefer angesehen.

In der Frankfurter Anthologie stellt Joachim Sartorius das Gedicht "Apres l'amour" von Durs Grünbein vor:

"Gleich nach dem Vögeln ist Liebe der bessere Stil.
Die Tierhaut entspannt sich, das Herz fängt sich ein..."