Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.11.2001. In der FAZ kritisiert Andreas Kilb die neuen Maßnahmen Julian Nida-Rümelins zur Filmförderung. Die FR sorgt sich derweil um den italienischen Rechstsstaat und die SZ sieht den Neoliberalismus verblassen. In der taz finden wir eine Hymne auf die Band Stereo Total und die NZZ schildert die Afrikanisierung europäischen Kulturguts.

NZZ, 16.11.2001

Über die Anverwandlung europäischen Kulturguts durch das südafrikanische Theater schreibt Erika von Wietersheim: "Ein Zulu sprechender schwarzer Julius Cäsar, der mit Pangas niedergemetzelt wird; ein Dickens'scher Oliver als Straßenmädchen, das, als Junge verkleidet, in den Gossen der Johannesburger City überlebt; ein Mephisto, der bald als sexbesessene Frau, bald als Taxifahrer aus Soweto seine Opfer sucht; 'Warten auf Godot' auf den Friedhöfen von Soweto; ein schwarzer Frauenchor, der nach dem Vorbild von T. S. Eliots Theaterstück 'Mord im Dom' im Sprechgesang und trommelnd das Entsetzen über das Land Südafrika beschwört." Klingt doch spannend.

Weiteres: Andrea Köhler würdigt Jonathan Franzen, der für seinen viel gefeierten Roman "The Corrections" und trotz seiner Absage bei Oprah Winfrey den National Book Award bekommt. Hubertus Adam stellt ein kleines Hotel vor, dass vom schweizerischen Architekten Max Dudler im Mainzer Vorort Weisenau erbaut wurde. Michael Mayer schreibt zum 250. Todestag des französischen Sensualisten Julien Offray de La Mettrie. Besprochen werden Konzerte der London Sinfonietta beim Musikmonat in Basel und eine Ausstellung des Fotografen Hiroshi Sugimoto in Bregenz.

SZ, 16.11.2001

In einem Beitrag erklärt uns Johannes Willms, wie das Vakuum des verblassenden Neoliberalismus gefüllt wird. Durch etwas, "von dem mancher wähnte, es sei längst obsolet geworden: politisches Handeln." Allerdings räche sich dessen kurzsichtige Verdrängung jetzt damit, "dass es sofort in seiner ultima ratio, als kriegerisches Handeln, mit einschlägigem Lärm" die Bühne wieder beherrsche. In Anbetracht der schrittweisen Aufgabe des amerikanischen Unilateralismus empfiehlt Willms stattdessen, die Chance zu nutzen, Bahn, Richtung und Ziel der Bündnisverpflichtungen zu beeinflussen. "Das politische Potenzial, das diese Möglichkeit birgt, wird umso größer, je mehr sich Europa beispielsweise darauf besänne, sein Gewicht in eine Schale zu legen und mit einer Sprache zu sprechen."

Rainer Stephan stellt sich mit Luhmann die Vertrauens-Frage und kommt zu dem Schluss, dass es sowohl auf Seiten des Bundeskanzlers als auch auf Seiten seiner Regierungspartner gerade nicht um Vertrauen, sondern ums bloße Kalkül geht. Vom Thema Vertrauen handelnd, habe Luhmann die heutige Situation mit schonungsloser Präzision getroffen: "'Gewählte Vertreter' (und schon gar Bundeskanzler, möchte man hinzufügen) 'beanspruchen souveräne Entscheidungsgewalt, und einem Souverän kann man nicht vertrauen.'" Einem System allerdings schon, meint Stephan und holt noch einmal Rat beim Systemtheoretiker, und zwar, indem "auch andere Fragen als die der Vertrautheit oder die der zugetrauten Kompetenz ins System der Vertrauensbildung einbezogen werden."

Außerdem im Blatt: Holger Liebs findet, Robbie Williams sehe gegen Frank Sinatra alt aus, Wolfgang Schreiber verrät das soeben vorgestellte Programm für die Salzburger Festspiele 2002, Uwe Mattheiss erlebt, wie Wien seine Theatersorgen verdrängt und sich beim Nestroypreis selbst feiert, C. Bernd Sucher vergleicht Inszenierungen von Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig" in München, London und Paris. Und Willi Winkler berichtet von einem skurrilen Rechtsfall in Amerika, bei dem es aufs Vergolden des Schmerzes hinausläuft.

Vorgestellt werden Kasper Königs Präsentation des Museums Ludwig als "Museum der Wünsche," das die Lücken der Sammlung ausstellt, ferner Curtis Halls Film "Glitter" mit Mariah Carey, Alban Nikolai Herbsts kybernetischer Roman "Buenos Aires. Anderswelt" und ein Lexikon der Jazz-Standards (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 16.11.2001

In der FR untersucht Eva Horn den Umstand, "dass wir ein Gesicht für das brauchen, was wir fürchten und bekriegen", und erkennt darin "den imaginären, wenn nicht fiktiven Gehalt unseres Politischen." Denn: "jedes Gesicht und jedes Profil, das dem Feind gegeben wird, kann nicht nur fälschlicherweise in den Zügen der eigenen Leute, der harmlosen Bürger wiedererkannt werden, sondern auch die Wahrnehmung und Analyse neuer kriegerischer Taktiken und Verhaltensweisen verhindern. Wie lange hat das Nachbild des kommunistischen Gegners mit buschigen Brauen und ideologischer Verbohrtheit neue Formen des Konflikts verdeckt?"

Gabriella Vitiello sorgt sich derweil um den italienischen Rechtsstaat. Der vielzitierte Ausdruck vom "Kampf der Kulturen," schreibt sie, finde derzeit auch in Italien unter immer mehr Intellektuellen Gebrauch. "Sie formulieren Samuel Huntingtons Titel um und bezeichnen damit ein innenpolitisches Phänomen:" Im Schatten der internationalen Krise verabschiede die Regierung Berlusconi eine Reihe fragwürdiger Gesetze, die dem organisierten Verbrechen, den Steuerhinterziehern, den Geldwäschern und auch den Terroristen das Leben erleichterten, es den italienischen Staatsanwälten aber enorm erschwerten. Der Zusammenhang zwischen den Neuerungen und den persönlichen Interessen Berlusconis und seines Clans, gibt Vitiello zu verstehen, liegt dabei auf der Hand.

Weitere Artikel: Ralf Grötker hat den Ethnologen Clifford Geertz als Gastredner der neuen Vortragsreihe "Blickwechsel" des Einstein Forums in Berlin gehört, Eva Schweitzer erzählt, wie Neal Slavins Arthur-Miller-Verfilmung "Focus" an den Antisemitismus in den USA gemahnt, Klaus Dermutz berichtet vom Leipziger Theaterfestival "euro-scene," das sich ? ganz am Puls der Zeit ? mit der Visitation des Leibes befasst, und Wladimir Kaminer beschließt seine Kolumne aus der Schönhauser Allee mit einigen Gedanken zu deutschem Sprachmüll und darüber, wie man ihn vermeidet.

Und besprochen werden eine Schau mit Bildern aus Rembrandts Frühwerk auf der Kasseler Wilhelmshöhe sowie Max von Schillings Oper "Mona Lisa" in Heidelberg.
Anzeige

FR, 16.11.2001

In der FR untersucht Eva Horn den Umstand, "dass wir ein Gesicht für das brauchen, was wir fürchten und bekriegen," und erkennt darin "den imaginären, wenn nicht fiktiven Gehalt unseres Politischen." Denn: "jedes Gesicht und jedes Profil, das dem Feind gegeben wird, kann nicht nur fälschlicherweise in den Zügen der eigenen Leute, der harmlosen Bürger wiedererkannt werden, sondern auch die Wahrnehmung und Analyse neuer kriegerischer Taktiken und Verhaltensweisen verhindern. Wie lange hat das Nachbild des kommunistischen Gegners mit buschigen Brauen und ideologischer Verbohrtheit neue Formen des Konflikts verdeckt?"

Gabriella Vitiello sorgt sich derweil um den italienischen Rechtsstaat. Der vielzitierte Ausdruck vom "Kampf der Kulturen," schreibt sie, finde derzeit auch in Italien unter immer mehr Intellektuellen Gebrauch. "Sie formulieren Samuel Huntingtons Titel um und bezeichnen damit ein innenpolitisches Phänomen:" Im Schatten der internationalen Krise verabschiede die Regierung Berlusconi eine Reihe fragwürdiger Gesetze, die dem organisierten Verbrechen, den Steuerhinterziehern, den Geldwäschern und auch den Terroristen das Leben erleichterten, es den italienischen Staatsanwälten aber enorm erschwerten. Der Zusammenhang zwischen den Neuerungen und den persönlichen Interessen Berlusconis und seines Clans, gibt Vitiello zu verstehen, liegt dabei auf der Hand.

Weitere Artikel: Ralf Grötker hat den Ethnologen Clifford Geertz als Gastredner der neuen Vortragsreihe "Blickwechsel" des Einstein Forums in Berlin gehört, Eva Schweitzer erzählt, wie Neal Slavins Arthur-Miller-Verfilmung "Focus" an den Antisemitismus in den USA gemahnt, Klaus Dermutz berichtet vom Leipziger Theaterfestival "euro-scene," das sich ? ganz am Puls der Zeit ? mit der Visitation des Leibes befasst, und Wladimir Kaminer beschließt seine Kolumne aus der Schönhauser Allee mit einigen Gedanken zu deutschem Sprachmüll und darüber, wie man ihn vermeidet.

Und besprochen werden eine Schau mit Bildern aus Rembrandts Frühwerk auf der Kasseler Wilhelmshöhe sowie Max von Schillings Oper "Mona Lisa" in Heidelberg.

TAZ, 16.11.2001

Urs Richter stellt das durch Deutschland tourende Filmprogramm "Unseen Cinema" vor, das eine frühe US-Kinoavantgarde präsentieren will. Für Richter ist die Retrospektive allerdings nicht mehr als ein Bündel Fußnoten zur Filmgeschichte: "Es ist nicht überzeugend, einzelne, experimentellere Abschnitte aus Werken von Frank Capra, Busby Berkeley oder Charles Vidor als Beweisstücke einer 'versteckten' Avantgarde im Herzen der Unterhaltung zu präsentieren, wenn die weitere Inszenierung dieser Filme schlicht bieder ist ... Wer cineastische Avantgarde als planvolle Vorhut gegen Konventionen versteht, meint nicht Filme, deren Neuerungskraft sich lediglich in technischen Weiterentwicklungen des Equipments oder visuellen Experimenten ausdrückt." (Zu sehen ist die Reihe "Unseen Cinema" im Berliner Arsenal und im Frankfurter Filmmuseum)

Ferner: Gerrit Bartels liefert eine Liebeserklärung an die Berliner Band Stereo Total (mehr hier), Arno Frank fand ein Berliner Travis-Konzert lauwarm bis besinnungslos ("ein Crashkurs in Harmonie und Harmlosigkeit"), Harald Peters schreibt über Britney Spears und ihr altersweises Album "Britney" (mehr hier) und Dorothea Marcus porträtiert das Mülheimer Theater an der Ruhr, das seit zwanzig Jahren mit Kunst Politik macht und nach dem iranischen nun auch das irakische Theater entdeckt.

Schließlich Tom.

TAZ, 16.11.2001

Urs Richter stellt das durch Deutschland tourende Filmprogramm "Unseen Cinema" vor, das eine frühe US-Kinoavantgarde präsentieren will. Für Richter ist die Retrospektive allerdings nicht mehr als ein Bündel Fußnoten zur Filmgeschichte: "Es ist nicht überzeugend, einzelne, experimentellere Abschnitte aus Werken von Frank Capra, Busby Berkeley oder Charles Vidor als Beweisstücke einer 'versteckten' Avantgarde im Herzen der Unterhaltung zu präsentieren, wenn die weitere Inszenierung dieser Filme schlicht bieder ist ... Wer cineastische Avantgarde als planvolle Vorhut gegen Konventionen versteht, meint nicht Filme, deren Neuerungskraft sich lediglich in technischen Weiterentwicklungen des Equipments oder visuellen Experimenten ausdrückt."

Ferner: Gerrit Bartels liefert eine Liebeserklärung an die Berliner Band Stereo Total, Arno Frank fand ein Berliner Travis-Konzert lauwarm bis besinnungslos ("ein Crashkurs in Harmonie und Harmlosigkeit"), Harald Peters schreibt über Britney Spears und ihr altersweises Album "Britney" und Dorothea Marcus porträtiert das Mülheimer Theater an der Ruhr, das seit zwanzig Jahren mit Kunst Politik macht und nach dem iranischen nun auch das irakische Theater entdeckt.

Schließlich Tom.

FAZ, 16.11.2001

Mattias Ehlert sieht die Biermann-Ausbürgerung vor 25 Jahren vor allem als Affäre eines Staates, der sich dumm anstellt. Statt dem Künstler die Freiheit zu geben, die ihm jeden Einfluss nimmt, verschaffte sie ihm durch repressivie Maßnahmen zusätzliche Popularität: "Der Staat hieß DDR, und er nahm die Kunst ungeheuer wichtig. Er traute ihr zum Beispiel die Fähigkeit zu, Menschen entscheidend zu verändern." Was einem heutigen Feuilletonisten natürlich nicht mehr passieren könnte.

Andreas Kilb berichtet von einer Pressekonferenz, in der Julian Nida-Rümelin neue Maßnahmen zur Förderung des deutschen Films annoncierte: "Der Minister möchte mächtig viel ändern am deutschen Kino und am Fernsehen dazu, ohne seinen eigenen Einsatz in dem Millionenspiel zu überdenken. An keiner Stelle seines vierundvierzigseitigen Entwurfs ist davon die Rede, dass der Etat des Bundeskulturbeauftragten zur Unterstützung von Kinofilmprojekten, der augenblicklich bei markerschütternden sieben Millionen Mark pro Jahr liegt, in Zukunft etwa erhöht werden soll. So gleicht Nida-Rümelin einem Monteur, der den Wasserschaden per Ferndiagnose reparieren will. Andere sollen für ihn Hand anlegen, damit das föderale Mäntelchen keine Flecken bekommt."

Weitere Artikel: Verena Lueken stellt die "Neue Galerie" für deutsche und österreichische Kunst vor, die gerade in New York eröffnet. Gina Thomas berichtet, dass Harry Potter nach dem Start der Verfilmung in Großbritannien geradezu ein Wirtschaftswunder auslöst (sogar Internate und Brillen für Kinder kommen wieder in Mode). Christian Geyer bewundert die Ironie, mit der manche Grüne den Kriegseinsatz rechtfertigen. Dietmar Dath betrachtet den Afghanistan-Krieg im Licht des amerikanischen Raumfahrtprogramms (wenn wir richtig verstanden haben). Michael Gassmann schildert Brandenburger Auseinandersetzungen um das Lehrfach "Lebenserziehung ? Ethik ? Religionskunde". Roland Kany schildert den Zwiespalt der Katholischen Kirche in Deutschland angesichts des Afghanistan-Kriegs. Achim Bahnen schreibt zu Privatisierungsplänen bei italienischen Museen. Und Hubert Spiegel annonciert, dass fortan der neue Roman von Philip Roth als Fortsetzungsroman der FAZ laufen wird.

Ferner stellt Gerhard Rohde Peter Ruzickas erstes Programm für die Salzburger Festspiele vor. Auf der Medienseite schreibt Sandra Kegel zur eintausendsten Harald-Schmidt-Show, Hans-Heinrich Obuch kommt auf den Triumph der deutschen Fußballmannschaft am Mittwoch zurück, der auch einen besonderen Fernsehabend bescherte. Und Gina Thomas würdigt John Simpson, den Kriegskorrespondenten der BBC.

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite stellt Alfred Beaujean eine Reihe der EMI vor, in der der musikalische Nachwuchs präsentiert wird. Besprochen werden Platten von Paul McCartney, des Komponisten Jörg Widmann, des Jazz-Posaunisten Nils Wogram und ein Hör- und Bilderbuch zu Erik Satie.

Weitere Besprechungen gelten einer Ausstellung des irischen Fotografen Tom Wood in Aachen, einer Ausstellung von Maler- und Künstlerbüchern in Bremen, einem Kinderliedkongress in Hamburg, Konzerten der Band "Echt", einem Konzert der Band "Yes" und Renny Harlins Film "Driven".