Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.11.2001. n der FAZ erfahren wir von der Totalrevision des Gesetzentwurfs zum Urhebervertragesrechts - die Regierung kapituliert auf der ganzen Linie. Die SZ versucht, Harry Potter mit Adorno zu deuten. Die NZZ untersucht die europäische Kulturarbeit in Südafrika. Die taz staunt über die bruchfreie Fassade der Mariah Carey.

NZZ, 19.11.2001

Erika von Wietersheim untersucht die Kulturarbeit der Deutschen, Briten und Franzosen im südlichen Afrika und gibt dabei den Deutschen noch die besten Noten. Während Briten und Franzosen vor allem ihre nationalen Interessen vertreten, hat "das gebrochene Verhältnis der Deutschen zur eigenen Geschichte und Kultur ... zumindest ansatzweise Konsequenzen, die man bei anderen... Kulturinstituten wenig findet: die Bereitschaft, Kulturarbeit nicht als Einbahnstraße zu verstehen." Eine südafrikanische Gesprächspartnerin von Wietersheim drück das so aus: "Die Franzosen imponieren, die Briten informieren, und die Deutschen reden mit uns."

Jürgen Tietz interviewt den Kunsthistoriker Norbert Huse, der heute den Schinkel-Ring des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz bekommt, die wichtigste Auszeichnung der Branche. Er spricht über die aktuelle Problemlage seiner Disziplin: "In Berlin zeigt sich besonders deutlich, dass Rekonstruktionswut und Zerstörungsdrang zwei Seiten derselben Medaille sind: Unbequemes wie die Geschichte der DDR wird entsorgt, Kulissen aus der preußischen Geschichte - als ob es da keine Probleme gäbe - hingegen sind populär, und zwar nicht nur in der Boulevardpresse."

Weiteres: Barbara Spengler-Axiopoulos erzählt anschaulich von der Vitalität der Bouzouki-Kultur in Griechenland: Man wirft Nelken in den Konzerten, und zwar so viele, dass die griechische Nelkenproduktion nicht mehr ausreicht. Besprochen werden die Ausstellung "Dora Maar & Picasso" im Münchner Haus der Kunst, die Uraufführung von Meg Stuarts "Alibi" im Zürcher Schiffbau, die Ausstellung "7000 Jahre persische Kunst" in Bonn und Thomas Hürlimanns Stück "Der letzte Gast" in Sankt Gallen.

SZ, 19.11.2001

Ein Kessel Buntes heute im SZ-Feuilleton. Am Wochenende ist in den USA und Großbritannien der Film Harry Potter (hier mehr) angelaufen, doch Fritz Göttler kapituliert vor der Allianz der Alchimisten: "Es ist unmöglich, über die Angemessenheit dieser Verfilmung zu entscheiden." Nach sportlichen Gesichtspunkten (mehr Besucher als der vierte "Star Wars" Film am ersten Tag, errfolgreicher als der zweite Teil von "Jurassic Park" am ersten Wochenende) will Göttler ihn auch auch nicht bewerten. Bleibt nur der Rückzug auf Adorno: "Da die Kunstwerke nun einmal von den Fetischen abstammen - sind die Künstler zutadeln, wenn sie zu ihren Produkten ein wenig fetischistisch sich verhalten?!" (Minima Moralia).

Willi Winkler war war bei der Verleihung der Hermann-Kesten-Medaille des Pen-Clubs an Harold Pinter (hier mehr), der zum Dank die Sprache der Politik als korrupt anprangerte. Andrian Kreye hat erlebt, wie der Ausstellung "Here is New York" die Türen eingerannt wurden. Susan Vahabzadeh schreibt über die Oscar-Academy, dass sie zwar einen schönen neuen Tempel, aber noch keine Götter für die nächste Preisverleihung hat. Außerdem hat das Thomas-Bernhard-Archiv ein neues Zuhause gefunden: die kleine Villa Toskana in Gmunden, ein Ort, den Kristina Maidt-Zinke so hübsch fand, dass ihr jeder Österreich-Beschimpfer gestohlen bleiben kann. Volker Lehmann war auf einer Konferenz in Princeton, die Bioethik und Religion wieder vereinen wollte. Christine Heise berichtet über singende Schauspieler, und Jens Bisky schreibt über den Streit Berliner Museen um zwei Gemälde von Caspar David Friedrich.

Besprochen werden eine Inszenierung der Alkestis von Euripides an den Münchner Kammerspielen, ein Monolog des Ippolit von Dostojewski ebendort, Medea- und Müller-Material am Deutschen Theater Berlin, Hölzkys Oper "Tragödia" in Berlin, ein Konzert der Achtziger-Jahre-Helden New Order, die offenbar immer noch auf der richtigen Seite stehen, und die neueste Ausgabe der Zeitschrift Ästhetik und Kommunikation (hier mehr), die sich für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses stark macht.

Zwei Neuerscheinungen bespricht heute das Politisches Buch: Den Band "Der Jugoslawien-Krieg" von Johannes M. Becker und Gertrud Brücher (Hrsg.) sowie Peter Englunds Essays "Menschheit am Nullpunkt" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 19.11.2001

Roman Luckscheiter hat verfolgt, wie sich in der Pariser Nationalbibliothek die Philosophen Tzvetan Todorov und Alain Finkielkraut zu einer Allianz gegen das Einheitsdenken der Moralisierer, der Gutmenschen und Politisch Korrekten formierten. "Wie problematisch eine rein moralisch fundierte Haltung vor allem im Bereich der Geschichtsschreibung und der Gegenwartsanalyse wird, illustrierte Finkielkraut, indem er auf den gymnasialen Lehrplan verwies, demzufolge die Polis der griechischen Antike als unvollständige Demokratie mit Sklaverei und ohne Frauenbeteiligung deutlich werden solle: 'Eine grauenhafte Vorstellung, dass Vierzehnjährige über Aristoteles Gericht halten!'"

Besprochen werden das neue Album "A Chance To Cut Is A Chance To Cure" des Laptop-Duos Matmos (hier mehr), bejubelt werden Benjamin Quabecks Debütfilm "Nichts bereuen" ("Liebe wie zum esten Mal"), Euripides' Tragödie Alkestis an den Münchner Kammerspielen ("von feiner Klugheit und abgründigem Spiel") und Oscar Straus' Operette Der Schokoladesoldat in Wuppertal ("Prachtexemplar eines verkannten Genres"). Und schließlich werden noch Politische Bücher besprochen, darunter Ahmed Raschids Geschichte der Taliban (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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TAZ, 19.11.2001

Daniel Bax schreibt  auf einer ganzen Seite über Mariah Carey, obwohl er eigentlich gar nichts von ihr, ihrem neuen Album und dem gleichnamigen Film Glitter (hier mehr) hält: "Ihr Glamour wirkt, als hätte sie ihn sich nach einem genauen Fitnessplan antrainiert. Zwar schreibt sie die meisten ihrer Stücke selbst und tritt sogar als Koproduzentin in Erscheinung. Trotzdem fehlt ihren Songs das gewisse Quäntchen Persönlichkeit: Während in den Liedern ihrer artverwandten Kolleginnen immer auch Privates durchzusickern scheint, blieb bei Mariah Carey die Fassade immer frei von Brüchen."

Besprochen wird die Inszenierung von Müller und Loher am Deutschen Theater in Berlin ("Loher menschelt, Müller monumentelt"). In der Reihe "dedicated followers of Andy Warhol" schreibt heute Diedrich Diederichsen: "Keine Panik vor Pop?

Und natürlich noch Tom.

FAZ, 19.11.2001

Im Streit um das Urhebervertragsrecht scheint Justizministerin Herta Däubler-Gmelin nun doch noch auf die Einwände der Verwerter einzugehen, meldet Tilman Spreckelsen. Im Börsenblatt des deutschen Buchhandels soll morgen ein Interview erscheinen, in dem sie eine radikale Entschärfung des Entwurfs annonciert. "Warum dieser Sinneswandel? Wenn man der Ministerin folgt, sind die Dinge in der Buchbranche so gut geregelt, dass es eines neuen Gesetzes eigentlich gar nicht bedarf: Die Verlagswirtschaft zahle ohnehin angemessene Vergütungen; es gebe nur in einigen Bereichen Missstände, nämlich bei den Übersetzern. Nur habe man eben das gesamte Urhebervertragsrecht reformieren wollen, das für alle Branchen gelte - daher die weitreichenden Reformen im bisherigen Entwurf." Ähem, das klingt wie ein Rückzug auf ganzer Linie!

Angesichts der Geburt einer Thronfolgerin in Belgien und einer Prinzenhochzeit in den Niederlanden stellen sich Dirk Schümer wieder einmal alle Vorteile der Monarchie vor Augen: "Was hierzulande als Spaßgesellschaft verschmäht und pastoral gegen die vermeintlich blutige Wirklichkeit aufgerechnet wird, bedarf bei unseren Nachbarn keiner Rechtfertigung. Zwischen Nordsee und Ardennen senden Bürger Blumensträuße und Pralinen zur 'Prinzessin Elisabeth der Schönen' ins Spital, skandieren den Namen des steifleinernen Thronfolgers, wenn er seine Stammhalterin im Standesamt von Anderlecht anmelden kommt oder debattieren öffentlich über die Frage, ob das Königskind die Brust bekommt." Denn wer träumt nicht von der Brust einer Prinzessin?

Im Gespräch mit Patrick Bahners und Achim Bahner über Biotethik findet Hans-Jochen Vogel wohlgesetzte Worte: "Unsere Generation ist in einer Art und Weise mit einem Anwachsen der Machbarkeit konfrontiert wie kaum eine Generation vor uns. Die Grenze dessen, was Menschen zu tun vermögen, verschiebt sich in einem enormen Tempo, und zwar bis in die Grundsubstanz des Menschseins hinein. Und da ist nun wirklich ein Innehalten, ein Bedenken notwendig, ein Überlegen und ein Setzen von Grenzen."

Weiteres: Verena Lueken erzählt, wie Hollywood zur Hebung der Kriegsmoral eingesetzt werden soll. Marc-Christoph Wagner kommentiert anlässlich der dänischen Wahlen noch mal die äußerst rigide Ausländerpolitik des Landes. Andreas Rossmann gratuliert Roberto Ciullis Theater an der Ruhr zum Zwanzigsten. Jürgen Kaube schreibt zum 25. Jubiläum des Deutschen Historischen Instituts in London. Julia Spinola resümiert eine musikwissenschaftliche Tagung zum Thema "Virtuosität". Felicitas von Lovenberg gratuliert dem Kinderbuchautor Max Kruse zum Achtzigsten. Auf der Medienseite porträtiert Katja Gelinsky den Sprecher des amerikanischen Präsidenten Ari Fleischer, und Monika Osbergrhaus mahnt: "Kinderfernsehen soll spaßig oder ernst sein, aber bitte nicht beides aus einmal." Und Dieter Bartetzko schreibt zur Wiedergeburt Frank Sinatras in Form von Robbie Williams.

Besprochen werden Heiner Müllers "Verkommenes Ufer" am Deutschen Theater in Berlin, ein Kölner Konzert der Band "New Order", die große Magdeburger Ausstellung über Otto den Großen, eine popkulturelle Ausstellung im Aachener Kunstverein, die "Alkestis" des Euripides in den Münchner Kammerspielen und., ein Musical der Bremer Shakespeare Company über das Leben Rio Reisers.