Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.10.2001. In der FAZ liefert Hans-Magnus Enzensberger entspannte Miniaturen aus dem Iran. Die Zeit schimpft derweil auf Julian Nida-Rümelin, weil er nicht in den Iran reiste. In der taz macht sich Norman Birnbaum Sorgen um die Lähmung der amerikanischen Demokratie und in der SZ erklärt Wolfgang Engler, warum die PDS ihre beste Zeit noch vor sich hat.

NZZ, 25.10.2001

Ausschließlich Besprechungen heute in der NZZ. Nach Peter Hagmann hatten es sich die Donaueschinger Musiktage zur Absicht gemacht, "den Verbindungen zwischen der Musik und den digitalen Medien nachzugehen. Ohne Elektronik in Echtzeit ging daher nur wenig, was freilich nicht immer zu plausibleren Resultaten führte."

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Pygmalions Werkstatt" im Münchner Lenbachhaus, neue CDs von Jim O'Rourke, Aphex Twin und anderen Electro-Avantgardisten und einige Bücher, darunter Aris Alexandrous Roman "Die Kiste", den Dorothea Trottenberg als "eine der Trouvaillen der Saison" feiert (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 25.10.2001

Der Soziologe Wolfgang Engler erklärt, warum die PDS ihre beste Zeit noch vor sich hat. Weil alle ihr dabei helfen! Seit dem 11. September, meint Engler, habe die "sporadische Schützenhilfe" den Charakter eines "systematischen Sponsoring" angenommen. "Das größte Wahlgeschenk machten ihr jene Spitzenpolitiker, die davor warnten, dass das Ansehen der Bundesrepublik Schaden nehmen könnte, wenn man Berlin den Erben des SED-Regimes überließe. Sie ahnten nicht, dass sie damit genau jenes antiseptische Verständnis der Hauptstadt übernahmen, das just die SED über Jahrzehnte hinweg gepflegt und mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln durchzusetzen versucht hatte. Sie wollte eine 'saubere' Metropole, frei von Wildwuchs und Dekadenz und bekam es, je länger ihre Herrschaft währte, desto stärker eben damit zu tun. Ostberlin wurde zum Inbegriff einer ganz und gar unordentlichen, tendenziell unbeherrschbaren und in diesem Sinne DDR-untypischen Stadt."

Jost Kaiser beklagt das ironische Verhältnis der Weltmetropolenjugend zur Demokratie. Vielleicht, überlegt er, wäre ja alles anders gekommen, wenn der Attentäter Mohammed Atta nicht in Hamburg-Harburg , sondern im Karolinenviertel zwischen all den "Identitätsclowns und Haltungssimulanten" gewohnt hätte. Andererseits hätte es in ihm auch ein immenses Überlegenheitsgefühl hervorgerufen können: "Denn in den Hedonistenvierteln dieser Welt wird für das Image, den schwächlichen, entfernten Verwandten der Identität, und für die Surrogate dessen, was früher einmal Religion oder Politik hieß und heute vielleicht im Modeschmuckkreuz oder im T-Shirt mit dem roten Stern besteht, mit Kreditkarte bezahlt. Mohammed Atta und seine jungen Kampfgenossen, und das ist die schockierende Erkenntnis seiner hiesigen Altersgenossen, zahlen hingegen mit einer härteren Währung in einem härteren Kampf: ihr Leben."

Weitere Artikel: Willi Winkler versucht sich, seinem Vorbild Plutarch folgend, an einer Parallelbiografie von Rambo und Osama bin Laden. Uwe Mattheiss hat beim Steirischen Herbst in Graz beobachtet, wie das Basler Theater Klara auf Ich-Suche gegangen ist. Volker Breidecker hat beim Göttinger Literatur-Herbst festgestellt, dass Dummdeutsch weitergeht.

Gestern wurden die Hofer Filmtage eröffnet und Bodo Fründt hat Festivalleiter Heinz Badewitz interviewt. Fritz Göttler war auch dort und gratuliert außerdem Annie Girardot zum Geburtstag.
Besprochen werden der Film "Crazy/Beautiful" von John Stockwell, die Komödie "Mondscheintarif" von Ralf Huettner, die Ausstellung "Die Brücke in Dresden, 1905 ? 1911" in der Galerie Neue Meister im Dresdner Schloss. Und Heinrich Wefings Buch "Kulisse der Macht" (mehr dazu ab 14 Uhr in der Bücherschau des Tages).

Auf der Medien-Seite kann man ein Interview mit Benjamin von Stuckrad-Barre über Sprachverbrechen und Walter Kempowski bei MTV lesen.

FR, 25.10.2001

Eine "schleichende Entwicklung zur Kriegsgesellschaft" hat Martin Altmeyer festgestellt: Er sieht im Innern der Gesellschaft ein "Klima der Unsicherheit, Verdächtigung und Selbstverteidigungsbereitschaft" entstehen: "Was man der verhassten Gesellschaft immer schon mal sagen wollte, endlich kann man es loswerden. Es ist die Stunde der armen Sau, des spießigen Konformisten oder des frustrierten Systemgegners, die ihren alltäglichen Wahn unter den Zwängen des gemeinen Alltags halbwegs unter Kontrolle haben und nun den Ausbruch wagen." Die Regie dabei haben seiner Meinung nach sowohl die Terroristen als auch der Westen geführt: Schließlich hätte der Westen "die angebotene Aufteilung der Welt in Gut und Böse angenommen."

Wird auf der heutigen Ministerpräsidentenkonferenz eine Bundeskulturstiftung beschlossen ? Darüber macht sich Rüdiger Suchsland Gedanken. Ihm fehlt in der Bundesrepublik derzeit eine "schlagkräftige Außenvertretung", die etwa die Förderung des Films übernimmt. Das hat für Suchsland nichts mit Staatskunst zu tun: Ihm fehlt eine Institution die den "besonderen Bedingungen einer zukünftigen Weltgesellschaft entspricht". Für realistisch hält der Autor die Beschlussfassung jedoch nicht: Die Bundesländer würden wohl weiterhin "ihre Sandkästen verteidigen".

Weitere Artikel: Robert Kaltenbrunner denkt in der Hochhaus-Serie der FR darüber nach, warum der Streit um Wolkenkratzer im Streit um den Glauben an Fortschritt und Erfolg wurzelt, Stephan Hilbpold schreibt über den "Steirischen Herbst", und Helmut Höge berichtet von einem interessanten Workshop in der deutsch-polnischen Stadt Guben/Gubin.

Besprochen werden der iranische Film "Zeit der trunkenen Pferde vor", neue Trickfilme auf dem Leipziger Traditionsfestival und Jeff Walls Ausstellung "Figures & Places" im Frankfurter Museum für Moderne Kunst.
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TAZ, 25.10.2001

Auf den Tagesthemenseiten sorgt sich der Historiker Norman Birnbaum (hier mehr) über die Lähmung der amerikanischen Demokratie durch die Terroranschläge am 11. September: In den Medien gibt es weder Kritik an der Politik der US-Regierung oder Berichte über das Versagen der Geheimdienste. Im Senat "ist jede, wirklich jede Kritik am Führungsstil von Präsident Bush verstummt. Es gibt keine Debatte mehr über politische Absichten und Ziele, ganz zu schweigen von Debatten um Alternativen." Auch die außerparlamentarische Opposition macht sich kaum bemerkbar: "Ein paar versprengte Reste der Antiglobalisierungsbewegung haben ein paar kleine Antikriegsdemonstrationen organisiert, das ist fast alles. Die US-amerikanische Zivilgesellschaft scheint sich seit dem 11. September in eine Art Kirche verwandelt zu haben. Der Präsident tritt als Pontifex maximus auf, die religiöse Lehre feiert die heilige Nation, die Eschatologie gilt dem puren Heute. In dieser Verschmelzung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, von Politik und Religion, von Staat und Nation, erscheint alles Abweichende als lästig, ja als unnatürlich."

Auf den Kulturseiten gibt es heute ausschließlich Kritiken. Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken des Zeichners Henry Darger (hier mehr) in den Berliner Kunst-Werken und natürlich Filme: "Zeit der trunkenen Pferde" von Bahman Ghobadi, Vanessa Jopps "Engel + Joe" und amerikanische Teeniekomödien wie "Natürlich blond", die ironisch die ewig gleichen Sozialisierungen aufbrechen: Konformität als Problem.

Schließlich Tom.

FAZ, 25.10.2001

Auch Hans-Magnus Enzensberger hat den Iran besucht, stand auch am prunkvollen Grab des großen Dichters Hafis, und er schildert in einigen sehr schönen Miniaturen die Lage im Land, die manchmal finster kompliziert und doch sehr heiter zu sein scheint: "Die Künstlerin. Kaum im Haus, nimmt sie das Kopftuch ab. Aber dann zeigt sich, dass sie von Tatsachen nichts wissen will. Das Attentat vom 11. September haben auf keinen Fall islamische Terroristen zu verantworten. Die Amerikaner haben es selber organisiert; eine Intrige der Zionisten, hinter welcher der Mossad steckt. Zwölf iranische Gäste hören ihr höflich zu, heben die Augen gen Himmel. Sie sind Dummheiten gewöhnt. Ihre Toleranz beweist, dass sie die Meinungsfreiheit über alles schätzen."

Arundhati Roy greift erneut in die Debatte ein. Nach einem Text aus Outlook India, der vor drei Wochen in der internationalen Presse (und der FAZ) kursierte, meldet sie sich nun im gleichen Magazin erneut zu Wort, berichtet Martin Kämpchen und zitiert aus dem Text: "Nichts kann einen Terroranschlag entschuldigen und rechtfertigen, ob er nun von religiösen Fundamentalisten, privaten Milizen, nationalen Widerstandsbewegungen ausgeübt wird ? oder ob er als der Vergeltungskrieg einer anerkannten Regierung herausgeputzt wird. Die Bomben auf Afghanistan sind nicht die Rache wegen New York und Washington. Sie sind ein weiterer Akt des Terrors gegen die Menschheit." Kämpchen lobt im weiteren die Nuanciertheit von Roys Argumentation. Falls die Adresse von Outlook India nicht funktioniert, können Sie auch im Guardian nachschlagen. In Outlook India findet sich übrigens auch eine interessante Seite mit Reaktionen auf Roys ersten Essay.

Weiteres: Heinrich Wefing ist gespannt, ob die sechzehn Ministerpräsidenten bei ihrem heutigen Saarbrücker Treffen, Julian Nida-Rümelins Entwurf für eine neue Kulturstiftung des Bundes und der Länder zustimmen werden. Paul Ingendaay erzählt von einem Kongress über die spanische Sprache in Valladolid, bei der Nobelpreisträger Camilo Jose Cela zum dritten Mal quasi wortwörtlich die gleiche Rede hielt ? die Öffentlichkeit hat es nicht gemerkt, nur eine Provinzzeitung ist ihm auf die Spur gekommen. Harald Staun resümiert das Münchner "Make World"-Festival, bei dem die Globalisierungskritiker angeblich wieder zu analytischen Kräften gelangten. Dirk Schümer unterhält uns ein weiteres Mal mit seiner Kolumne "Leben in Venedig" ? diesmal geht es um Venedig als Stadt des Comics

Ferner gratuliert Wilfried Wiegand der Schauspielerin Annie Girardot zum Siebzigsten. Karo Sauerland berichtet aus Polen über die rechtskatholische Zeitung Nasz Dziennik, die gegen den EU-Eintritt des Landes ist.. Milos Vec resümiert einen Vortrag Fritz Sterns über die Justiz der Weimarer Republik. Christian Schwägerl weist auf eine internationale Konferenz zur biologischen Vielfalt hin, die morgen in Bonn beginnt. Gisa Funck gratuliert der Schriftstellerin Anne Tyler zum Sechzigsten. Auf der Medienseite setzt Michael Hanfeld seine Berichterstattung über Wolfgang Clements Versuche, am ZDF zu sägen, fort. Besprochen wird hier auch eine ARD-Serie über "Vier Kriegsherren gegen Hitler". Auf der Kinoseite schreibt Stefanie Peter über Glanz und Elend des polnischen Kinos. Peter Körte versucht zu vestehen, warum die Deutschen den Film "Der Schuh des Manitu" so lieben. Und Hans-Jörg Rother zieht eine Bilanz des Dokumentarfilmfestivals in Leipzig.

Besprechungen gelten einem neuen Hochhaus von Hans Kollhoff in Frankfurt, das aussieh als hätte er es aus einem Batman-Comic abgekupfert, Vanessa Jopps Film "Engel und Joe" (mehr hier), eine Ausstellung über Dora Maar und Picasso im Münchner Haus der Kunst, der iranische Film "Die Zeit der trunkenen Pferde" von Bahman Ghobadi, Sidney Corbetts Oper "Noach" in Bremen und ein Theaterstück über Eleanor Roosevelt in Washington.

Zeit, 25.10.2001

Sehr strenge aber gerechte Worte findet Jörg Lau für Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin. Lau ist nach Teheran gereist, um dort eine Sternstunde der auswärtigen Kulturpolitik beizuwohnen, der Eröffnung einer Ausstellung des deutschen Künstlers Hans Mack. Nida-Rümelin sollte die Rede halten ? sagte aber wegen wichtiger Termine in Brüssel ab: "Brüssel!", ruft Lau, "Sich in diesem Moment in Teheran mit irgendwelchen EU-Terminen zu entschuldigen ist schon eine beträchtliche Instinktlosigkeit. Und mag die Welt in Flammen gehen, die Buchpreisbindung bleibt bestehen! Weiß der Staatsminister nicht, dass mit der Rolle des Iran im 'Krieg gegen den Terror' auch sämtliche reformerischen Errungenschaften auf dem Spiel stehen?" Gehört denn dazu auch eine Buchpreisbindung?

Der israelische Autor Amos Elon ist durch das neue Jüdische Museum in Berlin gegangen, und ihm war nicht ganz wohl bei der Sache. Die Ausstellung findet er enttäuschend. Aber auch Daniel Libeskinds Architektur ist ihm nicht behaglich. So schildert er Libeskinds berühmten "Holocaust-Turm": "Hier besteht der Trick darin, dass nach dem Betreten des Raums eine schwere Tür hinter dem Besucher zuschlägt. Man ist allein und fröstelt vielleicht ein wenig (der Raum ist ungeheizt). Sonst aber fühlt man sich wohl und könnte fast froh sein, den Menschenmassen draußen entkommen zu sein... Diese Anmaßung, durch eine Tür und ein paar kahle Wände die Verzweflung eines Deportierten oder gar eines KZ-Insassen, wenn auch bloß entfernt oder symbolisch, suggerieren zu können, erschien mir bodenlos arrogant."

In Hamburg und Berlin werden Kultursenatoren gesucht. Thomas E. Schmidt schildert die Lage so: "In den allermeisten Fällen ist der zukünftige Kultursenatorein ein Schläfer. Als Professor, Journalist oder Regisseur murkelt er unerkannt vor sich hin. Doch irgendwann, keiner weiß den Zeitpunkt, weckt ihn der Muezzinruf der neuen Regierung auf." Und dann heißt es, fünfmal am Tag um Subventionen beten.

Weiteres: Jacqueline Henard unterhält sich mit dem französischen Religionshistoriker Jean Delumeau über Paradies- und Apokalypse-Vorstellungen im Christentum und Islam. Peter Kümmel begibt sich auf Theaterreise durch München und Berlin und verkostet neue Inszenierungen von Dieter Dorn, Christoph Marthaler und Wulf Twiehaus. Besprochen werden ferner Schrekers "Ferner Klang" in Berlin, die Donaueschinger Musiktage, zwei neue Rennfahrerfilme, Thomas Arslans Film "Der schöne Tag", eine Ausstellung mit Skulpturen der Nazi-Zeit im Berliner Georg-Kolbe-Museum und die neue CD von Michael Jackson.