Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.07.2001.

NZZ, 10.07.2001

Eine gewisse Faszination der Jungspielführerschaft des deutschen Theaters für den Nibelungenmythos konstatiert Henrike Thomsen. Aber überzeugt uns ihre Erklärung? "Der Druck der akuten Erinnerung an das Dritte Reich nimmt immer weiter ab. Die Berliner Republik ist mit einem neuen Selbstbewusstsein, wenn auch nicht mit einem neuen Selbstverständnis, ausgestattet. Aus all dem erklärt sich vielleicht der deutlich freiere und entspanntere Umgang mit dem Sagenstoff."

Manfred Papst erkannte bei einem Reggae-Konzert, das zum Auftakt des Festivals von Montreux gegeben wurde, "dass der Zustand zunehmender Bekifftheit den Drang, die Welt in einfachen Worten zu erklären, ungemein beflügelt - auf der Bühne wie im Publikum".

Weitere Artikel: Wadih Saadah schildert den Fall der 70-jährigen ägyptischen Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Nawal el Saadawi, die von Fundamentalisten wegen ihrer feministischen Schriften vor Gericht gezogen wurde ? man will ihre Zwangsscheidung. Der Fall ist vom Kairoer Gericht zunächst vertagt worden. Susanne Ostwald weist auf eine posthume Erstveröffentlichung einer Erzählung von Mark Twain in der neuesten Nummer von Altantic Monthly hin (siehe auch unsere Magazinrundschau).

Besprochen werden die Ausstellung "Europas Mitte um 1000" im Berliner Gropius-Bau, das 6. Internationale Literaturfestival in Leukerbad, Verdis "Trovatore" und "Aida" in der Arena von Verona, eine Jakob-van-Hoddis-Ausstellung in der Neuen Synagoge in Berlin und einige Bücher, darunter Essays der holländischen Autorin Charlotte Mutsaers und Barbara Vinkens Buch über die "deutsche Mutter" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 10.07.2001

Sonja Margolina kritisiert die "bisherige außenpolitische Kleingeistigkeit des Westens" gegenüber Russland: Einerseits schweige man zum Krieg gegen Tschetschenien, andererseits provoziere man die Russen mit der geplanten Erweiterung der Nato auf Osteuropa. Margolina plädiert für mehr "Aufrichtigkeit" im Umgang mit Russland. Wobei es gar nicht so schwer sei, "vor dem Hintergrund der weiteren Ausdehnung der EU, die in der Logik der technokratischen Vereinheitlichung und der Entgrenzung der Märkte liegt, auch die Aufnahme Russlands sowohl in die EU als auch in die Nato als sicherheitspolitische und globale Vision in Erwägung zu ziehen. Diese Perspektive würde Russland das Gefühl der weiteren Isolation und Verschiebung nach Asien nehmen. Zugleich würde das politische Establishment in Russland endlich gezwungen, sich mit den für alle EU-Mitglieder gültigen Aufnahmekriterien auseinanderzusetzen. Der Druck des Angebots wäre jene ungeschminkte Wahrheit, an der es sich messen sollte."

Joachim Kaiser denkt über Wagner in Israel nach: "Voller Mitleid und Ratlosigkeit müssen wir erkennen, dass in der Seele so mancher dem Holocaust entkommener Juden das Wagnerianische zum Inbegriff von Bösem, Tödlichem, Bedrohlichem schlechthin geworden ist." Aber seine Erfahrungen, etwa als Juror beim Rubinstein-Wettbewerb in Tel Aviv, habe ihn auch gelehrt, dass "Musik-Menschen" in Israel Wagner lieben. "Ich hörte auf zu fragen, als mir eine dortige Musikkritikerin sagte, sie wolle ihren Sohn 'Tristan' nennen. Seltsam, dass doch die Leidenschaftlichen immer so übertreiben müssen."

Beigestellt ist ein kurzer Artikel über Reaktionen in Israel auf Barenboims Wagner-Aufführung. Und in der Rubrik "Fragen und Antworten" meint Zubin Mehta, "es gibt jetzt so viel politische Spannung in Israel, man braucht nicht noch mehr. Aber vielleicht ist es gesund, dass jetzt in der ganzen Welt geredet wird über Musik in Israel und nicht über die Intifada."

Weitere Artikel: Siggi Seuss berichtet, dass der Sänger Franz Hawlata die Meininger "Nibelungen"-Produktion von Christine Mielitz kaufen will, damit das Stück nicht nach vier Durchläufen abgesetzt wird. Ulrich Hacker stellt den "englischen Rock- Vegetarier" Jeff Beck vor, der auf Deutschland-Tournee kommt. Jörg Drews berichtet über die Versteigerung eines "Ulysses"-Schreibheftes von James Joyce, und Jörg Häntzschel beschreibt, wie Eero Saarinens TWA-Terminal in New York langsam zu einer "grandiosen Ruine" wird.

Besprechungen widmen sich Matthias Hartmann, der in Bochum Mittsommernachts-Sex nach Woody Allen inszeniert, der Eröffnung der Opernfestspiele in Aix-en-Provence mit Mozarts "Figaro", der Eröffnung des Schleswig-Holstein Musik Festivals mit Günter Wand, einer "Leonce & Lena" in der Inszenierung von Günter Krämer am Schauspiel Köln, einer Ausstellung in der Londoner Tate Britain mit Werken des Karikaturisten James Gillray, einer CD mit Colin Davis, der Berlioz' "Les Troyens" "auf Trab" bringt, einer Ausstellung mit Architekturfotografie im Essener Folkwang Museum und Ted Hughes Essay-Band "Wie Dichtung entsteht" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 10.07.2001

Revolutionsnostalgie auch bei Anselm Kiefer? Seine neuesten Gemälde sind bunt und heiter, berichtet Thomas Fechner-Smarsly. Sie stehen unter dem Motto "Lasst tausend Blumen blühen" (eine maoistische Parole), und sie zeigen auch den Großen Vorsitzenden. "Kaum auszumachen, ob das Wehen, das über diese Bilder geht, von Blütenstaub stammt, ob es Wüstensand oder der schiere Staub ist, zu dem auch Weltreiche zerfallen. Inzwischen sind die roten Rosen der Revolution vertrocknet, die Sonnenblumen schwarz verbrannt, ihre Felder wurden nicht abgeerntet, ihre Samen aber haben sich über die Fläche verteilt wie Ameisen, ein Gewimmel aus schwarzen Körnchen." Kiefers neue Bilder werden im Louisiana Museum für Moderne Kunst bei Kopenhagen ausgestellt.

Inge Günther kommentiert Daniel Barenboims Entscheidung, die israelischen Zensurbestimmungen zu brechen und bei einem Konzert in Jerusalem Wagner zu spielen: "Man muss kein Wagner-Fan sein, um Dirigent Daniel Barenboim eines zuzugestehen: Courage." (Wir haben dem Thema gestern einen Link des Tages gewidmet.)

Ursula März nimmt Hannelore Kohls Tod zum Anlass, um über ihre Erscheinung zu Lebzeiten nachzudenken: "Tatsächlich grenzte die Statik all dessen, was ihre öffentliche Erscheinung ausmachte, ihr steifes Lächeln, ihre damenhafte, aber unmondäne Gepflegtheit, ihre wellig toupierte, den Kopf voluminös umgebende Frisur, ihre gesamte, von Foto zu Foto, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt gleichbleibende Optik, ob sie ein Reh fütterte, einen Wüstenstaat besuchte oder die Wiedervereinigung feierte, an ein Wunder. Die Gestik, die Mimik, die Kopfhaltung: jedes Bild ein Duplikat des nächsten und vorangegangenen Bildes. Man kann sich nicht an die geringste Abweichung Hannelore Kohls vom Stil Hannelore Kohls erinnern."

Weitere Artikel: Helmut Höge erzählt die Geschichte des Berliner Fluchthelfers Oskar Huth. Besprochen werden der Film "Stadt, Land, Kuss", die Skulpturen Eduardo Chillidas in der Pariser Galerie nationale du Jeu de Paume, Olafur Eliassons große Einzelausstellung "Surroundings surrounded" im ZKM Karlsruhe, und Ray Bradburys "Fahrenheit 451" in einer Stuttgarter Dramatisierung.
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TAZ, 10.07.2001

Falko Hennig ist mit Wladimir Kaminer und Jochen Schmidt von Berlin mit dem Zug nach Köln und Düsseldorf gefahren und hat darüber ein Reisetagebuch geführt. Kaminer findet es allerdings "gefährlich, das alles aufzuschreiben, irgendwann schlage das Schicksal zurück. Hat neulich diesen Film mit Robert de Niro gesehen, 'Ich habe auch Zutzen, melk mich!'"

Helmut Höge behauptet, "Preußen bzw. Deutschland" habe "wirklich zweimal die Weltrevolution vermasselt: erst die französische mit ihren napoleonischen Auswirkungen und dann die russisch-sowjetische." Parallelen findet er auch in den Auswirkungen: "Die Niederlage Napoleons hatte dann ganz ähnliche Folgen wie der Zusammenbruch der Sowjetunion und ihrer Schwesterrepubliken bzw. Satellitenstaaten 180 Jahre später: Nach lautem Hurra der Patrioten/Regimegegner wichen diese augenblicklich dem reaktionären Gesindel, das sich sogleich daranmachte, die alten Verhältnisse zu restaurieren." Napoleon und Honnecker als Vorreiter der Weltrevolution? Höge, a la lanterne!

Weitere Artikel: Ute Scheub berichtet über eine Tagung des Hygiene-Museums in Dresden, auf der ? parallel zur Ausstellung "Der (im)perfekte Mensch" ? die Probleme von Behinderten diskutiert wurden. Besprochen werden ein Gesprächsband mit Peter Sloterdijk und Hans-Jürgen Heinrichs: "Die Sonne und der Tod" und politische Bücher (siehe unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Schließlich Tom.

FAZ, 10.07.2001

Einerseits ist die Ökonomie gut. Sie ermöglicht laut Mark Siemons das geplante tolerantere Zuwanderungsrecht in Deutschland: "Gerade konservative Politiker erhoffen sich gerne von der Einbindung fremder, oft gar als kriminell eingestufter Staaten in die globale Marktwirtschaft eine Befriedung und Angleichung. Warum also soll nicht auch innenpolitisch die wirksamste 'Integration' durch die Einbeziehung in die hierzulande üblichen Regelkreise der ökonomischen Rationalität zu erwarten sein?" Denn erstens werden so potenziell Kriminelle integriert und zweitens die deutschen Renten bezahlt.

Andererseits ist die Ökonomie böse. In einem Interview mit Jordan Mejias begründet der Technologiekritiker Bill Joy, warum der von ihm befürchtete wissenschaftliche Fortschritt kaum aufzuhalten ist: "Wozu die Eile? Die Eile heißt Ökonomie. Sie erlaubt uns nicht, rational abzuwägen." Wir widmen Bill Joy mal wieder einen Link des Tages.

Weitere Artikel: Leo Wieland erinnert (ohne direkten Anlass) an die amerikanische Episode von Rudyard Kipling, der 1892 bis 96 in Vermont lebte, bevor er das Land wegen einer Familienaffäre verließ - sein Haus kann man heute als Feriendomizil mieten. Christian Geinitz porträtiert die 103-jährige Mariana Frenk-Westheim, die Frau des Kunsthistorikers Paul Westheim, die seit 70 Jahren in Mexiko-Stadt lebt und Geinitz ein wenig Klatsch über die deutsche Emigration in der Stadt erzählt (Egon Erwin Kisch zum Beispiel hat sie als "verbohrten Stalinisten" in Erinnerung). Dieter Bartetzko stellt auf eine Bilderseite die neue apostolische Nuntiatur in Berlin vor und ist ergriffen: "Der Vatikan hat eine viel zu lange Geschichte, als dass man seinen Neubau beträte wie jede andere der vielen neuen Botschaften."

In kleineren Artikeln wird uns mitgeteilt, dass die Autorin Alice Munro siebzig wird, und dass Kopenhagen ein neues Schauspielhaus bekommt.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Zeichnungen von Caspar David Friedrich und Johann Christian Dahl im Staatlichen Museum Schwerin, der "Falstaff" beim Festival von Aix-en-Provence, Raoul Pecks Film über Patrice Lumumba, Zeichnungen im Hessischen Landesmuseum Darmstadt, die Kleist-Tage in Frankfurt an der Oder, eine Weill-Revue von Krzysztof Pastor in Amsterdam, ein Moskauer Festival für Neue Musik, eine Ausstellung von Claus Burys Skulpturen im Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum.