Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.05.2001.

NZZ, 14.05.2001

Beatrice von Matt besucht den Schriftsteller Hansjörg Schneider und das Stadtviertel von Basel, in dem seine Krimis spielen: "Frankreich beginnt wenige hundert Meter weiter stadtauswärts - für Schneider ist das wichtig. Seine verschiedenen Basler Wohnungen hätten immer gegen das Elsass hin gelegen. Er lässt Hunkeler häufig über die Grenze in Richtung Ranspach und Les-Trois-Maisons fahren und von da zum Riegelhaus mit den Bäumen davor, oder auch etwa zur alten Gaststätte von Kn?ringue, wo der Fahnder mit seiner Freundin Hedwig gern zum Essen auftaucht. Wenn er mit einem Fall nicht weiterkommt, legt er sich ins Thermalbad von Neuwiller."

Uwe Stolzmann schildert die Minderheitenpolitik des Landeshauptmanns von Kärnten, eines gewissen Jörg Haider: "Das wagte keiner seiner Vorgänger: Unverhofft erscheint der Landesfürst auf slowenischen Festen; er spricht ein slawisches Grußwort, er lacht, duzt, schüttelt Hände. Er lädt die Chefs der zwei Slowenenverbände zu Gesprächen ein. Was wollt ihr? fragt er. Weitere zweisprachige Ortstafeln? Noch mehr Geld für die Kindergärten? Vielleicht ein Landtagsmandat für die Volksgruppe? Na, wollen schauen. Nach dem Treffen: Fotos lachender Partner, Slowenen-Funktionäre beim Smalltalk mit Haider, die große Verständigung. Ein Dreivierteljahr ist das jetzt her. Und seitdem?" Einem Tanztheater wurden die Subventionen gestrichen, weil es Haider provozierte. Und die Versprechen des Jörg Haider "sind schnell zerpflückt. Die finanzielle Lage zweisprachiger Kindergärten sei angespannt wie eh und je, die Hoffnung auf ein Landtagsmandat für die Minderheit 'ein frommer Wunsch des Rates', eine Ausweitung des Slowenischen auf Ämtern und Ortsschildern eher unwahrscheinlich."

Weitere Artikel: Georges Waser kommentiert den Umstand, dass britische Dome jetzt Eintrittsgeld nehmen, um ihre Sanierungen zahlen zu können. Urs Schoettli schreibt zum Tod des indischen Schriftstellers R. K. Narayan, und Martin Ebel zum Tod von Klaus Schlesinger.

SZ, 14.05.2001

Verena Auffermann liefert eine stimmungsvolle Reportage von der Verleihung des Ludwig-Börne-Preises an Rudolf Augstein. Nachdem Marcel Reich-Ranicki und Frank Schirrmacher ihre Laudatio gesprochen hatten, trat Augstein ans Pult. "Helmut Markworts Anwesenheit in der ersten Reihe beflügelte Augstein. Weil Markwort ihn einen 'bekennenden Zyniker' genannt hatte, bekam der Chef des Konkurrenzblattes Focus Nachhilfe - mit dem Zuruf, wenn er nicht über die 'besten Dentisten', sondern über die politische Großwetterlage schreiben würde, wüsste er, dass ohne Zynismus das Spiel der ganz Großen nicht zu betrachten ist."

"Kanzler, greifen Sie zu!", ruft Claus Koch am Ende seines Artikels, der mit einem Zweifel beginnt: "Wenn der Kanzler weiß, was er mit seinem Entwurf für ein politisches Europa in Angriff nimmt, hat er viel Mut. Denn dann weiß er auch, dass es im jetzigen Zustand der politischen Verwahrlosung allein Deutschland sein kann, das die Dinge in Bewegung bringt. Deutschland aber als Retter Europas - das stellen sich weder die meisten Europäer noch die Deutschen gerne vor. Nur, es hilft nichts, die Deutschen müssen es jetzt tun." Mein Gott, weiß das der Schröder? Wir werden dem Kanzler sofort mailen, dass er Kochs Artikel liest.

Weitere Artikel: Fritz Göttler berichtet, dass "Tim und Struppi" jetzt in China erscheinen und bespricht internationale Journale. Karl Bruckmaier schreibt zum Tod des Schriftstellers Douglas Adams und "mea" zum Tod des amerikanische Entertainer Perry Como. Michael Althen berichtet aus Cannes über die Filme von Oliveira, Solondz und Corsini, die alle "das eigene Metier zum Gegenstand hatten: das Filmemachen, die Schauspielerei oder das Erzählhandwerk als solches."

Besprochen werden zwei politische Bücher, eine Aufführung von Heinrich Marschners "Hans Heiling" an der Deutschen Oper Berlin. Dirigiert hat Christian Thielemann. Charles Mattons Film "Rembrandt", eine Uraufführung von Pina Bausch und das "grandiose" R.E.M.-Konzert in Köln: "Stipe taumelt, krümmt sich wie ein Schlangenmensch, rudert mit den Armen, rennt gegen unsichtbare Mauern an, um von diesen wieder abzuprallen, imitiert die Tippelschritte von James Brown und bemüht sich auch sonst, seinem Ruf als bester Tänzer des Planeten gerecht zu werden. Sein Metabolismus, der nicht von ungefähr an Buster Keaton erinnert, wirkt wie durchströmt von Peter Bucks und Mike Mills' Moll-Symphonien, den melancholischen, nur selten brachialen Gitarrenkaskaden und den meist elegischen Orgeltönen."

Wolf Lepenies schließlich stellt einen - nur auf französisch erschienen - Band mit Briefen des 20-jährigen Germanisten Pierre Bertaux aus Berlin 1927- 1933 vor, der dem Rezensenten manchmal etwas "ungezogen" erscheint, etwa "wenn Bertaux die ganze Familie Mann weniger unter einem Schreibdrang, als unter der Sucht, gedruckt zu werden, leiden sieht. Und den 'Zauberberg', die 'Summe des Hl.Thomas', als vulgär zu bezeichnen und mit jenen Pseudo-Bordeaux zu vergleichen, die die Deutschen am liebsten trinken, war ein starkes Stück."

FR, 14.05.2001

Eine versöhnte Pina Bausch hat Sylvia Stude im neuesten Tanzstück der Chreografin gesehen, das sich an Brasilien inspiriert: "Diesmal also bei der Uraufführung in Wuppertals Opernhaus Palmen im Wind und entspannte Musik von, unter anderen: Baden Powell, Gilberto Gil, Nana Vasconcelos, Rosanna und Zelia. Wie man das Orangenessen zum Sexualakt macht, zeigt gleich zu Beginn Helena Pikon, die schmatzend und stöhnend große Stücke Fruchtfleisch abbeißt. Und, mit vollem Mund, erzählt, wie schön es war, als sie eines Nachts einen Krampf bekam, deswegen aufstand und einen grandiosen Sternenhimmel entdeckte: 'Gott sei Dank, dass ich diesen Krampf gehabt habe', sagt sie und fasst damit dieses neue Stück Pina Bauschs in einen Satz: Ihre Menschen haben immer noch gelegentlich heftige Seelenkrämpfe, aber die Schönheit der Welt ist offenbar mehr als nur ein kleines Trostpflaster."

Weitere Artikel: Thorsten Jantschek rezensiert Senecas "Thyestes" in Durs Grünbeins neuer Übersetzung am Mannheimer Nationaltheater. Und Udo Feist schreibt zum Tod des Science-Fiction-Autors Douglas Adams.
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TAZ, 14.05.2001

Katja Nicodemus war dabei, als sich die neue Berlinale-Mannschaft im Garten einer Villa in den Hängen von Cannes der Weltöffentlichkeit bekannt machte. Dieter Kosslick stellte sich auf einen Stuhl und sagte: "'We are all here to say nothing.' Über Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin: 'A very nice man.' Über den neuen Forumsleiter Christoph Terhechte, mit dem er schon beim Hamburger Low-Budget-Filmforum zusammenarbeitete: 'We know each other, we already had a lot of Krach.' Über den alten und neuen Panorama-Chef Wieland Speck: 'Very nice, too.' Und natürlich über die nächste Berlinale: 'New movies and new posters.' Irgendwann erzählte Nida-Rümelin noch, dass es für die Berliner Filmfestspiele in Zukunft mehr Geld geben soll, ansonsten Gruppenfotos und friedliches In-den-Nachmittag-Hineintrinken. Das Ganze richtete sich vor allem an Filmanbieter, ausländische Presse war keine da, bis auf einen dänischen Journalisten, der dafür aber fast alle 200 Anwesenden interviewte."

Weitere Artikel: Brigitte Werneburg bemerkt zum Streit um die Reorganisation der deutschen Kulturinstitute im Ausland, dass die Proteste der Betroffenen nicht von "berechtigten Fragen zur Organisationsstruktur der Institute" entlasteten. Max Dax hat Nick Cave in der Berliner Columbiahalle gesehen. Und Michael Sontheimer schreibt zum Tod von Klaus Schlesinger.

FAZ, 14.05.2001

Winfried Schulze, der böse Mann, der die geisteswissenschaftlichen Auslandsinstitute neu organisieren will, nimmt in der Debatte selbst Stellung: "Jeder, der sich in der Forschungsfinanzierung unseres Landes auskennt, weiß, dass wissenschaftlichen Prinzipien angemessene Leistungsbewertung und Qualitätssicherung entscheidende Kriterien dafür sind, dass der Staat für bestimmte Forschungsfelder Gelder bereitstellt. Er tut dies freilich nur dann - und diese Tendenz nimmt in allen Ländern erkennbar zu -, wenn sich die Empfänger nachvollziehbaren Verfahren der Qualitätssicherung unterwerfen... Nicht mehr und nicht weniger beabsichtigen die jetzt vorgelegten Pläne für die Auslandsinstitute. Ich bedauere, dass die Direktoren und einige meiner Fachkollegen diese Notwendigkeit nicht erkennen (wollen)."

Joachim Müller-Jung interviewt den britischen Forscher Austin Smith, der in einer deutschen Diskussion die liberale Position seines Landes in der Embryonenforschung verfocht. Er nennt auch im Interview ein Argument, das in der deutschen Prinzipienfestigkeit meist vom Tisch gewischt wird: "Es ist medizinische Forschung. Wenn das Ziel dieser Arbeiten wäre, Profite zu machen oder Gen-Lebensmittel herzustellen, wären sie viel kritischer. Wenn es aber zur Behandlung von Kranken gedacht ist, machen Briten fast alles. Der entscheidende Augenblick im britischen Parlament war, als die Patientengruppen, die Parkinson-Kranken und die medizinischen Wohlfahrtsorganisationen vor die Versammlung traten und sich für die Forschung einsetzten."

Kerstin Holm kommentiert die jüngsten Feiern zum Jahrestag des Kriegsendes in Russland: "Unter Putins Führung scheint das Land immer entschiedener den Blick vom realen Einzelmenschen und von seinen schockierenden Leidenschaften abzuwenden und sich statt dessen auf einen kompensatorischen Gemeinschaftsmythos einzustimmen. Das gleichgeschaltete russische Fernsehen zeigte in diesen Tagen auf allen Kanälen melodramatische Kriegsfilme."

Richard Kämmerlings würdigt die jüngsten Leistungen des Diskursrocks anlässlich der neuen Platte und eines Auftritts der Band Blumfeld um Jochen Distelmeyer: "Sich ohne jede Scheu dem Kitschverdacht auszusetzen, ist eine Konsequenz des romantischen Erbes, das Distelmeyer in der Popmusik ganz selbstverständlich zu verwalten beansprucht."

Und außerdem die Meldung, dass Rudolf Augstein nun aus den Händen des Jurors Frank Schirrmacher den Börne-Preis erhalten hat. Aus der Meldung: "Augstein war als Preisträger nicht unumstritten. So waren in den vergangenen Tagen erneut Ergebnisse der zeithistorischen Forschung kolportiert worden, wonach der Spiegel früher ehemalige Nationalsozialisten als leitende Redakteure beschäftigt hat. Augstein bestätigte dies, verwahrte sich aber gegen den von einigen Kritikern erhobenen Vorwurf des Antisemitismus. Wer glaube, der Spiegel sei antisemitisch, habe ihn nicht vorurteilslos gelesen. In seiner Dankesrede ging er nicht auf diese Angelegenheit ein." Wie die FAZ kolportiert.

Weitere Artikel: Edo Reents kommentiert den Grand prix d'Eurovision, bei dem die Deutsche Michelle seiner Ansicht nach auch nicht stilsicher "quäkte". Martin Kämpchen schreibt zum Tod von R. K. Narayan. Der Evolutionsbiologe Richard Dawkins schreibt "keinen Nachruf" auf Douglas Adams. Gerhard R. Koch gratuliert dem Pianisten Aloys Kontarsky zum Siebzigsten. Dieter Bartetzko schreibt zum Tod des Sängers Perry Como. Wilfried Wiegand hat sich in Cannes den Director's Cut von "Apocalypse Now" zu Gemüte geführt. Georg Imdahl schreibt zum Siebzigsten von Martin Zweite.

Besprochen werden Pina Bauschs neues Tanzstück, Herinrich Marschners "Hans Heiling" an der Deutschen Oper Berlin, Senecas "Thyestes" in der Übersetzung von Durs Grünbein in Mannheim, Richard Foremans Stück "Now That Communism is Dead, My Life Feels Empty" in Wien, eine Ausstellung der Fotografin Jacqueline Hassink im Zürcher Museum für Gestaltung und das Konzert der Supergruppe REM vorm Kölner Dom.

Auffällig übrigens eine ganzseitige Anzeige für die Internetadresse my-favourite-book.com: "Wir machen aus Ihrem Manuskript ein Markenzeichen", heißt es da, und "Ihr Talent als Autor wird verkannt? - Dem können wir abhelfen".