Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.05.2001.

NZZ, 15.05.2001

Eine gute Nachricht hält Frank Wittmann bereit: "Seit Anfang des Jahres 2001 steht den Einwohnern der senegalesischen Hauptstadt Dakar wieder ein Busnetz zur Verfügung. Die Gesellschaft 'Dakar dem dikk' (Dakar hin und zurück) bedient mit 23 Linien das Stadtgebiet und schließt damit die Lücke, die die im Juli 2000 in Konkurs gegangene Busgesellschaft Sotrac hinterlassen hat." Da hinter steckt ein ernstes Problem: Verkehrschaos und eine Stadt, die aus allen Nähten platzt und eine neue Stadtplanung braucht: "In der einst für einige hunderttausend Einwohner konzipierten Stadt am Cap Vert leben heute weit über zwei Millionen Menschen. Die kolonialgeschichtliche Konzeption Dakars bringt es mit sich, dass die Innenstadt - Arbeitsort für einen Großteil der Bewohner, Verkehrsknotenpunkt des Landes, politisches Machtzentrum und Militärbasis - nur durch eine Zufahrtsstraße mit Außenquartieren wie Pikine (über eine Million Einwohner) einerseits und mit dem Fernstraßennetz andererseits verbunden ist."

Den Hype um Zadie Smith und ihren Roman "Zähne zeigen" schildert Thomas David. Zwar meint er: "Zu Salman Rushdie allerdings ist es trotz allen magisch anmutenden Zufällen, welche das Geschick der gesamten Handlung lenken, und entgegen den Bemühungen manch einer himmelstürmerischen Kritik, doch noch sehr weit." Und fragt: "Ist der Roman also nicht gut oder so?" Um uns gleich zu beruhigen: "Doch, doch, er ist toll. Er spielt in Willesden, im Londoner Stadtbezirk Brent."

Weitere Artikel: Matthias Frehner vermeldet eine "kapitale Schenkung" an das Museum Winterthur durch den Sammler Ulrich Wolfer. Besprochen werden Pina Bauschs neues Tanzstück in Wuppertal, eine Neo-Rauch-Ausstellung in Berlin, ein Auftritt des Jazzpianisten Brad Mehldau in Luzern, eine Inszenierung von Verdis Requiem in Basel und einige Bücher, darunter "Wie Ludwig Wittgenstein Karl Popper mit dem Feuerhaken drohte" von David J. Edmonds und John A. Eidniow. (Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr.)

SZ, 15.05.2001

Bernd Graff denkt darüber nach, warum Intellektuelle ? in diesem Fall die italienischen ? auf Gefahr grundsätzlich mit Ironie reagieren. Es "liegt daran, dass die Intellektuellen ihr Spiel mit dem changierenden, ungreifbaren Witz, ihr Spiel mit der Ironie und ihren offenkundigen Verdrehungen und Verkehrungen des Gemeinten nur darum spielen, weil sie selbst sich immer in allen drei Posten der Macht zugleich wiedererkennen wollen: Der unentschiedene Schwebezustand des Geistes, den die Ironie ausdrückt, ist Tändelei sowohl mit der Macht und den Mächtigen wie mit den Ohnmächtigen und Unterdrückten."

Der Philosoph Paolo Flores d'Arcais widerlegt Graffs These umgehend, indem er im Interview ganz unironisch über die Gefahr spricht, die Berlusconi für die politische Kultur Italiens darstellt: "Ich nehme an, dass er gefährliche Gesetze in den beiden Grundfragen der italienischen Demokratie verabschieden lassen wird: in der Frage nach der Kontrolle der Massenmedien, die mit dem Interessenskonflikt Berlusconis verbunden ist, und in der Frage nach der Unabhängigkeit der Staatsanwaltschaft und der Gerichte, die Berlusconi einschränken wird. Das wird die Wurzeln der Grundwerte des freiheitlichen Denkens gefährden."

Michael Althen hat in Cannes zwei Filme auf dem "schmalen Grat zwischen Schmerz und Lust" gesehen: Claire Denis "Trouble every day" und Michael Hanekes Verfilmung der "Klavierspielerin". Über Denis' Film schreibt er: "Dass es für dieses kleine Meisterwerk in Cannes dennoch viele Buhs gab, mag daran liegen, dass die Erotik hier zur Abwechslung mal nicht den prüden amerikanischen Konventionen unterworfen ist, sondern sich das Körperbewusstsein in gleichem Maße auf Lust wie auf Gewalt erstreckt. Und wenn dann Sexszenen auf dem Höhepunkt in kannibalistischen Terror umschlagen, dann sitzt der Schrecken wesentlich tiefer, als man das gewohnt ist. Inmitten all der so genannten scary movies, die sich aus dem Schlachten einen Spaß machen, ist es hier plötzlich wieder blutiger Ernst."

Weitere Artikel: Egbert Tholl gratuliert dem Theaterintendanten Hellmuth Matiasek zum 70. Geburtstag, und Heribert Prantl dem Strafrechtler Claus Roxin ebenfalls zum Siebzigsten. Jonathan Fischer porträtiert den Sänger Manu Chao. (Liberation widmet dem Sänger heute übrigens auch einen Artikel und verweist auf einen zweiten mit sehr vielen Links zu Chao) Und Marcia Pally empfiehlt allen Deutschen, die sich von der englischen Sprache überrollt fühlen: "Stehlt! Schämt euch nicht ? greift zu! Immerhin haben wir 'stehlen' gestohlen ? we have stolen 'stehlen'. Das ist das Geheimnis unseres Erfolges."

Besprochen werden Jacqueline Kornmüllers Inszenierung des Koltes-Stücks "Die Nacht kurz vor den Wäldern" in Stuttgart, eine CD mit Mahlers Achter, dirigiert von Riccardo Chailly, eine Ausstellung mit Fotografien aus Ruanda von Alfredo Jaar im Kunstverein Karlsruhe, Nick Gomez' Film "Der Fall Mona" mit Danny DeVito und Bette Midler, das Artaud-Projekt "Die Nervenwaage" im Casino des Wiener Burgtheaters, Urs Widmers neues Stück "Bankgeheimnisse" in Zürich und Erwin Mortiers Debütroman "Marcel" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages heute ab 14 Uhr).

FR, 15.05.2001

Impressionen von der Jerusalemer Buchmesse, die natürlich von der Aktualität dominiert war, liefert Ina Hartwig: "Alle, die einmal links waren, wie zum Beispiel Amos Oz, seien nur noch an Sicherheit interessiert, sagt die Filmemacherin Gaby Adam, deren Eltern vor den Nazis flüchteten. Die Linke sei praktisch 'nicht mehr existent'. Gespräche mit anderen Intellektuellen bestätigen Adams radikales Urteil nicht, im Gegenteil. Das linksliberale Spektrum scheint eher groß zu sein, sein politischer Einfluss jedoch verschwindend."

Ursula März hat zum dreißigsten Todestag Bernward Vespers seinen Roman "Die Reise" nochmal gelesen: "'Die Reise' beruht auf zwei Paradigmen; dem des historischen Bruchs und dem der Kontinuität, dem des ausgeschlagenen und dem des angenommenen Erbes. Es stimmt, dass der Roman die Motiv- und Bewusstseinslage der 68-er Rebellion abbildet, darüber hinaus aber auch ihre Aporien und ihren Selbstbetrug."

Auch Peter Körte hat Claire Denis' "Trouble Every Day" in Cannes gesehen: "Der Film lebt vor allem vom Spiel von Vincent Gallo und Beatrice Dalle, und die ganz bewusst vage gehaltenen Umrisse des Horrorplots sind nur ein Vehikel, um von der (Selbst-)Zerfleischung der Körper und des Begehrens, von den Dämonen der Besessenheit zu erzählen. Wenn der Film auch nicht gerade wie ein Blitz einschlug, so ließ er einen doch ungleich verstörter zurück als all jene, die nichts riskierten."

Weitere Artikel widmen sich den der China-Opernrekonstruktion "Mudan Ting" und dem neuen Stück von Richard Foreman bei den Wiener Festwochen und Marschners "Hans Heiling" an der Deutschen Oper Berlin.
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TAZ, 15.05.2001

Viel Sex und Blut hat Katja Nicodemus in dern jüngsten Cannes-Filmen gesehen, zum Beispiel in Claire Denis' Vampirfilm "Trouble Every Day": "Wenn die in ihren schwarzen Stiefeln großartig morbide Beatrice Dalle ihrem Liebhaber in die Kehle beißt, dauert der Todeskampf eine gurgelnde und spritzende Ewigkeit inklusive blood painting."

Christiane Kühl hat eine Berliner Diskussion über die angebliche Generationskrise im deutschen Theater verfolgt. Ihr Artikel beginnt so: "Ha! Reingefallen! Jetzt lesen Sie diesen Text, weil die Unterzeile einen Text über den Generationenkonflikt im Theater ankündigt. Aber dieser Konflikt existiert gar nicht! Den haben die Medien erfunden, aus purer Langeweile, aus kritikerberufsbedingter Wichtigtuerei, wenn wir Sonntag das Podium beim Theatertreffen richtig verstanden haben." Schweinerei! Das ist doch wieder typisch für diese jungen Journalisten!

Weitere Artikel: Martin Zeyn erinnert an Bernward Vesper und seine Roman "Die Reise" ? Versper nahm sich vor dreißig Jahren das Leben. Peter Fuchs setzt seine Reflexionen über den Umgang mit Behinderten aus systemtheoretischen Perspektive mit der siebten und letzten Folge fort (und was wird die taz jetzt aus systemtheoretischer Perpektive betrachten?) Und Katja Nicodemus hat ein Interview mit dem bosnischen Regisseur Danis Tanovic über seinen Film "No Man's Land" geführt.

Schließlich Tom.

FAZ, 15.05.2001

Für ein Wunder der Kommunikation hält Mark Siemons die Deutsche Telekom: "Nirgendwo klaffen die Erfahrung der einzelnen und das Bewusstsein der Allgemeinheit so weit auseinander wie hier". Anlass seiner Meditationen ist eine Ausstellung der Telekom über Werbung im Berliner Museum für Kommunikation. Frech wird man hier über die Kunst aufgeklärt, mit rosaroten Panthern über die graue Realität hinwegzutäuschen: "Dass es zu einer solchen Komplizenschaft der Öffentlichkeit mit den Sorgen des Marketing kommen konnte, ist nicht so selbstverständlich, wie es jener, durch lange Gewöhnung offenbar etwas abgestumpft, scheinen mag. Immerhin muss das menschliche Selbstbewusstsein schwere Verletzungen hinnehmen, wenn es sich auf die Welt der integrierten Kommunikation einläßt. Es muss schlucken, dass es in 'Kaufkraftkarten', 'Sinus-Milieus' und 'Behaviour-Scans' exakt vermessen und vorausberechnet wird. Es muss die planmäßige Aufhebung seiner Willensfreiheit in Kauf nehmen."

Die Geschichte einer ägyptischen Schriftstellerin und Frauenrechtlerin erzählt Wolfgang Köhler: "Nawal al Saadawi soll sich, so die Forderung eines islamistisch orientierten Rechtsanwalts, von ihrem Ehemann Scharif Schihata, ebenfalls Schriftsteller, scheiden lassen. Denn, so hat der Anwalt, Nabih Wahsch, in seiner Klage zur Begründung angeführt, mit ihren Äußerungen in einem Interview über die heidnischen Ursprünge der muslimischen Pilgerfahrt ? 'Hadscha' - zu den geheiligten Stätten in Mekka und Medina habe sie sich außerhalb der Gemeinschaft der Gläubigen gestellt und könne folglich nicht länger mit einem Muslim verheiratet sein. Der Kläger will die Frau gerichtlich zu einer vom Islam Abgefallenen erklären lassen und auf diese Weise ihre Scheidung erzwingen."

Weitere Artikel: Stephan Sahm stellt "Fragen, die sich der Ethikrat gefallen lassen muss". Joseph Croitoru erzählt, wie die israelische Öffentlichkeit über das Massaker von Jedwabne diskutiert. Peter Lampe, Ordinarius für neutestamentliche Theologie in Heidelberg, erklärt die Bedeutung der jüngst in Mainz freigelegten Anlagen eines Isis-Kybele-Tempels. Wilfried Wiegand hält seine Eindrücke über Filme von Oliveira und der Brüder Coen in Cannes fest. Siegfried Stadler resümiert ein PEN-Treffen in Erfurt.

Im Medienforum schildert Michael Hanfeld den Fall des Fernsehfilms "Todesstrafe ? ein Deutscher hinter Gittern", mit dem RTL die Geschichte eines Deutschen im amerikanischen Gefängnis aufnimmt ? gegen ihn ist nun eine Plagiatsklage durch einen öffentlich-rechtlichen Journalisten anhängig, der über ein ähnliches Thema recherchierte. Jörg Thomann versucht einen Überblick über die Gerüchte um die Berliner Zeitung zu geben. Alles wird dementiert: Nein, der Chefredakteur soll nicht geschasst werden, und Bertelsmann will die Zeitung nicht an die WAZ-Gruppe verkaufen. Außerdem erzählt Joseph Croitoru, wie Israelis und Palästinenser auch das Internet als Schlachtfeld entdecken, und Joseph Hanimann resümiert die französischen Diskussionen um ihre "Big Brother"-Show (die in Fankreich "Loft Story" heißt).

Besprochen werden die Uraufführung der jüngsten Klavieretüden von György Ligeti durch Pierre-Laurent Aimard in Wien, Jürgen Goschs "Hamlet"-Inszenierung in Düsseldorf, die Potsdamer Ausstellung "Minervas Mythos", die "fordernd um das gesprengte Stadtschloss von Potsdam klagt", eine Ausstellung des Malers Alfons Walde im Minoritenkloster Tulln, ein Auftritt Ringsgwandels in Frankfurt, Konzerte der Philharmoniker und des Deutschen Symphonie-Orchesters in Berlin, das Theaterfestival "Future 2001" in Kassel, die Deutschlandtournee des Alban-Berg-Qartetts, der Film "Der Fall Gomez" und Urs Widmers neues Stück "Bankgeheimnisse" in Zürich.