Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.04.2001.

NZZ, 05.04.2001

Erika von Wietersheim schildert die neueste südafrikanische Musikmode: Kwaito. "Ein neues Genre war entstanden, das südafrikanische Township-Rhythmen und einheimische Sprachen wie Sotho, Zulu und Afrikaans mit importierter elektronischer Musik verschmolz. Geheimtipps wie Arthur Mafokate, TKZee und Boom Shaka wurden über Nacht zu Aushängeschildern für ein neues Lebensgefühl, zu dem neben Kleidung und Sprache auch die entsprechend lässige Gangart gehört. Anstatt von Politik und Zukunft singt man von Fussball, Sex und Porno, von schicker Kleidung und gefärbten Haaren, von Geld und Gewalt. Kwaito ist eine Post-Befreiungsmusik, in der Freiheit kein Thema mehr ist."

Sonst dominieren die Buchbesprechungen, ausführlich etwa zu Martin Meyers Gesprächen mit Alfred Brendel (ist Meyer nicht der Chef des NZZ-Feuilletons? Sollte man das in so einer Rezension nicht dazusagen? Oder handelt es sich um einen anderen Meyer?) Besprochen wird auch Hansjörg Schneiders Kriminalroman "Tod einer Ärztin" (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

Weitere Artikel handeln von der Renaissance-Ausstellung im Madrider Museo Thyssen Bornemisza und vom Rücktritt Toni Stooss' als Leiter des Kunstmuseums Bern.

SZ, 05.04.2001

Gleich zwei Artikel wenden sich gegen den Plan des Bundesforschungsministeriums, die geisteswissenschaftlichen Auslandsinstitute, die bisher unterschiedliche Rechtsformen haben, in einer Stiftung zusammenzufassen. "Derlei verheißt Vereinfachung, Steigerung der Effizienz, Transparenz, Synergie, und was dergleichen Passepartoutbegriffe mehr sind, die das Vokabular von allerhand Nasskämmern durchseuchen, die als als Unternehmensberater firmieren." Johannes Willms scheint nicht dran zu glauben!

Näher erklärt wird die Pikanterie des Plans der Bundesforschungsministerin in einem Artikel des Historikers Wolfgang Schieder. Wir resümieren: Vor zwei Jahren hat der maßgebliche Wissenschaftsrat ein ausgezeichnetes Gutachten über die Institute ausgestellt und festgehalten, dass sich die unterschiedlichen Rechtsformen bewährten. Autor war der Historiker Winfried Schulze. Nun fordert Winfried Schulze die Stiftung. Und wer ist der Kandidat der Ministerin für den Präsidentenposten der Stiftung? Winfried Schulze. Schieder schreibt: "Zu dem autoritären Stiftungsentwurf passt, dass der Präsident eine Geschäftstelle erhalten soll, für die nicht weniger als zehn Mitarbeiter vorgesehen sein sollen." Ist doch genial: So schafft man Synergien und Arbeitsplätze, vor allem natürlich für sich selbst!

Die Berliner Philharmoniker sind auch in eine Stiftung verwandelt worden, und Wolfgang Wagner sprach darüber mit dem Orchestervorstand Peter Riegelbauer, der den Sinn der Sache erklärt: Haupterwerb als Öffentliches Orchester und Nebenerwerb etwa für Plattenaufnahmen werden nun nicht mehr getrennt: "Die Gestaltung der Konzerte und die Medienverwertung werden künftig von der Stiftung ungeteilt wahrgenommen, die Medientätigkeit wird zum Bestandteil des Ganzen." Na, das lohnt sich sicher für beide Seiten.

Weitere Artikel: Michael Althen interviewt Steven Soderbergh. Hans Schifferle hat sich die Grazer "Diagonale", ein Festival des österreichischen Films zu Gemüte geführt. Besprochen werden der Film "Das Glücksprinzip" mit Kevin Spacey, Stephane Braunschweigs Inszenierung von Oliver Pys Stück "L'exaltation du labyrinthe" in Straßburg, die Darmstädter Gespräche über das 21. Jahrhundert und eine Dokumentation über die letzten 25 Jahre an den Münchner Kammerspielen (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 05.04.2001

Rudolf Walther setzt sich (etwas spät!) mit Regis Debrays in Frankreich umstrittenen Abgesang auf die Intellektuellen "I.F. ? suite et fin" auseinander. "Debray beschreibt die Geschäftsgrundlage des Betriebs als 'Mittäter' und Insider. Er attestiert den marktkonformen Medienintellektuellen Autismus, weil sich der 'endgültige Intellektuelle' durch sein Milieu begreift, das sich wiederum durch sein Medium definiert. Er diagnostiziert eine 'systemische Zirkularität' zwischen Medieninteresse und Journalisten-Ich. Sympathisch an Debrays Kritik ist, dass er sich selbst davon nicht ausnimmt." Das wäre allerdings auch allzu lächerlich gewesen.

Der italienische Journalist Paolo Rumiz beginnt heute mit einem dreiteiligen Reisebericht über eine Fahrradreise mit seinem Sohn "nach Mitteleuropa": "Wie Schmuggler verschwinden wir im Morgengrauen. Es riecht nach Wald. Die Stadtluft scheint um diese Zeit genauso rein wie die Luft im Wald. Ein letzter Zweifel: Soll ich das Handy mitnehmen oder nicht? Dann gebe ich mir aber einen Ruck: Reisen wir denn als normale Menschen, als Vater und Sohn oder als irgendwelche Handelsvertreter? Also lassen wir den höllischen Blödsinn zu Hause."

Weitere Artikel: Rolf Lauter schreibt zum Tod des Malers Otto Greis. Andreas Krause berichtet von einer Zeithistoriker-Tagung in Potsdam. Besprochen werden eine Ausstellung des Sammlers und Fotografen Hans-Peter Feldmann im Museum Folkwang, der Dokumentarfilm "Escape to Life" über Klaus und Erika Mann, eine Manga-Ausstellung in München und eine "Möwe" in Kassel.
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TAZ, 05.04.2001

Elisabeth Bronfen, die für ihre gender studies bekannte Kulturwissenschafltlerin höchstselbst, bespricht Soderberghs "Traffic" und entwickelt dabei eine interessante Phänomenologie der us-mexikanischen Grenze: "Diese Grenze ist ein geografischer und imaginärer Schnitt, den die amerikanische Ideologie benötigt, um sich von einem bedrohlichen anderen Ort - an den Verbrecher flüchten, von dem aus aber auch tödlicher Stoff in die Vereinigten Staaten eingeführt wird - klar abzusetzen. Dass Steven Soderbergh in 'Traffic' an diese Grenze zurückkehrt, ist sicherlich zum Teil eine Hommage an Welles. Auch er wählt die Vogelperspektive, um uns die Grenze, die heute zwischen San Ysidro und Tijuana verläuft, zu zeigen: Eine 28-spurige Autobahn, eine Verkehrssituation, die so komplex und unüberschaubar ist, dass die Wachen auf der mexikanischen Seite die Autos mit Ferngläsern kontrollieren."

Heide Oestreich war dabei, wie sich Julian Nida-Rümelin in der Berliner Katholischen Akademie gegen seinen Ruf als "Emryonenverwerfer" (so steht das da) verteidigte: "Dem philosophierenden Politiker geht es tatsächlich um die theoretische Stringenz: Die juristischen Konstruktionen um die embryonale Würde findet Nida-Rümelin 'merkwürdig'. Spreche man dem Embryo Menschenwürde zu, so könne man Abtreibungen nicht rechtfertigen. Tatsächlich überfrachte die deutsche Ethikdiskussion so den klassischen kantischen Begriff der Menschenwürde, indem sie sämtliche moralische Pflichten unter ihn zu subsumieren suche."

Besprochen werden der Dokumentarfilm "Escape To Life" über Erika und Klaus Mann, die Jürgen-Klauke-Retrospektive in der Bonner Kunst- und Ausstellungshalle und Willi Winklers Biografie über Bob Dylan (siehe unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Auf der Internetseite präsentiert Ralph Lengler eine längere Recherche über die von Bertelsmann, Time Warner und EMI geplante Gründung der Musikplattform MusicNet. Auch Vivendi-Universal und Sony, die beiden anderen Giganten der Branche, werden sich der Allianz anschließen, meint Lengler: "Denn inzwischen ist bekannt geworden, dass auch Verhandlungen zwischen Vivendi und Bertelsmann über eine gegenseitige Lizenzierung ihres Angebots schon weit fortgeschritten sind. Dies könnte bedeuten, dass zum Starttermin des neuen MusicNet 85 Prozent aller zurzeit gehandelten Musiktitel über diese neue Plattform verfügbar sein könnten."

Schließlich Tom. (Weitere Karikaturen und Cartoons finden Sie ab zehn Uhr hier.)

FAZ, 05.04.2001

Das französische Parlament hat vor ein paar Monaten den türkischen Völkermord an den Armeniern in einem Gesetz als solchen anerkannt. Der grüne Bundestagsaborgeordnete Cem Özdemir warnt seine deutschen Kollegen, dasselbe zu tun. "Geht es darum, der Türkei dazu zu verhelfen, daß sie sich mit der eigenen Vergangenheit ehrlich beschäftigt und ihre Geschichte endlich aufarbeitet? Für dieses - lohnende! - Ziel wäre es schlicht und einfach ein großer Fehler, wenn der Bundestag einen entsprechenden Beschluß fassen würde. Die unter anderem vom Bochumer Genozidforscher Mihran Dabag geforderte Resolution wäre eine höchst willkommene Schützenhilfe für die Hardliner in der Türkei; den Preis müßten - wie dies bereits heute geschieht - die noch in der Türkei verbliebenen Armenier und die Anhänger einer Öffnung in Richtung Europa zahlen." Wenig später schreibt Özdemir allerdings: Es scheint, als hätten in derTürkei diese Kräfte schon die Oberhand gewonnen."

Richard Kämmerlings stellt auf der Bücher-und-Themen-Seite eine der besten Linklisten zur deutschen und internationalen Literatur vor. Sie ist vom Internetbuchhändler Libri.de auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt worden. "Das Herzstück des Katalogs sind natürlich neben dem gut erschlossenen Reich der Netzliteratur die etwa 2700 Links zu Autoren, den Betreibern zufolge diejenige Rubrik sind, die am schnellsten weiter ausgebaut werden soll. Hier liegt für den Online-Buchhandel sicherlich auch das lukrativste Feld. Vorerst sticht dabei noch eine gewisse Beliebigkeit und Zufälligkeit - vor allem beim sehr mageren Angebot an ausländischen Schriftstellern - ins Auge. Verwiesen wird hier, neben richtigen Homepages, auch auf einzelne online zugängliche Rezensionen und Werke sowie auf biographische Informationen. Entdeckungen lassen sich sehr viele machen: Wer hätte gedacht, daß es eine umfangreiche amerikanische Seite über Christoph Hein gibt?" Wir greifen die Anregung auf und sehen uns das Verzeichnis in unserem Link des Tages an.

Weitere Artikel: Christian Geyer kommentiert Julian Nida-Rümelin Satz "Ich glaube nicht, dass die Gesellschaft wirklich reif ist für grundlegende Entscheidungen im Umgang mit den neuen Biotechnologien" (Hier stehen wir nach Geyer "vor dem erstaunlichen Vorgang, dass ein Regierungsmitglied eine Differenz einräumt zwischen dem, was 'die Gesellschaft' will, und dem, was die Politik plant"). Markus Wehner schildert in einem allzu kurzen Artikel die Besetzung des unabhängigen russischen Senders NTW, der von der Staatsfirma Gazprom übernommen werden soll. Andreas Platthaus erläutert den Begriff des Sozialkapitals beim Harvard-Politologen Robert Putnam. Die kroatische Autorin Marica Bodrozic legt die kleine Erzählung "Tito ist tot" vor. Christa Lichtenstern schreibt zum Tod des Malers Otto Greis. Rüdiger Klein stellt ein Fabrikgebäude des Architekten Peter Heilmaier in der Nähe von Pfaffenhofen vor. Auf der Bücher-und-Themen-Seite schreibt Henning Ritter über Bücher, die sich mit dem Phänomen des Bildersturms auseinandersetzen. Und Heinrich Wefing schreibt zum Streit um den Neubau der "Topographie des Terrors": "Schluss mit der Debatte! Einigt Euch gefälligst! Und baut endlich weiter! Baut Zumthor!"

Außerdem ist auf einen kurzen Zwischenruf des Politologen Wilhelm Hennis hinzuweisen, der den skandalösen Umgang der Bonner Staatsanwalt mit der Akte Kohl geißelt.

Besprochen werden eine Ausstellung von Olaf Nicolai im Zürcher Museum für Gegenwartskunst, der Film "Das Glücksprinzip", eine Talmud-Ausstellung im Schocken-Institut in Jerusalem, eine "Cinderalla"-Choreografie von Youri Vamos in Düsseldorf, die Ausstellung über den italienischen Futurismus im Sprengel Museum Hannover und Urs Dietrichs Tanzspektakel "Passionen Passagen" in Bremen.

Zeit, 05.04.2001

Merten Worthmann hat Steven Soderbergh interviewt, dessen Film "Traffic" heute in den deutschen Kinos anläuft. Soderbergh erzählt, wie die großen Studios seinerzeit auf das Projekt reagierten: "Man trug mir immer wieder eine Liste von Gründen vor, warum sich das Publikum nicht für den Film interessieren würde: Die Leute wollten keine politischen Filme sehen ? und ganz sicher keinen Film über die Drogenproblematik; der letzte Film über Drogen, der Geld gemacht habe, sei 'French Connection' gewesen, vor dreißig Jahren. Es gäbe zu viele Figuren; es gäbe zu wenig sympathische Figuren; ein Drittel des Films spiele in einem fremden Land... Außerdem wurde am Ende herumgemäkelt: Das sei zu negativ." Heute ist Soderbergh froh, dass sein Film nicht von den Studios finanziert wurde. Er war ein Erfolg beim Publikum, und er hat vier Oscars gewonnen.

Bei Claus Spahn erfährt man, dass Eva Wagner-Pasquier, die designierte Nachfolgerin Wolfgang Wagners in Bayreuth, ein Ultimatum stellt. Spahn hat mit ihrem Rechtsanwalt Peter Raue gesprochen. "'Wir sind von einem Angebot noch meilenweit entfernt', sagt er. Solange sich der Stiftungsrat und Wolfgang Wagner nicht einig seien, könne es auch keine Verhandlungen mit Eva geben. Die gehe im Mai nach Aix-en-Provence, um das dortige Opernfestival vorzubereiten. 'Gibt es bis dahin keine Klärung, wird sie als Nachfolgekandidatin nicht mehr zur Verfügung stehen.'"

Der Philosoph Christoph Menke hat endlich die Erklärung für Fremdenfeindlichkeit und Rassismus gefunden. "Liberale Demokratien (und Theorien) haben zumeist... kein angemessenes Bewusstsein von dem 'Stellenwert der Kultur' in ihnen. Denn sie übersehen, dass die Prinzipien liberaler Gleichheit immer nur im Licht bestimmter kultureller Sicht- und Wertungsweisen angewandt werden können. Die liberale Kunst der Unterscheidung... wird da zu ihrer Ideologie, wo sie mit der Behauptung einer strikten Trennung von Politischem und Kulturellem einhergeht. Die politischen Prinzipien der Gleichheit aller gibt es nur so, dass sie interpretiert werden... Diese Interpretationen der politischen Gleichheit aber haben ihren Grund in kulturellen Sicht- und Wertungsweisen." Jetzt müssen wir das nur noch verstehen.

Der Basler Intendant Michael Schindhelm antwortet auf den Artikel Gerhard Jörders über die Publikumskrise, der in der Zeit vor zwei Wochen erschien. Auch Schindhelm hat eine Erklärung gefunden. Schuld ist der "Musicalschrott": "Vielerorts dank staatlicher Subventionen, die man den eigenen Theatern vorenthielt."

Weitere Artikel: Jacqueline Henard berichtet über die Schließung des Goethe-Instituts in Lille und andere Niederungen der auswärtigen Kulturpolitik. Petra Kipphoff meldet in der Leitkolumne, dass Franz Marcs berühmtestes Gemälde, der "Turm der blauen Pferde", der 1948 verschollen ist, jetzt möglicherweise von den Erben des damaligen Kunstdiebs ? gegen Gebühr ? an die Berliner Nationalgalerie zurückgegeben wird. Besprochen werden Frank Castorfs Inszenierung von "Berlin-Alexanderplatz" und "Dantons Tod" in der Inszenierung von Thomas Ostermeier an der Berliner Schaubühne, eine Ausstellung von Olaf Nicolai im Zürcher Museum für Gegenwartskunst und eine Renaissance-Ausstellung im Madrider Museo Thyssen Bornemisza.

Aufmacher des Literaturteils ist Iris Radischs Besprechung von W.G. Sebalds Roman "Austerlitz" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).