Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.04.2001.

NZZ, 06.04.2001

Naomi Bubis befasst sich mit Reaktionen auf Norman Finkelstein in Israel und stellt fest: "Während 'Die Holocaust-Industrie' in Deutschland zahlreiche Leser fand, Schlammschlachten und Polemiken auslöste, interessieren sich hierzulande nur wenige für das Buch, selbst in akademischen Kreisen." Vielleicht weil es nicht ernst zu nehmen ist?

Weitere Artikel: Thomas Maissen schreibt zum 450. Todestag des Schweizer Humanisten Vadian. Besprochen werden Peter Sellars' Bach-Inszenierung in Luzern, eine Chagall-Ausstellung in Lugano und Anna Huber und Thomas Hauert bei "Luzerntanz".

SZ, 06.04.2001

Ein Auszug aus Aleksandra Jovicevic' Tagebuch aus den Tagen der Verhaftung Milosevic'": "1. April 2001. 'Milosevic ist endlich verhaftet!' Der Aufschrei ist nicht so laut und nicht so hysterisch wie vor 20 Jahren, als die Menschen buchstäblich kreischten, weinend und verwirrt: 'Tito ist tot!' Aber es klingt ähnlich angstvoll. Das ist der Tag, auf den die meisten von uns gewartet haben, und zwar nicht 40 Stunden (so lange dauerte es, ihn zu verhaften), sondern ein Jahr, zwei, fünf, zehn, oder sogar 13 Jahre ? je nachdem, welchem Teil der jugoslawischen Bevölkerung man angehörte: denen, die gleich bei seinem Machtantritt erkannten, welche Bedrohung er darstellte, oder denen, die sich allmählich mit den Folgen seiner Politik konfrontiert sahen."
 
Fritz Göttler wendet sich mit ästhetischen und ethischen Argumenten gegen die Zunahme der Videoüberwachung im öffentlichen Raum: "Sicherheit muss sein, Abschreckung und Kontrolle ? 'Ich glaube an das Gute im Menschen', lautet eine der Formeln, 'aber sie müssen lernen, die Parkordnung einzuhalten' ?, aber zuviel davon demoliert die individuelle Freiheit."
 
Ernst Augustin feiert die Ankunft der Salsa, der musikalischen Pfeffersoße, in München: "Nun stelle man sich einen Münchner Halbwinter vor, graue Temperaturen, nasse Straßen, trübe Gedanken, so dass man eigentlich verreisen müsste. Man geht lustlosen Schrittes die Rosenheimer Straße hinunter ? die ja wirklich lustlos ist ? und denkt, dass eine Besiedelung nördlich der Alpen niemals hätte freigegeben werden dürfen, und plötzlich wie durch Zauberschlag steht da 'El Palacio de la Salsa'! Wo? In der Rosenheimer Straße. Madre de Dios."

Sensation! Holger Liebs hat Madonnas von MTV unterdrücktes neues Gewaltvideo gesehen, und das geht so: " Ein 'nihilistic pissed-off chick' (Madonna), von der Künstlerin selbst gespielt, holt ihre offenbar debile Mutter mit dem Wagen ab. Gemeinsam fahren sie durch die Stadt, Madonna erledigt ein paar Männer mit dem Elektroschocker oder durch besonders rüde Fahrweise, und am Ende des Amoklaufs faltet sich ihr Bolide, mit Vollgas gesteuert, um einen Mast."
 
Weitere Artikel: Reinhard J. Bremberg schildert Petar Sellars' Rückkehr zum Glauben, den er in der in der Inszenierung von Bachkantaten manifestiert. Schristiane Schlötzer meldet den Freispruch des kurdischen Schriftstellers Mehmet Uzun vor einem türkischen Gericht. Stefan Keim schildert die Leiden der Bonner Kultur unter den Kürzungen der Bundessubventionen. Jürgen Berger erzählt, dass Jens-Daniel Herzog am Mannheimer Theater unter Druck gerät.

Besprochen werden eine Ausstellung des Fotografen C.H. Meyer in Gelsenkirchen und eine Ausstellung über den Architekten Heinz Tesar in Hamburg.

FR, 06.04.2001

Der Historiker Hans Mommsen bespricht das bisher nur in englisch erschienene Buch "Backing Hitler" von Robert Gellately, das die These einer aktiven Unterstützung des Nazi-Terrors durch die Bevölkerung untermauern will. Ein Verriss: "Dass es an aktiver Kollaboration mit dem Regime nicht gefehlt hat, belegt Gellately an eindrucksvollen Einzelbeispielen, aber er unterlässt es, diese auf ihre Repräsentativität hin zu untersuchen. Er führt die von ihm postulierte Akzeptanz des Regimes im wesentlichen auf die ideologische Vorprägung der Bevölkerung und dessen effiziente Selbstdarstellung zurückführt, während er dem Terror eine marginale Funktion zuschreibt. Eine differenzierte Analyse der Einstellung der Bevölkerung zu einzelnen Politikfeldern findet nicht statt."

Weitere Artikel: Ulrike Brinker porträtiert den Kaliningrader Awenir Owsjanow, der als "Gebietsbeauftragter für die Suche nach kulturellen Gütern" seit 30 Jahren nach dem Bernsteinzimmer sucht. Marietta Piekenbrock versucht sich auszumalen, was mit Elisabeth Schweeger auf das Frankfurter Schauspiel zukommt.

Besprochen werden Claire Denis' Film "Beau travail" (mehr zum Film hier), die Ausstellung "Translated Acts" im Berliner Haus der Kulturen der Welt und Ibsens "Nora" in Bonn.
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TAZ, 06.04.2001

Arno Frank bespricht das neue "großartige" Album von Nick Cave. Lauter Liebeslieder offensichtlich: "Wenn er vom Paradiesgarten singt, den er mit seiner Liebsten betreten wird, dann tut er dies mit einer Stimme, als wollte er sie darin erschlagen. Und wenn er weint, dann dergestalt, dass es 'zwanzig große Eimer braucht, die Tränen aufzufangen, zwanzig hübsche Mädchen, sie hinabzutragen - und zwanzig große Löcher, um sie darin zu vergraben'." Aber wo treibt man zwanzig hübsche Mädchen auf, wenn einem gerade zum Weinen ist?

Daniel Bax hat die neue Platte der schwerdeutschen Band Rammstein gehört und konstatiert: "Rammstein und CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer haben vielleicht gemein, etwas salonfähig gemacht zu haben, was zuvor exklusiv dem rechten Rand zugerechnet wurde. Dass man heute Leni-Riefenstahl-Bildbände und -Kalender in jedem Kaufhaus erstehen kann, geht auch auf das Konto der Band. Allerdings haben Rammstein, und das unterscheidet sie von Laurenz Meyer, die Formen von der Gesinnung entkoppelt und damit signalisiert: Alles nur Theaterdonner." Bei Meyer doch auch!

Weitere Artikel: Barbara Dribbusch war dabei, wie Viviane Forrester in Berlin gegen die Globalisierung predigte. Andreas Becker bespricht den Film "Solas". Kathrin Hartmann hat eine Compilation zum 100-Platten-Jubiläum des Hamburger Labels Ladomat gehört.

Und schließlich Tom.

FAZ, 06.04.2001

Ein richtiger Dichter war in Hamburg, einer, der nur selten kommt: Jan Fosse, Autor von "Melancholie". Jan Fosse? Nein, Jon Fosse, aber wir schwören: In der FAZ steht Jan Fosse. Ein Fehler der Korrektur? Wie auch immer: Gehörig gefeiert wird das Ereignis von Eberhard Rathgeb. "Jon Fosse haust weit weg von den Städten der Aufgeregten, dort, wo der Regen noch ein Regen ist, der nicht nur nass macht, sondern die Menschenseele bis auf ihren melancholischen Kern reinwäscht. Er wohnt in Bergen auf der Eisscholle des Künstlers. Er futtert die Astronautennahrung der Heimatlosen, die klein geheideggerten Existenzialien. Seine Rede macht nicht viele Worte. Jon Fosse liest ein Wort und noch eines, und daraus wird ein Satz und noch einer. Man versteht kein Wort, wenn man nicht Norwegisch kann. Man versteht alles, weil Fosse säuselt, summt, singt, wenn er laut liest. Er verrenkt seine Beine leicht, erst das eine, dann das andere, wie Joe Cocker das mit seinen Armen und Händen macht. Jon Fosse begann seine künstlerische Karriere mit dem Griff in die Gitarre." Den Jan haben wir stillschweigend verbessert.
 
Florian Rötzer schildert den "Mozart-Effekt": "Schon vor acht Jahren stellten die Wissenschaftler Frances Rauscher und Gordon Shaw fest, dass Musikhören, in dem Fall Mozarts Sonate für vier Hände in D-Dur (KV 448), vorübergehend zu einer Verbesserung des räumlichen Denkens führt. Dieser 'Mozart-Effekt' blieb freilich umstritten. In der aktuellen Ausgabe des 'Journal of the Royal Society of Medicine' ruft jetzt John Jenkins noch einmal zu weiteren Experimenten über die Frage auf, ob und, falls ja, welche Musik den 'Mozart-Effekt' bewirken könne. Shaw und Rauscher haben ihre Arbeit in der Zwischenzeit fortgesetzt und wollen gezeigt haben, dass Klavier- und Gesangsunterricht das abstrakt-logische Denken schon bei Kleinkindern fördern." Dem Mozart-Effekt widmen wir unseren Link des Tages.

Weitere Artikel: Jens Petersen kommt im ausführlichen Aufmacherartikel auf rätselhafte Episoden im Italien der siebziger und achtziger Jahre zu sprechen, Bombenterror von rechts, Bombenterror von links, Angst vor kommunistischer Machtübernahme und Staatstreichversuche von antifaschistischen Monarchisten. Stephan Kuss erzählt, wie es Elisabeth Noelle-Naumann schaffte, an der Konstanzer Uni einen Lehrstuhl für Demoskopie zu stiften, ohne eigenes Geld auszugeben. Arnulf Baring zeichnet Leitkulturdebatten in deutschen Zeitschriften nach. Sandra Kerschbaumer berichtet über die Gründung einer Novalis-Stiftung in Oberwiestedt. Thomas Müthing porträtiert den Hongkonger Filmregisseur Johnnie To. Hans-Peter Riese meldet, dass nun auch die National Gallery in Washington eine Skulptur von Serra besitzt. Und Patrick Bahners gratuliert Hans W. Geissendörfer zum Sechzigsten.
 
Besprochen werden Stephane Braunschweigs Inszenierung von Olvier Pys "L'exaltation du labyrinthe" in Straßburg, Studentenplakate "gegen rechts", Joachim Schlömers letztes Basler Tanzstück "Senza Fine", ein Chansonabend von Nina Hoss am Berliner Ensemble, eine Ausstellung des Fotografen Leon Levinstein in Aachen und eine "Incoronazione di Poppea" in Amsterdam. Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht's um Gesamtaufnahmen von Haydn-Streichquartetten und CDs des "Rockpoeten" Richard Thompson.