Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
14.07.2003. Ungerecht, unklug und unamerikanisch findet der Economist die Behandlung der afghanischen Kriegsgefangenen. Im Nouvel Obs spricht Lucie Aubrac über den von Nazis ermordeten Philosophen Jean Cavailles. In der London Review of Books vergleicht John Lancaster Tony Blairs "Ich bin gut" mit Margaret Thatchers "Ich habe Recht". Die New York Times Book Review stellt das Buch eines Rolling Stone-Autors über die Militärakademie West Point vor. Im Spiegel sagt Peter Zadek, es gibt Schlimmeres als die Nazis, zum Beispiel die Amerikaner.

Economist (UK), 11.07.2003

Der Terrorismus muss bekämpft werden, davon ist auch der Economist überzeugt. Er warnt jedoch davor, in wahnhafte Ungerechtigkeit abzurutschen, wie es Amerika derzeit mit den Kriegsgefangenen aus Afghanistan tut: "DU wirst in Afghanistan gefangengenommen, gefesselt und geknebelt, auf die andere Seite der Welt geflogen und dann monatelang in Einzelhaft gefangengehalten, die allein von Verhören unterbrochen, in denen du keinen rechtlichen Beistand hast. Letztendlich wird dir erklärt, was dein Schicksal sein wird: ein Prozess vor dem Militärgericht. Dein Anwalt wird auch ein Militäroffizier sein, und alles, was du ihm sagst, kann aufgenommen werden. Dein Prozess könnte heimlich abgehalten werden. Dir könnten nicht alle gegen dich vorliegenden Beweise genannt werden. Du könntest zum Tode verurteilt werden. Wenn du verurteilt wirst, kannst du Einspruch einlegen, aber nur vor einem anderen Militärgericht. Dein letztes Einspruchsrecht geht nicht an einen Richter, sondern an Politiker, die schon jeden in dem Gefängnis, in dem du bist, 'Mörder' und 'Abschaum des Abschaums' genannt haben. Selbst wenn du freigesprochen wirst, oder wenn deinem Einspruch gegen das Urteil stattgegeben wird, könnte es sein, dass du nicht frei bist. Stattdessen könnte es sein, dass du zurück in deine Zelle geführt wirst und dort auf unbestimmte Zeit als 'feindlicher Kombattant' festgehalten wirst. Traurig - aber das ist Amerikas jüngste Innovation gegen Terrorismus: Rechtsprechung per Militärkommission."

Weitere Artikel: Sechs ehemalige Spitzenmänner der amerikanischen Geheimdienste begrüßen die Gründung des TTIC (Terrorist Threat Integration Centre), fordern aber gemeinsam eine Verbesserung der Organisation und der Zusammenarbeit der Geheimdienste. Zugleich warnen sie davor "bessere Informationen" mit "mehr Informationen" zu verwechseln.

Neues aus dem Konflikt zwischen der BBC und der britischen Regierung: Das Parlamentskomitee für Auswärtige Fragen hat nun seinen Bericht vorgelegt. Darin wird der britischen Regierung erwartungsgemäß beschieden, sie habe, entgegen einem Bericht der BBC, die Geheimdienstinformationen nicht "aufgepeppt". Allerdings, so der Economist, fragt der Bericht sachte an, ob die Regierung nicht mittlerweile ihre Meinung über die Qualität der Informationen geändert habe.

Außerdem erfahren wir, dass George Bushs Außenpolitik ihn langsam Stimmen kostet, welche Herausforderungen Japan erwarten, warum es zu Spannungen im Kreml kommt, obwohl die russischen Präsidentschaftswahlen als bereits entschieden gelten, dass im Irak ein nationaler Regierungsrat eingesetzt wird, allerdings von den Amerikanern, und ob die jüngste Wirtschaftsgeschichte die Firmen ängstlicher gemacht hat.

Zuletzt hat der Economist gleich drei Bücher über die berühmte und immer noch unbewiesene Riemannsche Vermutung (mehr hier und hier) gelesen: Karl Sabbaghs "The Riemann Hypothesis: The Greatest Unsolved Problem in Mathematics", John Derbyshires "Prime Obsession: Bernhard Riemann and the Greatest Unsolved Problem in Mathematics" und Marcus du Sautoys "The Music of the Primes: Searching to Solve the Greatest Mystery in Mathematics".
Archiv: Economist

Spiegel (Deutschland), 14.07.2003

Im Spiegel spricht (jetzt auch online) Peter Zadek über sein neues Buch, Brecht und Amerika: "Ich stimme meinem alten Freund Harold Pinter zu, dessen Antikriegsgedichte 'War' Elisabeth Plessen und ich gerade übersetzt haben - erscheinen übrigens demnächst. Pinter sagt, die Amerikaner seien heute mit den Nazis zu vergleichen. Der Unterschied besteht darin, dass die Nazis vorhatten, Europa zu besiegen; die Amerikaner aber wollen die ganze Welt besiegen." Es kommt noch schlimmer. Auf die Frage, ob auch die kriegerische Beteiligung der Amerikaner im Zweiten Weltkrieg gegen Hitler falsch war, erklärt Zadek: "Auch dieser Krieg hätte nicht stattfinden dürfen. Krieg produziert im Endeffekt nur Katastrophen." Und Zadek hat hier auch eine produziert!

Ralf Hütter erklärt im Interview zum Erscheinen der neuen Kraftwerk-CD: "Maschinen wurden lange als schlimm angesehen. Das war bei uns nie der Fall. Wir arbeiten mit den Maschinen zusammen. Zwischen uns und ihnen herrscht Kameradschaft."

Weiter nur im Print: Es gibt Interviews mit Adidas-Chef Herbert Hainer "über den Machtkampf mit dem Erzrivalen Nike", mit Henning Mankell über notwendige Hilfen für Afrika und mit dem Schah-Sohn Resa Pahlewi über die Studentenunruhen im Iran. Gemeldet wird außerdem noch, dass Bertelsmann sich auf eine Millionenklage wegen Napster vorbereitet. Und dass Leo Kirchs Leben verfilmt werden soll.
Archiv: Spiegel

Nouvel Observateur (Frankreich), 10.07.2003

Im Debattenteil beschreibt der belgische Schriftsteller Francois Weyergans, warum auch in diesem Herbst sein Buch, das bereits seit vier Sommern beharrlich angekündigt wird, nicht erscheinen wird. Was offenbar auch am Eigenleben liegt, das seine zentrale Romanfigur, ein Schriftsteller, entwickelt. Nicht ganz ohne Weyergans' Zutun: "Ich gestatte ihm gelegentlich, das Stück zu verlassen, und dann fällt er für zwei Stunden bei Wine and Bubbles ein, wo er sich mit dem Eigentümer des Ladens eine Flasche 14,5-prozentigen Languedoc teilt statt Xanax, während ich grünen Tee trinke, ein grauenerregendes Aufputschmittel."

In einem Essay fragt sich Peter Schneider (mehr hier), ob sich "die Pazifisten geirrt" hätten, und erklärt, warum die "Einhelligkeit", mit der in Deutschland der Irakkrieg kritisiert wird, für ihn etwas "Beängstigendes" hat. Es sei doch ein "überraschendes Phänomen, dass der Verlauf des Krieges beide Seiten in ihrer Meinung bestärkt hat. Wir hatten Recht, heult das Weiße Haus in Richtung Europa, wir sind diejenigen, die klar gesehen haben; wir hatten den Durchblick, entgegnen Millionen deutsche Pazifisten, die gegen der Krieg waren. Für dieses paradoxe Spektakel kann es nur eine Erklärung geben: Die Wortführer erinnern sich lediglich an diejenigen ihrer Prophezeiungen, die sich durch die Ereignisse anscheinend bewahrheitet haben und vergessen entschlossen jene, die entkräftet wurden."

Eine ausführliche Besprechung stellt eine Geschichte des Reisens vor ("Humeurs vagabondes. De la circulation des hommes et de l?utilite des voyages", Fayard). Außerdem zu lesen ist ein Interview mit der Gründerin der Befreiungsbewegung Liberation, Lucie Aubrac, über den von den Nazis erschossenen Philosophen Jean Cavailles (mehr hier und hier), anlässlich dessen 100. Geburtstag jetzt eine Biografie erschienen ist (Le Felin).

Die erste Folge einer Sommerserie über "große Schätze in kleinen Museen" der französischen Provinz widmet sich zwei Häusern in Bagnols-sur-Ceze und Pont-Saint-Esprit. Vorgestellt werden eine Reihe amerikanischer Publikationen über den Familien-Clan von John Houston, und in einem kleinen Schwerpunkt erinnert der Nouvel Obs an den 10. Todestag des französischen Chansonniers Leo Ferre, zu lesen sind unter anderem ein Porträt, ein Interview Ferres Sohn Mathieu und eine Zusammenstellung von Veröffentlichungen und CDs.
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Stichwörter: Irakkrieg, Peter Schneider

London Review of Books (UK), 10.07.2003

Seitdem die Rechtfertigung des Irak-Krieges in Zweifel gezogen wurde, ist Tony Blair bei den Briten in Ungnade gefallen. So etwas, meint John Lanchester, hätte Margaret Thatcher nicht passieren können: "Ihr psychologisches und politisches Make-up basierte auf der Annahme: "Ich habe Recht." Sie genoss Uneinigkeit und Gegenwehr, und das Gefühl, dass sie sagte, was die Leute nicht hören wollten, von dem sie aber insgeheim wussten, dass es stimmte. Als sie in den Wahnsinn abrutschte, oder wenn nicht Wahnsinn, dann etwas ähnliches, tat sie es mit einer flammensprühenden Rechtschaffenheit, die alles bisher dagewesene an Wattzahl übertraf. Doch Thatcher hat nie behauptet, gut zu sein, sondern Recht zu haben. Blairs politische Persönlichkeit war immer auf der Annahme gegründet: "Ich bin gut." Seine unschuldige (dewy-eyed), leicht linkische Aufrichtigkeit - seine brillante und ausdrucksstarke Personfizierung ernster Ausdruckslosigkeit - war die ganze Zeit über mit seiner Selbstprojektion als "Guter Mann" verbunden."

Weitere Artikel: James Davidson widmet sich dem alten persischen Reich und zwei Büchern dazu, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Josef Wiesehöfers schlankes "Ancient Persia from 550 BC to 650 AD" und Pierre Briants enzyklopädisches "From Cyrus to Alexander: A History of the Persian Empire". Valerie Curtis und Alison Jolly haben in Cindy Engels Buch "Wild Health: How Animals Keep Themselves Well and What We Can Learn from Them" erfahren, wie Tiere sich selbst heilen, und sind der Meinung, dass wir davon eine Menge lernen können, zum Beispiel artenübergreifenden Epidemien wie der Rinderpest zu begegnen. Barry Schwabsky war bei der Bridget-Riley-Retrospektive in der Londoner Tate Gallery - und fand sie intensiv. Und in Short Cuts begeistert sich Thomas Jones für den von Hart Seely zusammengestellten Gedichtband mit Rumsfeld-Sätzen, "Pieces of Intelligence: The Existential Poetry of Donald H. Rumsfeld". Kostprobe:

"Das Rote Meer beginnt und endet
Und dann ist da eine Region
Gleich jenseits des Roten Meers
Und es könnte gut sein
Dass die Leute sich entscheiden, es zu tun
Bevor sie ins Rote Meer gehen
Oder nachdem sie dort sind -
Vielleicht, wahrscheinlich, sicherlich."

Leider nur im Print zu lesen ist, was David Runciman über den Sinn von Referenden denkt.

Literaturnaja Gazeta (Russland), 09.07.2003

In dem Artikel "Was für ein Messias?" warnt Wjatscheslaw Daschitschew die USA vor zu großer Selbstherrlichkeit. Amerika ist von der internationalen Gemeinschaft abhängiger als gemeinhin angenommen: "Stellen Sie sich vor, Russland, China, Indien, Indonesien und Brasilien (?) wenden sich als Reaktion auf die anhaltende amerikanische Hegemonialpolitik vom Dollar als Reservewährung ab. Dies würde unweigerlich zum wirtschaftlichen Zusammenbruch der USA führen und deren Vormachtstellung untergraben. Es ist ja kein Geheimnis, dass Amerikas Macht in entscheidendem Maße (?) von der unkontrollierten Dollaremission abhängt." Aus "politischen und wirtschaftlichen Überlegungen" ist Russland "ohnehin gut beraten, sich Europa zuzuwenden und in naher Zukunft der immer stabiler werdenden Eurozone beizutreten."

Wladimir Poljakow prangert in einem Artikel über die Tagung der Agrarpartei in der Duma "die Misswirtschaft im Agrarwesen und die Kriminalisierung der russischen Lebensmittelindustrie" an. "Warum die russische Intelligenz zu einem derart wichtigen Sachverhalt schweigt", ist ihm unbegreiflich, zumal die tieferen Ursachen hausgemacht zu sein scheinen: "Hohe Getreideexporte führen zu einem Mangel an Futtermitteln, (?) und für jede Tonne Fleisch, die Russland importieren muss, geht ein Arbeitsplatz verloren." Bedrohlich scheint ihm zudem, dass "kaukasische, vor allem tschetschenische Gruppierungen alle einunddreißig Gemüsegroßmärkte unter Kontrolle haben." Poljakow behauptet sogar, "dass einige Duma-Abgeordnete den Wahlkampf 1999 mit Finanzhilfen aus der Lebensmittelindustrie gewonnen haben."

An Flüssignahrung scheint es der russischen Bevölkerung allerdings nicht zu mangeln. In dem Artikel "Wir kriegen schon, was wir wollen!" schildert Eduard Grafow einen kuriosen Sachverhalt: "In Russland werden pro Jahr offiziell 865 Millionen Liter Alkohol hergestellt. Allerdings werden inoffiziell von der Bevölkerung 2.147 Millionen Liter pro Jahr getrunken." (?) "Jetzt wissen Sie, wie viel Alkohol pro Jahr 'inoffiziell' erzeugt und dann auf dem Schwarzmarkt verkauft wird." Schade eigentlich um die entgangenen Steuereinnahmen!

Express (Frankreich), 10.07.2003

"La culture aux ordures" - skandierten die streikenden Intermittents vergangene Woche in Frankreich unaufhörlich. Das Ergebnis: Bernard Faivre d?Arcier annulierte in diesem Jahr zum ersten Mal in der Geschichte des Theaterfestivals das komplette Programm in Avignon. Stephane Lissner, Direktor des Festivals d'Art lyrique d'Aix-en-Provence, sagte vergangenen Montag die ersten Aufführungen ab: Die Vorhänge für "La Traviata" und "Die Entführung aus dem Serail" bleiben unten. Die Streikenden wissen die Medienwirksamkeit der Sommerfestivals zu nutzen, so Thierry Gandillot in seinem Bericht über den Verlauf der Protestaktionen. Deshalb wird wohl in Frankreich das Damokles Schwert noch eine Weile über zahlreichen kulturellen Veranstaltungen schweben. Mehr erfahren Sie hier.

In der Sommerserie über Schönheit unterhält sich Jean-Sebastien Stehli mit der New Yorker Historikerin Penelope Johnson, Autorin eines Buchs über Nonnen im mittelalterlichen Frankreich, über die Schönheitsvorstellungen des Mittelalters. Bunt musste es sein: "Heute stellen wir uns dieses Zeitalter in Grau- oder Pastelltönen. Vor weil die Farben verblasst sind. Aber ursrpünglich waren diese Farben sehr heftig. Im Mittelalter liebten die Leute Primärfarben, die nicht selten nebeneinandergesetzt wurden. Die bedeutendsten Frauen sollen ein kräftiges Blau neben Gelb, Rot oder Grün getragen haben. Auch liebte man Edlesteine, je mehr desto besser. Schönheit war eine Klassenfrage: Nur reiche und hochgeborene Menschen konnten sich gefärbte Stoffe leisten."

Besprochen wird in der Bücherschau "La Petite Chartreuse" von Pierre Peju, ausgezeichnet mit dem Prix du Livre Inter. Die Geschichte erinnert an Almodovars Film "Sprich mit ihr": Ein Buchhändler versucht eine Komapatientin durch Vorlesen ins Leben zurückzuholen. Aber es handle sich nicht um ein kitschiges Melodram, schreibt Olivier Le Naire erleichtert, sondern um eine einfach gehaltene Geschichte, die erklinge wie eine kleine Nachtmusik.

Und: In einer Reihe über Schönheit erklärt in dieser Woche Penelope Johnson, Professorin an der New York University, was Menschen im Mittelalter schön fanden und was es mit "Peepshows" jungfräulicher Hofdamen auf sich hat.
Archiv: Express

Outlook India (Indien), 21.07.2003

Ayodhya, die Tempelbewegung und kein Ende: Mehr als zehn Jahre nach der gewaltsamen Zerstörung der Babri-Moschee durch Hindu-Nationalisten sind die Fronten zwischen den Propagandisten der Errichtung eines Tempels für den Gott Ram und den Repräsentanten der muslimischen Minderheit verhärtet; jüngste Bemühungen um einen Konsens blieben erfolglos. Das ist die eine Sache. Die andere ist der immer weiter klaffende Spalt innerhalb der hindu-nationalistischen Bewegung, die vor allem vom Welthindurat (VHP) und der Regierungspartei BJP vertreten wird. Die populistischen Hardliner werfen dem als moderat geltenden Premierminister Atal Behari Vajpayee Verrat an der Sache und Wahlbetrug vor. Der Hintergrund für den verbalen Schlagabtausch: die Parlamentswahlen im nächsten Jahr. Die Partei braucht Vajpayee, um die Wahlen zu gewinnen. Vajpayee wiederum braucht die hinduistische Basis. Und jede Seite sucht sich die andere gefügig zu machen. Es ist kompliziert. Wie sehr, erklärt Saba Naqvi Bhaumik in der Titelgeschichte.

Vinod Mehta dagegen kann die ganze Sache nicht fassen und fragt sich, was zum Teufel eigentlich passiert: "Sind wir im Indien des Jahres 2003 oder - 1203?" Es geht doch nur um einen Tempel! Und die meisten Inder seien keineswegs so leidenschaftlich an dem Thema interessiert, wie es die Streithähne beider Seiten gerne hätten.

Das andere große Thema, dass die politischen Kommentatoren seit Wochen beschäftigt, ist die Frage der Entsendung von Truppen nach Irak, zur Unterstützung der Amerikaner. Nach einigem Wankelmut auf Seiten der Regierung, weiß V. Sudarshan, kündigt sich jetzt eine Entscheidung dagegen an.

Weitere Artikel: Seema Sirohi stellt Raghuram Rajan vor - den neuen Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds. Vaishna Roy hat Brahmanen K. Seshadri getroffen, "möglicherweise Indiens einziger Priester mit einem schwarzen Gürtel in Karate". Und Manu Joseph berichtet aus einer Off-Off-Bollywood-Parallelwelt: die vorwiegend muslimische Stadt Malegaon, 300 Kilometer von Mumbai entfernt.
Stichwörter: Bollywood, Irak

Times Literary Supplement (UK), 11.07.2003

David Henn feiert Ian Gibsons gelungener Biografie "Cela, el hombre que quiso ganar" des spanischen Literaturnobelpreisträgers Camilo Jose Cela, den Henn als zensierten Zensor des Franco-Regimes beschreibt. Cela hatte sich während des Bürgerkriegs in Francos Armee eingeschrieben und arbeitete später als Zensor, bis er mit seinem "meisterhaften" Roman "La Colmena" selbst in Schwierigkeiten mit dem Ministerium für Öffentliche Erziehung geriet. Zehn Jahre lang haderte das Regime mit ihm, bis die Emigration so vieler Schriftsteller, Künstler und Intellektueller es dazu zwang, den letzten Autor von Rang im Land zu tolerieren.

War Queen Victoria die erste Medienmonarchin, die Königin des Spins? Dies zumindest behauptet der Historiker John Plunkett in seinem Buch "Queen Victoria". Daniel Karlin findet die These zwar ganz hübsch, aber leider völlig abwegig. Zugestehen mag er immerhin, dass Victoria die erste Königin war, die sich fotografieren ließ.

Graham Robb stellt zwei beachtliche Neuerscheinungen zur Tour de France vor: Geoffrey Wheatcrofts lebendige Chronik "Le Tour" sowie die Sammlung "inspirierender, informativer, oft auch lyrischer" Essays von Radsportjournalisten "Golden Stages of the Tour de France". Dabei sei vor allem Wheatcroft die Einsicht zu verdanken, dass Radfahren kein Sport von Masochisten sei, meint Robb. Richard A. Fortey schließlich lobt Rebecca Scotts tatsächlich fesselndes Buch "Darwin and the Barnacle" über die Erforschung der Seepocken.
Stichwörter: Emigration, Radfahrer

New York Times (USA), 13.07.2003

David Lipski, Autor des Musikmagazins Rolling Stone, hat ein wunderbares Buch (erstes Kapitel) über die Militärakademie West Point geschrieben, schwärmt David Brooks, der nebenbei ein bekannter Redakteur des neokonservativen Weekly Standard ist. "Lipsky hat offensichtlich gelernt, West Point zu bewundern, aber das Buch ist keine Weißwäsche oder eine Verkaufsbroschüre. Es beschreibt grundlegend den Wettstreit zwischen zwei Wertesystemen. Da ist einmal das pure "huah"-Wertesystem des Militärs, das Disziplin, Selbstaufopferung, Pflicht, Ehre, Mut und kontrollierte, aber doch primitive Gewalt hochhält. Und dann gibt es das Wertesystem der Gesellschaft im Ganzen (und des Rolling Stone im Besonderen), das Freiheit, Selbstverwirklichung, Spaß und Kommerz liebt." Doch was bitte schön ist "huah"? Ein "Allzweck-Ausdruck. Sie wollen einen Kadetten beschreiben, der sehr gung-ho ist, nennen Sie ihn huah. Sie verstehen eine Anweisung, sagen Sie huah. Sie stimmen dem zu, was ein Kadett gerade gesagt hat, murmeln Sie huah", zitiert Brooks den Autor.

"Je älter Harry wird, desto besser wird Rowling." John Leonard liebt den neuen Harry Potter! "'The Order of Phoenix' beginnt langsam, wird schneller und rast dann - Purzelbäume schlagend - auf sein furioses Ende zu". Das Buch ist in fast jeder Hinsicht "reichhaltig und sättigend. Es löst auch einen authentischen apokalytischen Schauder aus, so alt wie Daniel im Alten Testament oder die Offenbarung im Neuen, oder die Schriftrollen vom Toten Meer und die Gedichte von Blake." (Hier finden Sie noch ein NYT-Dossier zu Harry Potter.)

Besprochen werden weiter Stephen S. Halls Studie über die "Händler der Unsterblichkeit" (erstes Kapitel). Es geht dabei um den neuen Wissenschafts- und Industriezweig der Lebensverlängerungs-Technologie. Katherine Goviers Roman "Creation" über John James Audubons (mehr hier) Expedition entlang der nördlichen Küste des Golfs von St. Lawrence 1833. Und "Trading Up", der neue Roman der "Sex and the City"-Autorin Candace Bushnell. Virginia Heffernan war leicht beschwipst nach der Lektüre: "Bushnell beweist, dass sie immer noch die Philosophen-Königin einer sozialen Szene ist, die nicht von Eitelkeit oder Bewusstsein angetrieben wird, sondern von reiner Perversität. Wenn Bushnells Prosa wie ihr Marken-Drink ist, der fruchtige pinkfarbene Cosmopolitan, schüttet sie immer noch eine Menge Wodka und Orangenlikör hinein."