Heute in den Feuilletons

Einfach nur weiter twittern?

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.01.2014. Die taz erzählt ein weiteres Kapitel über die kulturelle Gleichschaltung in Ungarn. Die FAZ will die Förderung für Dokumentarfilme erhalten wissen. Die SZ kapiert beim besten Willen die Texttafeln im Deutschen Museum nicht. In der SZ erklärt der Historiker Achim Landwehr, warum Akademiker bloggen sollten.Der Tagesspiegel begibt sich nach Umeå, eine der beiden europischen Kulturhauptstadte des Jahres, und staunt über die Modernität der Stadt. Und mit Jerry Lewis sagen wir, was zum frohen neuen Jahr nicht verschwiegen werden darf.

Weitere Medien, 02.01.2014

Neulich auf Arte gesehen - hier sagt Jerry Lewis nochmal, was zum Neuen Jahr nicht verschwiegen werden darf:

Stichwörter: Jerry Lewis

Tagesspiegel, 02.01.2014

Stella Marie Hombach stellt die beiden Kulturhauptstädte Europas 2014 vor: Lettlands Hauptstadt Riga und das nordschwedische Umeå, das "Tor Lapplands" am Bottnischen Meerbusen: "Durch mehrere Brände gingen zahlreiche historische Bauten verloren. Umeås Architektur schaut deshalb nicht zurück, sondern nach vorn. Besonders der Stadtkern setzt auf architektonische Moderne. In vielen Glasfronten spiegeln sich das Blau des Himmels und das Weiß des Schnees. Umeå ist die zweitgrößte und am schnellst wachsende Stadt Schwedens. In den letzten 50 Jahren hat sich die Bevölkerung fast verdreifacht. Heute leben hier knapp 115 000 Einwohner. Auch die Universität bringt einen starken Zuwachs, der Altersdurchschnitt ist niedrig, die Einwohner offen und die Stadt setzt auf die Dynamik und Innovationskraft der jungen Generation."
Stichwörter: Kulturhauptstadt

TAZ, 02.01.2014

Als "Anfang vom Ende der Kunstfreiheit" überschreibt Sonja Vogel ihren Bericht über die liberale Kunsthalle in Budapest, die von der konservativen Akademie der Künste (MMA) übernommen wird. Die derzeit laufende Videokunstausstellung "Entropy of a City" ist ein letztes Statement der Macher, die nach deren Ablauf Ende Februar kündigen werden. "Stück für Stück werden so die Kultureinrichtungen zentralisiert und auf Linie gebracht. Die MMA entsendet nicht nur den Direktor des Hauses, sondern erhält üppige staatliche Gelder, verteilt Subventionen, kurz: Sie ist die finanzielle Schaltstelle einer neuen regierungsnahen Kunstszene. Wer der MMA nicht angehört, wird praktisch ausgegrenzt. In Ungarn haben unabhängige KünstlerInnen wiederholt gegen diesen fundamentalen Umbau der Kulturlandschaft protestiert. Im Rest Europas blieb es indes gespenstisch still."

Daniel Schreiber beschäftigt sich in seiner alkoholfreien Kolumne mit einer Langzeitstudie der Harvard University zu schweren Trinkern, deren Fazit enigermaßen simpel ist: Entweder man wird abstinent oder man stirbt.

Besprochen werden eine große Malewitsch-Ausstellung im Amsterdamer Stedelijk-Museum, Ben Stillers Fantasy-Komödie "Das erstaunliche Leben des Walter Mitty" und die DVD von Abel Ferraras "King of New York" 1990 in einer Uncut-Version des bisher indizierten Films.

Und Tom.
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Zeit, 02.01.2014

Das Feuilleton ist heute ganz Europa gewidmet. Jens Jessen deutet im Aufmacher den Zustand Europas aus dem des Berliner Hauptbahnhofs. Nina Pauer findet schon das Nachdenken über Europa langweilig. Der Historiker Hans-Ulrich Wehler fordert weniger Zentralismus. Der Architekt Rem Koolhaas verbreitet im Interview Europaoptimismus. Zeit-Reporter Reiner Luyken berichtet, wie liebevoll er vor 35 Jahren von den Schotten aufgenommen wurde, heute Ausländer in ganz Britannien wieder eher misstrauisch beäugt werden - und zwar von rechts wie von links: "Community ist zur Obsession geworden". Christine Lemke-Matwey trifft in Wien die Geigerin Patricia Kopatchinskaja, eine gebürtigen Moldawierin mit polnisch-griechisch-jüdischen Wurzeln, die in Wien studiert hat und in Bern lebt: "Europäischer geht es kaum." Die französische Philosophin Julia Kristeva singt im Interview ein Loblied auf den Respekt der Europäer "vor dem Fremden". Der Rechtswissenschaftler Christoph Möllers erklärt im Interview, wie er sich eine Demokratisierung der Europäischen Union vorstellt. Berthold Franke, Europabeauftragter des Goethe-Instituts, erklärt, warum Europa sich zum Vorbild fürs "kleiner werden" entwickeln könnte. Peter Kümmel unterhält sich mit Johan Simons, Intendant der Münchner Kammerspiele, über Europa und das europäische Theater. Geert Mak plädiert für ein neues Gleichgewicht zwischen nationalen und den europäischen Interessen. Wolfgang Ullrich erzählt, wie Europa den Kunstmarkt erfand. Und der Musiker Heinz Rudolf Kunze erklärt im Interview, warum er den Song "Europas Sohn" geschrieben hat.

Welt, 02.01.2014

Tilman Krause führt ein Gespräch mit dem Max-von-Baden-Biografen Lothar Machtan, aus dem hervorgeht, dass das mit Hitler nicht passiert wäre, wenn wir nur die Monarchie erhalten hätten. Manuel Brug lässt die Silvester- und Neujahrskonzerte Revue passieren. Besprochen wird die Neuverfilmung von James Thurbers Kurzgeschichte "Das erstaunliche Leben des Walter Mitty" mit Ben Stiller.

FAZ, 02.01.2014

Bert Rebhandl resümiert das Kinojahr 2013 hinsichtlich des Dokumentarfilms, der schon rein mengenmäßig stark im Kino vertreten war: "Sofern deutsches Fördergeld im Spiel ist, ist ein Kinostart auch obligat, woraus wiederum im Problemfall ein Zirkelschluss werden kann: Dann wird der dichte Terminkalender mit bis zu fünfzehn neuen Spiel- und Dokumentarfilmen pro Woche als Argument gegen eine differenzierte und kleinteilige Förderung genommen. Dabei entspricht einzig diese den Gegebenheiten einer Form, die per se auf Komplexität zielt - und auf eine Wahrnehmung, für die wiederum der exklusive Raum einer Kinoprojektion zumindest als initiierendes Moment unabdingbar ist."

Außerdem: In Rom herrscht großer Ärger über die Glaskuppel, die Benetton auf den Palast der Unione Militare, wo mittlerweile eine H&M-Filiale zu finden ist, hat setzen lassen, berichtet Sabine Frommel: "Heute [sind] die globalen Mode-Magnaten als Bauherrn kaum weniger mächtig sind als einst die Päpste und Kardinäle." Marion Titze porträtiert die Clownin Tina Speidel.

Auf der Medienseite hält Sebastian Dörfler Ausschau nach Anonymous, um die es insbesondere im Zuge der NSA-Affäre auffällig still geworden ist,von einer kleinen Demonstration im November abgesehen. "Als [darüber] kaum ein Medium berichtete, starteten Empörte in den Vereinigten Staaten, Kanada, Australien und England einen 'Marsch gegen die Mainstream-Medien'. Ein Beobachter auf Twitter kommentierte höhnisch: "Was kommt jetzt als Nächstes? An Wahlen teilnehmen? Werbung schalten? Oder einfach nur weiter twittern?'"

Besprochen werden Ben Stillers neue Komödie "Das erstaunliche Leben des Walter Mitty" und Bücher, darunter Jan Süselbecks "Im Angesicht der Grausamkeit" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Aus den Blogs, 02.01.2014

(Via Peter Glaser) sadanduseless.com dokumentiert "Pictures of Hipsters Taking Pictures of Food".
Stichwörter: Peter Glaser

SZ, 02.01.2014

Nur Bahnhof verstand Gerhard Matzig beim Besuch des Deutschen Museums in München, wo es keiner der Texttafeln gelingen wollte, ihm die Mysterien der Rohölverarbeitung verständlich zu machen. "Das Deutsche Museum ist eine Insel des Wissens, ein Hort der Technikgeschichte. ... [Doch] das Museum ist eben auch voll mit Schautafeln und Texten, die man, sollte man nicht zufällig ein Kleber-Extruder sein, nur als Zumutung begreifen kann. Zwischen A wie Agrartechnik, Geodäsie, Offshore-Förderung, Schmelzschweißen bis Z wie Zupfinstrumente gibt es viel Faszinierendes im Deutschen Museum zu sehen - sehr oft steht man leider ratlos davor."

Der Historiker Achim Landwehr, selbst seit kurzem Blogger, perspektiviert Möglichkeiten und Grenzen des akademischen Bloggens. Dass vor allem der wissenschaftliche Nachwuchs bloggt, liegt für ihn auch daran, dass klassische Publikationswege im Print zu stark an Institutionen und Personen gebunden sind. Im Netz gibt es "keine oder kaum Zugangsbeschränkungen. Jeder kann mitmachen - und genau das macht das Bloggen für die etablierten Professoren tendenziell unattraktiv (...) [Doch] sobald sich die Versprechen mit Forschungsgeldern und wachsendem Renommee paaren, könnte eine neue wissenschaftliche Aufmerksamkeitskultur geboren werden, die das Bloggen auch für die Arrivierten und Etablierten attraktiver macht."

Gottfried Knapp verfällt in Karlsruhe dem Zauber des Rokoko-Malers Jean-Honoré Fragonard: "Wer den spezifischen Zauber der Fragonardschen Erfindungen mit Worten beschreiben will, muss sich mit Andeutungen behelfen. Die unelegante Formulierung 'Poesie des Transitorischen' kommt dem Phänomen wohl am nächsten."

Außerdem gratuliert Wolfgang Schreiber dem Dirigent und Komponist Péter Eövös zum 70. Geburtstag. Besprochen werden viele neue Filme, darunter Ramon Zürchers "Das merkwürdige Kätzchen", eine neue Dvorák-Aufnahme mit der Geigerin Anne-Sophie Mutter und Bücher, darunter Jens Rostecks Biografie über Edith Piaf (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).