Heute in den Feuilletons

Die Melodie der Macht

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.01.2014. Die Washington Post erklärt mithilfe von Snowden-Papieren, wie die NSA das Netz in Besitz nehmen will. Die Welt porträtiert den rechtsextremen und postkolonialen Komiker Dieudonné, dem durch ein mögliches Tourneeverbot in Frankreich unverdiente Aufmerksamkeit zuteil wird. Schriftsteller Alberto Nessi erinnert in der NZZ an Stalins Staatsdichter Maxim Gorki, der einst Ossip Mandelstam einen Pullover, aber keine Hosen genehmigte. David Chipperfield und Okwui Enwezor erklären in der SZ, wie sie das Haus der Kunst in München sanieren wollen. Die FAZ eröfffnet eine Reihe zum Ersten Weltkrieg.

Weitere Medien, 03.01.2014

(Via Spiegel Online) Zwei weitere Projekte der NSA stellt die Washington Post mit Hilfe von Snowden-Papieren vor. Das eine heißt "Penetrating Hard Targets", das andere schlicht und vielsagend "Owning the Net". Für beide Projekte will man von der Entwicklung von Quantencomputern profitieren, um jegliche Verschlüsselung knacken zu können: "'The application of quantum technologies to encryption algorithms threatens to dramatically impact the US government's ability to both protect its communications and eavesdrop on the communications of foreign governments,' according to an internal document provided by Snowden."

NZZ, 03.01.2014

Der Schriftsteller Alberto Nessi ist mit seinem Übersetzer-Freund Eugenio Solonovich und dem Schriftsteller Michail Schischkin von Moskau nach Nischni Nowgorod gereist, der Geburtsstadt Maxim Gorkis. Vor dem hölzernen Geburtshaus Gorkis denkt er an den luxuriösen Palast, in dem der von Stalin gehätschelte Dichter später lebte: "In den dreißiger Jahren des 'Wolfshund-Jahrhunderts' hätschelte die Partei die Dichter als Ingenieure der Volksseele. Sie schenkte ihnen Datschen und Geld - unter der Bedingung, dass sie die Melodie der Macht spielten. Aber nicht alle stimmten ein. Eindrücklich, beim Lesen in Nadeschda Mandelstams Erinnerungen zu erfahren, dass das Regime ihrem Mann, dem großen Poeten, ein Paar Hosen verweigerte. So ging das: Der Schriftstellerverband hatte um einen Pullover und um eine Hose für Mandelstam gebeten. Der mächtige Gorki gestand ihm den Pullover zu, doch die Hose strich er mit eigener Hand von der Liste."

Besprochen werden eine Ausstellung zum fünfzigsten Geburtstag der Modeakademie in Antwerpen im MoMu, ein Konzert mit Beethovens Neunter in der Tonhalle Zürich, eine Ausstellung mit Landschaftsbildern von Carlo Carrà aus den Jahren 1921-1964 im Museum Mendrisio und mehrere CDs, darunter eine CD-Box mit den neun Sinfonien Anton Bruckners, aufgenommen von Herbert Blomstedt mit dem Leipziger Gewandhausorchester.

Welt, 03.01.2014

Thomas Hahn zeichnet ein Porträt des rechtsextremen und postkolonialen Komikers Dieudonné, der zwar mit dem Front national kokettiert, seine Fanbasis aber in der Jugend mit Migrationshintergrund hat. Zur Zeit wird ihm durch eine Überreaktion des französischen Innenministers Manuel Valls, der seine Tournee verbieten will, unverdiente Aufmerksamkeit zuteil. Dieudonné ist auch der Erfinder der "Quenelle", einer hämischen Grußgeste mit nach unten ausgetreckter linker Hand, während die Rechte aufs Herz gelegt wird: "Die Mischung aus Stinkefinger, abfälliger Ironie, militärisch-zeremoniellem 'Hand aufs Herz' und nicht zuletzt einer Anspielung auf den Hitlergruß, wenn auch in Umkehrung, stiftet gewollt Verwirrung. Jean-Marie Le Pen und Bruno Gollnisch führten die 'Quenelle' vor Kurzem im EU-Parlament aus."

Weitere Artikel: Tilman Krause sinniert über die Schließung der letzten Tuberkulosekliniken in Davos und Umgebung. Besprochen werden Elisabeth Herrmanns Krimi "Versunkene Gräber" und die Ausstellung "Samoa - Perle des Pazifiks" im Hamburger Völkerkundemuseum. Auf der Forumsseite plädiert Andrea Seibel gegen einen "Instant-Gnadenakt" für Edward Snowden.
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TAZ, 03.01.2014

Andreas Margara berichtet über die überaus kregle Hip-Hop-Szene in Vietnam, die von Touristen und Austauschschülern beflügelt wurde: "Mittlerweile ist Breakdance fest in der vietnamesischen Popkultur verankert. Selbst die KP hat das Potenzial von Hip-Hop und den Einfluss von Big Toe längst für sich entdeckt und gibt sich pragmatisch: Wenn Breakdance schon so populär ist, dann sollen die Headspins wenigstens im Dienste von Onkel Ho und dem gelben Stern gedreht werden. Bei den pompös inszenierten Staatsfeiern sind die Tänzer an vorderster Front im Einsatz."

Norbert Mappes-Niedick gibt einige Denkanstöße dafür, Roma nicht als "anderartiges" Volk zu behandeln, sondern als eine sozial benachteiligte Gruppe zu sprechen: "Minderheitenpolitik aber hilft nicht gegen Armut, sie kann sogar schaden. Wenn die Roma ein Volk sein wollen, liest man neuerdings in den Chaträumen, dann sollen sie ihre Verhältnisse gefälligst untereinander regeln. Niemand käme allerdings auf die Idee, etwa die Hartz-IV-Empfänger eine Vertretung bestimmen und ihre Verhältnisse untereinander regeln zu lassen. Armut gehört bekämpft, nicht respektiert. Armut verlangt nicht nach Autonomie, sondern nach rückstandsloser Integration."

Besprochen wird die Ausstellung "1938. Kunst, Künstler, Politik" im Jüdischen Museum Frankfurt, die sich mit den Langzeitfolgen der Arisierung des Kunstbetriebs beschäftigt.

Und Tom.

Aus den Blogs, 03.01.2014

Nun sollen auch noch die Londoner mit dem Fahrrad fahren: Norman Foster schlägt vor, Fahrrad-Viadukte über Bahnstrecken zu legen, berichtet das Architekturblog Dezeen:



Und Designboom stellt den Künstler Luke Jerram vor, der Viren und Bakterien wie hier E.Coli in großen Glasskulpturen nachbildet (das Foto stammt vom Künstler):


Stichwörter: Fahrräder, Norman Foster

SZ, 03.01.2014

Der Architekt David Chipperfield und Okwui Enwezor erklären Laura Weissmüller wie sie das unter den Nazis errichtete Haus der Kunst in München sanieren wollen. Enwezor gesteht dabei, dass er beim ersten Besuch überrascht war, "wie gut [diese Räume] sich für Kunst eignen. Vorher hatte ich das Klischee von diesem Gebäude im Kopf: Dass es ein faschistisches ist, dass es schrecklich ist und die große Halle zu monumental. Aber dann kommt man hierher (...) und es ist sofort klar, dass es hier darum geht, wie man mit dem Gebäude zusammenarbeitet und nicht dagegen. Gebäude haben keine Subjektivität, man kann ihnen nicht den Prozess machen."

Außerdem: Henning Klüver fasst die in Italien von Maurizio Ferrari losgetretene philosophische Debatte über den "Neuen Realismus", der sich gegen den postmodernen Relativismus positioniert, zusammen. Helmut Mauró besucht den Berliner Komponisten Marc Sinan im kasachischen Hinterland, wo dieser die traditionelle Musik der Bevölkerung sucht und lebendig halten will.

Besprochen werden eine Ausstellung in Hamburg über Wanderarbeiter, die Wiener Aufführung von Manfred Trojahns Vertonung von Pasolinis Gedicht "Die Asche Gramscis" und Bücher, darunter Julian Strubes Studie "Vril" über esoterische Neonazis (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 03.01.2014

Lorenz Jäger kündigt an, dass die FAZ das Gedenkjahr zum Ersten Weltkrieg mit einer Reihe über literarische Dokumente aus den Jahren 1914 bis 1918 begleiten wird. Den Beginn macht Hans Ulrich Gumbrecht mit einem kleinen Text über ein 1918 veröffentlichtes Gedicht von Guillaume Apollinaire. Darin beschreibt der Autor "seine erinnerte Vorstellung von dem seit langem und mit wachsender Intensität erwarteten Krieg in einer gedrängten Folge von Bilderimpulsen, die mit Formen und Farben des Traumas einsetzen".

Swantje Karich freut sich sehr, dass Hamburg mit drei Ausstellungen in der Kunsthalle die Künstlerinnen Eva Hesse und Gego (beide hier) und ihre Zeitgenossen (hier) wiederentdeckt: Es "bricht eine ungewohnt freie Sicht auf die Abstraktion der Sechziger durch, die eben nicht nur für Objektivität und Entpersönlichung steht. Beide Oeuvres fußen auf architektonischen Regeln, Strukturen, Mustern und doch geben Eva Hesse und Gego den Materialien unberechenbarer Raum."

Außerdem: Anne Kohlick beleuchtet ausführlich die Hintergründe im Fall Stephan Templ, ein Restitutionsforscher, der derzeit von Österreich - womöglich aus Rache - auf über 500000 Euro Schadensersatz verklagt wird, weil er im Streit um eine Immobilie angeblich Informationen unterschlagen haben soll (mehr dazu in der NZZ). Evgeny Morozov warnt vor neuen Werbemodellen, die sich abgescannte Körper- und Gefühlsdaten der anvisierten Zielgruppen zunutze machen. Beim Speisen im Innsbrucker "Sitzwohl" beklagt Jürgen Dollase nach einem nussverkrusteten Cordon bleu aus Reh "das Eindringen der Prinzipien einer mittelmäßig-bürgerlichen in die avanciertere Küche."

Auf der Medienseite fasst Stefan Schulz Jacob Appelbaums (@) Vortrag vom Chaos-Computer-Kongress über die weitreichenden Spionagemöglichkeiten der NSA zusammen. Auf Youtube kann man den Vortrag in voller Länge sehen - sehr empfehlenswert:



Besprochen werden neue Musikveröffentlichungen, darunter ausführlicher ein Album von Billie Joe Armstrong und Norah Jones, Andrzej Jakimowskis Film "Imagine" und Bücher, darunter der erste Band von Heinrich Manns gesammelten Essays (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).