Heute in den Feuilletons

Die am wenigsten schreckliche Welt

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.12.2013. Im Spiegel enthüllen Jacob Applebaum und andere Neues über die NSA und ihre Art und Weise, Computer und Iphones anzuzapfen. Währenddessen spotten Netzautoren bei Twitter über ein CBS-Video, in dem ein EX-NSA-Chef Edward Snowden als Verräter bezeichnet - und das sich CBS von Microsoft sponsorn lässt. In der taz fragt Stephan Wackwitz: gibt es eine Coolness des Alterns? Die NZZ erzählt, wie die Kultur nach Perm kam. Die Welt sucht nach einem gemeinsamen Nenner für die Jugendunruhen in der ganzen Welt. Im kolumbianischen Magazin El Espectador traut sich Héctor Abad, ein Intellektueller und zugleich ein Optimist zu sein. Zu den wenigen Gründen, 2013 gute Laune zu haben, zählte unserer Meinung nach Pharell Williams. Guten Rutsch, also!

Spiegel Online, 31.12.2013

Spon stellt die geheime NSA-Abteilung TAO vor, die Spähsoftware für Rechner und Handys herstellt sowie als USB-Sticker getarnte Wanzen: "Dem Spiegel liegt auch ein NSA-interner Katalog vor, in dem Ausrüstung der TAO-Abteilung ANT feilgeboten wird, Preise inklusive. Ein manipuliertes Monitorkabel etwa, das es 'TAO-Personal erlaubt zu sehen, was auf dem anvisierten Monitor angezeigt wird', gibt es demnach für 30 Dollar, eine 'aktive GSM Basisstation', die es erlaubt, sich als Handy-Funkmast auszugeben, um so Mobiltelefone zu überwachen, für 40.000 Dollar. Eine als normaler USB-Stecker getarnte Computerwanze, die unbemerkt über eine Funkverbindung Daten senden und empfangen kann, kostet im Fünfzigerpack über eine Million Dollar." Eine sehr anschauliche Grafik zeigt, was alles geht.

Ein weiterer Artikel beschreibt en detail, wie die NSA jeden beliebigen Rechner knackt.
Stichwörter: Mobiltelefon, NSA

Aus den Blogs, 31.12.2013

Eingefroren, wiedergefunden und rechtefrei: einige hundert Jahre alte Negative einer Expedition in der Antarktis. Mehr dazu bei imaging-resource.com:


Stichwörter: Antarktis

TAZ, 31.12.2013

Die taz bietet eine Reihe sehr schöner Texte zur Emanzipation. Stephan Wackwitz etwa versucht mit Leonard Cohen und Marlene Dietrich vor Augen, Coolness und Weisheit als emanzipative Größe des Alters zu etablieren: "Es liegt vielleicht daran, dass alte Menschen vorsichtiger sind als junge, dass eine Emanzipationsbewegung des Alterns ebenso wenig existiert, wie der Coolnessdiskurs über das Alter ganz unterentwickelt ist. Viele alte Menschen scheinen es für befreiend und cool zu halten, sich nach Kräften zu benehmen wie junge. Aber Hugh Hefner ist so uncool und unfrei wie übermäßig gebräunte Senioren in grellfarbiger, eng anliegender Kleidung im Würgegriff altersuntypischer Freizeitaktivitäten. Dieser blinde Fleck in unserem Nachdenken über Coolness und Emanzipation ist historisch eher neu. An seinem Ursprung hat der Diskurs über persönliche Coolness gerade alten Menschen exklusive Distinktionschancen geboten."

Außerdem fragt die Autorin Nora Bossong, ob Ibsens Nora heute gehen oder bleiben würde, wenn sie eine moderne Akademiker-Alphafrau wäre. Fatma Aydemir interviewt Heba Morayef von Human Rights Watch zur Lage vor allem der Frauen in Ägypten. Micha Brumlik schreibt über die Emanzipation in Großstädten. Ines Kappert freut sich über die neuen Chefinnen in Fernsehserien. Und Jan Feddersen sieht die Hochzeit als emanzipativen Akt bestätigt.

Und neben vielem anderen gibt es auch noch Tom.
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NZZ, 31.12.2013

Bevor Putin die engagierten Lokalpolitiker abservierte, wäre Perm im Ural gern europäische Kulturhauptstadt geworden. Andrea Rehmsmeier erzählt, wie aus der einst geschlossenen Rüstungsstadt ein lebendiges Kulturzentrum wurde: "Tatsächlich führen die Permer Intellektuellen seit langem ein subversives Eigenleben. Schon der Literaturnobelpreisträger Boris Pasternak porträtierte in seinem Roman 'Dr. Schiwago' Perm alias 'Juratin' als entrückten Zufluchtsort für die verfolgte Moskauer Intelligenzia. Zur Zeit des Wettrüstens bestanden die Atomphysiker und Waffeningenieure auf einem hochkarätigen Kulturprogramm, das sie beim Forschen an martialischen Massenvernichtungsarsenalen bei Laune halten sollte. Und nach dem Zerfall des Sowjetreichs überraschten die Permer Bürger ihre eigene Regionalregierung, indem sie lauthals Mitsprache- und Menschenrechte, Umweltschutz und Aufklärung über die Verbrechen der Stalin-Ära forderten."

Samuel Herzog erinnert sich lebhaft an das Fülscher-Kochbuch als geheiligten, allerdings auch ekligsten Gegenstand im Hause seiner Eltern: "Das Ding roch nach ranzigem Fett, nach modrigem Keller, nach zerlebtem Papier, nach vergossenem Schnaps, nach verirrter Hefe, nach verkrustetem Blut. Wer seinen Einband berührte, spürte unmittelbar den Wunsch, sich sofort die Hände zu waschen. Wenn man es öffnete, dann gab es ein Schmatzen von sich, das sogar unseren untadeligen Bloodhound zusammenzucken ließ."

Weiteres: Martin Meyer ordnet seine Gedanken zum Ersten Weltkrieg und stellt fest: Es führten viele Ursache und wenig Logik zu seinem Ausbruch. Schriftsteller-Enkel Stephen James Joyce plädiert für ein Verbleiben der Zürcher James-Joyce-Stiftung im Strauhof. Otto Kallscheuer bespricht Wolf Krötkes Buch "Karl Barth und der 'Kommunismus'".

Welt, 31.12.2013

Ein Aufflammen immer neuer Jugendunruhen im Jahr 2013 - von Brasilien über Istanbul und Stockholm - beobachtete Bodo Mrozek, der allerdings wenig Gemeinsamkeiten entdeckt. Immerhin stehe fest, "dass die Proteste dieses Jahres die lokalen Topografien verändert haben. Der Taksim-Platz in Istanbul, der Maidan in Kiew, die Ratchadamnoen Avenue in Bangkok oder die schwedische Trabantenstadt Husby: Sie alle haben in diesem Jahr ihre politische Unschuld verloren. Im Gedächtnis ihrer Staaten markieren sie klaffende Wunden."

Im Rest des Feuilletons wird mit Bildern Jahresrückblick gehalten.

Aus den Blogs, 31.12.2013

(Via Pierre Omidyar) Nach den NSA-Enthüllungen fordert Michael Dearing in Allthingsd Selbstkritik in Silicon Valley: "The NSA's version of patriotism is corroding Silicon Valley. Integrity of our products, creative freedom of talented people, and trust with our users are the casualties. The dolphin in the tuna net is us - our industry, our work, and the social fabric of our community." Unterdessen resümiert Dailydot Spiegel-Erkenntnisse, wonach die NSA jegliches Iphone anzapfen kann - bis hin zu Aktivierung von Kamera und Mikrophon.

Aus den Blogs, 31.12.2013

(Via Jay Rosen) Laut Ex-NSA-Chef Michael Hayden ist Edward Snowden ein Verräter. Und Microsoft sponsort diese Botschaft:


Stichwörter: Microsoft, Edward Snowden

Aus den Blogs, 31.12.2013

Stichwörter: Jeff Jarvis, Microsoft

Weitere Medien, 31.12.2013

Im kolumbianischen Magazin El Espectador wagt Héctor Abad zum Jahreswechsel einen unintellektuell optimistischen Blick voraus: "Eine der besten Definitionen des Wortes 'Intellektueller', die ich kenne, lautet: 'Jemand, der über seine Verhältnisse studiert hat.' Ein Intellektueller dieses Typs suhlt sich genüsslich in der Kultur der Klage, und die gegenwärtige Gesellschaft, insbesondere die des Westens, ist für ihn die reinste Ausgeburt des Teufels, derber, grober, infernalischer als alles, was bislang in der Geschichte vorgekommen ist. Als Optimist steht man vor den Intellektuellen der Empörung und der Klage als völliger Idiot da. Natürlich sind unsere Zukunftsaussichten überaus ernst - am bedrohlichsten die Erderwärmung -, und doch war die Menschheit vielleicht noch nie so gut darauf vorbereitet, sich ihren Herausforderungen zu stellen. Weshalb ich mich durchaus in der Lage sehe, mir zu wünschen, ja, zu hoffen, 2014 möge ein bisschen weniger schlimm werden als das zuendegehende Jahr 2013. Wir leben in einer schrecklichen Welt, ja, aber es ist die am wenigsten schreckliche Welt, die es je gegeben hat."
Stichwörter: Hector Abad, Idiot

SZ, 31.12.2013

Auf der ersten Seite des Feuilletons sammeln SZ-Redakteure Ideen von 2013, die bleiben werden. Neben dem "Pontifikalsozialismus", "Selbst-Appifizierung" und "Drohnen" steht das heute beendete Jahr unter anderem auch für den "Enthüllenden Journalismus", der fürs kommende Jahr schon viel verspricht: "Die von Scahill und Greenwald geplante und vom Ebay-Besitzer Pierre Omidyar finanziere Plattform für Investigativrecherche dürfte 2014 die spannendste journalistische Neugründung werden."

Weiteres: Tim Neshitov bietet einen Überblick über die Bildende Kunst in China, deren auslaufende Haupströmungen er im politischen Pop und im zynischen Realismus sieht. Nach Justin Biebers Ankündigung, sich aus dem Pop-Biz zurückzuziehen, denkt Joachim Hentschel über das Wesen des Teenie-Popstars nach. Ira Mazzoni stellt Matisse' Porträt "Sitzende Frau" aus der Sammlung Gurlitt vor. Joseph Hanimann gratuliert dem Historiker Jacques Le Goff zum 90., Fritz Götller Ben Kingsley zum 70. Geburtstag. Außerdem stellen die Redakteure der SZ ihre Lieblingsbücher über die Macht des Schicksals vor. Besprochen werden Bücher, darunter Uwe Krügers Studie "Meinungsmacht" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 31.12.2013

Niklas Maak stellt den 1974 als Sohn eines Armeearztes geborenen amerikanischen Kartografen, Künstler und Bürgerrechtsaktivisten Trevor Paglen vor, der seit Jahren Abhörstationen der NSA, geheime Gefängnislager der CIA und Überwachungssatelliten am Himmel fotografiert: "Allein in einer Höhe von vierhundert bis 1200 Kilometern, sagt Paglen, kreisten rund zwanzigtausend Objekte. 'Manche der Satelliten dort machen nur Bilder, die NSA benutzt welche, die Daten aus kommerziellen Satelliten absaugen und so viele Kommunikationsvorgänge wie möglich überwachen.'" (Hier Paglens Website und hier ein Artikel von ihm, den er im Juni in Guernica zu den Enthüllungen Edward Snowdens geschrieben hat.)

Weitere Artikel: Stefan Schulz resümiert den 30. Chaos Communication Congress (dem die FAZ eine ganze Reihe lesenswerter Artikel widmete). Andreas Platthaus stellt "The Great War", eine Zeichnung des Comic-Künstlers Joe Sacco, die ein Panorama vom Schlachtfeld an der Somme darstellt (mehr im New Yorker). Matthias Grünzig lobt die Blankenburger, die eine Bürgerinitiative zur Rettung ihres Schlosses gegründet haben. Emanuel Derman meditiert über die unterschiedliche Bedeutung der Frage "Was machen Sie?" in Europa und Amerika.

Besprochen werden eine Alexander-Calder-Ausstellung in der Kunstsammlung Nordrhein Westfalen in Düsseldorf, Tommaso Traettas Barockoper "Ifigenia in Tauride" im Heidelberger Theater in Schwetzingen, eine Eric-Clapton-CD-Box und Bücher, darunter Charlotte Rogans Roman "In einem Boot" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Weitere Medien, 31.12.2013

Und jetzt: