Heute in den Feuilletons

Ein geordnetes Zeitungspaket

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.09.2013. Die NZZ steht baff vor Redakteursschreibtischen und moralischen Dilemmata in literarisch relevanten Computerspielen. Google und Facebook versuchen zaghaft, die amerikanische Regierung zu mehr Datenschutz (wenn auch nur für Amerikaner) zu überreden, aber die Regierung macht nicht mit, meldet Spiegel Online. Die Welt hat keine Angst vor Jazzsänger Gregory Porter, wohl aber die FAZ vor neumodischem deutschen Autodesign. Die SZ erklärt, warum gerade die westlich gesinnten Syrer gegen einen Militärschlag der Amerikaner sind.

NZZ, 10.09.2013

Auf der Medienseite empfiehlt Rainer Stadler die Arbeit "Deadline" des Fotografen Will Steacy, der am Beispiel des Philadelphia Inquirer von den Erschütterungen der Zeitungsbranche erzählt (siehe auch die Bieler Fototage): "Zu sehen ist eine Bürokultur, die gewiss nicht dem sterilen Selbstbildnis des Computerzeitalters und den leblosen Werbebildern der Immobilienindustrie entspricht. In den Kojen der Redaktoren türmen sich die Papierhaufen, so dass die Arbeitsfläche zu kleinen Inseln schrumpft. Zwischendrin leuchten Computerbildschirme, und manchmal liegt über den Papierlagen ein abgegriffener Zettelkasten - eine laute Verweigerung der allgegenwärtigen digitalen Outlook-Ordnung."

Kann schon sein, dass die neuen Computerspiele psychologisch und moralisch sehr kompliziert sind, meint Sieglinde Geisel nach der entsprechenden Einführung auf dem Berliner Literaturfestival. Aber hinterher fühlt man sich echt mies: "Captain Walker kann nicht einfach schießen und siegen, sondern er wird ständig vor höchst unangenehme moralische Entscheidungen gestellt. Wen lässt er leben: den hinterhältigen Wasserdieb oder den Soldaten, der zur Strafe wiederum dessen ganze Familie massakriert hat? Auf dem Höhepunkt des Spiels wirft Walker mit Triumphgefühlen ferngesteuerte Phosphor-Bomben auf einen vermeintlichen Truppenstützpunkt. Doch er hat ein Flüchtlingslager getroffen."

Weiteres: Brigitte Kramer berichtet, dass die Spanier, vor allem in Valencia, die Freude an den Prachtbauten aus den Boomjahren verloren haben. Besprochen werden eine Ausstellung über die ägyptische Revolution im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, John Williams' wiederentdeckter Roman "Stoner", Lisa Kränzlers Roman "Nachhinein"

Aus den Blogs, 10.09.2013

Das Amsterdamer Van Gogh Museum präsentiert ein neuentdecktes Bild Van Goghs: "Sonnenuntergang in Montmajour" von 1888. Hier weitere Informationen dazu.




Spiegel Online, 10.09.2013

Internetgiganten wie Google und Facebook unternehmen zaghafte Schritte, ihre Verwicklung in die Geheimdienstaffäre offenzulegen und die Öffentlichkeit über Anfragen der NSA zu infiormieren, berichten Agenturen und Spiegel Online. Dafür stellen sie Anfragen bei den Behörden, aber "die US-Regierung lehnt die Forderungen bislang ab. Einziges Zugeständnis der Verantwortlichen: In Zukunft will die US-Regierung öffentlich machen, in wie vielen Fällen binnen der vergangenen zwölf Monate US-Konzerne Daten bei Anfragen wegen nationaler Sicherheit herausgeben mussten." Natürlich geht's bei all diesen Initiativen der Konzerne nur um den Datenschutz für Amerikaner.
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TAZ, 10.09.2013

Auf Flimmern und Rauschen erklärt Rene Martens die vertrackte Monokultur des WDR, wo die Frauen, die auf einen Chefposten könnten ausgerechnet mit Männern verheiratet sind, die da schon sitzen. Aram Lintzel ordnet die neuen Strategen der Verweigerung in Links-Bartlebyianer (Hans-Christian Dany) und Rechts-Bartlebyianer (Holm Friebe).

Besprochen werden das Album "Another Self Portrait" Seiner Bobness mit alternativen Stücken aus den Sechzigern, ein Auftritt der Performancegruppe Forced Entertainment mit dem libanesischen Klangkünstler Tarek Atoui in Gladbeck und Robert Flecks Einführung in die Moderne "Die Ablösung vom 20. Jahrhundert".

Und Tom.

Welt, 10.09.2013

Josef Engels porträtiert den Jazzsänger Gregory Porter, dessen warmer Bariton ihn direkt ins Paradies zu führen scheint: "Er hat ein Kreuz wie ein Schrank, und seinen Kopf rahmt eine schwarze Sturmhaube, die von einer Schiebermütze bedeckt wird. Ein wuchtiger Körper, der für anderes gemacht zu sein scheint als für innige Balladen und sensible Beobachtungen über Gott, die Natur und die Mutterliebe. All das jedoch findet sich auf seiner dritten CD 'Liquid Spirit', die vom Renommierlabel Blue Note nun veröffentlicht wird und Porters Stellung als derzeit alles überragender Jazzlyriker, Traditionswahrer und Seelentröster festigt."

Hier singt er "When Love was King":



Weitere Artikel: Sven Regener spricht im Interview über die Arbeit an seinem neuen Roman. Marc Reichwein berichtet über eine Marbacher Tagung zum "Nachlassbewusstsein".

Besprochen werden zwei Ausstellungen zur Völkerschlacht von 1813 im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden und im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig, eine neue Nabucco-Inszenierung (die Manuel Brug jetzt schon "sehr alt" findet) an der Deutschen Oper Berlin und Marius von Mayenburgs Inszenierung des Shakespeare-Stücks "Viel Lärm um nichts" in der Berliner Schaubühne.

SZ, 10.09.2013

Bettina Schoeller-Bouju hat sich bei den "modern orientals", der jungen syrischen Generation umgehört, die sich westlich orientieren, aber dennoch große Skepsis anmelden, ob ein Schlag der USA dem Land nützt. "Das Überwachungssystem des autoritären Assad-Regimes war mit ein Grund für die Freiheitsbewegungen, die in Syrien vor zweieinhalb Jahren begonnen haben. 'Ich war nie in der Opposition, ich wollte nur frei atmen, ohne Angst leben', sagt der Journalist Sam Omar. 'Wir wollten Syrien normalisieren: einen Artikel schreiben, ohne Angst zu haben, einen Freund treffen, ohne Angst zu haben, ausgehen, ohne Angst zu haben, frei wählen zu können und für unser Leben die volle Verantwortung tragen. Und wo wart ihr, als die Syrer eure Hilfe brauchten? Man hat uns vergessen!'"

Außerdem: Bernd Graff beobachtet in den Ausstellungen der Ars Electronica "Erstaunliches, Überraschendes, ja: anrührend Menschliches", so etwa bei der Performance "Wir sind hier" der Demenzaktivistin Helga Rohra. Henning Klüver berichtet von der vergnüglichen Stimmung des Literaturfestivals im italienischen Mantua, das sich nach dem Erdbebenschock 2012 wieder selbstbewusst präsentiere. Franz Viohl besucht in Marbach die Tagung "Nachlassbewusstsein". Thomas Steinfeld würdigt die sozialdemokratischen Errungenschaften des finnischen Möbelherstellers Artek, den die Schweizer Designfirma Vitra gerade aufgekauft hat. Helmut Mauró spricht mit Menahem Pressler, dem ältesten Pianisten weltweit, über den Stand der Dinge in dessen Kunst: "Die jungen Musiker sind technisch hervorragende Athleten. Darüber staunt man, wie man über eine 14-jährige rumänische Schwebebalken-Artistin staunt." Auf Youtube hören wir eine schöne Debussy-Aufnahme von Pressler aus den 50ern:



Auf der Medienseite berichtet Hans Leyendecker, dass der NDR jetzt beim Verfasssungsschutz und bei US-Botschafter John B. Emerson offiziell angefragt hat, wie umfassend und warum der deutsche Journalist Stefan Buchen ausspioniert wurde. Mehr zum Hintergrund der Geschichte hier.

Besprochen werden neue Platten von Pete Doherty und den Babyshambles sowie Andreas Maiers Roman "Die Straße" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 10.09.2013

Wenn er über Autos schreibt, läuft Niklas Maak wirklich zu Höchstform auf. Sein Artikel ist zwar in erster Linie eine Hymne auf die Elektroautos von Tesla aus Anlass der IAA in Frankfurt. Aber noch besser sind die Passagen, in denen er über das neue Autodesign in Deutschland schimpft: "Kühlermäuler und grimmige Scheinwerfer vermittelten den Eindruck, das Fahrzeug ernähre sich von unzerkleinerten gegnerischen Verkehrsteilnehmern... Audi hatte mit dem Single-Frame-Grill angefangen, seitdem sah es auf Parkplätzen aus wie in der Requisite für antike Tragödien: Zornesfalten, aufgerissene Mäuler, zusammengebissene Metallzähne."

Weitere Artikel: Dirk Schümer bespricht Leon De Winters neuen Roman "Ein gutes Herz", der die Ermordung Theo van Goghs und "die ganze vielstimmige Islam- und Zuwanderungsdebatte in einen durchaus trivialen Thriller" packt. Jürg Altwegg beobachtet das Deutschland-Bild der Schweizer Medien, die dem Land zwar eine wirtschaftliche, aber keineswegs kulturelle Blüte attestieren. Kerstin Holm schildert das zwiespältige Verhältnis Wladimir Putins zur Homosexualität. Fridtjof Küchemann unterhält sich mit Jugendbuchautor Martin Schäuble, der in seinem jüngsten Roman "Die Scanner" die Überwachungsthematik vorausgeahnt hat. Stefan Koldehoff feiert die Wiederentdeckung eines Spätwerks von Van Gogh. Aus dem Sammelband "Die Erkundung Brasiliens" wird ein Text Hanns Zischlers über den Gärtner Friedrich Sellow vorabgedruckt. Für die Medienseite trifft Moderedakteur Alfons Kaiser Margit J. Mayer, die Chefredakteurin der neuen Vogue-Konkurrenz Harper's Bazaar, bei der New Yorker Fashion Week. Und Michael Hanfeld liest einen ungewöhnlichen Brief des neuen Spiegel-Chefredakteurs Wolfgang Büchner an die Leser - in dem Büchner versichert, trotz Blome, weiter Spiegel machen zu wollen. Online zu lesen ist der Brief bei Horizont.net.

Auf Seite 1 und im Wirtschaftsteil berichtet die FAZ über die finanziellen Schwierigkeiten der Weltbild-Gruppe, die sich auf dem Weg ins Internet offenbar übernommen hat.

Besprochen werden Dvoraks Oper "Rusalka" in Frankfurt, eine neue CD von Ry Cooder und Bücher, darunter Stephen Hawkings Erinnerungen (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).