Heute in den Feuilletons

Kulturell tief verankert

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.09.2013. Die Zeitungen sind nur mäßig zufrieden mit dem diesjährigen Festival von Venedig. In der NZZ fragt der Philosoph Konrad Paul Liessmann, warum die Idee der Revolution verblasst. In der Welt fürchtet sich der Militärhistoriker Martin van Creveld vor den Folgen eines Eingreifens in Syrien. In der FAZ fragt Frank Rieger, ob die Bevölkerung nicht insgeheim von einem digitalen Gott träumt, "der ein wachsames und allsehendes Auge auf die Welt hat".

TAZ, 09.09.2013

Gar nicht einverstanden ist Cristina Nord mit dem Goldenen Löwen für Gianfranco Rosis Dokumentarfilm über die Menschen, die am römischen Autobahnring GRA leben: "Zum ersten Mal seit 1998 hat am Lido von Venedig ein italienischer Film gewonnen, zum ersten Mal überhaupt ein Dokumentarfilm. Überraschend war das Votum auch, weil 'Sacro GRA' zu viel von einem schön gefilmten Kuriositätenkabinett hat, als dass er rückhaltlos überzeugt hätte. Aus den 20 Wettbewerbsfilmen stach er weit weniger heraus als etwa Xavier Dolans energiegeladener Spielfilm 'Tom à la ferme' ('Tom auf dem Bauernhof'), der am Samstag ohne Auszeichnung blieb, oder Tsai Ming-liangs 'Jiaoyou' ('Stray Dogs'), der anstelle des Goldene Löwen immerhin den Großen Preis der Jury erhielt."

Weitreres: Julian Weber war beim "Berlin Festival" am Flughafen Tempelhof. Bereits am Samstag unterhielten sich Jan Feddersen und Peter Unfried mit dem Philosophen Markus Gabriel über die politische Illusion, die Existenz der SPD und Kalifornien als "ideologische Schaltzentrale".

Und Tom.

Aus den Blogs, 09.09.2013

Hallo, heute ist Montag:



Gawkers Neetzan Zimmerman empfiehlt dagegen atemlos diesen Song des Sommers, von dem norwegischen Duo Ylvis: "Don't read another word. Just, uh, just listen to it. Seriously, stop reading. Go listen. Stop. Go."


NZZ, 09.09.2013

Der Begriff der Revolution hat an Glanz verloren. In den Augen des Wiener Philosophen Konrad Paul Liessmann könnte es daran liegen, dass wir das Konzept des Neuen von der Idee der Freiheit entkoppelt haben. Mit Bezug auf Hannah Arendt meint er: "Nur weil etwas neu ist, stellt es noch keine Revolution dar - das gilt für viele Innovationen vor allem im Bereich der Medien, der Kunst und der unterschiedlichen Technologien. Veränderungen, und mögen sie noch so dramatisch sein, die den Menschen nicht mehr Freiheit, sondern mehr Zwang und Abhängigkeit bringen, Einschnitte, und mögen sie noch so drastisch sein, die zu einer Rückkehr zu alten Lebens- und Erwerbsformen führen, sind keine Revolutionen."

Weiteres: Susanne Ostwald verteidigt in ihrer Venedig-Bilanz den Goldenen Löwen für Gianfranco Rosis Dokumentation über den römischen Autobahnring "Sacro GRA". Sieglinde Geisel berichtet von einem Kunstfest zu Georg Büchner im Berliner Klinikum Westend.
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Welt, 09.09.2013

Der Militärhistoriker Martin van Creveld überlegt, was man über die Folgen eines amerikanischen Waffengangs in Syrien sagen kann und stellt fest: das kann nur vorhersagen, wer an Glaskugeln glaubt. Drei Dinge hält er jedoch für wahrscheinlich: ein Angriff auf Israel als Vergeltung, begrenzter Schaden in Syrien. "Drittens, selbst wenn ein Wunder geschähe und es den gegen Assad gerichteten Kräften mit Unterstützung eines amerikanischen Militärschlags gelänge, ihn zu besiegen, wäre der Krieg nicht beendet. Im Gegenteil, er könnte durchaus in einen jahrelangen Religions- und Weltanschauungskrieg übergehen, in den andere Länder des Nahen Ostens hineingezogen werden."

Buhrufe gab es in Venedig bei Bekanntgabe der Jury, dass der Goldene Löwen an Gianfranco Rosis Film "Sacro GRA" geht, eine "Dokumentation über das deprimierende Leben am römischen Autobahnring, über Unfallopfer, Rettungssanitäter, Prostituierte und über die Bewohner von Häusern, an denen unablässig Autos vorbei rasen", informiert uns eine Meldung.

Besprochen werden Shane Salernos "Salinger"-Film, die Uraufführung von Rolf Hochhuths Luther-Stück "Neun Nonnen fliehen" in Bad Lauchstädt, "Sacre"-Choreografien von Akram Khan und Massimo Gerardi im Festspielhaus Hellerau und Antú Romero Nunes' Dramatisierung von Melvilles "Moby Dick" am Hamburger Thalia Theater.

Weitere Medien, 09.09.2013

In seinem Venedig-Resümee ärgert sich Frédéric Jaeger von critic.de über die an Kunst desinteressierte Art der Festival-Berichterstattung, die vor allem im Fernsehen um sich greift und sich zusehends auch im bürgerlichen Feuilleton findet. Die Basis zum historischen Vergleich bot ein Projekt des Festivals, das alte Filmberichte aus seiner Geschichte zeigte: Diese Clips "kontrastieren (...) die heutige Fernsehberichterstattung: Von der damaligen Begeisterungsfähigkeit und Ehrlichkeit, die dann auch einmal einen ernüchterten Reporter von zweiwöchiger Langeweile sprechen lässt, bleibt heute nichts mehr. Wenn die TV-Kollegen nicht gerade im Werbemodus bedenkenlos abfeiern, dann müssen sie staatstragend noch die banalsten Filme mit einer gesellschaftlichen Bedeutung aufhübschen, als wäre ihnen qua Medium die Kritik als Mittel der Differenzierung abhanden gekommen."

(via 3 quarks daily) Simon Schama hat eine Geschichte der Judenvon 1000 v. Chr. bis 1492 veröffentlicht. In der Financial Times lobt der Historiker David Abulafia: "Historians are at last heeding the warning of Salo Baron that Jewish history is not all a lachrymose chronicle of persecution. ... In 'The Story of the Jews: Finding the Words 1000BCE - 1492CE', Simon Schama has done a splendid job in challenging the stereotypes. His spirited, immensely enjoyable and wide-ranging account - the first of two projected volumes - takes us from the time when we can begin to talk about the Jews as a people and a religious community up to the traumatic moment of their expulsion from Spain, the land where they had seemed most secure and had risen to the greatest heights in scholarship and even government." (Der Daily Telegraph bringt einen langen Auszug aus dem Buch.)

Aus den Blogs, 09.09.2013

Der beste Kinotrailer aller Zeiten? Jedenfalls wurde er gerade online gestellt. So warb Jean-Luc Godard für "Le Mépris":


Stichwörter: Jean-Luc Godard

SZ, 09.09.2013

Charlotte Haunhorst erzählt die schwindelerregende Lebensgeschichte des jungen Raid Yosif, der 2006 bei der irakischen Variante eines Superstar-TV-Castings erfolgreich Platz 1 belegt hatte, im folgenden wie ein Superstar verehrt wurde, doch mittlerweile im unterfränkischen Exil bei Würzburg lebt. Der Grund: Er zählt zur christlichen Minderheit. Im Jahr 2008 'kam die Katastrophe', sagt Raid. Die Stimmung gegen die Christen im Irak kippt. Dschihadisten gewinnen die Oberhand, fordern eine streng islamische Gesellschaft. ... Raid und seine Familie werden nicht mehr nur verehrt, sondern auch bedroht. Denn Raid ist prominent, eine Entführung könnte sich lohnen."

Ein bass erstaunter Till Briegleb fühlt sich beim Lübecker Theaterstück "Willy Brandt - die ersten 100 Jahre" glänzend unterhalten: "Ernstes reiht sich hier an Gaga, Königsdrama an Zahnpasta-Schauspiel, Schmelziges an Gehässiges ... Doch weil Wallner mit solchem Übereifer alle Kriterien des Misslungenen erfüllt, entsteht aus den Klischees Kurzweiligkeit. Lübecks musikalischer Marketingprofit aus dem unverdienten Zufall, Brandts Geburtsstadt zu sein, gewinnt aus dem Tempo-Kitsch tatsächlich Unterhaltung. ... Deswegen sollte man die Show vielleicht umbenennen in 'Free Willy' und Popcorn verkaufen."

Außerdem: Tobias Kniebe und Susan Vahabzadeh bringen ihr Fazit aus Venedig: Gute Chancen hatten am Ende diejenigen Filmemacher, schreiben sie, "die in ihren Werken ganz bewusst Hass, Wut und andere dunkle Gefühle erzeugt haben." Der Politikwissenschaftler Benjamin Barber fordert im Gespräch mit Andrian Kreye eine politische Stärkung der Städte und Bürgermeister. Joseph Hanimann beschreibt die Ratlosigkeit und Zögerlichkeit, mit der man in Frankreich über einen Militärschlag gegen Syrien diskutiert. Henning Klüver meldet, dass die deutsche Initiative zur Rettung Pompejis vor dem Verfall in Italien auf sehr positive Reaktionen gestoßen ist.

Auf der Medienseite attestiert Claudia Fromme ihren Kollegen von der schreibenden Zunft anlässlich der neuen Gottschalk/Jauch-Show "Die 2" einen "flächendeckenden medialen Synapsenbrand". Gottschalk gesteht ihr unterdessen sein Selbstbild: "Ich bin Gesichtsvermieter, und wer sagt, mit dem Gesicht komme ich ein Stückchen weiter, der kann es haben. Und die Mieten sind günstiger geworden."

Besprochen werden die Ausstellung "Malerinnen im Aufbruch" in Worpswede, René Polleschs "Glanz und Elend der Kurtisanen" an der Berliner Volksbühne ("Der erste wirklich gelungene Berliner Spielzeitauftakt", jubelt Peter Laudenbach) und Bücher, darunter Andreas Platthaus' Roman über die Völkerschlacht in Leipzig (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 09.09.2013

Frank Rieger vom Chaos Computer Club fragt sich, ob wir schon "auf dem Weg zur Geheimdienstdiktatur" sind. Und er staunt über die Indifferenz der Bevölkerung. Wünscht sie sich "einen neuen digitalen Gott, der ein wachsames und allsehendes Auge auf die Welt hat"? Dahinter stecke eine erfolgreiche Suggestion: "Die Dienste wissen alles, so die kulturell tief verankerte Projektion, also können sie uns auch vor dem Bösen bewahren."

Weitere Artikel: Felicitas von Lovenberg freut sich, dass Rüdiger Safranski mit seiner Biografie "Goethe - Kunstwerk des Lebens" die Sachbuch-Bestsellerliste anführt. Dirk Schümer zieht eine nicht eben begeisterte Bilanz des Festivals von Venedig. Jürge Kaube berichtet von der Jubiläumsfeier des ein Vierteljahrtausend alten C.H.Beck-Verlags. Veronika Hofer berichtet von der Verleihung der Aga-Khan-Preise in Lissabon.

Besprochen werden eine Dramatisierung von Balzacs "Glanz und Elend der Kurtisanen" durch René Pollesch an der Berliner Volksbühne, ein konzertanter "Ring" in Luzern und Bücher, darunter Arturo Pérez-Revertes Roman "Dreimal im Leben" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).