Heute in den Feuilletons

Die Ls sind am schlimmsten

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.07.2013. Aktualisierung: Springer verkauft Hamburger Abendblatt, Berliner Morgenpost, die Hörzu an die Essener Funke Mediengruppe, meldet Meedia. Die Welt bewundert Brünnhildes Anfangs-Hojotohos auf den geölten Stimmbändern der Catherine Foster. Die Exilkubaner werden auch immer liberaler, notiert die NZZ. Die taz lässt sich anwaltlich versichern, dass die Veröffentlichung von Geheimpapieren nicht das Urheberrecht verletzt. In der Zeit verzweifelt Ingo Schulze angesichts der achselzuckenden Reaktionen deutscher Politiker auf amerikanische Überwachungsprogramme. Die FAZ lernt in einer Paderborner Ausstellung, wie der Loser am Kreuz doch noch im Volk ankam.

Welt, 25.07.2013

Zu spät ist zu spät, meint im Forum Henryk M. Broder, der deshalb auch nichts von dem Versuch des Simon Wiesenthal Centers hält, jetzt noch NS-Kriegsverbrecher aufzuspüren. Und manchmal ist zu spät auch gewollt zu spät: "Nur so ist es zu erklären, dass im April dieses Jahres bekannt wurde, die Zentralstelle [der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen] wolle 'Vorermittlungen gegen 50 frühere Aufseher des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau einleiten'. Wegen Beihilfe zum Mord. Jetzt schon? 2013? Nur 68 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz?"

Im Feuilleton porträtiert Manuel Brug die Bayreuther Brünnhilde Catherine Foster, die ihr Gesangsstudium erst mit 31 Jahren begonnen hatte: "Eine erwachsene Frau mit geölten Stimmbändern, die für die gefürchteten Anfangs-Hojotohos der Brünnhilde auch die Agilität mitbringt ('wenn die vorbei sind, geht alles leicht. Ich singe mich dafür immer mit der Rachearie der Königin der Nacht ein'). Die seit 11 Jahren konsequent mit einer Deutschlehrerin an ihrer Diktion feilt ('die Ls sind am schlimmsten'). So eine suchen alle Agenten und Castingdirektoren. Und allen muss eigentlich auch klar sein: Von der Physiognomie her werden junge, gertenschlanke Frauen, die sich so mancher Regisseur als Wotans Lieblingstochter wünscht, auf Dauer nie gesund singen können."

Hier ist Foster als Isolde zu hören:



Weiteres: Matthias Kamann möchte Klischees über Protestanten auch nicht vom Kollegen Alan Posener hören. Besprochen werden die Ausstellung "Grunewald und Großstadtluft" mit Werken der Berliner Secession im Bröhan Museum, Paolo Sorrentinos Film "La Grande Bellezza", James Mangolds X-Men-Film "Wolverine" und Robert Redfords Politthriller "The Company You Keep".

Weitere Medien, 25.07.2013

Dem New-York-Times-Reporter James Risen droht Beugehaft, weil er sich weigert, seinen Informanten bei der CIA zu nennen, berichtet Daniel Haufler in der Berliner Zeitung: "Ein Bundesberufungsbericht hat entschieden, dass Reporter ihre vertraulichen Quellen in einem Strafprozess nicht schützen dürfen - obwohl der erste Verfassungszusatz genau dies garantiert und oberste Gerichte bislang fast ausschließlich zugunsten der Presse entschieden haben. Im Prozess gegen den früheren CIA-Agenten Jeffrey Sterling soll der New-York-Times-Reporter James Risen nun preisgeben, ob Sterling ihm Material für sein Enthüllungsbuch über die CIA 'State of War' (2003) geliefert hat."
Stichwörter: CIA, James Risen

NZZ, 25.07.2013

Die lange als reaktionär verschriene kubanische Exilgemeinde in Miami hat sich mittlerweile erheblich diversifiziert, stellt Marko Martin beim Besuch der als "Little Havanna" berühmten Calle Ocho fest und findet Anzeichen für einen gelasseneren Umgang der Emigranten mit dem Castro-Regime: "In Umfragen finden sich inzwischen sogar Mehrheiten für eine Aufhebung des Wirtschaftsembargos - während die Exilkubaner gleichzeitig mit ihren Geldüberweisungen an Verwandte dafür sorgen, dass die marode Insel nicht völlig kollabiert."

Weiteres: Die Installationen des litauischen Künstlers Zilvinas Kempinas sind "anziehend und ungreifbar, Zauberbühnen und Vexierbilder", berichtet Maria Becker fasziniert von der Ausstellung "Slow Motion" im Basler Museum Tinguely (hier zu sehen seine Installation "Parallels".) Gabriele Detterer besucht den Architekten Gianni Pettena.

Besprochen werden die Filme "Rebelle" von Kim Nguyen und "La grande bellezza" von Paolo Sorrentino sowie Bücher, darunter der Band "Ich bin Henker" mit Liebesgeschichten von Rajesh Parameswaran (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Andrea Köhler fand es am 19. Juli keineswegs "ganz okay, dass die große Le Corbusier-Ausstellung im Moma seine Zeit als Berater des Vichy-Regimes nicht thematisiert", wie wir im Teaser zu ihrem Artikel geschrieben hatten, sondern sie hat den Umstand im Gegenteil kritisiert. Wir bedauern das Missverständnis und die daraus resultierende leicht boshafte Formulierung! D.Red.
Anzeige

Twitterfeed der Verlage

TAZ, 25.07.2013

Das Verteidigungsministerium verklagt die Westdeutsche Allgemeine Zeitung auf Verletzung des Urheberrechts, weil diese geheime Bundeswehr-Papiere aus Afghanistan ins Netz gestellt hatte. Der Rechtsanwalt Markus Kompa, der Blogger und Whistleblower berät, bescheinigt der Klage im Gespräch mit Jens Twiehaus jedoch keine belastbare Rechtsgrundlage: "Weil das Urheberrecht nicht die Aufgabe hat, Dinge geheimzuhalten. Es soll auch nicht Informationen dem öffentlichen Wissen entziehen. Sondern es soll wirtschaftliche und ideelle Interessen schützen. Aber diese Papiere sind nicht zum Geldverdienen geschrieben worden, sondern um die Mitglieder des Bundestags zu unterrichten."

Außerdem: Michael Brake verreißt das neue Magazin Tweed, das eigentlich hervorragend in unsere Zeit passe, weil es "den akuten Neokonservatismus des Manufactum-Biedermeiers" bediene. Toby Ashraf unterhielt sich auf dem Filmfestival von Odessa mit dem Filmregisseur Roger Corman über Gegenkultur und unabhängiges Filmemachen.

Besprochen werden die Ausstellung "Punk: Chaos to Couture" im New Yorker Metropolitan Museum, Robert Redfords Film "The Company You Keep - Die Akte Grant" über Geschichte der militanten Gegenkultur und die DVD von "Leben und Sterben des Colonel Blimp" von Michael Powell und Emeric Pressburger aus dem Jahr 1943.

Und Tom.

Aus den Blogs, 25.07.2013

Aktuell (um 9.50 h): "Springer verkauft Abendblatt, Morgenpost, Hörzu und weitere Magazine an Funke-Gruppe", meldet Meedia.

Im Interview mit Meedia erklärt Zeit Online-Chef Jochen Wegner, warum er an die Zahlbarkeit von Onlinejournalismus glaubt. Auch die immer noch bestehende arge Gehaltsdifferenz zwischen Online und Print will er vermindern helfen: "Zeit Online ist noch nicht profitabel. Wir versuchen aber gerade, die Honorare und Pauschalen langsam zu erhöhen. Wir wollen angesichts unseres Erfolgs zwar merklich, aber vorsichtig investieren. Ich will niemals in die Situation geraten, Stellen streichen zu müssen, nur weil der Markt kurz hustet."



Dezeen stellt eine Reihe von Schuhen vor, die von Architekten entworfen wurden. Und einige sehen wirklich sehr gut aus: Zum Beispiel dieser kurze Stiefel mit Gummisohle und Lederoberteil von Jean Nouvel (um die 350 Euro). Es gibt ihn in verschiedenen - auch bunten - Farben. Ärgerlich ist allerdings die Behauptung des Designers, die Seriennummer, die in jeden Stiefel gestanzt ist, sei ein Ausdruck der "Personalisierung" jeden Schuhs. So blöd waren Kunden noch nie. Daneben ein Mojito Schuh von Julian Hakes (um die 175 Pfund), Zaha Hadids Nova Schuh (um die 1.500 Euro) und der Moebius Schuh (um die 180 Euro) von Rem D. Koolhaas (hier auch ein Interview mit ihm über seine Schuhfirma United Nude).

SZ, 25.07.2013

Vor dem 14. Bayreuther "Ring" fragt sich Reinhard J. Brembeck, warum eigentlich auf Chéreaus Inszenierung in den 70ern (ein Ausschnitt) keine wirklich überzeugende Aufführung mehr folgte. Seine Antwort: Die Ratlosigkeit angesichts des Welterklärungsanspruchs des Stoffs, an dem Chéreaus Nachfolger Zweifel anmelden. Doch "wenn der 'Ring' nicht als Welterklärungsstück angeboten werden kann, dann ist er nichts. [...] wenn der übergeordnete Gedanke der Welterklärung einem Regisseur suspekt vorkommt - und zwangsläufig muss er das in dieser relativistischen Zeit so sein -, dann zerbricht er in einzelne kleine 'Ring'-Stücke, die kein Mime dieser Welt jemals wieder flicken kann."

Weitere Artikel: Ob Münchens umgekippter Buddha oder Jonathan Meeses empor gereckter Arm: Wenn derzeit wieder über die Freiheit der Kunst gestritten wird, schadet dies der Kunst, meint Catrin Lorch, "weil es flaue Werke sind, die für den großen Tabubruch einstehen müssen". Andrian Kreye sucht Gründe für die englische Übersetzung von Nada Al-Ahdals derzeit im Netz kursierenden Protest gegen ihre drohende Zwangsverheiratung und wähnt, da das Video über die 11-jährige Jemenitin von dem amerikanischen Middle East Media Research Institute (Memri) publiziert wurde, propagandistische Interessen.

Hier spricht Nada Al-Ahdal selbst:



Besprochen werden die Ausstellung "Glam" in der Kunsthalle Frankfurt, Paolo Sorrentinos neuer Film "La Grande Bellezza", Holly Hunters neuer Film "Jackie" und Bücher, darunter Lynn Sherrs "Swim" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 25.07.2013

Ziemlich beeindruckt wandelt Dirk Schümer durch die große Paderborner Ausstellung "Credo", die sich dem langen historischen Prozess der Christianisierung des heidnischen Europas und den synkretistischen Phänomen der Religionsverschmelzungen widmet. Warum es einige Jahrhunderte brauchte, bis das "christliche Abendland" geschaffen war, hat er dabei auch in Erfahrung gebracht: "Der Nahost-Kult musste erst unter und nach Konstantin triumphieren und dann schrittweise vor den Barbaren kapitulieren, bis der tragische Verliereraspekt dieser merkwürdigen Himmelfahrtsreligion im Volk angenommen wurde. Ein Loser am Kreuz machte lange Zeit keinen Stich gegen Jupiter und Co. und wurde deshalb anfangs diskret gegen einen jugendlichen Muskelphilosophen ausgetauscht."

Außerdem: Armin Thurnher macht sich in einem Vorabdruck aus seinem kommenden Buch Gedanken über Wesen, Geschichte und Begriffsverfall der Würde. Und Mark Siemons schwitzt und ächzt in Peking, wo sich die Bevölkerung bei Smog und Hitze am liebsten in den klimatisierten Räumen eines skandinavischen Möbelhauses tummelt.

Besprochen werden Daniel Barenboims in der Londoner Royal Albert Hall dirigierter "Ring", der es bei hervorragender Akustik im Saal brodeln lässt, eine Ausstellung der Videokünstlerin Fiona Tan im Museum für Gegenwartskunst in Siegen, Boris Kunz' Film "Drei Stunden", der Dokumentarfilm "Springsteen and I" und Bücher, darunter Sloan Wilsons Roman "Der Mann im grauen Flanell" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).


Zeit, 25.07.2013

In der Zeit Online mögen ja noch alle Artikel gratis zu lesen sein, in der Print-Zeit aber nicht, zumindest nicht am Erscheinungstag. Hier immerhin ein Inhaltsverzeichnis als pdf-Dokument.

Der Schriftsteller Ingo Schulze streitet mit Wolfgang Kubicki über die richtige Reaktion auf den NSA-Skandal und den angemessenen Umgang mit Edward Snowden. Ingo Schulze hätte gern ein paar Antworten, die er nicht bekommt und schlägt in seiner Verzweiflung vor: "Wir könnten einen Spaziergang der Hunderttausend zum Kanzleramt organisieren. Im März 1989 hat auch keiner gedacht, dass wir ein Jahr später freie Wahlen haben werden."

In einem anderen Artikel macht Thomas Fischermann den Vorschlag: "Deutschland, das auch auf anderen Gebieten Alleingänge nicht scheut, sollte sich zur weltweiten Hochburg der Kryptotechniken erklären. Es sollte sie fördern, zertifizieren und ihren Einsatz vorantreiben."

Im Feuilleton unterhalten sich Thomas Groß und Thomas Winkler mit der Rapperin Sookee und dem Rapper Megaloh über die Ästhetik und Ethik des Rap. Sookee über Bushido: "Der mediale Raum, der sogenannten Rüpelrappern eingeräumt wird, damit sich die Mehrheitsgesellschaft voyeuristisch an solchen Liedern aufgeilen kann, sollte lieber coolen Leuten eröffnet werden. Mir zum Beispiel!"

Okay, hier ist sie:



Weitere Artikel: Kilian Trotier und Maximilian Probst warnen in einem ganzseitigen Artikel eindringlich vor dem Monopolstreben von Amazon, das für Verlage und Buchhändler in Europa "sehr bald tödlich enden" könnte: Da die EU nichts dagegen unternehmen will, setzen die beiden auf ein Kartellverfahren gegen Amazon in Deutschland. Sarah Schaschek und Nina Pauer erörtern Für und Wider der Homo-Ehe. "Es wird Zeit, dass jemand Historikern und Politologen die Lufthoheit über Wagner streitig macht", fordert Wolfram Goertz, der in den Büchern zum Wagner-Jahr die Auseinandersetzung mit der Musik vermisst. Außerdem berichtet Goertz beglückt von den Bregenzer Festspielen, wo er Mozarts "Zauberflöte" und einer späten Uraufführung der Oper "Der Kaufmann von Venedig" des polnischen Klaviergenies André Tchaikowskys (1935-1982) beiwohnt. Wer Frankreichs größtes Privatmuseum in Laduz besucht, begibt sich "in einen faszinierenden Gedächtnisspeicher, in eine Phänomenologie und Ethnologie des ruralen Alltags", schreibt eine hellauf begeisterte Katja Nicodemus.

Besprochen werden die Filme "La grande bellezza" von Paolo Sorrentino und "Die Akte Grant" von Robert Redford ("das Spätwerk eines Mannes, der nicht anders kann, als für seine Werte einzustehen", meint Katja Nicodemus) sowie Bücher, darunter Hans Pleschinskis Thomas-Mann-Roman "Königsallee" (mehr in unserer Bücherschau heute um 14 Uhr).

In der Zeit im Osten geht es um die Schriftstellerin Brigitte Reimann (1933-1973), die am vergangenen Sonntag 80 geworden wäre, und ihren leidenschaftlichen Briefwechsel mit Siegfried Pitschmann (1930-2002), ebenfalls Schriftsteller. Dazu gibt es Interviews mit Martina Gedeck, die Reimann 2004 in einem Biopic spielte, mit dem Autor Landolf Scherzer, der mit Pitschmann befreundet war, und mit der Pfarrerin Marie-Elisabeth Lüdde, die ihn zu Grabe trug.