Heute in den Feuilletons

Akademisch-politische Kumpanei

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.02.2013. Die Welt besucht Luthers Sterbehaus. Die NZZ fordert - im Sinne Europas - Gerechtigkeit für Richard III.! In Faust Kultur will Detlev Claussen nichts wissen von einer Verteidigung Annette Schavans. Die taz diagnostiziert eine gewisse Betretenheit in Akademikerkreisen. Die SZ findet: Klagen ist auch nicht der richtige Weg. Paris Match weiß, welches Gesicht der Ursprung der Welt hat.

NZZ, 08.02.2013

Auch nach der jüngsten Entdeckung der Gebeine Richards des III. unter einem Parkplatz in Leicester wird der historische Richard wohl nicht gegen den schillernden Schurken des Shakespeare-Stücks ankommen, meint Marion Löhndorf. Für Rüdiger Görner ist die Rehabilitierung des Königs ein Projekt von europäischer Relevanz: "Gerechtigkeit für Richard III. - das könnte ja auch zu einem Programmpunkt im prospektiven englischen EU-Referendum werden. Denn schließlich half eine verdeckte französisch-schottische Allianz, diesen englischen Monarchen zur Strecke zu bringen."

Weiteres: "Wenn einem Gelehrten Plagiate nachgewiesen werden, ein Offizier Angst zeigt, ein Ehegatte untreu wird", dann seien "ganze Rollenbereiche diskreditiert", zitiert Uwe Justus Wenzel ausgerechnet aus der Doktorarbeit von Annette Schavan. Besprochen werden eine Ausstellung mit frühen Werken Marc Chagalls im Kunsthaus Zürich sowie das langerwartete neue Album "MBV" von My Bloody Valentine (das Julian Weber "atemberaubend" findet) und das Debütalbum "Big Inner" von Matthew E. White.

Perlentaucher, 08.02.2013

Bei aller Vorfreude: Der Eröffnungsfilm der Berlinale, Wong Kar-Wais Martial-Arts-Spektakel "The Grandmaster", war eine Entropie des Firlefanz, meint Thomas Groh. "Was Wong Kar-Wai an emotionalen Überschuss in seine Bilder legt, perlt von der Leinwand wie Wasser von der gut geölten Pfanne."

Nikolaus Perneczky würdigt den Filmemacher Claude Lanzmann, dem die Berlinale in diesem Jahr die Hommage widmet: "In jedem Fall eine Gelegenheit nicht nur für Komplettisten, entfaltet sich Lanzmanns filmisches Schaffen doch so zusammenhängend aus sich heraus wie kaum ein anderes. "

Lukas Foerster untersucht den "Weimar Touch", dem die Retrospektive in diesem Jahr nachspürt: "Es spricht für die Reihe, dass sie da nicht nur sattsam bekannte Zusammenhänge nachzeichnet - der Einfluss europäischer Emigranten auf die Entwicklung des Film Noir zum Beispiel spielt keine besonders große Rolle im Programm, und doch ist mit Jacques Tourneurs "Out of the Past" gleich einer der allerschönsten unter den dunklen Filmen der 1940er mit dabei. Statt dessen werden sehr unterschiedliche Spuren aufgenommen, unter anderem auch solche, die nicht ins Exil führen, sondern Spurenelemente des Weimarer Studiokinos ins totalitäre Nazikino eintragen.