Heute in den Feuilletons

Dass hier keine Gesichter zu sehen sind

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.02.2013. In der NZZ erklärt John Burnside, warum er sich zu jener Minderheit von Briten zählt, die sich als Europäer fühlen. Die Welt kritisiert die Aberkennung von Annette Schavans  Doktortitel als infam. Abschreiben kann auch eine Tugend sein, findet die FAZ - sofern man bei Meyerbeer abschreibt. Im Perlentaucher fragt Bernhard Lang: Warum hat Mose nicht getanzt? Und Lukas Förster blickt auf die Berlinale. Die SZ kann den Kummer der Professoren über ihre Besoldung verstehen. Und die FR erschrak bei Max Ernst.

NZZ, 06.02.2013

Die Briten sind eine "Krämernation" geworden und auch noch stolz darauf, meint der (schottische) Schriftsteller John Burnside und erklärt die Europaskepsis seiner Landsleute mit einer "wehleidigen und defensiven Weltsicht": "Was Kunst- und Geistesleben angeht, zeichnet sich England gemeinhin nicht durch große Offenheit aus - so ist bei uns etwa die Übersetzungskultur im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sehr schwach ausgebildet; und weil 'Intellektualismus' nicht besonders geschätzt wird, begegnen manche auch Europa, diesem Hort der Ideen, grundsätzlich mit Misstrauen. Ich selbst zähle zu jener Minderheit von Briten, die sich als Europäer fühlen und dieses Gefühl gern in noch stärkerem Maß leben würden. Ich möchte in dem weiteren intellektuellen, kulturellen und sprachlichen Rahmen existieren, den Europa bietet - nicht zuletzt, weil ich dann auf eine Französin oder einen Deutschen weisen und sagen kann, dass diese Person in ihrem Land als Bürger wahrgenommen wird und nicht als Untertan."

Hans-Christoph Zimmermann blickt auf Karin Beiers erfolgreiche Intendanz in Köln zurück, bedauert aber, dass sie ihr Versprechen nicht erfüllen konnte, für "mehr Kopftücher im Publikum" zu sorgen: "Sie engagierte zahlreiche Schauspieler mit Migrationshintergrund, setzte Stücke auf den Spielplan, die sich mit der Zuwanderungsgeschichte von Köln beschäftigen, lud Initiativen ins Haus ein - und musste schließlich ihr Scheitern eingestehen. Dass eine zentrale Kulturinstitution in einer Stadt mit einem Migrantenanteil von nahezu dreißig Prozent hier nicht vorankommt, gibt zu denken."

Besprochen werden die Schmuckausstellung "Unexpected Pleasures" im Design Museum London und Jochen Hellbecks Edition der "Stalingrad-Protokolle" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

Welt, 06.02.2013

Ziemlich deutlich kritisiert Torsten Krauel auf der Meinungsseite die Art und Weise, in der Annette Schavan der Doktortitel aberkannt wurde: "Weil das nordrhein-westfälische Verwaltungsverfahrensgesetz die Rechtsgrundlage für das Prüfverfahren war, ist der Schritt auch infam. In diesem Landesgesetz gilt eine Verjährungsfrist von 30 Jahren, die im Fall der Zuerkennung des Doktorgrads an Schavan seit drei Jahren verstrichen ist. Das Schlupfloch für die Aberkennung ist die Bestimmung, ein Bekanntwerden neuer Umstände hemme die Verjährung oder lasse sie sogar neu anlaufen."

Im Forum kritisiert der Publizist Matthias Heitmann die deutsche Quoten- und Sexismusdebatte. Er argwöhnt, dass sie nur "eine straffe Regulierung und Sanktionierung von oben" in Form von Quoten (für die Frauen) und Bestrafungen (für die Männer) in Gang setzen soll: "So lässt es sich gut regieren, gut leben nicht. Mehr denn je braucht unsere Gesellschaft Menschen mit Eiern, die sich nicht gleich zu Opfern stilisieren, sondern bestehende Grenzen und Dogmen infrage stellen und sich für Neues und Besseres einsetzen. Die Werte der 'Weiblichkeit' sind daher zeitgeschichtlich betrachtet Werte der fragilen Stagnation."

Im Feuilleton erklärt der Filmregisseur Wong Kar-Wai im Interview, welche Strategie er als Jury-Präsident der 63. Berlinale verfolgt: "Ich werde meine Kollegen bitten, ihre Gründe dafür darzulegen, warum sie einen Film mögen. Nicht dafür, warum sie ihn nicht mögen. Das Auswahlkomitee wird uns nur Filme präsentieren, die ein gewisses Niveau besitzen, da braucht man über Negatives nicht zu diskutieren."

Weitere Artikel: Rainer Haubrich hofft, dass das Humboldt-Forum den "Negativtrend" bei Berliner Großbauten stoppt. Manuel Brug berichtet von einem Berliner Diskussionsabend Til Schweigers mit Andreas Kilb über Sinn und Zweck der Filmkritik. Für Alan Posener werden die Amerikaner immer europäischer. Eine Meldung informiert uns, dass Sasha Waltz droht, wegen chronischer Unterfinanzierung ihrer weltberühmten Tanzcompagnie Berlin zu verlassen (mehr hier).

Besprochen werden Martin Schläpfers "meisterlicher" Brahms-Ballettabend in Duisburg und ein neues Album des Jazzsaxofonisten Wayne Shorter, das Josef Engels einfach umwirft (hier was zum Hören).

TAZ, 06.02.2013

Detlef Diederichsen erklärt die Aufregung im Orbit von My Bloody Valentine, die nach zwanzig Jahren ihr erstes neues Album online veröffentlichten: "Blenden wir zunächst zurück ins Vereinigte Königreich der mittleren achtziger Jahre: Dort herrschte ein Elend namens C86. Eine Generation britischer Gitarrenbands - so benannt nach einer Cassetten-Compilation des NME -, die nach Punk, New Wave und dem Neo-Pop von Human League und Culture Club kam, war ein grauer Haufen Trostlosigkeit. Es gab genau eine gute Band: My Bloody Valentine."

Micha Brumlik hat schon die drei Bände der Neuen Fischer Weltgeschichte gelesen, eine modernisierte Version der alten schwarzen Reihe. In großen Teil gelungen findet er sie, bedauert nur etwas angesichts des transnationalen Blickwinkels die etwas provinzielle Auswahl der rein deutsche Autoren. John Hanselle besucht die Schau des "Lebensmittel"-Zyklus des Fotografen Michael Schmidt.

Und Tom.
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Aus den Blogs, 06.02.2013

(via) Wer es die kommenden Tage gar nicht zur Berlinale nach Berlin schafft, hat hier bis zum 17. Februar immerhin die Möglichkeit sich eine private Retrospektive mit den Filmen von Agnès Varda zusammenstellen. Passend etwa zur aktuellen Sexismus-Diskussion: Vardas achtminütiger Filmessay "Women Reply: Our Bodies, Our Sex". Die Streams sind kostenfrei, legal und englisch untertitelt.

Das Weblog Altpapier hat eine Meldung in eigener Sache: "Sing Halleluja! Der Bert-Donnepp-Preis, diese Goldene Kamera der Medienpublizistik, der Grimme-Preis für Leute, die über das Fernsehen schreiben, statt es zu machen, der Henri-Nannen-Preis für Nicht-Bild-Angestellte, der Bambi der unbestechlichen Kritik, der Otto-Brenner-Preis der Herzen" geht an Altpapier. Gratuliere!

Schillers "Sehnsucht", gesetzt im Druckerey-Blog:





Perlentaucher, 06.02.2013

Morgen abend beginnt die 63. Berlinale. Lukas Foerster gibt einen Überblick über das, was uns erwartet: "So ganz hat man sich noch immer nicht daran gewöhnt, aber es scheint sich zu verstetigen: Der Berlinale-Wettbewerb ist seit letztem Jahr - und zwar ohne jede Vorankündigung - keine Leistungsschau des cineastischen Mittelstandes mehr ... Auch dieses Jahr lassen die Vorankündigungen auf eine mindestens ebenso ambitionierte Auswahl hoffen. Vor allem überrascht die große Anzahl von - im Festivalkontext - 'großen Namen'."

Der Theologe und Religionswissenschaftler Bernhard Lang interveniert in der von Jan Assmann neu angestoßenen Debatte übre die "mosaische Entscheidung" und die Frage, wie die Gewalt in die Religion kam. Nur eine Lektüre der Bibel kann Aufschluss geben, meint er und fragt: Warum hat Mose nicht getanzt? "Die von der modernen Forschung gegebene Antwort lautet: Der Erzählung liegt die Auseinandersetzung zwischen zwei Religionsparteien im alten Israel zugrunde. Die Mose-Partei setzt sich für schriftliches Gesetz und Bildlosigkeit des Jahwekults ein, die Aaron-Partei verehrt Jahwe in Gestalt einer Stierskulptur, Symbol von Fruchtbarkeit und kriegerischer Aggression, aufgestellt in den Tempeln von Bet-El und Dan. Die biblische Erzählung ist aus dem Blickwinkel der Mose-Partei geschrieben."

Weitere Medien, 06.02.2013

Reg Presley von den Troggs, der im Jahr 1966 25 Jahre alt war, ist gestorben.



Für die FR besucht Arno Widmann die große Max-Ernst-Ausstellung in der Albertina: "Es gibt einen Augenblick, da erschrickt der Besucher beim Rundgang. Ich kann nicht sagen, wo das sein wird. Es wird der Augenblick sein, da dem Besucher auffällt, dass hier keine Gesichter zu sehen sind. Bei mir fiel dieser Groschen sehr spät."
Stichwörter: 1966, Max Ernst, Arno Widmann

FAZ, 06.02.2013

Eleonore Büning lobt das Opernhaus von Chemnitz für Mut und Schaffenskraft: Dort hat man sich entschieden, das Wagner-Jahr mit Wagners Gott-sei-bei-uns Giacomo Meyerbeer zu eröffnen. Gegeben wurde "Vasco da Gama", vormals bekannt als "Die Afrikanerin", und vieles kam Büning bekannt vor: "Es grüßen Berlioz, Verdi, Bizet, Offenbach, Wagner, sie alle haben ihren Meyerbeer studiert und bei ihm abgeschrieben."

Weitere Artikel: Hannes Hintermeier unterhält sich mit dem britischen Historiker Tom Holland, der versichert, dass man in Großbritannien inzwischen ein entspannteres Deutschland-Bild habe. Jürgen Kaube fordert die Überprüfung von 500.000 Doktorarbeiten, die nach der von Annette Schavan verfasst wurden. Der ehemalige Bundesverfassungsrichter Dieter Grimm wendet sich in der Reihe "Welches Europa wollen wir?" gegen einen Beitrag von Wolfgang Schäuble: "Die Entscheidung über die Grundordnung der EU, also quasi deren verfassunggebende Gewalt, muss in den Händen der Mitgliedstaaten bleiben und darf nicht den Organen der EU ausgehändigt werden." (Beiträge der FAZ-Europaserie sind unter diesem Link versammelt). Und Jan Wiele schreibt zum Tod von Reg Presley.

In der Reihe über vermeintliche Nebenwerke aus der von Schleifung bedrohten Berliner Gemäldegalerie schreibt der Kunsthistoriker Frank Zöllner über eine anmutig den Schädel des Holofernes balancierende Judith Ghirlandaios. Auf der Medienseite annonciert Sandra Kegel die neue Staffel der "Kommissarin Lund", die am Sonntag im ZDF startet.


Besprochen werden unter anderem eine Ausstellung über den "Werther" in Frankfurt, Stücke von Brecht und Dirk Laucke in Bochum und Bücher, darunter W. Jeffrey Bolsters nur auf Englisch erschienene Studie "The Mortal Sea", die nachweist, dass Überfischung kein neues Phänomen ist.

SZ, 06.02.2013

Burkhard Müller schreibt über den Kummer unter deutschen Professoren über ihre Besoldung, die sich von der eines Lehrers meist nicht unterscheidet: "Äußerst unfair" findet er das, da Lehrer sich auch ohne akademischen Qualifikationszwang schon frühzeitig in unbefristeten Stellen wiederfinden, während Professoren bis zu ihrer Berufung prekär leben. Und "nur ein Teil derjenigen, die Leiden und Entbehrungen einer Habilitation auf sich genommen haben, erhält dann auch eine Professur; der beträchtliche Rest findet sich, inzwischen zu alt und zu überqualifiziert für die meisten einträglichen Jobs, in einer beruflichen Sackgasse wieder. Es ist eindeutig unattraktiv geworden, eine wissenschaftliche Laufbahn an der Hochschule einzuschlagen."

Besprochen werden neue Popveröffentlichungen, eine Ausstellung über Karl Friedrich Schinkel in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München, der Dokumentarfilm "Vergiss mein nicht", nach dem sich Rainer Erlinger Fragen nach den Grenzen im Umgang mit Alzheimerkranken im Film stellt, eine Ausstellung über Manfred Schmidts "Nick Knatterton" im Wilhelm Busch-Museum in Hannover, Martin Schläpfers Ballettabend "b. 14" in Duisburg, der Dorion Weickmanns "Phantasie zündet", Dirk Lauckes Stück "Jim Bowatski hat kein Schamgefühl" am Schauspielhaus Bochum und Christof Wackernagels Buch "es", dessen Maße und Schriftbild Willi Winkler an Arno Schmidts "Zettels Traum" denken lassen (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).