Heute in den Feuilletons

Es ist kein Streit zwischen Geist und Kapital

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.01.2013. Frohes Neues Jahr allen Perlentaucher-Lesern! Der Feuilletonisten-Streit um Suhrkamp geht weiter. In der Welt verteidigt sich Richard Kämmerlings gegen die letzten Attacken von Frank Schirrmacher. In der SZ kritisiert Gustav Seibt die Empörungsrhetorik der Suhrkamp-Autoren. In der taz stöhnen zwei Fernsehmacher über die Angsthasen in den Redaktionen. Stefan Niggemeier fragt, was aus der "Informationsoffensive" der ARD geworden ist. Petra von Cronenburg protokolliert ihre durch den Ebook-Reader veränderten Lesegewohnheiten. Die FAZ verteidigt Jakob Augstein gegen den Vorwurf des Antisemitismus.

Welt, 02.01.2013

Richard Kämmerlings weist alle Vorwürfe Frank Schirrmachers zurück, er habe die Legitimität Ulla Unseld-Berkéwiczs als Suhrkamp-Verlegerin bezweifelt und gebe den "willigen Helfer" für Hans Barlach. Schirrmacher möge sich doch bitte lieber in der eigenen Redaktion umsehen: "Es sei an folgendes Faktum erinnert: Die Zweifel an der 'Legitimität' der Verlegerin jenseits des aktuellen Rechtsstreits wurden erstmals durch einen scharfen FAZ-Leitartikel des Geisteswissenschafts- und Sachbuch-Chefs Jürgen Kaube gestreut. 'Wer Suhrkamp schadet' hieß der am 12. Dezember erschienene Text. Und er ließ keinen Zweifel daran, dass vor allem die aktuelle Geschäftsführung und damit die Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz dem Verlag schadet. Kaube bezeichnete sie als die 'vorgeblichen Sachwalter der Suhrkamp-Kultur' und schrieb, dass Frau Unseld-Berkéwicz einst 'von der Schauspielerei zum Schreiben gefunden hatte, ohne sich dadurch Aktionen hinter der Bühne und im theatralischen Fach zu entfremden'. Die FAZ-Polemik, in der von 'Selbsterhöhung' die Rede war, gipfelte in dem Satz: 'Die Zeit, in der sich Unseld oder Suhrkamp spielen ließ, ist tatsächlich abgelaufen.'"

Der Regisseur Andres Veiel, der für sein neues Doku-Drama "Das Himbeerreich" mit einigen Bankern sprach, erklärt im Interview, was er dabei gelernt hat: "De facto ist es ja so, dass sich der Kapitalismus selbst abschafft. Eine kleine Kaste von 2000 Leuten bedient sich gnadenlos und vorbei an den Aktionären. Und Leute, die früher bei Goldman Sachs waren, spielen jetzt in der EZB oder anderen Einrichtungen eine Schlüsselrolle. Jenseits von irgendeiner demokratischen Kontrolle."

Außerdem: Manuel Brug hörte Silvester Operette in Dresden. Ulrich Weinzierl sah in Wien Jan Bosses Inszenierung des Bernhard-Stücks "Der Ignorant und der Wahnsinnige".

Aus den Blogs, 02.01.2013

Petra von Cronenburg resümiert in ihrem Blog ein Jahr Leseerfahrung mit ihrem Ebook-Reader. Aus ihren Ergebnissen:
"- Ich lese mehr und schneller, dank Augenschonung.
- Ich lese unerbittlicher. Dank Leseproben hat Schrott keine Chance. Wenn ich sie denn anschaue ... (s.u.).
- Ich lese sehr viel mehr fremdsprachige Originale. Schuld daran: die Preispolitik deutscher Verlage.
- Ich lese sehr viel mehr Klassiker als sowieso schon und entdecke ständig neue dazu.
- Ich kaufe fast keine Taschenbücher mehr, das Geld reinvestiere ich in edel gemachte Hardcover..."

Stefan Niggemeier resümiert nochmal die "Informationsoffensive der ARD", die für 2012 angesagt worden war. ARD-Vorsitzende Monika Piel sagt zufrieden: "Der Programmanteil von Informationen im Ersten beträgt 40 Prozent. Den wollen wir unvermindert auch so beibehalten." Niggemeier sagt dazu: "Auf Nachfrage von Journalisten konnte niemand der anwesenden ARD-Verantwortlichen sagen, welche Programme man als 'Information' zählen muss, um auf diese 40 Prozent zu kommen. Die ARD-Tier-Wiege-Soaps im Stil von 'Ameisenbär, Nacktnasenwombat & Co.' aus den Zoos der Republik gehörten aber bestimmt dazu."
Stichwörter: ARD, Ebook-Reader, Ebooks, Geld

TAZ, 02.01.2013

Silke Burmester plaudert mit Bjarne Mädel und Arne Feldhusen über ihre wieder ins Programm geholten "Tatortreiniger", Plautzen und die Frage, warum beim Fernsehen so viele Angsthasen sitzen. Mädel: "Das Wort 'Angsthasen' stimmt schon. Wir machen die Serie 'Mord mit Aussicht', die ist erfolgreich. Daraufhin werden fünf andere Formate gemacht, die genauso sind. Das finde ich einfach langweilig. Warum sagt man nicht: 'Ach, schade, dass ich die Idee nicht hatte, jetzt muss ich mit einer noch besseren um die Ecke kommen!'"

Weiteres: Detlef Diederichsen singt eine Hymne auf den wieder sehr angesagten brasilianischen Funk-Crooner Tim Maia. Besprochen werden auch Christopher McQuarries Lee-Child-Verfilmung "Jack Reacher" und Zsuzsanna Gahses Notate "Südsudelbuch" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.
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Weitere Medien, 02.01.2013

Werner Grigert freut sich über eine internationale Studie, derzufolge nichts mehr von der alten Symbiose von Kapital und Kunst übrig ist, die einst Florenz, Genua, Antwerpen, Amsterdam oder London groß machte: "Von den Top Ten der globalen Finanzstandorte konnten sich nur vier auch einen Platz unter den zehn bedeutendsten Kunstmetropolen sichern: New York, London, Tokio und San Francisco. London, die Nummer eins auf dem 'Global Financial Centers Index', rangiert auf Platz drei der globalen Kunstzentren. New York, die Nummer zwei unter den internationalen Finanzplätzen, behauptet sich in Sachen Kunst und Kultur als Spitzenreiter, mit deutlichem Abstand zum Zweitplatzierten Berlin."

NZZ, 02.01.2013

Die Alemannen feiern heute Berchtoldstag.

SZ, 02.01.2013

Wo bleibt die Sachlichkeit, die strenge analytische Haltung, für die Suhrkamp einst stand? Die Empörungsrhetorik der Suhrkamp-Autoren (etwa bei Durs Grünbein in der FAZ, Rainald Goetz in der SZ und Peter Handke in der Zeit) in der gegenwärtigen Verlagskrise findet Gustav Seibt jedenfalls nur schwer erträglich: "Wenn man die Urteile des Berliner Gerichts studiert, sieht man, dass es weder um den verlegerischen Erfolg noch um die Möglichkeit selbst für eine spektakuläre Villennutzung ging. Es ging darum, ob der großzügige Einsatz finanzieller Mittel intern korrekt abgestimmt war. ... Der Streit um Suhrkamp ist furchtbar. Aber es ist kein Streit zwischen Geist und Kapital."

Weiteres: In Venedig staunt Kristina Maidt-Zinke über das von Nicole Bru eingerichtete "Centre de la musique romantique française" (Website). Harald Eggebrecht gratuliert dem Künstler On Kawara zum 80. Geburtstag. Bernd Graff denkt über das fröhliche "Big Data"-Getrommle großer IT-Firmen und Behörden nach, die noch gar nicht recht wissen, wie und zu welchem Zweck sie die sich rapide füllenden Datensilos überhaupt auswerten können. Polen streitet über den Film "Poklosie", der sich in Form eines Thrillers mit antisemitischen Pogromen der polnischen Bevölkerung kurz nach dem Zweiten Weltkrieg befasst, informiert Klaus Brill.

Auf Seite 3 liefern Thorsten Schmitz und Renate Meinhof atmosphärischen Häppchenjournalismus zum Thema Öffentlich-Rechtliche Anstalten, Zeitungen und Mediengewohnheiten junger Menschen.

Besprochen werden Ben Lewins neuer Film "The Sessions", diverse Neuauflagen von Meisterwerke des Comickünstlers Jean Giraud alias Moebius (die auch heute noch "so herrlich sind wie am ersten Tag", schwärmt Christoph Haas) und Ulrich Johannes Schneiders Buch "Die Erfindung des allgemeinen Wissens" (Leseprobe).

FAZ, 02.01.2013

Die Samstagsbeilage Bilder und Zeiten wird nun zum zweiten Mal und wohl endgültig abgeschafft. Auf Seite 1 des politischen Teils kündigt die Redaktion einige Neuerungen an, unter anderem ein "umfangreicheres Feuilleton", da einige der Rubriken der Feuilletonbeilage nun wieder in die täglichen Ausgaben gesteckt werden.

Im Feuilleton verteidigt Nils Minkmar den Freitag-Herausgeber Jakob Augstein, der Gaza mit einem Lager verglichen hatte, gegen den Vorwurf des Antisemitismus, der ihm jetzt unter anderem vom Wiesenthal-Zentrum (hier) und zuvor von Henryk Broder (hier) gemacht wurde: "Augstein kritisiert die Regierung von Benjamin Netanjahu, die nukleare Bewaffnung Israels, er prangert die Rolle der jüdischen Interessenverbände in den Vereinigten Staaten an, und findet, dass Israel in Gaza seine künftigen Feinde ausbrütet. Man muss diese Kritik und die Analyse, die ihr voraus geht, im einzelnen nicht teilen, aber sie hat nichts mit Antisemitismus zu tun, denn sie benennt präzise, welche Politiker und welcher Kurs kritisiert werden."

Weitere Artikel: Niklas Maak eröffnet eine Serie, in der angebliche Nebenwerke aus der Gemäldegalerie gezeigt werden (die im Falle einer Umwidmung des Museums über Jahre verschwinden würden). In der ersten Folge schreibt der Kunsthistoriker Andreas Beyer über Georges de la Tours "Sebastian". Paul Ingendaay erzählt, wie einem Millardär, der in der spanischen Wüste ein "Eurovegas" errichten will, im krisengeschüttelten Land der Weg geebnet wird. Olivier Guez porträtiert den französischen Politiker und Autor Bruno Le Maire, der ein Buch über Carlos Kleiber vorgelegt hat. Wojciech Czaja stellt ein Schulprojekt in Südafrika vor, an dem deutsche und österreichische Architekturstudenten mitwirkten. Auf der Medienseite beklagt Carl-Eugen Eberle die Verfolgung von Journalisten in der Türkei. Gina Thomas stellt eine sehr kritische Dokumentation der BBC über Queen Victoria als Mutter vor (mehr hier) und Michael Hanfeld staunt über den genialen Euphemismus des WDR-Manns Jörg Schönenborn, der die ab jetzt geltende Zwangsgebühr für die Öffentlich-Rechtlichen in "Demokratie-Abgabe" umtaufte.

Besprochen werden Thomas Bernhards "Der Ignorant und der Wahnsinnige" am Burgtheater, eine Ausstellung der Fotosammlung Thomas Walther am Bauhaus Dessau, der Film "The Sessions" von Ben Lewis und Bücher, darunter Gonzalo M. Tavares' Roman "Die Versehrten" (Leseprobe hier und mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).