Heute in den Feuilletons

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28.06.2012. Das Kölner Urteil zur Beschneidung von Jungen sorgt in fast allen Zeitungen für Diskussionen. Michel Friedman kritisiert das Urteil in der Welt und fordert eine breite Debatte. Die FAZ stimmt den Richtern dagegen zu. Die taz wundert sich nicht, dass die Religionsgemeinschaften "aufheulen". Achgut erzählt die Geschichte der nicht-jüdischen "jüdischen Israelkritikerin" Irena Wachendorff. Die SZ erklärt, warum Jean-Jacques Rousseau gegen Twitter wäre. Und in der Zeit erklärt Paulo Coelho, warum er für Twitter ist.

Welt, 28.06.2012

Michel Friedman ist gegen die Gerichtsentscheidung (Pressemitteilung des Gerichts als pdf-Dokument) zur Beschneidung von Jungen - aber er fordert auch eine breite Diskussion: "Sie steht stellvertretend für eine Neupositionierung in der Frage, wie es um die Rolle, den Einfluss und die Rechte der Religionsgemeinschaften bestellt ist. Sie berührt die Frage, wie viel Toleranz und Freiraum wir uns gegenseitig geben. Sie steht aber auch für die Frage, die uns in den letzten Jahren im Zusammenhang mit dem Islam immer wieder beschäftigt hat, wann genau der Moment gekommen ist, an dem staatliches Recht religiöse Riten unterbinden muss."

Im Feuilleton erkennt Thomas Schmid in Jean-Jacques Rousseau den "selbstgeschaffenen Prototyp des modernen Menschen": "Wenn wir ihn mögen, mögen wir uns, wenn wir mit ihm hadern, hadern wir mit uns selbst." Auch Tilman Krause schreibt zum 300. Geburtstag Rousseaus.

Besprochen werden Marcus Vetters Dokumentarfilm "Cinema Jenin" (mehr hier) über das Kino, das der Deutsche in der palästinensischen Stadt Jenin betreibt, und eine Retrospektive des chinesischen Malers Qiu Shihua in Berlin.

Aus den Blogs, 28.06.2012

Jennifer Nathalie Pyka erzählt auf Achgut die Geschichte der Aufschneiderin Irena Wachendorff aus Remagen, die auf der Facebook-Seite von Ruprecht Polenz als jüdische Israelkritikerin auftritt und sich ihre Vita selbst gestrickt zu haben scheint - ihr Vater sei ein stenggläubiger Jude gewesen, die Mutter eine Auschwitz-Überlebende. Dummerweise stelt sich nach Recherche heraus, dass der Vater Wehrmachtsoffizier war, während die Mutter auf Nachfrage beteuert, nie in Auschwitz gewesen zu sein: "Aus dem väterlichen Wehrmachtsoffizier wird mal eben ein verfolgter Jude, aus der Mutter eine Auschwitz-Überlebende und aus ihr selbst eine IDF-Veteranin, und schwupps, schon avanciert sie als 'jüdische Israelkritikerin' zur Jüdin der Herzen. Bejubelt wird sie dabei nicht nur von Salafisten, Esoterikern und anderen Antisemiten, sondern auch von Ruprecht Polenz, dessen blinder Glaube an das rheinisch-jüdische Alibi ihm die Sinne offensichtlich komplett vernebelt hat."

TAZ, 28.06.2012

Das LG Köln hat sein Urteil gegen Beschneidung nicht nur mit der Körperverletzung begründet, sondern auch mit der so verletzten Freiheit des Individuums, selbst über seine Religionszugehörigkeit entscheiden zu dürfen. Kein Wunder, dass die Religionsgemeinschaften "aufheulen", meint Isolde Charim. "Entscheidung ist nicht der Modus, in dem diese Religionen ihre Zugehörigkeiten regeln. Aus religiöser Sicht ist der Gläubige kein mündiger Bürger, der seine Religion frei wählt. Denn in der religiösen Innenperspektive gibt es keine Wahl des Glaubens. Das würde ja voraussetzen, dass der spätere Gläubige vorher schon jemand war." Trotzdem ist Charim am Ende gegen das Urteil, weil sie befürchtet, dass die Jungs wieder "auf dem Küchentisch" landen.

Mathias Becker unterhält sich mit dem brasilianischen Soziologen und Graffiti-Experten Sergio Franco über einen Zwischenfall beim Graffiti-Workshop während der Berlin Biennale: einer der brasilianischen Sprüher, der "Pixadores" hatte dabei sein Kürzel an das Gemäuer einer Kirche gesprüht, was zu einer Auseinandersetzung mit Biennale-Kurator Artur Zmijewski und der Polizei führte. "Das war eine echte physische Auseinandersetzung, nur eben mit Farbe statt mit Fäusten. Hier waren echte Gefühle im Spiel. Der Zorn der Kurators über die Respektlosigkeit seiner Gäste. Und der verletzte Stolz des Künstlers."

Weitere Artikel: Sonja Vogel resümiert eine Veranstaltung des Berliner Literaturforums, mit Nachfahren deutscher Kommunisten, deren Eltern in der UdSSR ins Lager kamen. Jan Feddersen ärgert sich über den unfairen Vorwurf, Israel beitreibe mit seiner schwulen- und lesbenfreundlichen Kritik nur Marketing. Der Historiker Jörg Baberowski plädiert im Interview dafür, dass demokratische Politiker, auch Angela Merkel, den EM-Spielen in der Ukraine fernbleiben: "Der Opposition würde diese Geste helfen, sich gegenüber der Regierung als eigentliche Europäer zu profilieren. In der Bevölkerung wird registriert, dass die Herrschenden boykottiert werden."

Besprochen werden der Arthousefilm "Cinema Jenin" von Filmemacher Marcus Vetter (in dem laut Stefan Reinecke "zu viel ich" unterwegs ist) und Ed Gass-Donnellys Film "Small Town Murder Songs".

Und Tom.
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Weitere Medien, 28.06.2012

Michael Wuliger von der Jüdischen Allgemeinen stieß in einer Arbeit des Künstlers Marc Adelman auf eine interessante Information über das Berliner Holocaustmahnmal: "'Stelen (Columns)' heißt die Montage aus Fotos, die Adelman von der schwulen Datingsite gayromeo.com heruntergeladen hat. Dort finden sich Hunderte von Bildern knackiger junger Männer, aufgenommen am Holocaustmahnmal, das offenbar für diese Zwecke ein beliebtes Hintergrundmotiv ist."

Freitag, 28.06.2012

Gar nichts anfangen kann Wolgang Michal mit dem Buch "No Coypyright" der niederländischen Autoren Joost Smiers und Marieke van Schijndel, die behaupten, das beste Urheberecht sei gar keines: "Das klingt für manche wie ein Märchen, für andere wie heller Wahn, doch genau mit dieser naiven 'Schockstrategie' wollen die Autoren einen 'Paradigmenwechsel' beim Nachdenken über das Urheberrecht erzwingen."
Stichwörter: Urheberrecht

NZZ, 28.06.2012

Die brasilianische Bauwirtschaft boomt, berichtet Regina de Macedo Marquardt. Während internationale Stararchitekten Bauprojekte in São Paulo und Rio de Janeiro verfolgen, wird auch der soziale Wohnungsbau wieder zum Thema, nachdem jahrzehntelang Wildwuchs herrschte: "Gerade in São Paulo zeichnete sich neuerdings ein Trend hin zu baukünstlerischer und urbanistischer Qualität ab, die durch etablierte Architekten mit städtebaulichem Geschick garantiert werden soll. Diese Wende mag heute selbstverständlich erscheinen, dennoch musste sich diese neue Sinneshaltung gegen das Dogma des Mutirão genannten kollektiven Bauens durchsetzen. Dieses erlaubte den Favela-Bewohnern, ihre Hütten selber und gemeinsam zu bauen."

Besprochen wird außerdem der Film "The Amazing Spider-Man" ("ein Genuss. Es sei denn, man leidet an Höhenangst", meint Jürg Zbinden) sowie Bücher, darunter György Dalos' tragikomischer Schelmenroman "Der Fall des Ökonomen" (Leseprobe, mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Spiegel Online, 28.06.2012

Thilo Sarrazin fordert von der taz eine Unterlassungserklärung. Am 18.6. hatte ein anonymer Autor auf der Wahrheitsseite der taz über Sarrazin geschrieben, dieser werden "inzwischen von Journalisten benutzt wie eine alte Hure, die zwar billig ist, aber für ihre Zwecke immer noch ganz brauchbar, wenn man sie auch etwas aufhübschen muss". Dass die taz die Bild-Zeitung mal als Qualitätszeitung aussehen lassen würde, hätte man auch nicht gedacht.

FAZ, 28.06.2012

Den empörten Reaktionen religiöser Vertreter zum Trotz hält Jürgen Kaube die Entscheidung des Kölner Landgerichts, die religiöse Beschneidung von Säuglingen als Körperverletzung einzustufen, für gut und richtig, da es ein "Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften" nicht gebe: "Das Kindeswohl kann nicht ausschließlich von Gepflogenheiten einer Religionsgemeinschaft abhängig gemacht werden. Bräuche, die in die körperliche Unversehrtheit eingreifen, sind abzuschaffen." Und wenig versteckt an Matthias Drobinski wegen dessen gestriger Apologetik in der SZ adressiert: "Wer Richtern, die dem folgen, den Vorwurf macht, sie machten den Rechtspositivismus zu einer Ersatzreligion, macht ihnen in Wahrheit das größte Kompliment."

Weiteres: Verfassungsrechtler Winfried Hassemer fürchtet, dass der akute Zeitdruck in Sachen Europa in starkem Widerspruch zur juristisch gründlichen und entsprechend langsamen Vorgehensweise bei der Entscheidungsfindung des Bundesverfassungsgerichts stehe. Gina Thomas liest den neuen Roman von Martin Amis, der darin zum Abgesang auf Großbritannien anhebe und sich dort deshalb gegen den Vorwurf der Nestbeschmutzerei verteidigen müsse. "Im Gegensatz zur Berlin Biennale", schreibt Swantje Karich, gewinne bei der Manifesta im belgischen Genk "die Kunst gegenüber den historischen Dokumenten". Verena Lueken tappt in einer Reihe mit Films Noirs im Filmmuseum Frankfurt "durch dunkle Treppenhäuser" und erblickt dabei "Frauen, die rauchen, Frauen, die trinken, Frauen, die schießen." Helmut Mayer sichtet neue Buchveröffentlichungen zum 300. Geburtstag von Jean-Jacques Rousseau. Nils Minkmar schreibt den Nachruf auf die Regisseurin und Drehbuchautorin Nora Ephron, Gerhard Stadelmaier den auf die Schauspielerin Doris Schade.

Besprochen werden neue Schallplatten von Keane und dem John Abercrombie Quartet, sowie Bücher, darunter ein Plädoyer für das Kino von Lars Henrik Gass (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

SZ, 28.06.2012

Die Philosophin Ursula Pia Jauch erinnert ganzseitig an Jean-Jacques Rousseau, der vor dreihundert Jahren geboren wurde und als Kritiker einer "Gesellschaft von Ich-Süchtigen" ihr zufolge wohl schon damals vor Twitter gewarnt hätte: "Im Gewitter von Tweets und Twitter ist 'der Andere' erodiert, der Narziss beginnt den Citoyen zu ersetzen." (Unser Eindruck vom Geschehen auf der Plattform ist freilich ein anderer.)

Weiteres: Jens-Christian Rabe wird beim Berliner Konzert von Jack White Zeuge einer "irrwitzigen Mischung aus einer knarzig-jaulenden Feier der E-Gitarre (...) und einem rührseligen Americana-Volksfest". Henning Klüver blättert in italienischen Zeitungen, wie sich das Land auf das heutige Halbfinalspiel Deutschland gegen Italien einstimmt. Matthias Drobinski holt kritische Stimmen zum Beschneidungsurteil des Kölner Landgerichts ein. Anke Sterneborg plaudert mit Emma Stone, die im heute anlaufenden "Amazing Spider-Man" dem Spinnenmann ins Netz geht. Susan Vahabzadeh schreibt den Nachruf auf die Regisseurin Nora Ephron (dazu mehr hier).

Für die Medienseite hat Claudia Tieschky die Redaktion des Philosophie Magazins (mehr) in Berlin-Wedding besucht.

Besprochen werden der kanadische Indiethriller "Small Town Murder Songs", der Dokumentarfilm "Cinema Jenin", Ausstellungen über den Karikaturisten Karl Arnold in der Pinakothek der Moderne in München und im Olaf-Gulbransson-Museum am Tegernsee und Bücher, darunter Stefano Bennis Roman "Brot und Unwetter" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Zeit, 28.06.2012

"Wir können doch den Fortschritt nicht stoppen": Der brasilianische Bestsellerautor Paulo Coelho ruft im Feuilleton seine Branche dazu auf, sich an die technischen Gegebenheiten anzupassen. Künstler sollten stolz sein, wenn Piraten ihre Werke kopieren. Das Urheberrecht schützt ohnehin nicht ihre Interessen, sondern die der Geschäftswelt. Und der klassische Intellektuelle ist tot, abgelöst vom internetual, vom 'Internetuellen', der sich über Blogeinträge und Tweets ausdrückt: "Als Gutenberg den Buchdruck erfand, riefen die Mönche: 'O Gott, wir ziehen uns lieber aus dieser Welt zurück, sie ist zu schnell geworden. Früher haben wir Zeichnungen gemacht, unsere Bücher waren Kunstwerke, und jetzt haben wir diesen billigen Gutenberg-Druck!' Aber: Jede technologische Revolution schafft eine Plattform für eine kulturelle Revolution."

In der Berliner Zeitung hat Martin Mosebach vergangene Woche bekannt, dass er sich nicht empören könne, "wenn in ihrem Glauben beleidigte Muslime blasphemischen Künstlern - wenn wir sie einmal so nennen wollen - einen gewaltigen Schrecken einjagen". Die Abneigung des Büchnerpreisträgers gegen kalkulierte Blasphemie kann Ijoma Mangold zwar nachvollziehen, doch sei Mosebachs "steile These" selbst eine solche.

Weitere Artikel: Christine Lemke-Matwey zieht eine Bilanz von Alexander Pereiras 21 Jahren als Intendant des Züricher Opernhauses. Ein "barbarischer Akt" ist für Hanno Rauterberg der Plan, den Großteil der Sammlung der Berliner Gemäldegalerie im Depot verschwinden zu lassen, um Platz für Werke des 20. Jahrhunderts zu machen. Ingeborg Harms porträtiert Tom Ford, den "007 der Mode", der gerade in München sein erstes deutsches Markengeschäft eröffnet hat.

Besprochen werden außerdem die "treffliche" Ausstellung "A House Full of Music" auf der Darmstädter Mathildenhöhe, das Comeback-Album der Dexys (ehemals Midnight Runners) sowie Bücher, darunter Mathias Gatzas Wissenschaftskrimi "Der Augentäuscher" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).