Vorgeblättert

Leseprobe zu György Dalos: Der Fall des Ökonomen. Teil 1

05.03.2012. Erster Teil - 2001
Erster Teil - 2001


Der Vater starb Anfang Oktober an einem Mittwoch. Am Dienstag war ihm nach dem gemeinsamen Mittagessen übel geworden, er beschwerte sich über Schmerzen in der linken Schulter und atmete schwer. Gábor Kolozs rief mehrfach in der Praxis des Bezirksarztes an, aber die Leitung war besetzt. Inzwischen ging es dem Vater ein wenig besser, so dass Kolozs ihm beim Anziehen half und ein Taxi kommen ließ. So fuhren sie zur Arztpraxis. Sie nahmen soeben Platz auf der weißen Bank, als der junge Doktor in der Tür erschien und sie außer der Reihe einließ. Er hörte den Vater mit dem Stethoskop ab, maß den Blutdruck und fragte, ob der alte Mann je ein Problem mit dem Herzen gehabt hätte. "Ja", antwortete der Vater, "1960 hatte ich mal einen Herzinfarkt." - "Ich fürchte", sagte der Arzt und richtete seinen Blick auf Kolozs, "dass sich bei Ihrem Vater gerade wieder etwas Ähnliches ankündigt. Wir sollten vorsichtig sein." Er war bereits am Telefon und wählte die Nummer der Rettung - auch hier eine besetzte Leitung. "In diesem Land funktioniert nichts mehr", sagte der Arzt gereizt und fügte nach kurzem Zögern hinzu: "Wissen Sie was? Ich schreibe die Krankenhaus-Einweisung, Sie rufen ein Taxi und fahren mit Ihrem Vater direkt dorthin." Auch die Taxi-Rufnummer war besetzt, und für Kolozs zog sich jede Minute quälend. Erst der vierte Versuch war erfolgreich. Kolozs nahm neben dem Vater auf dem Rücksitz Platz. "Bitte lass mich nicht allein", flehte der Alte wie ein Kind. "Natürlich nicht, Vater", beruhigte ihn Kolozs und nahm seine Hand, die eiskalt war. "Du wirst untersucht, und dann rufen wir ein Taxi und fahren wieder nach Hause."
     Doch es kam anders. Das EKG ergab einen rückseitigen Infarkt, und der Vater wurde gleich auf die Intensivstation gebracht. "Wo werde ich hier beten können?", fragte er verstört und schaute sich mit flatterndem Blick im Krankenzimmer um. Kolozs fuhr nach Hause und packte die Habseligkeiten des Alten ein, darunter den Talis und die Tefillin für das morgige Gebet.
     Dazu sollte es nicht mehr kommen. Dr. Dániel Kolozs wurde von der diensthabenden Schwester am frühen Morgen tot im Bett aufgefunden. Gleich morgens um acht händigte man Kolozs den Leichenschauschein aus, dazu den Personalausweis des Vaters und die wenigen persönlichen Gegenstände, die er am Vorabend in die Klinik gebracht hatte.
     Den Rest des Tages verbrachte er damit, die notwendigsten Dinge zu erledigen. Als Erstes entnahm er dem Bankautomaten in der Filiale der Landessparkasse OTP auf der Király-Straße fünfzigtausend Forint, um fällige Ausgaben tätigen zu können. Um neun Uhr rief er von zu Hause aus bei der Chewra Kadischa an, um die Vorbereitung der Bestattung entsprechend den religiösen Vorschriften möglichst schnell in die Wege zu leiten. Der Vater hatte bereits in seiner slowakischen Geburtsstadt Košice eine Grabstätte im Voraus bezahlt, neben seiner Frau, die dort 1988 auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt worden war. Ebenso hatten sie bereits damals die Kosten für den zukünftigen Leichentransport und die Beerdigung beglichen. Kolozs musste jetzt nur noch beim Standesamt des 7. Bezirks die Sterbeurkunde beantragen, die er bei Vorlage des Leichenschauscheines und des Personalausweises seines Vaters umgehend in zwei Exemplaren erhielt, jeweils versehen mit einer staatlichen Siegelmarke im Wert von fünfzehn Forint. Als die Sachbearbeiterin erfuhr, dass man dem Verblichenen in Košice die letzte Ehre erweisen würde, riet sie, für alle Fälle den Personalausweis des Verstorbenen mitzunehmen. "Sie können ihn ja später hier abgeben", sagte sie. Vielleicht von dem Trauerfall bewegt, fügte sie tröstend hinzu: "Das hat Zeit. Ihrem armen Herrn Vater ist es egal, und Sie haben jetzt andere Sorgen. Die Rentenkasse werden wir von hier aus informieren."
     Als Kolozs mit der Sterbeurkunde bei der Chewra Kadischa erschien, hatte diese bereits Kontakt zu ihrer Partnerinstitution in Košice aufgenommen - die Beisetzung war für Freitag um elf Uhr vorgemerkt. Kolozs eilte nach Hause, denn er klebte vor Schweiß. In einem Stoffbeutel an der Türklinke fand er das Mittagessen des Vaters, wie immer pünktlich und kostenlos von der Küche der jüdischen Gemeinde in Einweg-Plastikbehältern geliefert. Die gestrige Lieferung hatten sie mittags noch gemeinsam gegessen, wie seit Jahren fast jeden Tag. Nachdem er geduscht und sich umgezogen hatte, verschlang Kolozs ohne Appetit ein paar Happen von dem Faschierten mit Brechbohnen und machte sich wieder auf den Weg. Am Nachmittag reservierte er in einem Reisebüro ein Zimmer in der billigsten Pension in Košice, und am Westbahnhof kaufte er sich das Zugticket. Ebenfalls dort besorgte er sich in einer Wechselstube ein paar Hundert slowakischer Kronen für die anstehenden Ausgaben. Kleine Beträge für die Leichenwäscher sowie für den Kantor und die Totengräber steckte er in Briefumschläge, die er sorgsam beschriftete. An die verschiedenen Erfordernisse erinnerte er sich noch von der Beerdigung seiner Mutter her. Allerdings gehörte Košice damals noch zur Tschechoslowakei, er hatte den Vater damals mit seinem eigenen Auto, einem Trabant, dorthin gefahren, und sie hatten mit tschechoslowakischem Geld bezahlt. Anderes Geld, ein anderer Staat, ein anderes Transportmittel, andere Rahmenbedingungen - und eine andere Leiche, grübelte Kolozs, während er mit seinem kleinen Koffer in den internationalen Waggon des Eurocity Borsod stieg und mit der Platzkarte in der Hand den Gang entlanglief, bis er das richtige Abteil gefunden hatte.

All diese Ereignisse verliefen in solch atemberaubender Geschwindigkeit, dass Kolozs erst während der Fahrt darüber nachdachte, was er möglicherweise vergessen hatte und nach seiner Rückkehr erledigen musste. Erstens: Am Montag würde er den Personalausweis des Vaters beim Standesamt abgeben. Zweitens: In irgendeiner Form musste er die Bekannten des Vaters von dessen Ableben unterrichten. Wahrscheinlich war es am einfachsten, wenn er in die Bezirksgemeinde am Bethlen-Platz ging und dort darum bat, eine schwarz umrandete Anzeige in der jüdischen Zeitung aufzugeben. In dieser sollte mitgeteilt werden, dass der Arzt Dr. Dániel Kolozs, Überlebender des Holocaust, im Alter von fünfundneunzig Jahren aus dem Leben geschieden war. Drittens: Einige seiner eigenen Freunde, die den Vater kannten und respektierten, musste er selbst informieren. Vor allem dachte er an seine ehemaligen Kommilitonen aus Moskau, Feri Túróczi und Laci Bakos. Viertens: Mit Márta, von der er sich nach einer kurzen, stürmischen Ehe getrennt hatte, musste er unbedingt sprechen. Márta liebte den Vater sehr, und auch dieser war ihr zugetan. Jedenfalls gehörte sie zu den ganz wenigen, denen es zeitweise gelungen war, seine Wortkargheit aufzubrechen. Und fünftens: Auf jeden Fall musste er Dr. Freiburger schreiben, obwohl dieser vielleicht gar nicht mehr unter den Lebenden weilte. Denn er hatte damals dafür gesorgt, dass die Schweizer Stiftung "Ärzte für Opfer" dem Vater eine monatliche Wiedergutmachung zukommen ließ. Freiburger war einige Jahre jünger als der Vater, hatte dieselbe Schule besucht, ein Arztkollege, der dann zum Freund wurde. Später war er sogar Trauzeuge bei der Eheschließung. Allerdings wartete er nicht den Zerfall der Tschechoslowakei ab wie der Vater, sondern wanderte rechtzeitig aus. In der Schweiz gründete er eine Familie, startete als Arzt eine ernsthafte Karriere und besaß eine Villa in Herrliberg. 1992, bei einem Besuch in Ungarn, schaute er sich erschüttert in der Wohnung des bereits verwitweten Vaters in der Klauzál-Straße um.
     "Also, mein Alter", sagte er zum Vater, "nach allem, was du mitgemacht hast, ist das hier nicht in Ordnung." Kurz nach seiner Rückkehr in die Schweiz kam mit der Post ein deutschsprachiger Antrag an die Stiftung "Ärzte für Opfer", den der Vater nur noch unterzeichnen musste. Anfang Januar 1993 ging die erste Monatszahlung von dreihundert Schweizer Franken auf dem Konto des Vaters bei der OTP ein. Das war ein unvorstellbar wohltuender Betrag, eine Verdoppelung der bescheidenen Rente des Vaters von sechzigtausend Forint, die kaum hinreichte, um nur das Allernötigste zu bezahlen. Später kam dieses Geld auch dem arbeitslos gewordenen Kolozs zugute, der seine Mietwohnung aufgeben musste und wieder an den Ort seiner Kindheit zog. Seither lebten Vater und Sohn aus diesen Einkommensquellen wie einst vom Gehalt des Vaters und der Mutter, bescheiden und sparsam. Nur die Rollen wechselten: Kolozs wurde zum Familienoberhaupt, teilte das Geld ein und führte den Haushalt, während der alte, zahnlose Vater zum Kind wurde, versorgt und bevormundet.

"Nehmen Sie bitte Platz, Herr Kolozs!" Der etwa vierzigjährige Rabbiner zeigte auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. "Bevor wir mit der Beisetzung beginnen, müssen wir einige Dinge besprechen." Kolozs hörte aus der Rede des Rabbiners heraus, dass er nicht aus dieser Gegend stammte. Die Sätze waren semantisch in Ordnung, aber an den Worten klebte der fremde Akzent eines Menschen, der das Ungarische vielleicht als Kind erlernt, aber als Erwachsener nicht mehr benutzt hatte. Er dachte eben noch darüber nach, ob der Akzent englisch oder eher slawisch wäre, als der Rabbiner, als könne er in Kolozs' Gedanken lesen, hinzufügte: "Mein Name ist Elieser, geborener Berger. Meine Eltern kamen aus den Karpaten, wo ich auch noch geboren bin, aber ich wurde in Jericho erzogen. Hier arbeite ich jetzt als Stellvertreter, denn der alte ehrwürdige Rabbi Strelecki kann nur noch schwer sein Amt ausüben. Übrigens befindet er sich heute auf einer Beerdigung in Prešov. Wir machen allmählich nur noch Bestattungen …" Nach einem kurzen Stoßseufzer fuhr er fort: "Bitte, lieber Herr Kolozs, ich möchte Ihnen gern einige Fragen zur Person unseres Toten stellen, damit ich ihn würdevoll verabschieden kann und sich dabei kein Irrtum in meine Rede einschleicht." Aus der Schublade seines Schreibtisches nahm er ein kariertes Heft und einen Filzstift. Für Kolozs war auch dieses Verfahren nicht neu - ebenso hatte der Rabbiner Strelecki seine Fragen eingeleitet, die er ihm und dem Vater über die Mutter gestellt hatte, um aus den Antworten eine förmliche kleine Trauerrede zu gestalten.
     "Sie sollten wissen", begann Kolozs, "dass wir aus Košice stammen. Meine Eltern lernten sich hier kennen und schlossen ihre Ehe in der Synagoge auf dem Rákoczi-Ring. Košice war damals wieder ungarisch, aber sie zogen nach Budapest. Mein Vater war der Meinung: Je weiter weg von Hitler, desto besser. In Budapest wollte er als Arzt praktizieren, aber daran hinderten ihn die Judengesetze. Dann marschierte die deutsche Wehrmacht in Ungarn ein, und als die Mutter mit mir im neunten Monat schwanger war, wurde mein Vater nach Mauthausen deportiert. Von dort kam er nach der Befreiung als körperliches und seelisches Wrack zurück. So habe ich ihn kennengelernt, und daran sollte sich auch nichts mehr ändern. Nie mehr konnte er als Arzt arbeiten. Er bediente den Aufzug im Warenhaus Modehalle und ging 1960 in Invalidenrente. Dann erkrankte 1988 meine Mutter, die bis dahin immer kerngesund gewesen war, an Lungenkrebs und starb drei Monate später. Der Vater blieb allein zurück, und ich zog dann zu ihm."
     "Und wovon lebte Ihr lieber Herr Vater, wenn ich fragen darf?" Der Rabbiner blickte kurz von seinem Heft auf.
     "Er bezog eine niedrige Rente und eine bescheidene Summe als Wiedergutmachung, und damit konnte er knapp auskommen", antwortete Kolozs und fügte verlegen hinzu: "Das heißt, davon lebten wir beide, und …" - "Aber selbstverständlich haben auch Sie ihm beigestanden", unterbrach ihn der Rabbiner. "Natürlich, meinen Möglichkeiten entsprechend", entgegnete Kolozs errötend. Er fürchtete, der Rabbiner könne ihn nun nach seinen eigenen Einnahmequellen befragen. Dieser jedoch wollte nur noch eine einzige Frage klären: "Inwieweit hielt sich Ihr lieber Herr Vater an die Gesetze unserer Religion?" - "Aber hundertprozentig!", rief Kolozs. "Er aß das koschere Essen der Gemeinde und betete jeden Morgen. Zu Jom Kippur fastete er, und solange er überhaupt noch vor die Tür gehen konnte, ging er an jedem Sabbatabend in die Synagoge … Selbst als er schon im Krankenhaus war, bat er mich, ihm Tefillin und Talis mitzubringen." Der Rabbiner stand auf und gab Kolozs damit zu verstehen, dass er sich nun entfernen solle. "Ich bereite mich ein wenig vor", erklärte er, "und wir sehen uns in der Leichenhalle wieder."

"Heute begleiten wir einen Menschen zur ewigen Ruhe", orgelte der Rabbiner Elieser-Berger in seinem klangvollen Bariton, "der aus dem unergründlichen Willen des Ewig-Seienden dreizehn Jahre lang seine liebende Gattin überlebte, um sich mit ihr nun entsprechend ihrem gemeinsamen letzten Willen hier zu treffen. Dr. Dániel Kolozs hat seinen Anteil von den Prüfungen des Holocaust mehr als reichlich erhalten. Er, den das Schicksal ursprünglich zum Arzt, zum Heilen anderer Menschen auserkoren hatte, war als körperlicher und seelischer Invalide selbst auf ärztliche Fürsorge angewiesen. Wir könnten den Schöpfer fragen, aus welchem Grund er ihm dieses Leid zuteil werden ließ, ebenso wie ihn seinerzeit Hiob fragte: 'Lass mich wissen, warum du mich vor Gericht ziehst. Gefällt es dir, dass du Gewalt tust und mich verwirfst, den deine Hände gemacht haben? Deine Hände haben mich gebildet und bereitet, danach hast du dich abgewandt und willst mich verderben?' Aber ähnlich wie Gott Hiob gegenüber seine nicht anzuzweifelnde Macht behauptete, hätte er auch Dr. Dániel Kolozs geantwortet: 'Ich habe die Welt geschaffen, ich weiß, was ich und warum ich es tue auf diesem von mir erschaffenen Erdklumpen.' Aber der Hiob hier vor uns im Sarge begriff dies offensichtlich selbst, denn er trug sein Leid mit Geduld und reinem Bewusstsein und verdammte deshalb niemals den Herrn der Himmel. Im Gegenteil: Solange er Kraft zum Gehen hatte, verbrachte er jeden Sabbatabend und die heiligen Feiertage unter seinen Glaubensgenossen, im Haus der Versammlung, und selbst am Morgen seines Ablebens zog er den Gebetsschal an und hob an seine Stirn den Gebetsriemen, um seiner Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfer Ausdruck zu verleihen. Und er hatte hierfür einen guten Grund. Der Lebensabend des Dr. Dániel Kolozs wurde trotz allen Leids und aller Entbehrungen - denn an materiellen Gütern war er nie reich - regelrecht vergoldet: Sein Sohn Gábor, dieser vorbildliche Mensch, sorgte in Liebe für ihn. Man kann sagen, er versorgte den ohnmächtigen Greis, wie auch Dr. Dániel Kolozs als Vater ein halbes Jahrhundert zuvor ihn als kleines Kind gepflegt hat. Und als die letzte Stunde schlug, schloss Gábor seinem Vater die Augen, denn es gibt keine anderen Familienangehörigen, und er wird der Einzige sein, der nun mit Sohnespietät das Andenken des Vaters bewahrt. Nichtsdestotrotz wird dieser aber auch im Lichte aller für die Opfer des Holocaust entzündeten Kerzen weiterleben …"

zu Teil 2