Heute in den Feuilletons

Ohne Film, ohne Oper, ohne elitäre Spitzenkultur

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.04.2012. In der FAZ fürchtet der Tatort-Autor Niki Stein, dass ihm die Piraten sein geistiges Eigentum wegnehmen. Die Welt protestiert gegen den Rückbau der Stadt Duisburg. Und: Sensation bei Spiegel online: Wird das erfolgreiche Portal kostenpflichtig?

Aus den Blogs, 20.04.2012

Sensation bei Spiegel Online? Nach Informationen des Dienstes Meedia "fordert Blattmacher Georg Mascolo vehement eine Bezahlschranke für das überaus erfolgreiche Nachrichten-Portal. Damit soll der zuletzt deutliche Auflagenrückgang gestoppt werden. Gegner dieser Strategie ist nicht nur Digital-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron, sondern auch Geschäftsführer Ove Saffe."

Felix Schwenzel von wirres.net fragt dazu: "Mal zuende gedacht: gäbe es eine Paywall - wie würde dann künftig zwischen Online- und Print-Spiegel unterschieden? Gäbe es vielleicht sogar zwei Paywalls, eine für Online und eine für den digitalisierten Print-Spiegel?" Mehr zum Thema auch bei turi2.

(Via Roger Ebert) Kubrick on the Guillotine bringt eine herzzerreißende Bilderserie über verfallende Kinos in Großbritannien. Und (Via Matthias Rascher) noch eine traurige Bilderstrecke: alternde Tiere.

Welt, 20.04.2012

Dankwart Guratzsch protestiert gegen den Rückbau der Stadt Duisburg, wo ganze historische Stadtviertel abgerissen werden. Die Faktenlage ist allerdings deprimierend: "Duisburgs Bevölkerungszahl, seit 1975 von 650.000 auf 490.000 abgeschmolzen, sackt bis 2030 um weitere neun Prozent ab."

Weitere Artikel: Sascha Lehnartz berichtet, dass Michel Foucaults Nachlass per Dekret im Journal officiel zum nationalen Kunstschatz erklärt wurde und in Gänze von der Bibliothèque nationale gehortet werden soll. Andrea Backhaus empfiehlt Peter Kosminskys Vierteiler "Gelobtes Land", dessen erster Teil heute auf Arte läuft. Hanns-Georg Rodek sucht im Programm von Cannes nach Spuren deutscher Präsenz.

Auf der Forumsseite treten Maxeiner & Miersch für eine Legalisierung von Drogen ein, die dem organisierten Verbrechen (und dem Terrorismus) den Nährboden entzöge.

NZZ, 20.04.2012

Anlässlich des 100. Todestages von Bram Stoker untersucht der Anglist Werner von Koppenfels den nachhaltigen Reiz und die andauernde Popularität von "Dracula" als "geräumige Projektionsfläche unserer eigenen Ängste und Begierden". Jonathan Fischer beschreibt am Beispiel der neuen CD des malischen Musikerpaars Amadou & Mariam, wie respektvoll westliche Musiker heute an Fusionen herangehen (hier eine Hörprobe). Barbara Villiger Heilig schreibt den Nachruf auf René Gonzales, den langjährigen Intendanten des Théâtre de Vidy-Lausanne.

Besprochen werden außerdem Frank Castorfs Inszenierung von Franz Kafkas "Amerika" in der Schiffbauhalle Zürich, die Ausstellung "Kultur des Sinnlichen" im Schiller-Museum Weimar und eine Compilation mit der angolanischen Tanzmusik Kizomba. Hier eine erste Lektion, wie man dazu tanzt:


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TAZ, 20.04.2012

Cord Riechelmann gratuliert dem italienischen Philosophen Giorgio Agamben zum 70. Geburtstag und würdigt ihn für sein Werk "Homo Sacer" über Auschwitz als "Denker des Undenkbaren". Denn "Agamben sah in dem, wofür Auschwitz steht, nämlich für die elaborierteste Form des nationalsozialistischen Konzentrationslagers und der nationalsozialistischen Menschenvernichtung, die Philosophie direkt betroffen. Auschwitz ist ganz konkret der Tod des Subjekts. Dagegen gibt es kein Beruhigungsmittel, und dagegen hilft keine Therapie. Damit ist der abendländischen Philosophie, die sich seit Descartes um drei Kernbegriffe - Sein, Wahrheit und Subjekt - formiert, eines ihrer Elemente abhandengekommen, das genauso wenig wiederkommen kann wie jeder andere Tote."

Weitere Artikel: Ralf Sotschek erinnert an den irischen Schriftsteller und Dracula-Erfinder Bram Stoker, der vor einhundert Jahren starb. Sylvia Prahl feiert die Neuauflage der ersten drei - vergriffenen - Alben von Pulp, in ihren Augen die beste britische Popband der Neunzigerjahre.

Besprochen wird das Album "Black Radio" des afroamerikanischen Pianisten Robert Glasper.

Und Tom.

FAZ, 20.04.2012

Der vor allem für das GEZ-finanzierte Fernsehen arbeitende Drehbuchautor Niki Stein hat "Angst vor den Piraten", die ihn enteignen wollen und gerät in seinem ganzseitigen Text richtig in Rage: "Wie stellt ihr euch das kulturelle Leben in einer Zukunft ohne ein gesichertes Urheberrecht vor? Filme, die das Youtube-Format sprengen, wird es dann sicher nicht mehr geben. Braucht ihr sie nicht? Träumt ihr vielleicht von einer Welt, in der jeder Netzteilnehmer Teil eines großen Kulturbetriebs ist, ohne Film, ohne Oper, ohne elitäre Spitzenkultur?" (Keine Spielfilme auf Youtube? Stimmt auch wieder nicht, hier etwa der großartige, offizielle Youtube-Kanal des legendären russischen Mosfilm-Studios mit einer stattlichen Zahl russischer Filmklassiker.)

Weiteres: Jordan Mejias war bei einer New Yorker Lesung von Tuvia Tenenbom, der in seiner neuen Buchreportage ein düsteres Deutschlandbild zeichnet: "Das New Yorker Publikum durfte Deutschland als eine durch und durch antisemitische Nation kennenlernen". Hubert Spiegel hat sich in Frankfurt einen Vortrag des tunesischen Philosophieprofessors Ali-Ridha Chennoufi über die Zukunft der "Arabellion" und mögliche islamistische Gefahren angehört. "Über weite Teile arg steif" fand Eric Pfeil Norah Jones' Live-Vorstellung ihres neuen Albums (hier zum Vorab-Reinhören) vor Publikum in Köln.

Besprochen werden Pipilotti Rists Ausstellung "Augapfelmassage" in der Kunsthalle Mannheim, die Swantje Karich trotz mit "viel buntem Schwirrsinn" reich gedecktem Tisch hungrig verließ, Frank Castorfs Kafka-Inszenierung "Amerika" am Schauspielhaus Zürich, eine Ausstellung über Architekten der frühen Sowjetunion im Martin-Gropius-Bau in Berlin, der Superhelden-Teeniefilm "Chronicle", eine Ausstellung mit historischen Dortmund-Fotografien von Wilhelm Schürmann in der SK Stiftung Kultur in Köln und Bücher, darunter neue Salinger-Übersetzungen (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

SZ, 20.04.2012

Gut gemeint ist noch nicht automatisch gut, findet Arne Perras angesichts der Kampagne "Kony 2012" der kalifornischen Organisation "Invisible Children", die mittels dramatisch zugeschnittener Netzvideos und anderer Aktionen internationalen Druck zur Dingfestmachung des ugandischen Verbrechers Joseph Kony aufbauen will. So sprächen ugandische Blogger mittlerweile entrüstet von Manipulationen: Die in den Videos gezeigten "Opfer werden zum bloßen Werkzeug einer Kampagne aus dem Westen erniedrigt. Das Video steckt voller Halbwahrheiten, um die Botschaft so ergreifend und dringlich wie möglich zu gestalten. ... Besonders bedrückend ist, dass das Video den Eindruck erweckt, in Uganda herrsche noch heute Krieg. Dies verursacht nicht nur immensen wirtschaftlichen Schaden".

Weitere Artikel: Joseph Hanimann schwärmt vom "Zauber" von Leonardo da Vincis frisch restaurierter "Heiligen Anna" im Louvre. Thomas Steinfeld berichtet von einer schwedischen Tagung, die sich kritisch mit Steven Pinkers optimistischer These, dass es immer weniger Gewalt gebe, auseinandersetzt. Henning Klüver fragt sich beim Besuch der Möbelmesse in Mailand, ob man in der digitalen Zukunft überhaupt noch Regale in der Wohnung braucht. Claudia Tieschky porträtiert den Schweizer Schriftsteller Daniel de Roulet, der in den 70ern einen Brandanschlag auf Axel Springers Chalet in Gstaad verübt hat. Tobias Kniebe stellt kurz das gestern angekündigte Festivalprogramm von Cannes vor.

Besprochen werden Nuran David Calis' und Beate Seidels Theaterstück "Der Auftrag/Zone", das die gleichnamigen Werke von Heiner Müller und Mathias Énard auf der Bühne des Schauspiel Stuttgarts miteinander verbindet (Christopher Schmidt nickt die gute Absicht ab und schläft dann ein) eine Ausstellung mit Arbeiten von Janet Cardiff und George Bures Miller im Haus der Kunst in München, Pipilotti Rists Ausstellung "Augapfelmassage" in der Kunsthalle Mannheim und Friedrich Christian Delius' neues Buch "Als die Bücher noch geholfen haben" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).