Heute in den Feuilletons

In unaufhörlicher Tirade

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.03.2012. Die NZZ schildert die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Architektur. Die FR ist überhaupt nicht begeistert von Thomas Ruff. Gawker liest die Geschäftszahlen von Twitter und ist entsetzt. Die Literarische Welt bringt eine Hommage Rüdiger Safranskis auf Joachim Gauck. Die taz feiert den ersten Jahrestag von Fukushima. Die SZ wegen typografischer Qualität bitte auf Papier kaufen. Und alle gucken Jelineks "Faust" in Zürich.

FR/Berliner, 10.03.2012

Beim Besuch der Foto-Ausstellung von Thomas Ruff im Münchner Haus der Kunst erlebte Peter Michalzik einen wahren Meister der unsubtilen Kunst: "Diese Bilder sind einfach nicht zu übersehen. Da will einer nicht durch Subtilität glänzen, das ist keine Kunst für Spezialisten, das ist Kunst für alle. Es ist Kunst, die direkt zeigt, was sie drauf hat. 'Substrate' heißt eine Serie, so bunt, dass sie kracht. Es heißt, dass Ruff mit diesen großen, weich verschwimmenden Farbfluten ins visuelle Nichts vordringen wollte. Das Gegenteil ist der Fall: Das ist so sichtbar, dass mehr nicht geht. Wenn das Nichts so dekorativ wäre, dann willkommen, Nihilismus!"

Besprochen werden u.a. Anna Katharina Hahns Roman "Am Schwarzen Berg" und "Wie wir begehren" von Carolin Emcke (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

TAZ, 10.03.2012

Gordon Repinski fand den Großen Zapfenstreich für Christian Wulff "skurril", das Gepfeife und Getröte auf der Straße hat der Präsidentschaft Wulffs dann aber doch ein "versöhnliches Ende" bereitet. Ingo Arend hat eine Werbeveranstaltung für die kommende Documenta besucht, auf der allerdings wenig über das zu erfahren war, was das Publikum im Juni erwartet. Reiner Wandler berichtet von Diskussionen in Spanien, die Landessprache weniger sexistisch zu machen.

Die tazzwei erinnert heute mit zahlreichen Reportagen und Interviews an die Nuklearkatastrophe in Fukushima vor einem Jahr und den Atomausstiegkonsens in Deutschland danach. Daneben unterhält sich Julian Weber mit dem Musiker und Aktivisten Otomo Yoshihide, der in Fukushima aufgewachsen ist. Susanne Messmer trifft im Tokioter Trendbezirk Shinjuku Protagonisten der alternativen und Underground-Szene. Die Schriftstellerin Lucy Fricke erinnert sich an eine Reise als Stipendiatin der Villa Kamogawa vier Wochen nach der Fukushima-Katastrophe. "Fukushima war ein journalistischer Extremfall", schreibt Felix Dachsel und erinnert sich an die "Stunde der Liveticker", die Journalisten zu "Gehetzten" und "Leser zu einsamen Fans" machte. Sven Hansen beobachtet, wie sich die japanischen Medien seit Fukushima verändert haben.

Besprochen werden die Performance "Schubladen" vvon She She Pop im HAU2 in Berlin, eine Ausstellung mit Bildern von Anders Zorn im Museum Behnhaus in Lübeck und Bücher, darunter eine Neuauflage des japanischen Klassikers "Die Wildgans" von Mori Ogais (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Und Tom.

NZZ, 10.03.2012

Barbara Villiger-Heilig hat in Zürich Elfriede Jelineks neues Stück "Faust 1 bis 3" gesehen, das parallel zu Goethes "Faust" gegeben wurde und vom Fall Fritzl handelt: "Subversiv, wie Elfriede Jelinek ist, baggert sie Goethe an, frisst sich in ihn hinein und zersetzt ihn langsam, aber sicher." Es handelt sich um eine komplizierte Angelegenheit auf zwei Ebenen, die von Regisseur Duzan David Parisek in Szene gesetzt wurde: "Wer unten sitzt, sieht via Fernsehmonitoren zwei fabelhafte Faust-Darsteller zu Strichmännchen verkleinert; wer oben sitzt, erhält per Videoprojektion kurze Einblendungen der jelinekschen Inzest-Verarbeitung."

In der Kolumne "When The Music's Over" erinnert sich Radka Denemarková an einen Autounfall vor vielen Jahren, bei dem im Radio gerade Janis Joplin sang. Geneviève Lüscher begrüßt die Gründung eines archäologischen Dachverbands in der Schweiz. Und Peter Hagmann begleitet das Sinfonieorchester Basel auf dem Weg in die Selbständigkeit.

Der Architekturhistoriker Hans Frei denkt in einem interessanten Essay für Literatur und Kunst über die Auswirkungen der Digitalisierung in der Architektur nach, die tiefgreifend sind, weil die Bauausführenden nicht einfach mehr Kopisten eines gezeichneten Entwurfs sind: "Man kann wie auf mittelalterlichen Baustellen gleichzeitig über den Entwurf diskutieren und die 'Produktion auf Verlangen' verändern. Es entstehen solchermaßen keine identischen Reproduktionen von Originalen mehr, sondern vielmehr 'Variationen' des Immergleichen."

Außerdem besuchen Uta Rüenauver und Jörg Plath Nicholson Baker in seinem Haus in Maine unweit der kanadischen Grenze und des Atlantik, wo er mit seiner Frau, der Künstlerin Margaret Brentano lebt. Jens Rüffer erklärt, was es mit dem "Berner Riss" auf sich hat, einer Architekturzeichnung des Straßburger Münsters. Und Manfred Clemenz untersucht "Kunstsymbol und Körpermetaphorik bei Paul Klee".
Anzeige

Welt, 10.03.2012

Die Literarische Welt bringt eine kleine Hommage Rüdiger Safranskis auf Joachim Gauck und sein Freiheitsbuch: "Die Anziehungskraft Joachim Gaucks besteht nun gerade darin, dass man ihm das Vergnügen an der Freiheit anmerkt. Dieses Vergnügen ist bei ihm unverbraucht. Er hat sich noch nicht gewöhnt an die Kostbarkeiten, die unsere freiheitliche verfasste Gesellschaftsordnung garantiert."

Außerdem in der reichhaltigen Beilage: Ruth Klüger liest für ihre Kolumne "Bücher von Frauen" Annette Pehnts Roman "Chronik der Nähe". Henryk Broder interviewt die niederländische Schriftstellerin Jessica Durlacher. Hellmuth Karasek bespricht Friedrich Christian Delius' Essaysammlung "Als die Bücher noch geholfen haben" (Leseprobe).

Besprochen werden außerdem Anna Katharina Hahns Roman "Am Schwarzen Berg", Thomas von Steinaeckers Roman "Das Jahr, in dem ich aufhörte..." und Sachbücher, darunter (besprochen von Heinz Schlaffer) eine Studie von Christopher B. Krebs über "Tacitus und die Erfindung der Deutschen", eine Geschichte der EU von Andreas Wirsching (besprochen von Walter Laqueur) und William Blades "Bücherfeinde".

Im Feuilleton feiert Michael Pilz die neue Platte von Mia. Anna Miller geht mit dem Schauspieler Oliver Korittke Cevapcici essen. Besprochen werden Elfriede Jelineks Faust-Variation in Zürich und eine CD der wunderbaren Geigerin Carolin Widmann mit Schubert.

Im Forum befürwortet Alain de Botton die Spezialisierung in der Arbeitswelt.

Aus den Blogs, 10.03.2012

Oh je, Gawker wurden die Geschäftszahlen des großartigen Kurznachrichtendienstes Tiwtter zugesteckt, der leider nicht so großartig zu verdienen scheint. Ryan Tates Diagnose: "Twitter's business has been a joke, will have to be rebuilt from the ground up, and as far as we know is still in terrible shape."
Stichwörter: Gawker

SZ, 10.03.2012

Ein typografisches Schmuckstück (Gestaltung: Frank Ortmann und Martin Z. Schröder von der Druckerey) ist die heutige komplett bilderlose SZ am Wochenende geworden, dessentwegen sich der Erwerb der heutigen Printausgabe ohne weiteres lohnt: Passend bildet das Thema "Schriftbild" den Schwerpunkt, das mit Gedichten aus der Feder von Nora Bossong, Franzobel, Durs Grünbein, Steffen Jacobs und Ror Wolf flankiert wird. Max Goldt steuert dazu eine erwartbar abschweifende, "in einem vernünftig abwägendem Sinne feministisch" zu verstehende Geschichte bei. Joachim Käppner besucht die Handschriftenermittler des LKA. Über die Heilige Schrift und die Buchstaben darin denkt Dr. Gustav Seibt in Fraktur nach. Alex Rühle lustwandelt mit dem 1978 erblindeten Hugues de Montalembert durch die Flure des Louvre. Und W.J.T. Mitchell gibt im Gespräch mit Kolja Reichert gänzlich unillustrierte Auskunft über Bilder.

Für das Feuilleton hat Judith Liere die Baustelle von Schlingensiefs Operndorf in Burkina Faso besucht, wo bereits Schulunterricht stattfindet. Sie resümiert: "Selbst wenn dort, mitten in der rotstaubigen Savanne, niemals eine Oper auf die Bühne gebracht werden sollte - als gescheitert kann man das Projekt bereits jetzt nicht mehr erklären. Wegen der 50 Erstklässler, die dort ohne Schul- und Essensgeld lernen können und zu denen jedes Jahr neue dazukommen sollen."

Weiteres: Andrian Kreye hat sich auf der Konferenz TED2012 in 4 Tagen auf 90 Vorträgen (einige davon findet man hier) der totalen Reizüberflutung ausgesetzt. Michael Fischer fasst die Schweizer Diskussionen um die Buchpreisbindung zusammen, die dort 2007 abgeschafft werden musste und nun parlamentarisch wieder eingeführt werden soll.

Besprochen werden eine Beethoven-Einspielung von Thomas Zehetmair, die Reinhard Brembeck von "Feuer, Aufruhr, Revolte" beim Barrikadensturm träumen lässt, Elfriede Jelineks Faust-Komplementärstück "FaustIn and out" am Schauspielhaus Zürich, die Juli-Zeh-Verfilmung "Schilf", der SciFi-Fantasystreifen "John Carter" und der frühere, um bislang gestrichene Passagen erweiterte DDR-Publikumsrenner "Nackt unter Wölfen" von Bruno Apitz (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 10.03.2012

Gerhard Stadelmaier hat in Zürich Elfriede Jelineks "Faust 1-3" gesehen und beschreibt das Stück als "Textfläche von etwa achtzig engbeschriebenen Seiten, in denen die Wort-Ergießerin und Kalauer-Speierin in unaufhörlicher Tirade drei Frauen in drei Andeutungsrollen von den Qualen und Martern eines von ihrem Vater jahrzehntelang im Keller festgehaltenen, gefolterten und vergewaltigten Mädchens, eines Abgrund-Gretchens von heute erzählen lässt".

Weitere Artikel: Sandra Kegel freut sich, dass Frankfurt ein Museum der Romantik bekommt (das großenteils aus den Beständen des Freien Deutschen Hochstifts bestückt sein wird). Jürgen Dollase lernt im Pure C, dem Zweitrestaurant des Oud Sluis in den Niederlanden, dass auch Spitzenköche wie Sergio Herman nicht spitze kochen, wenn sie nicht spitze bezahlt werden. Auf der Medienseite meditiert Patrick Bahners über den Großen Zapfenstreich, den er als angemessenen Abschied Christian Wulffs empfand. Auf der letzten Seite erzählt Michael Martens ein Märchen über die EU.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Prunkstücken aus den Geheimarchiven des Vatikans in Rom und Bücher, darunter - von Daniel Kehlmann als Meisterwerk gefeiert - John Burnsides Roman "In hellen Sommernächten".

In Bilder und Zeiten malt sich Uwe Ebbinghaus ein gealtertes Deutschland im Jahr 2030 aus. Werner von Koppenfels sucht und findet Parallelen zwischen Ghirlandaios Porträt der jungen Giovanna Tornabuoni und einem Shakespeare-Porträt, das als Kupferstich eine der ersten Werkausgaben zierte. Hannelore Schlaffer beschreibt die heutige City als eine mit Cafes, Imbissbuden und Restaurants ausgestattete Kantine der Angestellten. Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht's um die Flötenmusik Friedrichs des Großen. Für die letzte Seite interviewt Rose-Maria Gropp Cindy Sherman.

Außerdem bringt die FAZ heute ihre Literaturbeilage heraus. Im Aufmacher bespricht Felicitas von Lovenberg Mathias Gatzas Roman "Der Augentäuscher". Im Aufmacher des Sachbuchteils beklagt Jürgen Kaube die mangelnde Qualität wissenschaftlicher Sachbücher: "Bedenklich ist weniger, dass 2012 nicht annähernd so viele Werke von Rang und Folgenreichtum vorgelegt werden wie 1962, als dass der Betrieb keine Begriffe und Maßstäbe dafür hat."

Für die Frankfurter Anthologie liest Ulrich Weinzierl das "Wienlied" André Hellers:

"Es ist ein unheiliges Wunder um dieses Wien.
Überall tragen die Menschen einen Zirkus
Unter dem Herzen, mit richtigen Seiltänzern
(...)"