Heute in den Feuilletons

Die Tasse ist bei mir

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.08.2011. In der FAZ fragt Necla Kelek, wozu deutsche Intellektuelle eigentlich Stellung, Amt und Privilegien haben. Rassistisch findet in der NZZ die französische Feministin Christine Delphy den Jubel der französischen Sozialisten über die Nichtanklage von DSK. In FR und Berliner Zeitung empfiehlt George Michael seinen schwulen Fans, sich nicht alle Konzertkarten von Frauen wegschnappen zu lassen. Die Welt möchte Luft aus der Datenkrake GEZ ablassen. Spiegel Online erklärt der Buch- und Musikindustrie, warum kostenlos nicht gleich illegal ist.

Welt, 31.08.2011

Ekkehard Kern freut sich, dass doch noch einmal über die Haushaltsabgabe der Öffentlich-Rechtlichen diskutiert wird, er ist mit ihr nämlich gar nicht einverstanden. Schon weil die Datenkrake GEZ statt abgeschafft noch aufgebläht wird: "Ein Paragraph würde es den Gebührenfahndern künftig erlauben, Vermieter aufzufordern, Auskünfte über ihre Mieter zu geben."

Weiteres: Peter Zander blickt auf die heute beginnenden Filmfestspiele von Venedig, vielleicht die letzten unter Festivalleiter Marco Müller. In der Reihe zu "Nine Eleven und die Folgen" schreibt heute die Philosophin Susan Neiman, die im September 2001 gerade ihr Buch "Das Böse denken" schrieb. Mara Delius liest Elif Batumans Roman "Die Besessenen". Sarah Elsing berichtet von einem Auftritt des isländischen Künstlers Ragnar Kjartanson in Frankfurt. Manuel Brug hat sich Rossinis "Moses in Ägypten" in Pesaro angesehen.

Weitere Medien, 31.08.2011

Twitter ist besser als Facebook und Google Plus zusammen, meint Andre Vatter auf zeit.de - und irgendwie hat er recht: "Twitter ist .. tatsächlich das erste demokratische Medium in der Geschichte der Menschheit, das den Stimmlosen die Macht gab, die Freiheit der Presse auszuüben und ihnen gleichzeitig die notwendige kritische Reichweite ermöglichte. Alles, was es dazu braucht, ist ein internetfähiges Handy und ein Twitter-Konto."

Zur Zeit geistert eine Meldung durch die deutschen Medien, wonach laut einer Umfrage, die von Musikindustrie, Börsenverein des deutschen Buchhandels sowie der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen GVU in Auftrag gegen wurde, in Deutschland "jedes zweite E-Book illegal heruntergeladen" wird. Bei Spiegel Online fanden Christian Stöcker und Martin U. Müller fanden diese Interpretation der Studie ziemlich tendenziös: "Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), die die Studie im Auftrag der Verbände durchführte, erwähnt den Begriff 'illegal' in ihrer Auswertung nicht - 'wir führen da keine Wertung durch', erklärte ein GfK-Sprecher auf Anfrage. Die Verbände dagegen interpretierten augenscheinlich die meisten Downloads, die nicht 'kostenpflichtig' waren, als illegal. ... Dabei gibt es selbstverständlich gewaltige Mengen an völlig legalen Buch-Downloads in PDF, ePub oder einem anderen Format."

NZZ, 31.08.2011

Einen schweren Rückschlag für den Feminismus sieht die französische Feministin Christine Delphy im Interview die Affäre DSK und erkennt neben Geschlechtervorurteilen sogar rassistische Ressentiments: "Der ziemlich einhellige Jubel aus den Reihen des Parti socialiste nach der Einstellung des Strafverfahrens illustriert dieser Tage bis zur Karikatur die Verachtung, welche Leute, die vorgeben, für das republikanische Prinzip der Egalite zu kämpfen, in Wirklichkeit für arme, weibliche Immigranten wie Diallo hegen. Viele Reaktionen, die seit dem 14. Mai publik wurden, haben Solidaritäten zwischen Partei-, Klassen- und 'Rassen'-Genossen offenbart. Vergewaltigungen, das gibt es unter den dunkelhäutigen 'Barbaren' in den Banlieues. Weiße, reiche, aufgeklärte 'Urfranzosen' können keine Vergewaltiger sein."

Weitere Artikel: Trotz anhaltender Bauarbeiten auf dem Lido freut sich Susanne Ostwald über die Eröffnung der 68. Filmfestspiele in Venedig. Andrea Köhler wirft einen kritischen Blick auf Untergangsprognosen und Hurrican-Hypocrisy in New York.

Besprochen werden Colson Whiteheads Roman "Der letzte Sommer auf Long Island" und Juan Pablo Villalobos' Roman "Fiesta in der Räuberhöhle", der den Slang mexikanischer Drogendealer perfekt beherrsche, sowie Erich Mühsams Tagebücher (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
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FR/Berliner, 31.08.2011

In einem ziemlich wehleidigen Interview empfiehlt George Michael seinen schwulen Fans, früh aufzustehen, wenn sie sein Konzert besuchen wollen: "Ich habe eine Menge schwuler Fans, aber die kommen oft nicht an Tickets ran, weil meine weiblichen Fans ihren Rausch der letzten Partynacht nicht erst ausschlafen müssen, wenn meine Konzertkarten in den Verkauf gehen."

Weitere Artikel: Anke Westphal stellt die Filme vor, die sie beim heute beginnenden Filmfestival in Venedig erwarten. Werner Gigert warnt, dass die arbeitslosen Jugendlichen in Deutschland demnächst ebenfalls randalieren könnten, wenn die staatlichen Leistungen weiter zusammengestrichen werden. Sebastian Preuss fordert längere Öffnungszeiten für die "Gesichter der Renaissance"-Ausstellung im Berliner Bode Museum. Und es gibt eine Comicbeilage zum Sondermann-Publikumspreis.

Besprochen werden Ivan Nagels Schriften zum Theater und Inka Pareis Roman "Die Kältezentrale" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 31.08.2011

Zum 125-jährigen Bestehen des Fischer Verlags unterhält sich Christoph Schröder mit der Verlegerin Monika Schöller über ihren misstrauisch beäugten Anfang, über aufgedrängte Werte und die imposante Backlist: "Das mit der Macht und dem Haben ist so eine Sache. Die Übersetzerin Svetlana Geier hat mir gesagt, dass es im Russischen die Konstruktion 'Ich habe eine Tasse' nicht gibt. Dort heißt es: 'Die Tasse ist bei mir. So empfinde ich das auch. Der Verlag ist bei mir. Ich bin seine Treuhänderin. Ich habe den Verlag ja auch nicht gegründet. Samuel Fischer durfte sagen: 'Ich habe den Verlag.'"

Weiteres: Gaby Hartel berichtet von der Kunst-Triennale im englischen Folkestone. Cristina Nord gibt einen Ausblick auf die heute beginnenden Filmfestspiele von Venedig.

Und Tom.
Stichwörter: Samuel Fischer, Venedig

FAZ, 31.08.2011

Ein Jahr nach der Veröffentlichung von Thilo Sarrazins Buch sieht Necla Kelek im Integrationsdiskurs alles im noch viel Ärgeren. Nicht Sarrazins Schuld ist das ihrer Ansicht nach, sondern die einer verblendeten Gesellschaft, die Integrationsprobleme jetzt erst recht durchs Ignorieren und Schönreden zu lösen hofft, Schuld auch einer Elite, die in ihrer Aufgabe versagt: "Auch die deutschen Intellektuellen wollen selbst keine Elite mehr sein, sie wollen auch nicht deutsch oder außer mit sich mit sonst was identisch sein. Und das obwohl sie Stellung, Amt und Privilegien nur deshalb übertragen bekommen haben, weil sie mit diesen Möglichkeiten und ihrer intellektuellen Qualität der Gesellschaft auch eine kulturelle Identität nahebringen sollen."

Weitere Artikel: Apple klagt gegen Samsung und lässt die Verbreitung angeblich zu Apple-ähnlicher Geräte verhindern (mehr dazu im Standard): Stefan Schulz fragt sich, welchen Sinn das Beharren auf der Eigentümlichkeit des Apple-Designs haben kann, wenn es gerade darauf hinarbeitet, den Menschen und seine Handy-Prothese möglichst ohne Auffälligkeiten und Widerstände des Geräts zu verschmelzen. In der Glosse setzt sich Helmut Mayer mit einem Text im evangelischen Pfarrerblatt auseinander, der zur Freude antisemitischer Websites Israel zur, so Mayer, "Abtrennung des religiösen Selbstverständnisses von den Instanzen Staat und Territorium" aufruft und also das Existenzrecht Israels in Frage stellt. Gerhard Rohde berichtet von Abschieden bei den Salzburger Festspielen. Auf der DVD-Seite werden Editionen von Herbert Achternbuschs "Heilt Hitler", des restaurierten Stummfilms "Schlacht an der Somme" und von Gillo Pontecorvos "Schlacht um Algier" empfohlen.

Besprochen werden die Ausstellung "Vasari 500" im Wallraf-Richartz-Museum in Köln, Veit Helmers Film "Baikonur" und Bücher, darunter der erste Band einer Werkausgabe des jüdischen Aufklärers Saul Ascher (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 31.08.2011

Jan Füchtjohann liest das Buch "Homicide" von David Simon - dem Schöpfer der berühmten Fernsehserie "The Wire" - und auch dieses Buch schildert Verbrechen und Strafe in der Stadt Baltimore, wo Simon lange als Gerichtsreporter arbeitete: "Der Leser verliert sich erst einmal in dieser Welt, zwischen Ortsangaben und Abkürzungen, Namen und Verfahren, Dialekten und Slangs, die auch die deutsche Übersetzung leidlich bewahrt. Er wird überfordert, fühlt sich wie ein junger Reporter, und versteht doch Seite für Seite besser, wie die Stadt Baltimore funktioniert."

Weitere Artikel: Als "einen Versuch der Selbstrettung" liest Kia Vahland Ai Weiweis Newsweek-Artikel, in dem er trotz Redeverbot heftige Kritik an den Pekinger Behörden übt. Susan Vahabzadeh wirft einen Blick auf das beginnende Filmfestival von Venedig, das mit George Clooneys Film "Die Iden des März" eröffnet wird. Aus dem gleichen Anlass unterhält sich Tobias Kniebe mit Christoph Waltz, der in Venedig gleich zwei Filme vorstellt: Roman Polanskis Verfilmung des Reza-Stücks "Der Gott des Gemetzels" und eine neue Verfilmung der "Drei Musketiere", in der er den Kardinal Richelieu spielt. Matthias Waha besuchte das Erlanger Poetenfest. Gemeldet wird, dass die Zeitschrift Literaturen nach dem Kauf durch Ringier künftig dem Magazin Cicero beigelegt werden soll. Auf der Medienseite versuchen Bernd Dörries und Christopher Keil aus der "Übernahme der WAZ durch die Familie Grotkamp" schlau zu werden.

Besprochen wird eine Ausstellung über Kriminalität im Römischen Reich im RömerMuseum in Xanten.