Heute in den Feuilletons

Europa, der Westen selbst

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.07.2011. Die Debatte um das norwegische Attentat geht weiter - mit unterschiedlichsten Standpunkten: Es ist falsch, dem Massaker überhaupt einen Sinn zuzuschreiben, meint Simon Jenkins im Guardian. David Gelernter weigert sich in der FAZ, Breivik als Geistesgestörten zu sehen. In der Welt erzählt der Historiker Timothy Snyder, wo die Bloodlands liegen. Die NZZ beobachtet postrevolutionäre Depression in Tunesien. Und der Economist erkennt dein Gesicht.

Welt, 29.07.2011

Hannes Stein unterhält sich mit dem Historiker Timothy Snyder über seiin Buch "Bloodlands" (Leseprobe). Nicht die Lager waren das Schlimmste beim großen Morden Hitlers und Stalins, meint er, und versucht einen geografischen Blick zu entwickeln. Es gebe drei Möglichkeiten, die Bloodlands zu definieren: "Erstens: jene Gebiete, wo der Holocaust verübt wurde. Zweitens: jene Gebiete, die sowohl von den Deutschen als auch von den Sowjets beherrscht wurden. Drittens: jene Gebiete, wo die überwältigende Mehrheit jener Leute starb, die von den beiden Regimes getötet wurden. Und für mich ist das Interessante, dass alle drei Definitionen dieselbe Region umreißen. Also den westlichen Teil von Russland, die Ukraine, Weißrussland, die baltischen Länder und das heutige zentrale und östliche Polen."

Weitere Artikel: Claus Christian Malzahn berichtet, dass der RBB der Journalistin Güner Balci einen Film über die Sarrazin-Debatte entzog und vermutet politische Erwägungen hinter dieser Entscheidung. Elmar Krekeler schreibt zum Tod der ungarischen Autorin Agota Kristof.

NZZ, 29.07.2011

"Postrevolutionäre Depression, Ernüchterung und Ermattung" beobachtet Beat Stauffer in Tunesien, zunehmend beherrschten Opportunisten und Islamisten das Terrain, die Revolutionäre ziehen sich frustriert zurück: "Äußerst beunruhigend ist dabei der Umstand, dass die islamistischen Organisationen offenbar über reichliche Finanzmittel verfügen. 'Wir haben Hinweise auf einen enormen Geldfluss aus Saudiarabien und den Golfstaaten', sagt Zahra. Die Islamisten spielten 'dasselbe Spiel' wie die Muslimbrüder in Ägypten: Sie richteten Stipendien an arme Studenten aus, unterstützten arbeitslose Universitätsabgänger und junge Frauen, die bereit seien, ihre Arbeit aufzugeben und wieder an den Herd zurückzukehren. Auf solche Weise, so befürchtet die Frauenrechtlerin, soll in Tunesien die Demokratiebewegung ausgebremst werden."

Weiteres: Esther-Marie Merz spürt den afrikanischen Wurzeln des Tangos nach. Martin Zingg schreibt zum Tod der ungarisch-schweizerischen Schriftstellerin Agota Kristof. Gabriele Detterer besucht eine von Alberto Alessi kuratierte Ausstellung italienischen Designs bei der Mailänder Triennale.

Weitere Medien, 29.07.2011

Es ist falsch, dem Attentat von Utoeya einen Sinn zuzuschreiben, meint Simon Jenkins im Guardian: "No, Anders Breivik does not tell us anything about Norway. No, he does not tell us anything about 'the state of modern society'. He tells us nothing about terrorism or gun control or policing or political holiday camps. His avowal of fascism could as well have been of communism or Islamism or anarchism. The desperate, perhaps understandable, search to find meaning in such acts is dangerous."
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Stichwörter: Breivik, Anders Breivik

TAZ, 29.07.2011

Unhaltbar und gefährlich findet es Albrecht von Lucke, den Publizisten Henryk M. Broder und andere in ursächlichen Zusammenhang mit dem Massenmörder von Norwegen zu bringen. Damit widerspricht er den Kommentaren von Ines Kappert (hier) und Robert Misik (mehr), nach denen Broder und Co. "sich der Mittäterschaft schuldig gemacht" hätten. Lucke kritisiert das Verschwimmen der Grenzen zwischen Ideologie und Tat und Geschichtsvergessenheit. "Ende der 70er Jahre, im 'Deutschen Herbst', wurden jene ganz schnell zu Sympathisanten der RAF erklärt, wer lediglich auf Demonstrationen mitgingen - und die Theoretiker der Kritischen Theorie, ja selbst ein Literaturnobelpreisträger wie Heinrich Böll umgehend zu 'geistigen Brandstiftern' deklariert. Auch hier hieß es stets: So was kommt von so was."

Zu lesen ist außerdem ein Gespräch mit Hannes Stein, Journalist und Autor der "Achse des Guten", über die entscheidenden feinen Unterschiede auch bei Islamkritikern: "Muslime als Orks und die islamische Welt als Mordor. Das ist nicht intelligent."

Christian Werthschulte porträtiert die Londoner MC-Szene und stellt die neuen Alben von Wiley, LV & Joshua Idehen und Mz Bratt vor. Christoph Schröder und Dirk Knipphals würdigen im Nachruf die ungarnstämmige Schriftstellerin Agota Kristof.

Besprochen wird eine Ausstellung von neuen Skulpturen des amerikanischen Künstlers John Chamberlain in der Münchner Pinakothek der Moderne.

Und Tom.

Weitere Medien, 29.07.2011

Digitale Gesichtserkennung ist schon nicht mehr Science fiction, schreibt der Economist in seiner neuen Nummer: "Brazil, preparing for the soccer World Cup in 2014, is already trying out pairs of glasses with mini-cameras attached; policemen wearing them could snap images of faces, easy to compare with databases of criminals. More authoritarian states love such methods: photos are taken at checkpoints, and images checked against recent participants in protests."

In einem Artikel Jan Kuhlmanns in der Stuttgarter Zeitung äußert sich auch die liberale Muslimin Lamya Kaddor zu Henryk Broder: "Die Islamkritiker sind nicht schuld an der Tat, aber sie haben sie begünstigt. Sie diffamieren den Islam pauschal und schüren damit Ängste. Broder und Co. haben dafür gesorgt, dass die antimuslimische Stimmung gesellschaftsfähig wird. Breivik hat sich durch sie bestätigt gesehen. Damit sitzt Broder mit im Boot."

Aus den Blogs, 29.07.2011

(Via Gizmodo). eine kleine Geschichte der Manipulation von Fotos seit dem frühen 19. Jahrhundert erzählt der Dienst Fourandsix:


FR, 29.07.2011

Recht allgemein beklagt der Historiker Gerd Althoff eine verklärte Sicht auf die Kreuzzüge im Westen, eine distanzierende Auseinandersetzung habe noch gar nicht stattgefunden, wobei er als einzigen Namen Anders Breivink nennt. Christian Thomas reist durch den Harz. Besprochen wird Hans Christoph Buchs "Apokalypse Afrika oder Schiffbruch".

SZ, 29.07.2011

Die Islamkritiker haben gar nicht den Islam kritisiert, sondern die eigene Gesellschaft, glaubt Stefan Weidner angesichts des Massakers in Norwegen. "Niemand, nicht einmal die entschiedensten Kritiker der Anti-Islam-Bewegung, haben das ganze Ausmaß dieses autoaggressiven Potentials erahnen können. Vielmehr haben wir uns von der Rhetorik der Anti-Islam-Bewegung, ja vom bloßen Namen 'Islamkritik' in die Irre leiten lassen. In Wahrheit ist der Islam hier nur die (stark überstrapazierte) Bande, über deren Umweg die Kugeln der Kritik die eigene Gesellschaft anstoßen sollen. Die Islamkritiker kritisieren den Islam und meinen die eigene Gesellschaft, die nicht so ist, wie sie sie sich wünschen."

Weitere Artikel: Dorion Weickmann informiert darüber, dass das Königlich Dänische Ballett und sein Direktor unter Drogenverdacht (Kokain!) geraten sind. Von einer Münchner Diskussion, bei der sich im Ausland lebende Kunstexperten über Ai Weiwei und die Gründe für den Kampf des Regimes gegen ihn nicht einig wurden, berichtet Kia Vahland. Den Nachruf auf die Schriftstellerin Agota Kristof hat Joseph Hanimann verfasst. 

Besprochen werden der Salzburger "Jedermann", die Wiederaufnahme des "Lohengrin" von Hans Neuenfels in Bayreuth, ein Liszt-Liederabend mit Diana Damrau im Münchner Herkulessaal und die Ausstellung "Riemenschneider im Chor" in der Johanniterhalle Schwäbisch Hall.

FAZ, 29.07.2011

Der Informatiker und Publizist David Gelernter, der selbst einen Terroranschlag des Una-Bombers nur schwer verletzt überlebte (mehr hier), denkt nicht daran, den Mörder Anders Breivik für geistesgestört zu erklären. Er wollte den Terror und hat ihn eiskalt umgesetzt. Einen wichtigen Unterschied zum dschihadistischen Terror sieht Gelernter im übrigen auch: "Die Amerikaner haben nicht vergessen, wie die Palästinenser im Westjordanland auf den Straßen tanzten, als vor zehn Jahren Tausende von Männern, Frauen und Kindern ermordet wurden. Ein Terrorakt im Namen des Dschihad löste öffentliche Bekundungen von Stolz und Freude unter Dschihadisten auf der ganzen Welt aus. Kein dschihadistischer Terrorist war jemals so auf sich allein gestellt, wie Breivik es ist."

Weitere Artikel: Die politische Lähmung, in die die Tea Party die amerikanische Politik getrieben hat, analysiert Jordan Mejias. Heiner Bastian, Herausgeber des Catalogue Raisonnee der Gemälde des Künstlers, erinnert sich einer Begegnung mit Cy Twombly. Über den Versuch, der israelischen Regierung, neue archäologische Funde mit Gewalt in die gewünschte Richtung zu interpretieren, berichtet Joseph Croitoru. Das Klavierfestival von Verbier hat Peter Brembach besucht. In der Glosse schweigt Andreas Platthaus beredt vom Wetter.

Besprochen werden Francis Alys' Sammlung von "Fabiola"-Gemälden im Baseler Haus zum Kirschgarten, die Gregory-Crewdson-Ausstellung bei c/o Berlin, und Bücher, darunter Dave Eggers' wahre Katrina-Erzählung "Zeitoun" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).