Heute in den Feuilletons

Das Recht auf Notizen, Zitate und Druck

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.03.2011. In der FR  bringt der Historiker Philipp Blom eine überraschende Idee ins Spiel: Wie wär's mit einer Trennung von Staat und Religion? Im Tagesspiegel vermisst Peter Schneider den Sadomaso-Aspekt in Andres Veiels Film über Gudrun Ensslin und Andreas Baader. Die Berliner Zeitung schildert das Generationenproblem in Tunesien. In der NZZ fragt Mark Lilla: Wie wahrscheinlich ist Demokratie in arabischen Ländern? Und die SZ stellt die Frage: Wie oft dürfen Bibliotheken ein Ebook "ausleihen", bevor sie eine neue Lizenz erwerben müssen?

Berliner Zeitung, 07.03.2011

Auf der Seite 3 schildert Thomas Schmid in einer sehr schönen Reportage den Stand der Dinge in Tunesien. Ein großes Problem ist nicht nur die Frage, wie es weitergeht, sondern auch mit wem: "Chebbi, Brahim, Ben Ali, Ghannouchi, Ben Achour, Mezabaâ, Caid-Essebsi - von allen Politikern, die oben erwähnt wurden und die heute im Zentrum der öffentlichen Debatte stehen, ist keiner unter 60 Jahre alt. Die Diktatur hat das Entstehen einer alternativen jüngeren politischen Elite verhindert. Und die jungen Menschen auf dem Kasbah-Platz haben keinerlei politische Erfahrung, schon gar nicht in der Verwaltung."

Außerdem: Ums Berliner Schloss wurde gestritten bis zum letzten Schnörkel im Relief, für den Platz um den Hauptbahnhof, an dem sich moderne Architektur entfalten könnte, interessiert sich kein Schwein, stellt Nikolaus Bernau deprimiert fest.

FR, 07.03.2011

Nach dem Ausspruch des neuen Innenministers Friedrich, der Islam gehöre nicht zu Deutschland und der Beschwörung einer christlich-jüdischen Leitkultur erinnert der Historiker Philipp Blom daran, dass nur die Aufklärung ein Zusammenleben verschiedener Religionen gestattet und bringt die in Deutschland noch wenig bekannte Idee einer "Trennung von Kirche und Staat" ein, "die auch bedeutet, dass ein neuer, wohl durch Parteiraison gekürter Innenminister seine Meinungen zur deutschen 'Historie' für sich behält, wenn er sich keine qualifizierte Meinung zu ihnen leisten kann."

Weitere Artikel: Der Schriftsteller Otto A. Böhmer wartet aus unklaren Gründen mit einem Dramolett auf, in dem Adorno und Heidegger, ohne sich zu erkennen, in einem Bahnhofsrestaurant an einem Tisch speisen. Natalie Soondrum schreibt zum Tod des Che Guevara-Gefährten Alberto Granado.

Besprochen werden eine "Götterdämmerung" in Straßburg, eine Dramatisierung von Viscontis "Lufwig II." durch den Regisseur Ivo van Hove an den Münchner Kammerspielen und eine neue CD von Avril Lavigne.

Tagesspiegel, 07.03.2011

Mit großem Interesse und auch Bewunderung hat Peter Schneider Andres Veiels RAF-Film "Wer wenn nicht wir" gesehen. Aber warum ist der Sex so zahm? Schneider erinnert sich an eine italienische Freundin, die einst Baader und Ensslin Unterkunft gab und bei ihrer Rückkehr überall Polaroidfotos fand: "Sie zeigten Sado-Maso-Szenen, in denen Gudrun die Sklavin war. Meine Freundin, die schon einige Guerilleros aus Lateinamerika beherbergt hatte, schwor mir, sie würde nie mehr deutschen Terroristen Unterkunft gewähren. Wenn Baader in Veiels Film mit Gudrun schläft, sieht es nicht anders aus, als wenn Gudrun mit Bernward zugange ist. Man versteht nicht, warum Gudrun dem sensiblen Bernward mit dem prügelnden und Kinder verachtenden Baader durchbrennt und Bernward den gemeinsamen Sohn überlässt."
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TAZ, 07.03.2011

Waldemar Kesler erzählt, dass der Comicautor Eric Powell (in einem Video, das er inzwischen von Youtube entfernte) eine "creator owned comics"-Bewegung ins Leben gerufen hat. Hintergrund ist, dass die großen Comic-Konzerne Marvel und DC kaum Alternativen zu ihren Superhelden zulassen: "Da die Superheldenverlage den Markt so dominieren, nehmen US-Händler kaum andere Comics in ihr Programm auf. Anders als in Deutschland ist es für sie ein Risiko, unbekannte Comics anzubieten, da sie diese oft nicht remittieren und damit auf der Ware sitzenbleiben können. Bei ihren persönlichen Projekten sind Künstler also von Eigenwerbung und Mundpropaganda abhängig." Beworben werden die Autorencomics natürlich im Internet.

Weiteres: Dirk Knipphals meldet, dass Karl Heinz Bohrer und Kurt Scheel Ende des Jahres die Leitung des Merkur an den Kunsthistoriker Christian Demand abgeben werden. Besprochen werden die Ausstellung "Art & Fashion - Zwischen Haut und Kleid" in Wolfsburg und eine Neue Deutsche Welle-Spektakel im Centraltheater Leipzig.

Und Tom.

NZZ, 07.03.2011

Der amerikanische Politikwissenschafter Mark Lilla analysiert im Interview die Revolution in der arabischen Welt. Entstehen dort wirklich neue Demokratien? "Das ist die große Frage. Wir wissen, was die Bedingungen für eine demokratische Gesellschaft sind. Freie Wahlen sind nur ein kleiner Teil davon. Moderne Demokratien basieren auf drei Faktoren: auf Individualität, auf der Trennung von Gesellschaft, Religion, Kultur und Politik und auf einer unabhängigen, nicht korrupten Bürokratie. Wie viele der jetzt in Aufruhr befindlichen Staaten erfüllen diese Bedingungen? Keiner. Was es allenfalls gibt, sind Scheindemokratien, in denen zwar Wahlen stattfinden, doch die Bürokratie nach wie vor von Vetternwirtschaft bestimmt ist und Clan-Loyalitäten weit wichtiger sind als die Loyalität zum Staat."

Weiteres: Andreas Hutter erzählt die traurige Geschichte der Frieda Roth (Frau von Joseph), die 1930 wegen Schizophrenie in eine Klinik kam und am 15. Juli 1940 in der NS-Gaskammer von Schloss Hartheim ermordet wurde. Besprochen werden Felix Gonzalez-Torres' Ausstellung von "Specific Objects without Specific Form" im Frankfurter Museum für Moderne Kunst, eine Aufführung von Verdis "Macbeth" im Theater Biel-Solothurn.

Welt, 07.03.2011

Michal Pilz interviewt den Musiker Michael Robert Rhein, genannt "Das letzte Einhorn", von der Band In Extremis, die durch eine Mischung von Stadionrock mit mittelalterlichen Elementen von sich reden machte. In der Leitglosse berichtet Marko Martin von verbleibender Arroganz der superreichen Machthaber von Abu Dhabi. Marc Reichwein berichtet von einem Symposion über den Literaturbetrieb in Zürich. Besprochen wird die Franz-Radziwill-Ausstellung in der Kunsthalle Emden.

Auf der Meinungsseite deutet Henryk M. Broder den Casus Guttenberg als "Drama des begabten Kindes".

FAZ, 07.03.2011

Der Cyber-Netzwerk-Skeptiker Evgeny Morozov schreibt was er immer schreibt: Twitter, Facebook & Co. werden überschätzt, auch in den arabischen Revolutionen. Über ein nun aufgetauchtes bislang unbekanntes Liszt-Präludium freut sich Julia Spinola. In der Glosse denkt Christian Geyer über die Bescheuertheit der Frage nach der (Nicht)-Zugehörigkeit des Islam zu Deutschland nach. Rolf Dobelli versucht zu klären, warum wir das "Nullrisiko" so über jeden rationalen Wert hinaus schätzen. Harald Hartung schreibt zum Tod des Übersetzers, Kritikers und Literaturwissenschaftlers Friedhelm Kemp

Besprochen werden ein Helge-Schneider-Konzert in Köln, die Amsterdamer Aufführung von Mahlers Achter durch das Concertgebouw Orchester unter Mariss Jansons, die Needcompany-Performance "Die Kunst der Unterhaltung" am Wiener Burgtheater, Pernille Fischer Christensens Film "Eine Familie" (mehr) und Bücher, darunter Damian Tabarovskys Prosaband "Medizinische Autobiografie" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 07.03.2011

Niklas Hofmann verweist in den "Nachrichten aus dem Netz" auf ein Video, das Bibliothekarinnen der Pioneer Library in Norman, Oklahoma, aufgenommen haben. Sie zeigen darin Bücher des Verlags HarperCollins, die mehr als 26 mal ausgeliehen wurden und in gutem Zustand sind. Der Grund: HarperColllins will, dass Bibliotheken Lizenzen für Ebooks nach 26 "Ausleihen" neu kaufen - mit dem Argument, dass Papierbücher nach 26 Ausleihen marode seien.



Hofmann zitiert auch die von der amerikanischen Bibliothekarin Sarah Houghton-Jan verfassten und bei irights.info übersetzten "vier Grundrechte" für E-Bookkäufer: "Lizenzen, die statt Beschränkungen Zugang ermöglichen; das Recht, E-Books auf selbstgewählter Hard- und Software nutzen zu können; das Recht auf Notizen, Zitate und Druck sowie das Teilen von Inhalten im Rahmen des Fair Use; das Recht auf dauerhaftes Speichern, Archivieren, Teilen und Wiederverkaufen." Irights.info hat die Geschichte in Deutschland aufgebracht. Mehr auch bei bibliothekarisch.de.

Weitere Artikel: Im Aufmacher ergründet Andreas Zielcke die Chancen der Idee des Säkularismus in der arabischen Welt. Andrea Bachstein meldet, dass der italienische Kulturminister Sandro Bondi zurückgetreten ist. Rudolf Neumaier berichtet, dass auch Bischöfe wie Gerhard Ludwig Müller aus Regensburg falsche Behauptungen unterlassen müssen, wenn sie gerichtlich dazu verurteilt werden. Lothar Müller schreibt zum Tod des Übersetzers, Journalisten und Autors Friedhelm Kemp.

Besprochen werden ein Ballett nach "Alice im Wunderland", das zum ersten Erfolg des Royal Ballet in London seit fünfzehn Jahren wurde, Nis-Momme Stockmanns neues Stück "Expedition und Psychiatrie" in Heidelberg, neue DVDs, eine Camille-Corot-Ausstellung in Winterthur und eine Ausstellung über Ernst Jandl im Münchner Literaturhaus.