Heute in den Feuilletons

Es könnten auch reaktionäre Motive gewesen sein

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.01.2011. Die Welt greift die Diskussion um das Wörtchen "Christenverfolgung" auf. Wired lobt Twitter für sein Verhalten gegenüber amerikanischen Behörden, die Wikileaks-Daten wollten. Die NZZ beobachtet die langsamen Fortschritte der modernen Kunst in Syrien. Die SZ liest Stephane Hessels "Indignez-vous" als Antidepressivum.

Welt, 12.01.2011

Die Diskussion um das Wort "Christenverfolgung" (hier und hier) erinnert Henryk M. Broder an die Diskussionen der kommunistischen Linken in den Siebzigern über den Umgang mit Dissidenten in den sozialistischen Ländern. In beiden Fällen bevorzugt die Linke die Kumpanei mit den Tätern: "Eines Tages wurde auf einem Acker bei Moskau eine Kunstausstellung nicht anerkannter sowjetischer Künstler eröffnet und gleich von den Behörden geschlossen - mithilfe schwerer Landmaschinen, unter deren Rädern die Kunstwerke pulverisiert wurden. Was tun? Sollten wir uns mit den Künstlern, die ihre Kunst nicht einmal unter freiem Himmel zeigen durften, solidarisieren oder die Aktion der Behörden gutheißen? Wir waren überzeugt, dass es auf unsere Stellungnahme entscheidend ankam. 'Wir müssen fragen, was auf den Bildern zu sehen war', sagte eine Genossin, die der DKP nahestand, 'es könnten auch reaktionäre Motive gewesen sein.'"

Im Kulturteil schreibt Heimo Schwilk über die heute beginnende Tagung zur Geschichte des Suhrkamp Verlags in Marbach. Alan Posener erklärt, warum Marx sich für den Kommunismus als Alternative zur Leistungsgesellschaft nie interessiert hat. Elmar Krekeler erzählt, warum Claudia Baumhöver, Chefin des Hörverlags, ihren Verlag an Random House verkauft hat und darüber gar nicht unglücklich ist: Jetzt kann sie es sich vielleicht doch leisten, Joyces "Ulysses" als Hörbuch aufzubereiten. Und Henryk M. Broder erzählt vom Fall des dänischen Historikers Lars Hedegaard, der wegen abfälliger Bemerkungen über Muslime wegen Volksverhetzung verklagt wurde.

Besprochen werden eine Käthe-Kollwitz-Ausstellung in Köln und Michel Gondrys Superheldenfilm "Green Hornet.

Aus den Blogs, 12.01.2011

In Amerika hat der junge Immobilienmakler John Maloof bei einem Nachlassverkauf Kartons mit Fotos und Negativen erworben, die sich jetzt als Sensation herausstellen, berichtet Jenna Sauers bei Jezebel. Die Fotografin hieß, wie sich nach langen Recherchen herausstellte, Vivian Maier und war ein Kindermädchen, das ab den 50er Jahren in seiner Freizeit fotografierte. Die Geschichte ist ganz wunderbar und die Fotos hinreißend. Maier hat viel ausprobiert. Sie hatte einen wunderbaren Blick für Details und eine Menge Humor, wie man hier sehen kann. Viele ihrer Fotos hat Maloof schon gescannt und online gestellt. Hier ein Video über die Entdeckung der Fotos:



Wie jedes Jahr präsentiert das Blog Der Umblätterer eine Rangfolge der zehn angeblich besten Feuilleton Artikel des Vorjahrs. Gewonnen hat ein Artikel des SZ-Redakteurs Christopher Schmidt: "Schmidt hat den Goldpokal auch völlig zu Recht verdient, die Kaffee­hausfähigkeit seines von uns hier gefeierten Artikels ist wirklich be­achtlich."

Ryan Singel lobt in Wired Twitters Reaktion auf die Order amerikanischer Behörden, die Daten von Wikileaks-Unterstützern haben wollten: "To Twitter's credit, the company didn't just open up its database, find the information the feds were seeking (such as the IP and e-mail addresses used by the targets) and quietly continue on with building new features. Instead the company successfully challenged the gag order in court, and then told the targets their data was being requested, giving them time to try and quash the order themselves."

Gawker hat einen Artikel der Fast Company übernommen, die die Lorbeeren für Twitters Strategie gegenüber den Behörden dem Internetrechtsexperten Alexander Macgillivray überreicht. Gleichzeitig fragt die Fast Company, warum Twitter eigentlich als einzige Firma an die Öffentlichkeit gegangen ist: Wurden Facebook und Google nicht aufgefordert, die Daten von Wikileaks-Unterstützern herauszugeben?

NZZ, 12.01.2011

Susanne Schanda erzählt, wie sich auch in Syriens verschlafener Provinzmetropole Aleppo allmählich die moderne Kunst durchsetzt, beinahe wären sogar Erika Harrschs frivole Schmetterlinge gezeigt worden. Aber die Widerstände sind groß, wie der Kunstfotograf Issa Touma weiß: "An den Kunstschulen werden nur klassische Malerei und Impressionismus unterrichtet. Innovation, Kreativität oder neue Medien sind tabu', sagt er."

Weiteres: Patricia Grzonka besichtigt das von Querkraft Architekten umgebaute Technische Museum in Wien. Roman Bucheli erinnert daran, dass vor zwanzig Jahren das Schweizerische Literaturarchiv gegründet wurde.

Besprochen werden Franz Maciejewskis Studie "Echnaton", Peter Esterhazys Debüt "Produktionsroman" von 1979 und Pierre de Senarclens' bisher nur auf Französisch erschienene Streitschrift gegen "Le nationalisme" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
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FR, 12.01.2011

Jürgen Otten porträtiert den Pianisten Jean-Yves Thibaudet, der in diesen Tagen in Berlin und Frankfurt konzertiert. Harry Nutt analysiert die Diskurse über das Attentat von Tucson.

Bsprochen werden zwei neue Kleistausgaben, die große Brandenburger (die jetzt abgeschlossen ist) und die kleine Münchener, die auf der großen Brandenburger beruht, eine ganze Bibliothek von Büchern von Frauen muslimischer Herkunft, eine Ausstellung über den Amazonen-Mythos in Speyer und eine Ausstellung der Fotografin Naomi Schenck in Berlin.

TAZ, 12.01.2011

Katrin Bettina Müller sieht sich in der postmigrantischen Theaterszene von Berlin um, die dem deutschen Kanon mit seinen deutschen Formaten etwas entgegensetzen will. Philipp Gessler berichtet von einer Initiative, die an den vor vier Jahren ermordeten türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink erinnert. Thomas Groh empfiehlt Michel Gondrys 3D-Film "The Green Hornet" als 1a-Unterhaltung, in der aber "nichts mehr an Gondrys Filzstiftwelt zwischen selbstbemalten Kassettencovern und aneinandergeklebten Klorollen erinnert".

Weiteres: Reinhard Wolff frotzelt über Schwedens Imagewandel vom Hort der sexuellen Freizügigkeit zum feministischen Saudi-Arabien. Silke Burmester mokiert sich über die Anzeigen-Kampagne für die beiden im Iran festgehaltenen Reporter Marcus Hellwig und Jens Koch: der Springer Verlag wolle sich doch nur "als Opfer" aufspielen, ist sie überzeugt.

Und noch Tom.

FAZ, 12.01.2011

Jordan Mejias gibt dem "rechtswütenden Amerika" die Schuld am Attentat von Arizona. Mit Blick auf neue Artikel in bioethischen Zeitschriften erklärt Stephan Sahm, wie Hirnschrittmacher und molekulare Diagnostik unser Bild vom Menschen verändern. Mit einem bevorstehenden Verfassungsgerichtsurteil in der Schweiz sieht Oliver Tolmein den "Kulturkampf" um den geschwisterlichen Inzest neu eröffnet. Vom Jazzfestival Münster (Website) berichtet Ulrich Olshausen. Paul Ingendaay glossiert echte und falsche Zickenduelle beim Einkauf.

Besprochen werden Pariser Inszenierungen von Shakespeares "Richard II." und - als französische Erstaufführung - von Botho Strauß' "Ithaka", die von Thomas Demand kuratierte Ausstellung "La Carte d'apres nature" in Monte Carlo, Rudolf Thomes neuer Film "Das rote Zimmer" und Bücher, darunter Ludwig Fels' neuer Gedichtband "Egal wo das Ende der Welt liegt" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 12.01.2011

Nicht ganz einverstanden ist Alex Rühle, dass Stephane Hessel seinen Aufruf zur Empörung gegen heutige widrige Umstände mit seiner Resistance-Vergangenheit kurzzschließt. Aber es passt und gibt aktuellem Ärger historischen Glamour: "Unzufrieden sind die Franzosen länger schon. Es ist bekannt, dass in keinem anderen europäischen Land ähnlich viele Antidepressiva genommen werden wie hier."

Weitere Artikel: Jonathan Fischer erklärt, dass in der Kette ideenloser Poprevivals nun auch die Boombox (der monumentale Kassenrekorder aus frühen HipHop-Zeiten) wiederkehrt und in nostalgischen Spektakeln zur Geltung kommt. Günter Kowa erzählt, wie sich die Lutherstadt Wittenberg auf den 500. Jahrestag von Luthers Thesenanschlag in sechs Jahren vorbereitet. Die amerikanische Essayistin Sarah Churchwell wehrt sich gegen die Verdammung von Klatsch ("Kultur besteht aus den Geschichten, die wir uns über uns selbst erzählen - Geschichten wie in der Literatur, Geschichten aus Magazinen und Zeitungen, von denen alle mit Klatsch zu tun haben")

Besprochen werden eine Monet-Ausstellung im Pariser Musee Marmottan, ein "Parzival" mit einem Libretto von Tankred Dorst in Hanoi (Spektakel und Kritik sind auf Initiative des Goethe-Instituts entstanden) und Bücher, darunter Joseph Vogls Studie "Das Gespenst des Kapitals" und Karl-Markus Gauß' "Im Wald der Metropolen" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).