Heute in den Feuilletons

Mit Wachsklumpen miteinander verbunden

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.10.2010. Nun ist es doch raus: "Gott ist für tot zu erklären, sein Totenschein die Literatur." Und alle Zeitungen berichten über Reinhard Jirgls Rede zur Büchnerpreisverleihung. Die NZZ geht die Shortlist des Prix Goncourt durch: Und da gibt's Autorinnen, die sind salziger als Houellebecq. Die Achse des Guten muss nach einer von Joschka Fischer bestellten Studie konstatieren: Das Auswärtige Amt war an Hitlers Politik beteiligt.  Rudolf Augstein oder Gräfin Dönhoff sollten zu diesem Thema darum künftig besser schweigen, meint die FAZ dazu. Und außerdem: Einstürzende Altbauten .

FR, 25.10.2010

Judith von Sternburg berichtet von der Büchnerpreis-Verleihung an Reinhard Jirgl, den Laudator Helmut Böttiger als das lobte, "wovor uns die Germanistikprofessoren immer gewarnt haben." Aus Jirgls Rede selbst zitiert sie: "Gott hat hier nichts verloren, so Jirgl reizvoll altmodisch oder doch schon wieder aktuell. 'Wo der Schmerz des Menschen Zentrum besetzt, wird einem Gott, dem erklärten Schöpfer dieses Menschen und dieses Schmerzes, das Wort entzogen; Gott ist für tot zu erklären, sein Totenschein die Literatur.'"

Weiteres: Der Stuttgarter Kunsthistoriker Nils Büttner protestiert gegen die bei Stuttgart 21 allenthalben wirkende kunstwissenschaftliche Inkompetenz. Besprochen werden Patrick Wengenroths Inszenierung von Karls Kraus' "Letzten Tage der Menschheit" am Berliner HAU, die Eröffnung der Tanzbiennale "Dance" in München, das Musiktheaterprojekt "Mond/Finsternis/Asphalt" unter der Leitung von Beat Furrer.

NZZ, 25.10.2010

Für Jürgen Ritte ist Michel Houllebecqs Bestseller "La carte et le territoire" fast schon kalter Kaffee, viel spannender findet er die anderen Titel auf der Shortlist des Prix Goncourt. Zum Beispiel "Apocalypse Bebe" von Virginie Despentes (mehr hier): "Versteht man Sexualität und Pornografie als Metaphern für das Spiel von Macht und Unterdrückung, für den Kampf zwischen Integrierten und ausgeschlossenen Apokalyptikern, für die Sprache der Gewalt und die Gewaltsprache der Ohnmächtigen, dann darf man Virginie Despentes' Roman getrost als treueres und radikaleres Abbild des gegenwärtigen Zustands der französischen Gesellschaft lesen als Houellebecqs Spielereien. 'Nur noch die verlogensten Franzosen können sich einbilden, dass eine Verständigung möglich ist', lässt sie eine Gestalt ihres Romans sagen, einen Jugendlichen aus der berühmt-berüchtigten Banlieue, 'es wird kein Pardon gegeben, und es wird nicht diskutiert werden'."

Weiteres: Dirk Pilz schildert, wie sich das Radialsystem V in Berlin als Stätte für Hoch- und Unterhaltungskultur etabliert. Besprochen werden Lars-Ole Walburgs Inszenierung von Dürrenmatts "Die Panne" in Zürich, Robert Plants Auftritt bei den AVO Sessions Basel und ein Konzert mit John Elliot Gardiner in der Zürcher Tonhalle.

Aus den Blogs, 25.10.2010

Unter dem Titel "Auch Deutschland war in den Nationalsozialismus involviert" kommentiert Burkhard Müller-Ullrich auf Achgut die jüngsten Enthüllungen über das Auswärtige Amt im Dritten Reich: "Die historischen Entdeckungen gehen aber noch viel weiter. Gerade jetzt, also Ende Oktober des Jahres 2010, kommt ans Licht, dass das Auswärtige Amt ein Teil von Hitlers Regierung war und dass deswegen der Verdacht besteht, dass das Auswärtige Amt von einer gewissen Nähe zu nationalsozialistischem Gedankengut geprägt war. Anscheinend war das Ministerium, das die deutsche Expansionspolitik ins Werk setzte, doch kein gegen die deutsche Expansionspolitik gerichtetes Widerstandsnest."

Wie jeden Montag: Ulrike Langers Linktipps - lesenswerte Artikel zu Journalismus und Medienwandel.
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TAZ, 25.10.2010

Auf der Medienseite kommentiert Steffen Grimberg den Rücktritt des Jungverlegers Konstantin Neven DuMont (FR, Berliner Zeitung, Kölner Stadtanzeiger) nach der Kommentaraffäre im Blog von Stefan Niggemeier: "Die (Selbst-)Demontage von Konstantin Neven DuMont stellt den Konzern allerdings vor ein erhebliches Problem: Alfred Neven DuMont ist 84 und hat sich seit dem vergangenen Jahr mehr und mehr aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen. Als er Anfang 2009 das Unternehmen neu ordnete und nach dem Kauf des Berliner Verlags in eine Holdingstruktur umwandelte, sollte damit auch ein Generationswechsel vollzogen werden."

Besprochen werden ein Buch über die Proteste im Hamburger Gängeviertel vor einem Jahr, zwei New Yorker Ausstellungen des Fotografen Lee Friedlander (mehr hier) und eine neue CD von Neil Young.

Schließlich Tom.

Welt, 25.10.2010

Michael Pilz resümiert die Erinnerungen von Keith Richards. Thomas Kielinger ist entsetzt über die britischen Kürzungen im akademischen Bereich. Sascha Lehnartz berichtet über das Alexander-Kluge-Festival in Paris. Eckhard Fuhr singt ein Loblied auf die Bibliotheken. Besprochen werden die Filmreihe "Die Erde von oben" und Martin Kusejs Inszenierung von Dvoraks "Rusalka" in München.

Weitere Medien, 25.10.2010

30 Jahre Einstürzende Neubauten wurden in Berlin mit einem Konzert gefeiert. Tagesspiegel-Autor Jörg Wunder fand's toll, auch wenn die Band inzwischen eine "respektierte Institution" ist: "Mit diesem Status, der ihren ursprünglichen Avantgarde-Anspruch konterkariert, gehen die Neubauten souverän um. Nie hat man das Gefühl, hier versuchten ein paar Altrocker das Rad der Zeit zurückzudrehen. Allerdings haben Blixa und Co. ihren Fokus im Lauf der Jahre verändert, weg von den schroffen Industrial-Collagen hin zu einem schwerblütigen Romantizismus".

Jens Balzer (Berliner Zeitung) dagegen nerven Blixa Bargelds Versuche, sich in den Kanon einer historischen Avantgarde einzureihen: "So stellen sich die Neubauten von heute vor allem als Erben dar. Aber warum? Sie waren ja gerade nicht als Erben so toll, sondern als vorbildlose Erfinder (...) man wird heute keine andere Band finden, die so ängstlich, kleinmütig, duckmäuserisch sich um die Aufnahme in den vermeintlichen Olymp der Hochkultur bemüht wie die Einstürzenden Neubauten."
Stichwörter: Jens Balzer, Bargeld, Berlin, Kanon

SZ, 25.10.2010

Volker Breidecker verfolgte die Tagung der Darmstädter Akademie, die in diesem Jahr dem Thema "Mein geliebtes Deutsch" gewidmet war, und er hörte Reinhard Jirgls offenbar recht apokalyptisch gestimmter Rede zur Verleihung des Büchner-Preises zu. Der Autor John Berger versucht, sich in der großen Ausstellung im Pariser Grand Palais noch einmal dem großen Claude Monet zu nähern. In den "Nachrichten aus dem Netz" glossiert Michael Moorstedt immer neue Nachrichten von Datenlecks bei Facebook. Corinna Nohn berichtet, dass dubiose Verlage immer mehr Bücher pubizieren, die aus Wikipedia-Artikeln kompiliert sind und fragt: "Wieso stellen sich Bibliotheken solchen Unsinn ins Regal?" Markus Zehentbauer stellt fest, dass die allerneuesten Designer mit bewusst atavistischen Entwürfen gegen ihre glatt polierte Branche protestieren - da ist zum Beispiel "der Workshop Chair des in Berlin lebenden Kanadiers Jerszy Seymour, ein Stuhl aus einfachen Holzleisten, die mit Wachsklumpen miteinander verbunden werden". Hans-Peter Kunisch berichtet über einen Besuch des 93-jährigen französischen Ex-Diplomaten und Autors Stephane Hessel in Berlin.

Besprochen werden Dvoraks Oper "Rusalka" in München, Ereignisse des Münchner Festivals für zeitgenössischen Tanz, neue DVDs und Bücher, darunter Klaus Völkers Studie über das "Kabarett der Komiker" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 25.10.2010

Bündig fasst Nils Minkmar die im Feuilleton der gestrigen Sonntagszeitung aufgefächerten Ergebnisse der Historikerkommission zur Rolle der Diplomatie und des Außenamts im Dritten Reich zusammen: "Nach der Lektüre des ersten Teils des Kommissionsberichts kann man nicht umhin, das Auswärtige Amt der NS-Zeit als verbrecherische Organisation zu bezeichnen, deren beachtliches propagandistisches und argumentatives Talent nach dem Krieg weitgehend intakt war und dazu genutzt wurde, die Spuren des Verbrechens zu verwischen... Noch bis in die jüngste Zeit musste jeder Historiker, der die Schuld der deutschen Diplomaten darstellen wollte, mit der erbitterten publizistischen Gegenwehr etwa von Rudolf Augstein oder Gräfin Dönhoff rechnen." Bereits gestern brachte die FAZ am sonntag ein Gespräch mit den Historikern Eckart Conze und Thomas Karlauf über den Bericht der Historikerkommission zum Auswärtigen Amt.

Weitere Artikel: Knapp fasst Detlef Borchers erste Erkenntnisse und die Umstände der jüngsten Wikileaks-Veröffentlichung zum Irakkrieg zusammen und stellt dann fest: "400 000 Dokumente, neue Verbündete und ein gewaltiges Medienecho werfen die Frage auf, wie es mit Wikileaks weitergehen kann." Von der diesjährigen Büchnerpreisverleihung berichtet Sandra Kegel. Jürg Altwegg erklärt in der Glosse, wie in Frankreich weiter Intellektuellengeschichte geschrieben wird. In der jüngsten Ausgabe seiner "Klarer denken"-Kolumne weiß Rolf Dobelli, was die Astrologie mit dem Wissen von Wirtschaftsexperten verbindet. Hans-Jörg Rother resümiert das Leizpziger Dokumentarfilmfestival und hat nicht nur einen eher nicht so großartigen Jahrgang gesehen, sondern mit Jerzy Slakdowskis "Vodka Factory" auch einen seiner Ansicht nach ganz und gar unwürdigen Gewinnerfilm.

Besprochen werden eine Performance von Matthew Barney in Detroit, Lars-Ole Walburgs Züricher Inszenierung von Friedrich Dürrenmatts "Panne" (nach der Hörspielfassung), und Bücher, darunter die Werkausgabe der Gedichte von Nelly Sachs (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).