Heute in den Feuilletons

Starke selbstbetrügerische Züge

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.09.2010. Die NZZ führt eine Identitätsdebatte um arabische Altstädte. Die FAZ hat durch die Memoiren von Tony Blair "fesselnde Einblick in das innerste Innere seiner Premierministerschaft" bekommen. Die Sarrazin-Debatte ist ingesamt nach wie vor zum Weglaufen: Sarrazin repräsentiert die Angst der Mittelschicht vor den Integrationserfolgen der Türken, meint die taz. Sarrazin wird mundtot gemacht wie einst Martin Walser von Ignatz Bubis, meint Klaus von Dohnanyi in der SZ.

NZZ, 06.09.2010

Mona Sarkis berichtet von arabischen Altstädten, den Medinas, im marrokanischen Fes, in Tunis und Kairo, die von Verfall, Überbevölkerung und Massentourismus bedroht sind. Sanierungsversuche waren bisher nur von magerem Erfolg gekrönt: "Slum, Museum oder Bühne? Wildwuchs oder Segregation? Die durch den Umgang mit den historischen Medinas aufgeworfenen Fragen werden zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht zuletzt im Kontext der Identitätsdebatte verhandelt. Und ihre Beantwortung wird dort besonders schwierig, wo eine Medina von international anerkannter historischer Bedeutung fehlt."

Weiteres: Joachim Gütner stellt den Strafverteidiger Ferdinand von Schirach und seinen neuen Erzählband "Schuld" vor (mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr). Besprochen werden zwei Ausstellungen zu Rudolf Steiner im Kunstmuseum Wolfsburg und der Auftritt des Amsterdamer Concertgebouworkest beim Lucerne Festival.

Welt, 06.09.2010

Am Wochenende forderte Angela Merkel mehr Offenheit in der Integrationsdebatte. Laut Zeit sprach sie sich "in der Bild am Sonntag dafür aus, die statistisch erhöhte Gewaltbereitschaft strenggläubiger muslimischer Jugendlicher nicht zu tabuisieren: 'Das ist ein großes Problem und wir können offen darüber sprechen, ohne dass der Verdacht der Fremdenfeindlichkeit aufkommt.'" Drei Absätze später warnt Merkel davor, "Gewalt mit einer bestimmten Religion zu verbinden. 'Das führt in die Irre.'" SPD-Chef Sigmar Gabriel gab zu: "Es gibt die Hassprediger, die Sarrazin beschreibt." Und die Integrationsbeauftragte der Regierung, Maria Böhmer (CDU), fand immerhin, dass es Probleme bei der "Vermittlung" der Zuwanderungspolitik gibt.

In der Welt am Sonntag fasst sich die Autorin Cora Stephan alias Anne Chaplet an den Kopf: "Die Bundeskanzlerin gerierte sich als Oberzensorin, obwohl sie das Buch des Autors gar nicht gelesen hatte, empfahl hernach dem Vorstand der Bundesbank öffentlich, sich von Thilo Sarrazin zu trennen, und lobte zum Schluss dessen 'unabhängige Entscheidung'. Sollte das ein Scherz sein? Und was ist von einem Bundespräsidenten zu halten, der sich eilfertig als Erfüllungsgehilfe annonciert? Langsam ahnt man, was Altbundespräsident Köhler dazu bewogen haben könnte, den Bettel hinzuschmeißen. Soviel Arroganz gegenüber den Regeln der Demokratie hat man hierzulande selten erlebt. Und jetzt möchte unsere verlogene Elite, nachdem der Provokateur entfernt ist, endlich über das 'Megathema der nächsten Jahre' diskutieren: über Integration. Man fasst es nicht."

Heute im Feuilleton: Heimo Schwilk hat die Beerdigung Liselotte Jüngers besucht, die zwölf Jahre nach ihrem Mann Ernst Jünger gestorben ist. Peter Zander hat in Venedig Julian Schnabels propalästinensische Schmonzette "Miral" gesehen, die nicht mal einen Skandal ausgelöst hat. Dankwart Guratzsch besucht den Neubau der Synagoge von Mainz. Und Hannes Stein erklärt, warum Integration auch bei Türken in den USA anders läuft.

Besprochen wird Peter Hacks' Stück "Die Sorgen und die macht" am Deutschen Theater.

TAZ, 06.09.2010

Daniel Bax erklärt sich auf der Meinungsseite das Hochkochen der Diskussion um Thilo Sarrazin vor allem mit den großen Integrationserfolgen von Migranten: "Das Straßenbild ganzer Stadtteile hat sich verändert, selbst in der Philharmonie trifft man heute auf Frauen mit Kopftuch. In den bildungsbürgerlichen Parallelgesellschaften der Bundesrepublik, wo man kaum Kontakt zu Migranten pflegt und sich bestenfalls eine polnische Putzfrau hält, sorgt das für Irritationen."

Anlässlich der heute in Berlin beginnenden Musik-Konferenz "all2gethernow" spricht Dave Haynes von der Musikplattform Soundcloud über Musik im Netz, Urheberrechte und die Frage, wie sich künftig mit Musik Geld verdienen lässt: "Natürlich nicht im Netz. Das Netz ist eher dazu da, Fanströme zu kanalisieren und überhaupt eine Fanbasis aufzubauen. Die Menschen strömen nach wie vor in Clubs und Hallen, das muss man ausnutzen. Allgemein wäre es wünschenswert, endlich die Vorteile des Internets zu betrachten und nicht immer nur die Nachteile."

Cristina Nord hat sich in Venedig Sophia Coppolas "Somewhere" und Jose Guerins Essay "Guest" angesehen. Besprochen wird Raul Argemis Krimi "Und der Engel spielt dein Lied" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.
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Tagesspiegel, 06.09.2010

Der Tagesspiegel bringt eine unterhaltsame Bilderstrecke zur politischen Aktualität:


FR, 06.09.2010

Daniel Kothenschulte berichtet aus Venedig über Filme von Sophia Coppola, Nicolas Prevost und Francois Ozon. Mario Adorf, der demnächst offenbar Karl Marx spielen wird, spricht im Interview über Schauspielerrisiken.

Besprochen werden eine Hacks-Revue von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner im Deutschen Theater in Berlin ("Außer dass Biermann zu Recht ausgewiesen wurde und Ulbricht hingegen schon recht war, weiß man nicht, was das Projekt dieses Abends sein soll", schreibt Tobi Müller), die Auftaktkonzerte des Musikfests Berlin, ein Konzert von Leonard Cohen in Frankfurt und Siegfried Unselds "Chronik 1970" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Aus den Blogs, 06.09.2010

Ah, das beste aus zwei Welten: Gawker berichtet über eine Reality-Show im Iraq, die an Ashton Kutchers "Punked" angelehnt ist. Nur wird hier die irakische Lebenswelt einbezogen. Heißt im Klartext: einer prominenten Person wird eine falsche Bombe ins Auto gelegt. Sie wird an einem Checkpoint "gefunden" und dem Prominenten wird vorgespielt, er müsse wegen Terrorismusverdacht in den Knast. Ganz am Ende wird ihm natürlich die Wahrheit enthüllt. "Put Him in Camp Bucca", heißt die Show. Mehr dazu in der New York Times. Bei Gawker kann man eine Episode sehen.
Stichwörter: Gawker, New York

SZ, 06.09.2010

Auf Seite 2 verteidigt Klaus von Dohnanyi Thilo Sarrazin: "Der öffentliche Reflex erinnert an die beschämende Behandlung von Martin Walser, als sich 1998 nach seiner Rede zwar die Paulskirche zu Ovationen erhob, doch dieselbe, die Zivilcourage ständig beweihräuchernde Gesellschaft, war nicht mehr zu hören, als Ignatz Bubis, Vorsitzender des Zentralrats der Juden, gegen den Schriftsteller seinen Bannfluch 'geistiger Brandstifter' ausgestoßen hatte." (Wir haben das anders in Erinnerung: Walser ist um keinen Millimeter abgerückt und Medien wie die FAZ haben Walser dafür vergöttert.)

Im Feuilleton erklärt Michael Brenner, Professor für jüdische Geschichte in München, Thilo Sarrazins Interviewäußerung vom "jüdischen Gen" zum haltlosen Unsinn. Barbara Gärtner konstatiert eine Wiederkehr der Performance im Kunstbetrieb. Timofey Neshitov hat in Frankreich einige Roma getroffen, die sich gegen Sarkozys populistische Ausweisungspolitik wenden. Susan Vahabzadeh hat sich in Venedig prächtig bei Francois Ozons Komödie "Potiche" mit Catherine Deneuve und Gerard Depardieu amüsiert.

Besprochen werden Ereignisse beim Berliner Festival "Tanz im August" (mehr hier) und Bücher, darunter ein Essay von Wolf Lepenies über August Comte (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 06.09.2010

Gina Thomas hat die heute auch in deutscher Sprache erscheinenden Memoiren des Tony Blair gelesen und bekam dabei "fesselnde Einblick in das innerste Innere seiner Premierministerschaft nicht ohne starke selbstbetrügerische Züge". Man kann wohl auch sagen, sie findet das Buch mal freiwillig und mal unfreiwillig erhellend: "In einer besonders entlarvenden Passage schreibt Blair, der im übrigen sein Werk ohne Ghostwriter höchstselbst verfasst haben soll, in seiner größten Stärke habe auch seine größte Schwäche gelegen: 'Ich bin normal.'"

Weitere Artikel: Lena Kornyeva, promoviert mit einer Arbeit über Einwanderer aus autoritären Staaten, findet, dass ein wenig staatlicher Erziehungs-Paternalismus im Umgang mit autoritär geprägten MigrantInnen gar nicht schaden kann. Michael Althen hat Spaß am Lido, insbesondere mit Catherine Deneuve in Francois Ozons neuem Film "Potiche". Kerstin Holm berichtet von der Moskauer Buchmesse, wo man die Produktivität der Branche - "im vergangenen Halbjahr sechzigtausend Titel in einer Auflage von insgesamt 307 Millionen" - feierte. In amerikanischen Zeitschriften lernt Jordan Mejias von der US-Psychologie positives Denken und erfährt, dass Deutschland das Land mit der weltweit höchsten "Lebensqualität" sein soll. In der Glosse macht sich Lorenz Jäger über Vorschläge zu politischer Sprachkorrektheit lustig.

Besprochen werden Tom Kühnels und Jürgen Kuttners um neues Zitatmaterial (von Frank Schirrmacher bis Wolf Biermann) ergänzte Inszenierung von Peter Hacks' einstigem (DDR 1959) Skandalstück "Die Sorgen und die Macht" am Deutschen Theater Berlin (alles "vergebliche Liebesmüh", bedauert Irene Bazinger), das Eröffnungskonzert des Berliner Musikfests (Website) mit dem London Symphony Orchestra unter seinem Dirigenten Daniel Harding, eine große "Amazonen"-Ausstellung im Museum der Pfalz in Speyer und Bücher, darunter der Band "ein Paradies für Ethnographen" mit frühen Reportagen von Ryszard Kapuscinski (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).