Heute in den Feuilletons

Bottich sagt er, Rettich

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.08.2010. Die taz wundert sich überhaupt nicht über die geringe Spendenbereitschaft für Pakistan: ein Scheißstaat. Die FR erklärt einige gemeinsame Traditionen der NPD und der Linken. Die Welt schleppt sich deprimiert über die Hamburger Museumsmeile. Die FAZ warnt vor egoistischen, kinderschädigenden Patchworkfamilien. Die SZ stellt Günter Grass' neues Buch über die Brüder Grimm vor.

TAZ, 18.08.2010

Hilfsorganisationen erklären sich geringe Spendenbereitschaft für Pakistan meist in vornehmen Worten, Deniz Yücel wird deutlicher: "Nicht nur das Image Pakistans ist beschissen; Pakistan selbst ist ein Scheiß-Staat." Zum Beispiel weil "sich Pakistan zwar Atomwaffen leistet, aber bei internationalen Rankings, ob es um Alphabetisierung oder um Korruptionsbekämpfung geht, verlässlich auf den hinteren Plätzen landet. Dabei sind nicht allein der Staat und die Milizen das Problem. Das Problem sind auch die Stammesstrukturen, die gerade im von der Flut besonders getroffen Nordwesten des Landes herrschen. Dort ordnen Ältestenräte mal eine Gruppenvergewaltigung an oder schlichten einen Streit zwischen zwei Familien durch die Zwangverheiratung von Mädchen. Die Unterscheidung 'Staat und Milizen böse, einfache Menschen gut' funktioniert hier noch weniger als sonst."

Weiteres: Jan Kage kündigt die Kapstädter Band Die Antwoord an, die mit selbstgestochenen Tätowierungen, Euro-Trash der neueste Hype geworden sind und jetzt nach Deutschland kommen. Andreas Resch berichtet vom Streit um das Kulturkino im osthessischen Schlüchtern. Im Schlagloch erzählt Ilija Trojanow vom Alltag in Mali.

Besprochen werden der Agententhriller "Salt" mit einer - wie Doris Akrap versichert - grandiosen Angelina Jolie und Thomas Hettches Roman "Die Liebe der Väter" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Und noch Tom.

FR, 18.08.2010

Wenn die Hamburger NPD versucht, die Linke als Bündnispartner zu gewinnen, knüpft sie dabei an durchaus vorhandene Traditionslinien an, erklärt Volker Weiß und stellt die neue alte Strategie der Rechten vor: "Zunächst widmet man sich der Linkspartei, die als eine Art verlängerter Arm des Zentralrats der Juden dargestellt wird. Dabei handelt es sich jedoch nicht einfach um eine Neuauflage der alten antisemitischen These vom 'jüdischen Bolschewismus'. Die NPD übernimmt ihre Argumentation zeitgemäß aus einem linken Pamphlet über angebliche proisraelische Umtriebe innerhalb der Linkspartei. 'Mutige' Positionen gegen Israel, wie die Norman Finkelsteins oder Norman Paechs, würden in der Partei unterdrückt, weshalb sie zu einer wahren Systemalternative nicht fähig wäre; die Linke sei 'von innen umzingelt', fabuliert man in Anlehnung an das zweifelhafte Papier gleichen Titels. Ihrer Basis wird empfohlen, das Kreuz gegen Israel bei der NPD zu machen."

Weiteres: Der Schauspieler Aleksandar Radenkovic erzählt im Interview von seinem noch recht kurzen, aber offenbar zufriedenstellenden beruflichen Werdegang. Besprochen werden Phillip Noyces Film "Salt" mit einer "imponierenden" Angelina Jolie und Bücher, darunter Thomas Hettches Roman "Die Liebe der Väter" und John Darwins Buch "Der imperiale Traum" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Aus den Blogs, 18.08.2010

Wenn der Iran die Bombe hat, ist nicht nur Israel bedroht, schreibt Christopher Hitchens in Slate: "International law and the stewardship of the United Nations will have been irretrievably ruined. The mullahs will have broken every solemn undertaking that they ever gave: to the International Atomic Energy Agency; to the European Union, which has been their main negotiating interlocutor up until now; and to the United Nations. (Tehran specifically rejects the right of the U.N. Security Council to have any say in this question.) Those who usually fetishize the role of the United Nations and of the international nuclear inspectors have a special responsibility to notice this appalling outcome."

Im Interview mit Journalist online äußert sich der Kommunikationstheoretiker Norbert Bolz nicht sehr freundlich über den Zustand des deutschen Kulturjournalismus: "Der deutsche Kulturjournalist möchte offenbar lieber politischer Journalist sein, möchte auf der ersten Seite des Feuilletons etwas gegen die Finanzspekulanten der London City, aber nichts über ein neues Theaterstück schreiben. Das Politisieren ist die Berufskrankheit des Kulturjournalisten in Deutschland."

Wenn die Deutschen jetzt ihre Häuser aus Google Street View entfernen dürfen, fragt Alexia Tsotsis auf Techcrunch, was ist dann eigentlich ncoh alles möglich: "While I've contacted Google for analytics on the number of people who have requested building camoflaging, the fact that private citizens can mass opt out of certain Google search functions is unprecedented until now. Why not give people the option to opt out of search entirely? After all, a hypothetical 'Opt out' or rather 'Do not index these pages I swear are about me and harmful' is considerably less far-fetched a privacy solution than Erick Schmidt?s suggestion that people change their names.
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Welt, 18.08.2010

Ziemlich deprimiert kehrt Hans-Joachim Müller von einem Gang über die Hamburger Museumsmeile zurück, mit einer Kunsthalle, die keine 200.000 Euro einsparen konnte und den Deichtorhallen, die sich von William Forsythe eine riesige Hüpfburg aufstellen ließen: "Man einigt sich schnell auf eine Krisenquelle, identifiziert den Schuldigen mit Vorliebe in den Kulturbehörden und ihren sachfremden Entscheidungen. Aber Karin von Welck hat nicht viel richtig machen können in einer Stadt, in der die sogenannte 'Museumsmeile' nichts anderes ist als eine virtuelle Streckenbezeichnung. Wenn man sieht, mit welchem Erfolg der agile Max Hollein in Frankfurt seine Teams von einem Publikums- und Wissenschaftsereignis zum anderen treibt, dann sieht man zugleich, woran es Hamburg gebricht."

Weiteres: Zum fünfzigsten Jahrestag der Einführung der Anti-Baby-Pille beschwert sich Alan Posener, dass die "größte Revolution seit 1789" von der Popkultur nicht besungen wird: "Die Pille hat die Zusammensetzung des Grundwassers verändert, aber nicht die Kollektionen der Galeristen und die Playlists auf dem iPod." Marc Reichwein trägt die vom New York Magazin verbreitete Kurzmeldung weiter, dass unabhängige Buchläden wieder im Kommen sind. Malte Herwig bespricht Carl von Siemens' Studie über Deutsche in Oxford "Kleine Herren".

NZZ, 18.08.2010

Auch nach der Öffnung eines Grenzübergang 2003 zwischen dem türkischen Nord- und dem griechischen Südzypern hat immer noch keine entscheidende Annäherung zwischen den Bewohnern stattgefunden, berichtet Barbara Spengler-Axiopoulos. Doch nach 36 Jahren Teilung war es immerhin ein Anfang, erzählt ihr die Dichterin Neshe Yashin aus dem türkischen Norden. "Wenn Neshe Yashin früher vom Norden in den Süden reisen wollte, musste sie drei Flugzeuge wechseln: Sie flog von Zypern über Istanbul und Athen nach Larnaca, von dort nahm sie ein Taxi nach Nicosia. 'Das waren die längsten fünfzig Meter der Welt!' Heute kann sie ihre alte Heimat besuchen, so oft sie mag. Sie überquert den Checkpoint an der Ledrastraße an manchen Tagen bis zu fünfmal und findet, das sei ein großartiges Gefühl."

Besprochen werden die Ausstellung im Wiener Ringturm über Tiraner Architektur, ein Konzert des City Birmingham Symphony Orchestra auf dem Lucerne Festival, Ladislaus Löbs Studie über den Judenretter Rezsö Kasztner "Geschäfte mit dem Teufel", Murathan Mungans Erzählungen "Städte aus Frauen" und Leta Semadenis zweisprachiger Gedichtband "In mia vita da vuolp - In meinem Leben als Fuchs" (mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
Stichwörter: Zypern

SZ, 18.08.2010

Thomas Steinfeld mag Günter Grass' neues Buch "Grimms Wörter" nicht, eine Liebeserklärung des Autors an sich selbst nennt er es, nur die Passagen, in denen Grass über die Wörter schreibt, gefallen ihm: "'Wilhelm', schreibt er, 'fügt zweisilbige Wörter dazu, die mit einem Kehllaut enden. Bottich sagt er, Rettich. Dann kommt er zu zwei- und dreisilbigen, die ein ch einschließen: Sache, Rache, Sprache, Sichel und brauchen, fauchen, suchen, fluchen, sowie versprochen, gebrochen, gerochen.'"

Weiteres: Gottfried Knapp hat sich mit Frei Otto, einem der "Überväter der renommierten Stuttgarter Bau-Schule" über das "Stuttgart 21"-Bahnhofsprojekt unterhalten und warnt nun vor ungelösten geologischen Problemen. Catrin Lorch eröffnet eine neue Reihe mit dem Titel "Schule der Kunst" mit einem Besuch in der Frankfurter Städelschule. Helmut Mauro porträtiert den Pianisten und Dirigenten Jos van Immerseel. Über George Lucas' Ankündigung, die "Star Wars"-Saga im nächsten Jahr auf Blu-Ray herauszubringen, freut sich Fritz Göttler.

Besprochen werden eine Aufführung von Beethovens Streichertrios Opus 9 bei den Salzburger Festspielen, eine Ausstellung mit Fotografien von Larry Sultan in der Kestner-Gesellschaft Hannover und Bücher, darunter Jose Saramagos letzter Roman "Die Reise des Elefanten" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 18.08.2010

Im Aufmacher singt Melanie Mühl ein Hohelied auf die warme, traditionelle Familie - "Sie ist der geschützte Ort, an dem wir von Eltern und Geschwistern umgeben in das Leben hineinwachsen und unsere Individualität entwickeln" - die unglücklicherweise von der egoistischen, kinderschädigenden Patchworkfamilie abgelöst werde: "Im Grunde betrachten wir unser Leben, als handele es sich um ein Wirtschaftsunternehmen." (Leider nicht, sonst würden mehr Frauen einen Ehevertrag schließen.)

Weitere Artikel: Oliver Tolmein kritisiert das Sterbehilfeurteil des BGH (hier das vollständige Urteil als pdf), weil es "Betreuern oder deren Hilfspersonen die Möglichkeit gibt, im Konfliktfall die Behandlung nach Belieben gegebenenfalls unter Einsatz physischer Gewalt eben selbst abzubrechen". Jürg Altwegg meldet, dass in Frankreich zahlreiche Prominente eine Petition gegen die drohende Steinigung (oder jeder andere Art von Hinrichtung) der Iranerin Sakineh Mohammadi-Ashtiani unterzeichnet haben. Hans-Peter Riese schreibt kurz zum Tod des tschechischen Dichters Ludvik Kundera. Auf der Medienseite schreibt Volker Weidermann zum Tod der Journalistin und FAS-Mitarbeiterin Sabine Magerl.

Besprochen werden eine Retrospektive der amerikanischen Malerin Alice Neel in der Londoner Whitechapel Gallery, Phillip Noyces Film "Salt" mit Angelina Jolie (der Andreas Kilb prächtig unterhalten hat), die Internationale Bauausstellung Hamburg und einige Filme auf DVD, darunter John Carpenters "Klapperschlange", eine Edition des Österreichischen Filmmuseums von Filmen Dziga Vertovs mit Musik von Michael Nyman und der Torso von Henri-Georges Clouzots nie fertig gedrehtem Film "Die Hölle" mit Romy Schneider.