Heute in den Feuilletons

Philologie ist Philophilie

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.06.2010. Die amerikanische Regierung erklärt in ihrem Blog, wie sie das geistige Eigentum der USA gegen das Internet verteidigen will. Google wird ein Gtunes herausbringen, und das wird in der Wolke sein, meldet das Wall Street Journal. Die SZ beobachtet nach den Auseinandersetzungen um diverse katholische und evangelische BischöfInnen einen bedauerlichen Trend zur Säkularisierung. Die FAZ sucht nach der Nummer von Kim Jong-ils unsichtbarem Handy. Die Hannoversche Zeitung erzählt, wie der Dialog der Kulturen in Hannover für kurze Zeit unterbrochen werden musste.

Aus den Blogs, 23.06.2010

Werner Hammacher schreibt im neuen Roughblog des Lyrik-Verlegers Urs Engeler: "Noch einmal, anders: 'Philologie ist Zuneigung der Sprache zu einer Sprache, die ihrerseits Zuneigung zu ihr oder einer anderen ist. Darum ist Philologie Zuneigung zur Sprache als Zuneigung. Sie mag in der Sprache ihr Mögen, ihres und ihr eigenes. Sprache ist Selbstaffektion im anderen ihrer selbst. Philologie ist Philophilie.'"

Streckenweise "erstaunlich fortschrittlich" fand Andre Meister in Netzpolitik die netzpolitische Grundsatzrede von Innenminister Thomas de Maiziere: "Nichts desto trotz ist er ein deutscher Innenminister der CDU, der nur feinfühliger auftritt als sein Vorgänger. In grundsätzlichen Fragen von Freiheit und Sicherheit unterscheidet er sich kaum von seinen Vorgängern, wie er selbst zugibt."

(Via Mioskito) Obama ist ja nett, aber was Internet und Copyright angeht, doch sehr der amerikanischen Kulturindustrie verpflichtet. Victoria Espinel, die in Obamas Regierung für "geistiges Eigentum" zuständig ist, verkündet in ihrem Blog auf der Website des Weißen Hauses einige neue Maßnahmen zum Schutz geistigen Eigentums aus den USA. Eine davon: "Wir müssen unsere Verwertungskette sichern. Um dieses wichtigste Ziel zu erreichen, werden wir einen prüfenden Blick auf auslandsbasierte Webseiten und andere Portale werfen, die Zugang zu gefälschten oder gestohlenen Produkten bieten und einen abgestimmten Plan entwickeln, wie wir darauf reagieren."

MGSiegler zitiert in Techcrunch eine recht herablassend klingende Äußerung von Facebook-Gründer Marc Zuckerberg über Twitter: "'It's a very nice, simple service. They do one thing really well - that?s powerful.'"

TAZ, 23.06.2010

Als "Atlas neuer Theaterformen" empfiehlt Barbara Behrendt die Theaterbiennale "Neue Stücke aus Europa" in Wiesbaden und Mainz: "Fast die Hälfte der Inszenierungen sind eher Kollektivprojekte - und bei ihnen hat sich die Rolle des Autors stark verändert. 'Öffnet die Proben, integriert die Autoren, belebt eure Häuser': so der Appell des Jungdramatikers Nis-Momme Stockmann an die Theater."

Weiteres: Moritz Schulze-Beckinghausen unterhält sich mit dem Multimedia-Berater Ralf Plaschke über richtiges Firmen-Marketing in sozialen Netzwerken. Wolf-Dieter Vogel schreibt zum Tod des mexikanischen Schriftstellers Carlos Monsivais. Besprochen wird der Spielfilm "Altiplano" von Peter Brosens und Jessica Woodworth.

Auf der Meinungsseite denkt Georg Seeßlen über die "moderne Reise-Barbarei" nach. In tazzwei begutachtet Steffen Grimberg die Lage der Nachrichtenagenturen.

Und Tom.

Weitere Medien, 23.06.2010

Das Wall Street Journal meldet: "Google Inc. is preparing to roll out a music download service tied to its search engine later this year, followed by an online subscription service in 2011, according to people familiar with the Internet giant's discussions with the music industry." Christina Warren erkennt darin im Blog Mashable Konsequenzen für Android-Handys und das geplante Google TV: "Think about it: If your Android-based Google TV can also stream any music you want to your home stereo, that becomes an Apple TV without limiting users to their own libraries."

Eine jüdische Folkloregruppe wurde bei einem Straßenfest in Hannover von "30 Kindern und Jugendlichen vor allem libanesischer, palästinensischer, irakischer, iranischer und möglicherweise auch türkischer Abstammung" unter antisemtischen Parolen mit Steinen beworfen, meldet die Hannoversche Allgemeine. "Das internationale Kulturfest wurde nach einer Pause fortgesetzt, die Polizei nicht verständigt."
Anzeige

FR, 23.06.2010

Christian Thomas besucht mit dem Architekten Nikolaus Hirsch die Gedenkstätte Frankfurter Börneplatz. In Times mager beneidet Hans-Jürgen Linke die Franzosen um ihr Revolutionsgen. Auf der Medienseite beobachtet Bernhard Baumgartner den zwischen WAZ und der Familie Dichand mit harten Bandagen ausgetragenen Kampf um die Kronenzeitung.

Besprochen werden Inszenierungen der Wiesbadener Biennale "Neue Stücke aus Europa", eine Ausstellung mit Bildern jüdischer Fotografen aus dem Ghetto Litzmannstadt in der Berliner Topografie des Terrors und Bernd Stieglers Geschichte des Reisens im Zimmer "Reisender Stillstand" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
Stichwörter: Wiesbaden Biennale

NZZ, 23.06.2010

Bevor die Boheme nach Berlin-Mitte zog, galt Kreuzberg als anarchisches Zentrum Berlins, erinnert sich Samuel Herzog etwas wehmütig. Gut also, dass die 6. Berlin Biennale in Kreuzberg stattfindet, wo man versucht, den von Kuratorin Rhomberg geforderten Blick auf die "wirkliche Wirklichkeit" zu schulen. Einer der Höhepunkte war für Herzog der 90-minütige Spielfilm "Episode 3" des Belgiers Renzo Martens, der sich von Jonathan Swifts "Modest Proposal" aus dem Jahr 1729 inspirieren ließ. Swift hatte vorgeschlagen, "dass man doch irische Armenkinder als Nahrungsmittel nutzen könnte, um einer durch Überbevölkerung verursachten Hungersnot beizukommen. Von einem solchen Geist beseelt, reist Martens nach Kongo, um die Bewohner der ärmsten Gegenden davon zu überzeugen, ihre Armut endlich zu genießen - oder wenigstens selbst Profit daraus zu schlagen. Unter anderem versucht er, zwei Dorffotografen beizubringen, selbst die Bilder ihrer eigenen Misere zu verkaufen (anstatt dieses lukrative Geschäft den Reportern aus dem Westen zu überlassen). Ein Versuch, der ausgerechnet am Widerstand der Ärzte ohne Grenzen scheitert, die den Bildern der Dorfknipser quasi den Kunstwert aberkennen."

Außerdem: Marion Löhndorf sorgt sich um das von Rationalisierungsmaßnahmen bedrohte Warburg Institute. Besprochen werden die "paradiesische" Ausstellung "Stadt Grün" im Frankfurter Palmengarten und Bücher, darunter Louise de Vilmorins Roman "Julietta" (mehr dazu in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Welt, 23.06.2010

"Es ist Zeit für die Techniker, wieder im Keller zu verschwinden", Intellektuelle und Künstler sollen das Internet übernehmen, fordert David Gelernter im Interview. Gerhard Gnauck berichtet über eine lebhafte Diskussion im ukrainischen Fernsehen mit dem Geheimdienstchef und Zuschauern über die Meinungsfreiheit. Gerade haben Marius Müller-Westernhagen und Herbert Grönemeyer vorgeschlagen, sie und alle anderen Reichen sollten mehr Steuern zahlen: kein Wunder, dass die keine internationalen Popstars wurden, viel zu sozialdemokratisch, mault Ulf Poschardt. Hollywood streitet darüber, wer Kleopatra spielen soll, berichtet Berthold Seewald und überlegt, welche Hautfarbe sie hatte. Hannes Stein amüsiert sich unter Niveau über die Taliban. Manuel Brug berichtet über die Zürcher Festspiele.

SZ, 23.06.2010

Gustav Seibt macht die Öffentlichkeit mit ihren "schnell wechselnden Errregungen" darauf aufmerksam, dass Bischof Mixa zwar von der Kirche zurückgezogen wird, dass er aber keinesfalls seine bischöfliche Eigenschaft verliert, die nach Lehre der Katholiken unauslöschlich und ein Sakrament ist. Anders die Protestanten: Die Vergebung, auf die Margot Käßmann "so unübersehbar hofft, kommt nicht von Gott, sondern von der Öffentlichkeit, die ihr 2.630 Briefe und mehr als 12.000 Mails geschrieben hat und die jetzt den Spiegel liest." In beiden Affären aber erkennt Seibt einen bedauerlichen Trend zur Säkularisierung: "Der letzte Sieger in einer Welt ohne Parallelgesellschaften aber wird der Staat sein. "

Weitere Artikel: Alex Rühle ärgert sich, dass deutsche Verlage aus Anlass der WM nur blutrünstige Krimis aus Südafrika herausbringen. Christoph Bartmann liest das neue Du-Heft, in dem der der Schweizer Kurator Hans Ulrich Obrist seine Vorlieben in moderner Kunst groß ausleben darf. Der Kunsthistoriker Martin Warnke gratuliert seiner Kollegin Monika Steinhauser zum Siebzigsten. Eine ganze Seite wird den beginnenden Opernfestspielen von München gewidmet. Reinhard J. Brembeck porträtiert den Intendanten der Bayerischen Staatsoper Nikolaus Bachler. Egbert Tholl unterhält sich mit Barrie Kosky über "Die schweigsame Frau" von Richard Strauss.

Besprochen werden die Ausstellung "Paula Modersohn-Becker - Pionierin der Moderne" in der Kunsthalle Krems und Bücher, darunter eine Biografie über Otto Klemperer (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 23.06.2010

Von China aus erklärt Mark Siemons, wie in Nordkorea der große Führer den allerdirektesten Draht nach Südafrika hat: "Der Generalsekretär des nationalen Fußballverbands sagte, der 'liebe Führer' habe ihm eine 'tiefgehende Anleitung' zuteil werden lassen, wie der Fußball des Landes zu entwickeln sei, und der Trainer behauptete, er empfange sogar während des Spiels fortlaufend taktische Anweisungen durch Kim Jong-il - durch ein unsichtbares Handy, das dieser persönlich entwickelt habe." (Dann kann man nach dem 0 zu 7 ja vielleicht Kim feuern?)

Weitere Artikel: Detlef Borchers referiert und kommentiert (knapp) die Internetrede von Innenminister Thomas de Maiziere. (Hier kann man die Thesen im Original lesen, und hier bittet die Regierung um Ihre Meinung.) Kerstin Holm meldet, dass die Organisatoren der Moskauer Ausstellung "Verbotene Kunst" Juri Samodurow und Andrej Jerofejew nach dem Willen der Staatsanwaltschaft für drei Jahre ins Straflager sollen. Die Höhlenmalereien im spanischen Altamira sollen wieder für die Öffentlichkeit zugänglich werden - eine Katastrophe, findet Paul Ingendaay, und umso unverständlicher, als es einen beinahe identischen Nachbau gibt. In der Glosse sieht Hannes Hintermeier überall Managementprobleme. Swantje Karich bekommt es mit der Angst vor der Angst vor dem Ghana-Spiel zu tun. Karen Krüger schreibt einen knappen Nachruf auf Ilhan Selcuk, den bekanntesten türkischen Journalisten, der zeitlebens für die Sache des Kemalismus gekämpft hat. Die DVD-Seite ist ganz Claude Chabrol gewidmet, der morgen seinen 80. Geburtstag feiert.

Besprochen werden ein Kölner Konzert des Avantgarderockers Ariel Pink, Sebastian Baumgartens Züricher Inszenierung von Jacques Offenbachs "Banditen" und Bücher, darunter Jachym Topols Roman "Die Teufelswerkstatt" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).